Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / portraits / 2006

David Friedman - "Balance zwischen Struktur und Freiheit"

Mit Tambour hat David Friedman, zusammen mit den von ihm hochgelobten Musikern, Peter Weniger am Saxophon und Pepe Berns am Bass, ein Album mit kammermusikalischem Ansatz aufgenommen. Entstanden ist eine CD mit wunderbar ausdrucksvollem Trio-Sound, die auch Friedmans Vibraphonspiel den angemessenen Raum lässt.

David Friedman

Haben wir David Friedman aus jüngster Zeit eher im virtuosen Duo mit Gitarrist Ferenc Snétberger in Erinnerung, oder in seiner Funktion als Leiter der Jazzabteilung der UdK, so zeigt sich auf "Earfood" wieder Friedman, der Komponist: voller Ideenreichtum und ganz der Geschichtenerzähler. Und letzeres gilt durchaus auch fürs Interview…

Carina Prange sprach in Berlin mit David Friedman.

Carina: Wieso hast du dich für das Trioformat entschieden, um dein Album aufzunehmen? Was macht das Trio zu etwas besonderem?

David: Nach einem kurzen, gescheiterten Versuch als Quartett, versuchten wir es als Trio – ich habe den Percussionpart gewissermaßen mit dem Vibraphon übernommen. Peter [Weniger] verwendet, anders als sonst, auf dem Saxophon einen ungewöhnlich zarten, klassischen Sound. Pepe [Berns] wiederum ist ein Bassist, wie man ihn sich für jeden Bandkontext wünscht; ungeheuer sensibel, gleichzeitig ein guter Solist. Bei meiner Musik ist ein starkes Zusammenspiel extrem wichtig, und das war gegeben.

Mir schwebte eine CD vor, die eine Geschichte erzählt. Eine, bei der es wirklich um die Songs geht, um die Interaktion und um den Sound. Ein Erzählbogen hebt und senkt sich durch das gesamte Album und das Ganze endet, wie auch eine gute Geschichte zu Ende geht: Nicht verebbend, sondern mit einem Schluss. Ein weiteres Merkmal des Albums sind winzige, nur sekundenlange Zwischenstücke in der Art kleiner Vignetten. Sie haben eigentlich nichts mit der Musik zu tun, sondern sind eher eingeschobene Kommentare, die einzuordnen dem Hörer überlassen bleibt.

David Friedman

Carina: Auf dem neuen Album spielst du ausschließlich Vibraphon. Ist das Marimba für diesen Kontext weniger prädestiniert?

David: Nun, es passte nicht so gut ins derzeitige Konzept. Was aber nicht bedeutet, dass ich es auch in Zukunft nie verwenden werde - vielleicht auf dem nächsten Album, wer weiß… Aber dieses Trio ist auch einfach eine Vibraphon-Band! Das Timbre des Vibraphons passt hervorragend zu Peters Saxophon, besser als zu allen anderen Tenorsaxophonisten bisher, übrigens. Das eines Marimbas ist eher für das Zusammenspiel mit Gitarre geeignet – wie beim Duo mit Ferenc Snétberger beispielsweise. Und obendrein ist es viel bequemer, auf Tour nur das Vibraphon mitzunehmen: mehr Platz auf der Bühne und das Ganze ist einfach viel intimer. Sonst bräuchte ich auch mein großes Setup in V-Form und stünde eingepfercht alleine in meiner Ecke.

Carina: Ist Ironie legitimes Ausdrucksmittel in deiner Musik, und ist der Titel des achten Stücks – "Bin Laden, Mossad or CIA?" in diesem Licht zu sehen?

David: Auf jeden Fall! Ironie und Humor spielen bei mir eine große Rolle, und diese Tatsache wirkt sich auch auf mein musikalisches Leben aus. Da ist dieser Songtitel keine Ausnahme; auch nicht die Art, wie er entstanden ist. Als ich ihn zum ersten Mal vorstellte, war es, glaube ich, Peter Weniger, der zu mir sagte: "Ich weiß ja nicht so recht … das ist irgendwie ‚politically incorrect' – was werden die Leute denken?" Ich hatte dieses Stück als Übung für das Spiel ungerader Metren geschrieben; ursprünglich also gar nicht für die Band. Ziel war, dadurch, dass alle die ganze Zeit unisono spielen, eine irgendwie arabisch anmutende Klangtextur zu erzeugen. Das in der Ferne auftauchende Saxophon sollte das Gefühl vermitteln, es würde in einem Tal irgendwo in der Wüste gespielt, irgendwo in Afghanistan meinetwegen, oder in Ägypten oder in Palästina. Der Schwerpunkt des Ganzen liegt also nicht auf der Harmonie; dadurch entsteht der Gegensatz zu den anderen Stücken des Albums.

Als das Stück im Kasten war, musste ich mir ja Gedanken über den Titel machen. Ich sitze vor dem Fernseher und da läuft eine Sendung über die Verschwörungstheorien in Zusammenhang mit dem "9-11". Es gibt dazu ja inzwischen ein rundes Dutzend Bücher. Einige behaupten, die Israelis – also der Mossad – hätten den Angriff auf das WTC geplant. Wieder andere meinen, die CIA stecke dahinter, und dann sind da natürlich noch diejenigen, die dahinter Bin Laden, den großen Buhmann, vermuten. Und ich sage zu mir: Ha, das wäre ein prima Name für das Stück – "Bin Laden, Mossad oder CIA?" (lacht) Ich glaube, es passt genau! Viele meiner Songtitel sind mit so humorigem Hintergrund, auf spontane Weise entstanden.

David Friedman

Carina: Du spielst, wie vorhin erwähnt, mit Ferenc Snétberger im Duo und hast auch in vielen anderen Konstellationen gearbeitet. Was zählt für dich mehr – die Improvisation oder die notierte Komposition, auf der sie basiert?

David: Stets und immer die Improvisation! Improvisation ist für mich auch vor allen Dingen ein Lebensstil. Was positive und negative Auswirkungen hat. Improvisation bedeutet, spontan zu sein, jeden Moment als neuen zu erleben, den folgenden Tag nicht wie den vorhergehenden zu gestalten. Oder besser noch: den Tag, den du gerade lebst, nicht genauso zu leben wie den gestrigen. Aber inzwischen strebe ich eine Balance an, zwischen Improvisation und Nicht-Improvisation. Ich habe ja anfangs klassische Musik gespielt, anschließend viel Neue Musik – beispielsweise mit den New Yorker Philharmonikern. Als ich mich schließlich voll und ganz dem Jazz in die Arme warf, gab es erstmal nur noch die Improvisation – und nichts weiter! Davon war ich total begeistert, das war das Größte.

Jane Ira Bloom und ich, als wir damals zusammenspielten, pflegten unsere Themen immer nur ganz kurz anzutippen und dann richtig auszuufern. Alles war spontan; es gab auch so gut wie keinen harmonischen Inhalt in den Stücken: Wir spielten endlose Linien unisono und improvisierten halbstundenlang wie die Irren. Später begann ich, stärker strukturierte, harmonischere Musik zu spielen. Inzwischen bin ich überzeugt, dass eine Balance wichtig ist, zwischen einerseits der Struktur und andererseits den Freiheiten, welche gerade eine Struktur gewährt. Entscheidend sind dabei nicht die Begrenzungen, sondern die Freiheiten. Aber ohne Struktur gibt es auch keine Freiheit: Ich meine – hör dir doch die "freie Musik" mal an! – ich erinnere mich an den Freejazz der Sechziger …

Als ich mit "Double Image" nach Deutschland kam und Bands wie die von Peter Brötzmann hörte, da hatte ich den Eindruck, dass diese Musik eine durchaus politische Qualität hatte. Eine revolutionäre Qualität – es war die Qualität des "Breaking Out". Nur, die Frage des "Breaking In", mit der hat man sich bisher nicht auseinandergesetzt. Allein der Ausbruch zählte. Aber wo wollten sie damit hin? Das schien gleichgültig. Letztendlich aber ist es wichtig, in irgendeiner Form ein Konzept zu haben, wohin du gehen willst. Dann eröffnen sich unglaublich viele Freiheiten. Und in der Band Tambour spielen wir durchaus auch frei…

Carina Prange

Aktuelles Album: David Friedman Tambour - "Earfood"
(Skip Records / Sunnymoon 9043-2)

David Friedman im Internet: next-berlin.de/friedman/

Skip Records im Internet: www.skiprecords.com

Vollständiges Interview im Jazzpodium (Ausgabe 5/2005).

Fotos: Pressefotos

Jazzdimensions-Service in Zusammenarbeit mit MusicLine:
more artist-info / listen to CD at musicline.de
© jazzdimensions2004
erschienen: 8.7.2004
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: