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Florian Ross - "Jazz ist eine wundervolle Musik und bedarf der richtigen Pflege!"

Pianist Florian Ross hat sich, trotz seiner gerade eben einunddreissig Jahre, bereits einen Namen gemacht – insbesondere als Komponist für große Besetzungen wie Bigband und Orchester. Seit einiger Zeit experimentiert Ross auch mit kleineren Konstellationen wie Trio und Quintett.

Florian Ross

Das aktuelle Album "Blinds and Shades" beinhaltet ausschließlich Eigenkompositionen, deren Virtuosität und Erfindungsreichtum die Platte aus der Masse hervorheben. Wie nebenbei hat Ross auch die Musik zu "Die Piraten und der Windmacher", einem Kinderhörspiel, komponiert, und für die Aufnahmen gleich die Leitung der NDR-Bigband übernommen: Wahrlich ein umtriebiger junger Musiker!

Carina Prange führte mit Florian Ross dieses Interview per E-Mail.

Carina: "Blinds and Shades" ist dein erstes Trio-Album. Warum hast du nach einer CD mit Streichorchester und einem Bigband-Bläseralbum diese Besetzung gewählt?

Florian: Beide CDs für große Besetzungen sind in einer Zeit entstanden, als ich mich ausgiebig mit Komposition beschäftigt habe. Damals war alles neu und aufregend für mich und ich suchte einen Weg, dies zu kanalisieren. Zum Glück hatte ich just zu diesem Zeitpunkt durch die Unterstützung Dritter auch die finanziellen Möglichkeiten, so etwas umzusetzen.

Inzwischen ist für mich die Schreiberei so selbstverständlich wie das Klavierspiel geworden und hat sich im positiven Sinne etwas abgekühlt - ich kann mich nun also wieder voll auf den musikalischen Inhalt einer Produktion konzentrieren, ohne unter dem Druck zu stehen, besetzungsmäßig "großformatig" zu sein. Genau das hat mich dann letztendlich auch dazu bewogen eine Klaviertrio-Einspielung zu machen; eine neugewonnene Freiheit, sozusagen. Zusätzlich hatte ich auch das Bedürfnis mal wieder mehr als spontaner Gestalter zu agieren – im Gegensatz zum eher unspontanen Gestalten bei großformatigen Kompositionen.

Carina: Dein Album besteht fast ganz aus Eigenkompositionen, was nicht unbedingt "Gang und Gebe" ist derzeit. Was inspiriert dich zu eigenen Stücken und inwieweit ist es dir wichtig, dass deine Alben ein Abbild deiner musikalischen Persönlichkeit sind?

Florian Ross Trio - "Blinds And Shades"

Florian: Eines der umwerfendsten musikalischen Erlebnisse für mich war es, die Musik von John Taylor und Kenny Wheeler zu entdecken. Damals, 1992, hatte ich weder von den beiden, noch von ihrer Musik je gehört und bin daher völlig unbelastet in deren musikalische Welt hineingestolpert. Was mich am meisten berührt hat, waren die Kompositionen der beiden, die für mich einen völlig neuen Kosmos für Improvisationen geboten haben und es immer noch tun.

Dadurch ist mir klar geworden, dass es in meiner Musik nicht nur um eine 32-taktige Liedform plus folgendem Genudel gehen kann. Kompositionen werden meiner Ansicht nach im Jazz immer noch zu sehr unterschätzt. Gute Kompositionen können bei sensiblen Musikern einen ganz bestimmten Habitus, ein Gefühl oder eine Stimmung auslösen, ohne imperativ zu sein – da kommt man gar nicht auf erst auf die Idee, seine üblichen Patterns und harmonischen Tricks anzubieten.

Für mich ist das eine sehr angenehme, unaufdringliche Selbstbeschränkung. Wenn ich weiß, dass ich auf einer Trioeinspielung selbst Klavier spielen werde, so kann ich durch die gezielte Komposition von Stücken für diesen Anlaß eine bestimmte Stimmung erzeugen – für mich selbst als Improvisationsrahmen und für den Zuhörer als Gesamteindruck. Dass ich die zwei anderen Mitmusiker – Remi Vignolo am Bass und John Hollenbeck am Schlagzeug – sehr gut kannte, ließ mich diese Vorbereitung noch verfeinern.

Carina: Du hast dich für dein zweites Album "Suite for Soprano Sax und String Orchestra" mit Werken britischer Komponisten des 20. Jh. auseinandergesetzt, namentlich Benjamin Britten, Peter Warlock und Edward Elgar. Wie kam deine Orientierung in Richtung Großbritannien zustande? Du hast dort ja auch eine Zeitlang in London studiert ...

Florian: Nachdem ich dieses Schlüsselerlebnis mit John Taylor als Lehrer hatte, wollte ich unbedingt dort hin, wo diese wunderbare Musik herkommt: England. Zu dieser Zeit hatte ich das Gefühl, hier in Deutschland durch eine einjährige Abwesenheit nicht viel zu verlieren, dort aber umso mehr gewinnen zu können.

Durch mein Studium an der "Guildhall School of Music & Drama" in London 1995 bis 1996 ergab sich zwangsläufig auch der Kontakt zu Werken britischer Komponisten; in dieser "klassischen Musik" des 20. Jh. konnte ich dann auch vieles wiederfinden, was ich an Wheeler & Co. im Jazz schon lieben gelernt hatte. Die ernüchternde Erkenntnis, dass man unter "jungen Leuten" auch in England lieber Hardbop spielt, als den eher pastoralen, britischen ECM-Sound, hat mich dann letzlich davon überzeugt, dass es eher eine Frage des Charakters ist, welche Musik vornehmlich gespielt und geliebt wird – nicht eine Frage der Nationalität.

Florian Ross

Carina: Du arbeitest auch des Öfteren als Dozent von Workshops. Wie häufig im Jahr leitest du Workshops – nimmt das einen großen Teil deiner Arbeit ein? Was gibst du jungen Musikern mit auf den Weg?

Florian: Ich würde das auf jeden Fall gerne ausdehnen. Es gibt wenig befriedigenderes als z.B. einen jungen Musiker auf eine Aufnahme hinzuweisen, die er noch nicht kennt und die vielleicht sein musikalisches Leben verändert. In meinem Leben bin ich wirklich nur deshalb musikalisch vorangekommen, weil ich immer wieder von Lehrern und Kollegen inspiriert und wachgerüttelt worden bin. Diese tolle Erfahrung möchte ich auf jeden Fall teilen und weitergeben - wenn sich bei einem Workshop nur ein Musiker ab und zu an meine "Message" erinnert, dann ist das ein voller Erfolg.

Abgesehen davon gibt es einen ganzen Katalog von Dingen, die mir heutzutage vor allem bei jungen Musikern missfallen, und ich will keine Gelegenheit auslassen, zu versuchen, diese Dinge zu verändern. Jazz ist eine wundervolle Musik und bedarf der richtigen Pflege, sonst bleibt bald nicht mehr viel davon übrig als ein leeres Abbild.

Carina: Aufnotierte Musik und Improvisation – welchen Stellenwert haben beide für dich in deiner Musik? Ist dir in erster Linie deren ausgewogene Verbindung wichtig?

Florian: Komposition ist eigentlich nur eine verlangsamte Improvisation, bei der man mehr Zeit hat, um über die nächste Note, die nächste Minute oder die nächste Stunde nachzudenken. Für mich ist es wichtig, alles zu notieren, was ich in einer Improvisationssituation von einem ausübenden Musiker nicht erwarten kann – alles andere sollte "frei" bleiben. Eines der größten Komplimente, die man mir machen kann, ist, nicht zu wissen, wo die Komposition aufhört und die Improvisation anfängt – oder umgekehrt.

Musik ist da wie Sprache. Es gibt unheimlich interessante Gespräche zwischen Menschen, die man so nicht "erfinden" könnte. Anderseits passiert es selten, dass jemand eine Geschichte spontan so spannend erzählen kann, wie es ein Schriftsteller in einem Roman könnte.

Florian Ross

Carina: Worin siehst du heutzutage die Aufgabe von Musik, auch von deiner Musik? Geht es um das Brückenbauen zwischen Völkern, um die Verbindung von Orten, Zeiten und Stilistiken?

Florian: Musik kann definitiv interkulturelle Kommunikation ermöglichen, sie muss aber die Zuhörer, wie ich schon eingangs erwähnte, berühren. Ich glaube Musik, die berührt, wird es immer geben. Ort und Zeit sind da eher zweitrangig. Auf meinen Konzerten mit dem Goethe Institut in Indien, Sri Lanka, Bangladesch und Mexiko habe ich immer wieder gemerkt, dass die Stücke, die das Publikum "erreichten" immer die gleichen waren – eben die, die am meisten berührten. Dieses Frühjahr geht es nach Finnland und Portugal und ich bin sicher, dass sich diese Erfahrung fortsetzen wird.

Carina Prange

Aktuelle CD: Florian Ross Trio - "Blinds And Shades"
(Intuition Music 2004)

Intuition im Internet: www.schott-music.com/intuition/

Das vollständige Interview erschein im Jazzpodium.

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Florian Ross.

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© jazzdimensions2004
erschienen: 26.5.2004
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