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Carolyn Breuer - "Heile-Welt-Schmerz und Sinfonieorchester"

Breuer, der Familienname kommt einem doch bekannt vor? Richtig, Carolyn ist in der Tat die Tochter des Jazz-Posaunisten Hermann Breuer. Und sie tut momentan alles dafür, als Musikerin auf dem Sopran- und Alt-Saxophon ihrem berühmten Vater in nichts mehr nachzustehen.

Carolyn Breuer

Nach ihrem Album "Fate smiles on those who stay cool" und dem leider nur in Japan erhältlichen "Night Moves" hat Carolyn Breuer sich auf ein Experiment eingelassen: ihre Kompositionen für die neue CD "Serenade" wurden eingespielt mit ihrer Band – plus den Streichern des Amsterdamer Royal Concertgebouw Orchesters. Trotz allerorts für ihre Virtuosität eingeheimster Lorbeeren und Preise steht genau diese jedoch auf der neuen Platte nicht im Zentrum – "Serenade", das Kompositionen mit Titeln wie "Heile-Welt-Schmerz" oder "Time will tell" beinhaltet, ist ein in sich geschlossenes, musikalisches und gefühlsbetontes Album.

Carina Prange sprach mit Carolyn Breuer in Berlin.

Carina: Du seist "in der Tradition verwurzelt und gleichzeitig zeitgemäß modern" in deinem Spiel und deinen Kompositionen, ist über dich zu lesen. Wie sehr fühlst du dich tatsächlich der Tradition und deinen Lehrern und Vorbildern verbunden?

Carolyn: Also, ich sage mal, traditionell an meinem Spiel ist, dass ich mich – natürlich! – mit den ganzen großen Saxophonisten auseinandergesetzt und diese auch für mich selber analysiert habe. Beispielsweise habe ich Solos transkribiert, um die harmonischen Strukturen besser zu begreifen, habe auch jahrelang selber Jazzstandards gespielt. Aber dann kam der Punkt, an dem der Unterricht bei Branford Marsalis einsetzte. Branford erklärte mir nämlich folgendes: "Du hast so dermaßen viel Jazz gehört in deinem Leben, du musst jetzt erstmal was anderes anhören. Und ... Hör auf, diese Standards zu spielen, du wirst sonst klingen wie jeder andere!" Die einzige Chance, eine eigene Saxophonstimme zu werden, sei anhand meiner eigenen Musik.

Für dieses Statement bin ich unheimlich dankbar, weil es in mir Türen geöffnet, und auch Ängste weggenommen hat. Denn, was schade ist an diesen ganzen Konservatoriumsausbildungen, du wirst überhaupt nicht in dieser Richtung stimuliert. Null! Das ist schon eher "legebatteriemäßig", alle transkribieren dasselbe Coltrane-Solo, dasselbe Parker-Solo, hier und "Rhythm-Changes" und "Cherokee" und jeder höher, weiter, besser.

Aber wo liegt deine Originalität und was ist deine Aussage in der Musik? Das wird ja eigentlich eher kaputt gemacht. Ich musste einiges im Anschluss an die Konservatoriumszeit erst wieder hervorholen, aus diesen ganzen Schubladen 'rauskramen: Wer war ich eigentlich, bevor ich aufs Konservatorium gegangen bin?

Carolyn Breuer "Serenade"

Carina: Ab welchem Punkt setzt dann deine eigene Lebenserfahrung ein und wie sehr beeinflussen die aktuellen Lebensumstände dein Spiel?

Carolyn: Für mich sind die Stücke, die ich schreibe, eine Möglichkeit, tatsächlich bestimmte Seelenzustände zu verarbeiten. Gewisse Gefühle tatsächlich 'rauszulassen, mir in dem Moment etwas von der Seele zu schreiben. Und von daher kann man vielleicht wirklich sagen: zwar traditionell in meinem Spiel. Aber gleichzeitig zeitgemäß.

Carina: Du warst das erste weibliche Mitglied des Bundesjazzorchesters unter Leitung von Peter Herbholzheimer. Später hast du sehr stringent dein eigenes Label gegründet und auf die naheliegende Promotionschiene als "hübsche Musikerin, die auch Saxophon spielt" bewußt verzichtet. Im Vergleich zu deinen männlichen Kollegen – ist es leichter, im Musikbusiness klar zu kommen oder schwerer?

Carolyn: Ich denke, es ist alles beides wahr. Leichter ist, dass du zunächst von vornherein auffällst, weil du "Frau" bist. Gleichzeitig macht diese Leichtigkeit es wieder schwer, weil du ja erstmal gar nicht auffallen willst, nicht rausragen, sondern genauso beurteilt werden möchtest wie der Rest. Du lebst die ganze Zeit mit einem komischen Gefühl, weil du Aufmerksamkeit erhältst für etwas, wofür du sie nicht haben möchtest. Du willst sie nur durch dein Spiel, aber du kriegst sie, "weil du blond bist." Und die Leute sagen: "Oh, Frau am Saxophon." Irgendwann hast du das auf eine Art satt – bei mir kam da halt die Idee mit dem Waschlappen, den ich mir für das Coverbild meiner ersten CD über das Gesicht gelegt habe.

Es gibt leider viele Frauen, die auf diese Masche machen – mich langweilt das inzwischen. Diese schönen Menschen, die man überall sieh – gerade Frauen, die ihre Schönheit benutzen, um Platten zu verkaufen. Ich finde es einfach uninteressant – ich will Menschen sehen, ich will Persönlichkeiten sehen. Und von daher nervt es mich oft, dass ich quasi "Frau in der Männerwelt" bin. Ich denke mir, schließt eure Augen, hört zu und beurteilt mich dann!

Carolyn Breuer

Carina: Auf dem Saxophon hast du ja zunächst eine klassische Ausbildung gehabt und dich dann dem Jazz zugewandt. Besonders beeindruckt haben dich Charlie Parkers Aufnahmen mit Streichorchester.

Carolyn: Charlie Parker und Billy Holiday, "Lady in Satin"... - dass dies Lieblingsaufnahmen von mir wurden, ist eigentlich eher im Nachhinein gekommen. Es stimmt aber, die Faszination von so einem Orchester war bei mir früh da.

Aber ich glaube, dass es viel zu heftig wäre, wenn man sich gleich am Anfang Charlie Parkers Quartettaufnahmen anhört. Wenn man anfängt, Saxophon zu spielen und man hört "Summertime" – so mit Streichern – , das kapiert man halt. Das geht rein und liegt im Ohr.

Carina: Bist du mit "Serenade" also zu deinen Wurzeln zurückgekehrt? War es für dich – insbesondere in kompositorischer Hinsicht – schwer, Jazz und Klassik zu verbinden?

Carolyn: Meine neue Platte sehe ich als wieder etwas ganz anderes. Es gibt einige Streicherplatten, die gehen so: Man nimmt ein Saxophon, Streichorchester, verwendet Standards, arrangiert die schön. Lässt den Saxophonisten hier zweimal acht Takte solieren. Und dann wieder ein schönes Thema. Raus.

Das war bei mir so gar nicht der Fall – das hätte ich ja auch machen können, und hätte es mir selber damit sehr leicht gemacht. Ich wollte aber gerade wissen, wie meine Kompositionen in einem neuen Kontext klingen, wollte diese ganzen anderen Klangfarben haben. Im Prinzip ist das Orchesterarrangement um mein Quartett herumgeschrieben worden, an dem Quartettspiel selbst haben wir nicht viel verändert.

Wir haben uns nicht begrenzt, damit uns dieses Orchester nicht im Weg steht, sondern wir wollten das Quartett in der Mitte halten. Und dabei die ganzen Freiräume behalten, die wir normalerweise auch haben. Das ist meiner Meinung nach ein ganz anderer Ausgangspunkt als diese älteren Aufnahmen mit Streichern.

Carina: "Serenade" bedeutete ja deine erste Zusammenarbeit mit einem Orchester - wie ist es gelaufen?

Carolyn: Erstmal war es witzig, dass ich meine Stücke zum ersten Mal in dem Moment gehört habe, wo sie aufgenommen wurden. Die Streicher hatten morgens ganz normalen Dienst, haben Mahler gespielt. Das ging bis um zwei. Um drei waren sie dann im Studio und haben angefangen, die Stücke durchzuspielen. Zuerst spürte ich einen gewissen Abstand – die haben sich natürlich erstmal gewundert: "Wer ist dieses Mädchen da? Und vor allem, die spielt jetzt Saxophon. Wir kriegen hier Noten, da steht überall: komponiert auch von ihr. Jetzt sind wir mal gespannt." Da war natürlich eine gewisse Skepsis vorhanden...

Und dann habe ich diesen Umschwung nach dem ersten Durchspielen gespürt. Das war unglaublich, die waren total begeistert, es hat ihnen voll Spaß gemacht. Das war einfach schön zu sehen, wie schnell sie die Qualität der Stücke und der Arrangements begriffen haben: Dass das nicht "irgendwie Bullshit" ist, wo Leute sich einfach mal die besten Streicher holen. Das sind einfach super Musiker, die checken auch, wenn etwas Qualität hat. Auch wenn es vielleicht nicht ihre Musik ist. Das war für mich ein tolles Erlebnis.

Carolyn Breuer

 

Carina: Du hast dich in der letzten Zeit auf den Weg "zum Minimum erforderlicher Töne" begeben. Wieweit ist es damit gediehen? Inwiefern liegt in der Reduktion eine Chance, und ab wann wird es für den Zuhörer schwierig, die entstehenden "Zwischenräume" gedanklich zu füllen?

Carolyn: Ich versuche das vor allem auf Aufnahmen, alles ein bisschen zu reduzieren. Nicht so live, da spiele ich ganz anders als auf den CDs. Und in dem Fall von "Serenade" fand ich es wichtig, eine Gesamtstimmung 'rüberzubringen. Es sollte keine Platte werden, wo ich mich als Saxophonistin unheimlich profiliere und beweise, wie schnell und technisch versiert ich bin. Das hat mich überhaupt nicht interessiert. Ich möchte bei der Platte mit jedem einzelnen Stück ein Gefühl, eine Stimmung vermitteln.

Von daher ist es live wieder eine andere Geschichte. Natürlich beweise ich mich da als Instrumentalistin eher. Und ich merke auch, dass die Leute viel mehr mitbekommen, wenn sie sehen was da abgeht. Woher eine bestimmte Energie kommt, warum verschiedene Läufe wiederholt werden und wie der Schlagzeuger darauf reagiert.

Aber – ein Publikum, das zuhause sitzt und in der Art diesen ganzen Notenschwall abbekäme, das täte mir Leid. Ich möchte mir die Platte schließlich selber auch ganz gerne noch anhören. Also lieber ein bisschen zu wenig als zuviel! Das fängt sonst ja irgendwann an zu nerven.

Carina Prange

CD: Carolyn Breuer - "Serenade"
(NotNowMom!/BMG-Classics 74321 98917 2)

Carolyn Breuer im Internet: www.carolynbreuer.com

BMG im Internet: www.bmg.de

Fotos: Website Carolyn Breuer

Vollständiges Interview in der Sonic (Ausgabe: 4/03)

© jazzdimensions2004
erschienen: 16.1.2004
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