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Gene Coleman – „Des Klanges weites Feld“

Das in Amerikas progressiver Szene für Furore sorgende Chicagoer „Sound Field“-Festival geht auf seine Gründung zurück, und auch für dessen europäisches Pendant „Transonic“ im Berliner „Haus der Kulturen der Welt“ hatte und hat er die künstlerische Leitung inne: Gene Coleman, seines Zeichens Musiker, Soundkünstler und Kulturvisionär. [>>> english version]

Gene Coleman

In musikalischer Hinsicht wird Coleman gerne dem Umfeld von Anthony Braxton zugerechnet; auch er selbst gibt an, durch die Chicagoer Szene, das Umfeld der AACM, stark beeinflusst zu sein.

Carina Prange sprach mit Gene Coleman in Berlin im Rahmen des Transonic Festivals.

Carina: Als Gründer des Sound Field-Festivals bist du seit dem Jahr 2000 auch dessen künstlerischer Leiter. Und du fungierst als Musical Director des Transonic-Festivals. Könnte man Transonic als eine Art zweites, in Europa durchgeführtes Sound Field bezeichnen? Wo liegen die Unterschiede in Konzeption und Zielen beider Festivals?

Gene: Transonic ist ein Festivalkonzept, das speziell für das Berliner „Haus der Kulturen“ erstellt wurde. Der Fokus liegt auf Neuer Musik nicht-westeuropäischer Kulturen – dies steht im Einklang mit der generellen Programmausrichtung des HKW. Wir nehmen Komponisten und Musiker aus der sogenannten „westlichen Welt“ nur dann ins Programm mit auf, wenn sie eine besondere Beziehung zu nicht-westlicher Musik vorweisen. Im Gegensatz dazu ist Sound Field ist ein Festival für neue und experimentelle Musik der ganzen Welt – weder, auf westliche noch auf nicht-westliche Musik beschränkt – sondern offen für alles.

Seit ich für beide Festivals arbeite, gibt es diverse Berührungspunkte. Beispielsweise hatten wir Yoshihide Otomo im Jahr 2002 als Gastkomponisten beim Sound Field-Festival dabei und er wurde dann auch 2003 beim Transonic-Festival gefeatured. Diese Wechselwirkung wird auch umgekehrt stattfinden: ich beabsichtige, einige Transonic-Künstler vom Festival 2004 an den Sound Field-Festivals der nächsten beiden Jahre teilnehmen zu lassen.

Gene Coleman

Carina: Es ist über das Transonic-Festival nachzulesen, es stelle ein „Forum für die derzeitigen Entwicklungen im Umfeld der Neuen Musik“ dar, ein Experimentierfeld, das der Kategorisierung in Neue Musik, Jazz oder Weltmusik keine Beachtung schenke. Inwieweit ist es denn möglich, Musik zu machen, die „unkategorisierbar“ ist?

Gene: Ich bin der Ansicht, dass Musiker stets Musik machen, die sich einer Einordnung entzieht. Das trifft den Kern insbesondere bei improvisierter Musik. Meine Erfahrungen mit Transonic haben gezeigt, dass Musiker aus den unterschiedlichsten Kulturen wunderbar miteinander Musik machen können. Würden sie dabei ihren Stil oder ihre musikalische Ausrichtung als etwas ansehen, was unüberwindbar ist, wäre das nicht möglich,

Carina: Ist nicht die Zuordnung zu einer Sparte notwendig, um so etwas wie eine Richtschnur dafür zu geben, worum es in der Musik geht?

Gene: Wenn man es vom Standpunkt der Werbung betrachtet, ist das auf jeden Fall von Bedeutung. Bezogen auf Transonic und auch auf Sound Field liegt die Herausforderung darin, den Leuten verständlich zu machen, was diese neue Musik ist. Immer dann, wenn man sich zwischen Gebieten bewegt, die als nicht zusammenhängend angesehen werden, hat man dieses Problem. Aber es liegt eindeutig im Bereich der Vermittlung, nicht in der Musik an sich. Die Musik muss es nur schaffen, das Publikum in einen neuen Raum, eine neue Dimension mitzunehmen – so ist es jedenfalls gedacht!

Gene Coleman

Carina: Bestehende Kategorien zu überwinden, bedeutet das nicht automatisch, eine eigene Kategorie zu schaffen?

Gene: Die Bildung von Kategorien hängt mit dem Werbebedürfnis auf dem Musikmarkt zusammen. Das wird immer passieren, weil die derzeitige globale Wirtschaft einen Hang zur Kategorisierung hat – als Mittel, die Ware zu verkaufen. Nun, man könnte argumentieren, auch das menschliche Gehirn benötigt Kategorien zur Einordnung von Information! Aber das bezeichnet ein eher organisches Phänomen; das hat nichts mit der Vermarktung von „Produkten“ zu tun!

Carina: Eines der Dinge, auf die du mit deiner Arbeit als Musiker und Künstler konzentrierst, ist der Versuch, eine „Synthese zwischen Noise und Musik und Sounds“ zu finden. Inwieweit bedeutet das, mit dem Gegensatz von Chaos und Struktur umzugehen? Welche Rolle spielen dabei Kontraste und Extreme?

Gene: Ich interessiere mich für die Vorstellung von „Chaos und Ordnung“ als dynamischem Element in der Kunst. Ebenso im Fall von „Noise und Musik“. In Wirklichkeit geht es um das Gleiche, es mutet nur an, zweierlei zu sein: Das Chaos ist im Grunde nichts als ein Zustand, in dem wir nur nicht verstehen, warum, oder wie etwas geschieht. Sobald wir es durchschauen und verstehen, entpuppt es sich als „Ordnung“ Dasselbe trifft ebenfalls auf das Verhältnis zwischen Geräusch und Musik zu – unsere Wahrnehmung davon verschiebt sich mit der Zeit.

Im Menschen existiert jedoch ein fundamentales Bedürfnis nach Widerstand, nach dem Gegensatz; von daher suchen wir stets von neuem nach Spannung. Gegenwärtig arbeitet man daran, inwieweit ein neues Grundverständnis des Klangs – wobei der Begriff Geräusch wie Harmonie umfasst – einen denkbaren Ausgangspunkt zur Schaffung von Musik bildet: Das verstehe ich unter dem Begriff „Sound-Field Composition.“ Die Vorstellung eines Klangfeldes ist die Brücke, mit Musikern und Traditionen außerhalb meiner originären Kultur in Kontakt zu treten.

Carina: Als Amerikaner komponierst du sogenannte „Neue Musik“, deren Hintergrund ursprünglich aus Europa stammt. In einem Gegensatz dazu steht das Jazzerbe der USA, auf deren Grundlage das M-Base-Collective um Steve Coleman eine neue Richtung von Jazz und schwarzer Musik geschaffen hat. Wo siehst du selbst deine musikalischen Wurzeln und siehst du dich als Mittler zwischen diesen gegensätzlichen Ausrichtungen?

Gene: Mich hat hier in erster Linie die AACM (Association for the Advancement of Creative Musicians) beeinflusst, ein Kollektiv afroamerikanischer Musiker, das seinen Ursprung in den 60er Jahren in Chicago hat.

Alle wesentlichen Konzepte, die mich insbesondere im Spannungsbereich zwischen Tradition und Experiment, Improvisation und Komposition interessieren, sowie in der Synthese von nicht-westlicher und westlicher Musik, sind in der Musik der AACM zu finden. Den größten Einzeleinfluss haben auf mich dabei Anthony Braxton, das Art Ensemble of Chicago und Henry Threadgil ausgeübt.

Gene Coleman

Carina: Haben Festivals wie Transonic einen Einfluß auf die Wahrnehmung von Musik und Kultur in der westlichen Gesellschaft, vielleicht sogar auf einer politischen Ebene? Ist Musik generell eine Form von politischem Statement?

Gene: Meiner Ansicht nach ist Musik eine der politischsten Kunstformen überhaupt – nicht wortwörtlich zu sehen, sondern als Metapher der Kooperation. Allgemein gesagt, ist, um Musik zu machen, eine Zusammenarbeit zwischen Menschen erforderlich. Ebenso, um eine geordnete Gesellschaft zu schaffen: In diesem Sinne war Musik in vielen Kulturen schon immer ein Symbol für Macht und gleichzeitig für Ordnung. Als einzige Ausnahme mögen einem heute vielleicht einige Formen elektronischer Musik einfallen – diejenigen nämlich, zu deren Umsetzung keine Menschen benötigt werden.

Carina Prange

Ed.: Eine ungekürzte Version dieses Interviews erschien bereits im Jazz Podium.

Fotos: Haus der Kulturen der Welt, Berlin

© jazzdimensions2004
erschienen: 28.11.2004
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