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Klaus Doldinger - "Your passport, please"

Einer rennt da, flüchtet durch den Regen – schon seit Jahrzehnten: auf deutschen Fernsehschirmen. Auch für Klaus Doldinger gibt es scheinbar kein Entrinnen vom Tatort – schließlich ist er der Komponist eben jener Titelmelodie, die jeder kennt und die auch heute noch einfach als genial zu bezeichnen ist. Ihn allerdings auf diese Musik zu reduzieren, würde dem Saxophonisten, Komponisten, Bandleader und Filmmusikschreiber nicht gerecht.

Klaus Doldinger

Kurze Rekapitulation: In jungen Jahren spielte er mit den "Feetwarmers" den Blues, eroberte schon früh mit dem "Klaus Doldinger Quartett" Amerika, auch Projekte wie "Paul Nero" hinterließen musikalische Spuren. Schwerpunkt seit Jahrzehnten ist und bleibt seine Band "Passport" - und natürlich seine Filmmusiken, die sich nahezu durch sein ganzes musikalisches Leben ziehen. Alles, was hier aufgelistet werden könnte, bliebe notwendigerweise unvollständig – trotzdem zu nennen sei das Projekt "Old Friends", wo sich zu den Jazzern der ersten Stunde Manfred Schoof, Eberhard Weber, Klaus Doldinger, Wolfgang Dauner und Albert Mangelsdorff mit Drummer Wolfgang Haffner auch ein Protagonist der neuen Generation gesellt.

Zwischen Doldinger und seinen Fans hat sich – wie nachzulesen ist – ein nahezu familiäres Verhältnis entwickelt. Sehr viel positives Feedback erhält er dabei über das Internet, aber auch auf brieflichem Wege, über Zuschriften, Autogrammwünsche und dergleichen - und natürlich bei Live-Auftritten. Deswegen ist er immer noch sehr gerne auf Tour, so im Jahre 2001 zur Feier seines 65. Geburtstages und zum dreißigjährigen Passport-Jubiläum. Und in diesem Passport steht nach wie vor Doldingers unbegrenztes Visum für die Bühnen der Welt...

Carina Prange sprach mit Klaus Doldinger für Jazzdimensions.

Carina: Du genießt nicht nur als deutscher Jazzmusiker einen hohen Ruf, sondern bist auch ein allerorten bekannter Filmmusikkomponist. Wie gelingt es dir, den stets hohen Erwartungen an deine Arbeit gerecht zu werden?

Klaus Doldinger: Das ist ein Prozess, der viele Momente beinhaltet. Zunächst muss man sich natürlich überhaupt auf ein Projekt einlassen. Wenn eines kommt, das sich auf einer ganz neuen Ebene abspielt, ist das schon mal nicht ganz leicht. Es hat aber keinen Sinn, Filmmusik anzugehen mit einer vorgefaßten Meinung.

Und es ist ein Einverständnis mit der Produktion, mit dem Regisseur notwendig. Eigentlich sowieso die Voraussetzung jeglicher Arbeit: man muss auf einer Wellenlänge schwingen und dann Vorstellungen entwickeln, ein Konzept. Wie eine Musik zu einem gewissen Film funktionieren kann. Das beginnt, da es sehr unterschiedliche Projekte gibt, immer von neuem.

Und damit ist eigentlich bereits all das gesagt, was einen Filmkomponisten – neben seinem Talent - eben abverlangt wird. Nämlich das "sich öffnen" und einem Thema zu verschreiben, für das man sich musikalisch engagiert. Das macht es letztlich aus. Aber vor allem muss ausserdem kreatives Talent vorhanden sein.

Passport - "Back To Brazil", 2003

Carina: Wenn du Jazzmusik und Filmmusik vergleichst, wie fällt dieser Vergleich aus?

Klaus Doldinger: Das Wesen eines Jazzmusikers ist in einer sehr fest umrissenen musikalischen Vorstellung begründet. Und bei der Filmmusik entfernt man sich von dieser Grundauffassung der Musik unter Umständen gewaltig.

Aber das war eigentlich immer das, was mich gereizt hat. Ich kam ja ursprünglich mal vom Mainstream-Jazz, vom Dixieland, vom Blues. Zum modernen Jazz habe ich mich, mehr oder minder, erst später entwickelt. Als ich Mitte der 60er Jahre anfing, für kleinere und Ende der 60er Jahre für größere Filmprojekte zu arbeiten, war das für mich ein Novum. Es bedeutete die Auseinandersetzung mit Themen, die mir bis dahin nicht sehr geläufig waren.

Ich war doch sehr in meiner eigenen musikalischen Welt gefangen und mußte erst lernen, mich überhaupt auf eine ganz andere musikalische Ebene zu begeben.

Carina: Wie kann man sich das vorstellen?

Klaus Doldinger: Das war nicht ganz so schwierig wie es jetzt klingen mag. Ich hatte Mitte der 60er Jahre ja bereits für meinen damaligen Produzenten und Freund Sigi Loch die Möglichkeit, bei gewissen Rock'n'Roll-Produktionen – was sich damals noch "Beat" nannte – als musikalischer Leiter mitzuwirken. Wir haben gelegentlich zusammen für dieses Label "Starclub" in Hamburg gearbeitet, wo verschiedene Rockbands produziert wurden. Und somit war ich bereits weit ab vom Jazz in einigen Themenbereichen - sehr von dem entfernt, was meine "Roots" waren.

Hinzu kam sehr frühe Auslandserfahrung, insbesondere Südamerika, Nordafrika, was auch immer mit Konzerten und entsprechenden musikalischen Erfahrungen verknüpft war. Somit hat sich in den 60er Jahren mein musikalisches Bewußtsein sehr erweitert in ganz unterschiedliche Richtungen. Und das habe ich als persönlichen Vorteil empfunden. Diese Offenheit, die man entwickeln muß, um überhaupt auch mal in andere Dimensionen zu gelangen: weitab vom Jazz natürlich. Und im Laufe der Zeit habe ich gelernt, daß es eigentlich keinen Sinn macht, an einem Projekt zu arbeiten, an das man nicht selber glaubt.

Klaus Doldinger

Carina: Ist das heute noch so einfach wie früher?

Klaus Doldinger: Heute steht natürlich alles im Zeichen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Bei größeren Projekten, die möglicherweise auch im Fernsehen realisiert werden, werden von vornherein finanzielle Grenzen gesetzt, die es kaum möglich machen, sich in dem Sinne musikalisch zu entwickeln, wie ich das noch in den 80er Jahren machen konnte.

Bei internationalen Produktionen in den USA hingegen spielt nach wie vor die Musik eine große Rolle. Man spart da wirklich weder Zeit und Geld, um das optimale Ergebnis zu erzielen. Bei uns ist in dieser Branche leider von Seiten der Auftraggeber ein sehr mangelndes Verständnis für Musik vorhanden. Ein großes oder ein mittleres Orchester und reichlich Zeit – das ist heute unmöglich, speziell in Deutschland. Und das ist ein Zustand, der nicht so erfreulich ist.

Carina: Was muss ein Newcomer in diesem Bereich erwarten?

Klaus Doldinger: Die ganze Situation ist insofern schwierig geworden, als dass sich heute viele Leute auf diesem relativ begrenzten Markt tummeln. Es ist sehr, sehr schwer zu verifizieren, wo jetzt eigentlich die Möglichkeiten liegen sich – musikalisch – zu entwickeln. Und überhaupt 'reinzukommen in den Markt – ich rede jetzt in dem Sinne, wie Newcomer heute vor einer großen Frage stehen: wie es gelingt, überhaupt Filmkomponist zu werden.

Sehr oft passiert heute folgendes, dass die Leute von einer Ausbildungsstätte wie Musikhochschule oder Filmhochschule kommen und erstmal ein, zwei Erstlingswerke schaffen, vielleicht mit Kommilitonen, die ihren ersten Film machen. Und dann erwartungsvoll in die Zukunft blicken. Sehr oft hapert es an einem Weiterkommen - nach einem ersten Einstieg. Ich sehe da eine ganze Menge Probleme, wie heute überhaupt die beruflichen Möglichkeiten sich so entwickeln lassen, daß man sich eines Tages auch mal zurückzulehnen kann. Das ist, meiner Meinung nach, ein ganz großes Problem. Und dieses gilt nicht nur für angehende Filmmusiker, sondern für Jazzmusiker gleichermaßen.

Klaus Doldinger

Carina: Wie sah denn die Situation aus, als du angefangen hast?

Klaus Doldinger: Zu meiner Zeit, als ich Ende der 50er Jahre als Profi anfing, gab es erstens mal gar nicht so viele Musiker, die auf der Szene als Newcomer gegenwärtig waren – es war alles relativ übersichtlich. Und zweitens war nicht der Fall, daß es irgendwo Jazzkurse gegeben hätte. Das weltweit einzige Institut war seinerzeit Berklee; man weiß ja, dass Joe Zawinul und einige andere hierüber ihre ersten Schritte in den USA machen konnten. Aber in Deutschland und Europa war überhaupt noch gar kein Denken dran.

Heute hat praktisch jedes Konservatorium, jede Musikhochschule schon eine Jazzklasse. Und ich frage mich natürlich jetzt doch allen Ernstes, was aus den vielen jungen Leuten werden soll, die heute Jazzmusiker werden und sich da aber auch ein wirtschaftliches Überleben sichern wollen. Da sehe ich große Schwierigkeiten und ich denke, daß es viele meiner Kollegen gibt, die dieses Problem bestätigen können.

Carina: Siehst du dich als Mittler zwischen verschiedenen Musikergenerationen oder auch als Vorbild für Jüngere?

Klaus Doldinger: Ich bin sicherlich einerseits, ohne das zu wollen, ein Vorbild. Aber auf der anderen Seite kann ich nur warnen: ich bin kein exemplarischer Fall. Natürlich, klar, mein Leben ist wie es ist. Aber die Ausgangssituation war eine völlig andere als die heutige Ausgangssituation für diejenigen ist, die da stehen, wo ich mal vor vierzig Jahren stand. Insofern ist es nicht vergleichbar.

Und ich denke mir, dass es ganz einfach rein rechnerisch gar nicht möglich ist – da dies heute eine viel größere Anzahl von Künstlern anstrebt als damals. Ich rede jetzt gar nicht von großen Erfolgen, sondern einfach nur von der Möglichkeit, sein Leben zu gestalten – mit, sagen wir mal einer Frau und ein, zwei Kindern. Das ist wahnsinnig schwierig.

Carina: Würdest du also von einer Musikerkarriere abraten?

Klaus Doldinger: Ich werde das oft gefragt von besorgten Eltern, deren Kinder diese Richtung einschlagen wollen. Natürlich, wer Musiker werden will - und das als größten Wunsch in seinem Herzen spürt, wie das bei mir ja auch der Fall war – der muß es tun. Aber ich glaube, es ist heute mehr denn je wichtig, sich noch ein anderes Standbein zu schaffen – das versuche ich zu propagieren. Auch dieses an meinem Beispiel: könnte ich nicht verschiedene andere Tätigkeiten professionell ausführen, wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Das ist eigentlich nur möglich, weil ich, wie schon eingangs erwähnt, als Filmmusiker tätig bin, aber auch darüber hinaus als Produzent, als mein eigener Bürovorsteher.

Ich habe natürlich auch eine Agentur, das ist klar, die mir, was das Booking angeht, unter die Arme greift. Dann eine Schallplattenfirma, die es sicher nicht gäbe, wenn die nicht irgendwann mal auch eine erkleckliche Anzahl von Platten verkauft hätte. Letztendlich aber muss die Rechnung irgendwann mal aufgehen. Und wenn es sich nicht rechnet, dann wird man sehr schnell auch wieder fallengelassen. Das ist so ein Kreislauf, den man auch nicht verändern kann.

Klaus Doldinger

Carina: Zu deinen Instrumenten: du spielst Selmer- und Yanagisawa-Saxophone. Welche Fabrikate genau - experimentierst du da? Bevorzugst du spezielle Mundstücke?

Klaus Doldinger: Ich habe eine ganze Reihe von Selmer-Saxophonen und bin gar nicht so erpicht darauf, was anderes zu probieren. Mit den Saxophonen, die ich habe, und dem, was ich meistens spiele, bin ich eigentlich so glücklich, dass sich wahrscheinlich kaum ein anderes finden würde, fürchte ich.

Unter anderem spiele ich ein Selmer Tenorsaxophon Mark VI. Hier verwende ich ein spezielles Mundstück, das u.a. von Herb Geller mitentwickelt wurde. Es firmierte unter dem Namen "Adjustone" - diese Marke gibt es aber nicht mehr. Es beruht auf einer Konstruktion, die gestattet, die Größe der Kammer des Mundstücks mit einem kleinen Schieberegler zu verändern – was den Klang von sehr hell bis ganz dunkel verändert. Ich wähle allerdings als Standardeinstellung eine, die ungefähr der Mittelstellung entspricht. Ich jedenfalls bin mit diesem Mundstück sehr zufrieden.

Auf dem Sopransaxophon – dem Yanagisawa – spiele ich ein Bari-Mundstück: "Bari 62" nennt sich das. Es ist ein sehr angenehmes Instrument – "curved" –, also in einer gebogenen Ausführung.

Und ja, ich habe natürlich auch noch mein altes Selmer, das "straighte" silberne, das ich nach wie vor bei gelegentlichen Anlässen auch mal wieder spiele. Also speziell da, wo ein lyrischer Ton etwas angebrachter ist – das Mundstück ist in diesem Fall ein "Bari 61".

Various/Passport - "Passport Rmx Vol.1", 2003

Carina: Im November wurde dein Remix-Album "Passport RMX" veröffentlicht, auf dem sich u.a. Fauna Flash und DePhazz mit deiner Musik der 70er Jahre auseinandersetzten. Woher kam die Idee, auf die DJ-Culture der Gegenwart zuzugehen?

Klaus Doldinger: Das ist eine Zeitströmung - und ich habe festgestellt, es gibt in diesem Bereich eine ganze Menge Leute, die sich mit Grooves auskennen und das sehr tief empfinden. Da dies auch in meiner Musik ein wichtiges Moment war, habe ich es einfach mal versucht. Es hat sich herausgestellt, dass es durchaus sehr schön sein kann, mit einem DJ auf der Bühne zu stehen, der sich musikalisch und rhythmisch gut einfügt.

Davon abgesehen, finde ich Wechsel ganz interessant, um mal andere Dinge zu probieren. Vorher gab es verschiedene Auftritte mit einem Hip-Hopper, letztes Jahr dann Joo Kraus – oder Jeff Cascaro, ein weiterer, hervorragender Sänger und Trompeter aus dem Ruhrgebiet. Das sind alles Berührungen, die, wie ich finde, wichtig sind. Weil ja die Gefahr besteht – und das habe ich lange Zeit immer etwas ignoriert – , dass es auf Dauer gar nicht so wahnsinnig positiv ist, wenn man sich zu sehr nur mit einem Projekt abkapselt, immer nur im eigenen Zirkel bleibt.

Mein erstes Studioalbum auf einer freien Basis habe ich erst 1998 gemacht – mit meinem ersten New-York-Album, mit Tommy Flanagan und Roy Ayers. Das war das allererste Mal, daß ich unter derartigen Umständen ein Jazzalbum gemacht habe, was ich eigentlich hätte viel eher machen sollen.

Wenn ich bedenke, daß ich in den 60er Jahren mit Kenny Clarke, Max Roach, Don Alias und weiß der Geier, mit wem alles, auf Konzerten gespielt habe, aber nie ein Album gemacht habe, habe ich das Gefühl, das wäre längst fällig gewesen. Aber das hing immer damit zusammen, daß ich mich sehr mit den Bands, die ich beieinander hatte, beschäftigt habe und immer versucht habe – zum Teil aus Loyalität, zum Teil aber auch aus Nachlässigkeit – nur mit diesen Projekten zugange zu sein.

Carina: Als Kulturbotschafter des Deutschen Jazz, als Weltreisender über Jahrzehnte, wie sieht, deiner Meinung nach, der Stellenwert des Deutschen Jazz im Ausland aus?

Klaus Doldinger: Es gibt da ganz unterschiedliche Ausgangssituationen. In Frankreich wird der deutsche Jazz ganz anders gesehen als hier – unsere Free-Jazz-Musiker und die, die musikalisch anders gelagert sind, als der weltweite Mainstream, genießen dort ein hohes Ansehen. Beispielsweise Albert Mangelsdorff, der dort vor kurzem, wie ich hörte, eine Auszeichnung erhielt.

Dagegen genießt in den USA, wo das Business im Vordergrund steht, aus Deutschland mehr dasjenige Ansehen, was auch im Radio gespielt wird. Mit wenigen Ausnahmen – in Chicago, habe ich mir erzählen lassen, hat der Free-Jazz ein relativ gutes Standing. Aber das hat auf der gesamtamerikanischen Szene keine entscheidenden Auswirkungen. Der Jazz wird ja in Amerika eher auf Sparflamme gekocht. Damit hängt wohl auch zusammen, daß die amerikanischen Musiker insgesamt in ihrem eigenen Lande nicht annähernd diesen Stellenwert haben, den sie in Europa besitzen.

Carina: Hierzulande ist die Festivalszene ja weitgehend amerikanisch dominiert...

Klaus Doldinger: Für amerikanische Jazzmusiker, selbst die großen Namen, sähe es wirtschaftlich natürlich ganz schlecht aus, wenn die nicht den japanischen und europäischen Markt hätten, speziell auch eben den deutschen mit hoch subventionierten Festivals. Ich denke, daß man dieses Thema "ausländische Künstler in Deutschland" mal genau unter die Lupe nehmen müßte – auch in Hinblick auf die Zusammenstellung der Festivalprogramme. Und die Schwierigkeit deutscher Künstler, im Ausland aufzutreten.

Ich beklage das ein wenig, weil es eine Einbahnstraße ist – bei uns in Deutschland kann jeder, der aus den Vereinigten Staaten, oder wo auch immer, herkommt, jederzeit frei, ohne Auflagen, auftreten. Dagegen habe ich es das bei unseren USA-Tourneen am eigenen Leibe verspüren müssen, wie aufreibend und kostenfressend ist, als Deutscher auf einem anderen Kontinent aufzutreten. Allein eine Arbeitsgenehmigung einzuholen, kostet in der Regel in den USA drei- bis viertausend Dollar.

Klaus Doldinger

Carina: Gilt nicht ohnehin bei den deutschen Musikern, die versuchen, sich international einen Namen zu machen, auch das Problem des "Propheten im eigenen Lande?"

Klaus Doldinger: Richtig. Und hinzu kommt noch die Abwertung hierzulande für etwas, was, sagen wir mal, in den USA oder Japan Anklang findet. Ich darf hier mal Till Brönner erwähnen, der mit relativ – ich hasse dieses Wort, aber es wird ja nunmal verwendet! – "kommerziellen" Ansätzen eine Musik macht, die auch ein breiteres Publikum erreicht. Die bei uns von der Jazzkritik ungern gesehen wird bis hin zur krassen Ablehnung. Man erfährt also im eigenen Lande gewisse Widerstände, und muss dann im Ausland feststellen, dass es einem dort gleichermaßen auch nicht leichter gemacht wird als den jeweils einheimischen Künstlern. Das ist ein schwieriger Spagat für deutsche Musiker, und ich bin etwas ratlos wie man dem zu Leibe rücken kann.

Bei uns gibt es zudem immer noch – auch in der Jazzwelt – diesen "Hochkulturkomplex", der alles ablehnt, was in irgendeiner Form darauf hindeutet, es könnte etwas unterhaltsam sein, Freude spenden. Es muß immer dieser intellektuelle Anstrich da sein und Tiefgründigkeit. Andererseits möchte ich überhaupt nicht klagen, denn wir haben eine wunderbare Kulturlandschaft mit soviel Auftrittsorten auf geballtem Raum, die in keinem anderen Land zu finden sind – und vor allen Dingen auch ein sehr offenherziges Publikum. Das ist in meinen Augen sehr viel wert und deswegen sollten wir uns da nicht zu sehr grämen.

Carina Prange

CD: Passport - "Back To Brazil" (Warner WSM 8185741)

Klaus Doldinger im Internet: www.doldinger.de

Fotos: Warner Bros.

© jazzdimensions2004
erschienen: 10.1.2004
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