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Bugge Wesseltoft
- "Soundtüftler und Knöpfchendreher"

"New Conceptions of Jazz"; mit solch provokanter Namensgebung seiner Band – angeblich gar nicht programmatisch gemeint – trat der Norweger Bugge Wesseltoft vor knapp einer Dekade eine Lawine los: der Jazz an sich, sein musikalischer Gehalt und Inhalt wurden in Folge kontrovers diskutiert.

Bugge Wesseltoft

Die Musikergeneration, die sich bis heute in "Bugges Room", Wesseltofts Studio in Oslo, trifft, trug bei zur Verfestigung eines Images vom innovativen skandinavischen Jazz, der mit elektronischer Musik und DJ-Culture eine kreative Verbindung eingegangen ist. Auch Wesseltoft selbst hat jüngst ein neues Album eingespielt. Nach den Vorgängertiteln "Sharing" und "Moving" nennt sich das neue Oevre durchaus augenzwinkernd: "Film´ing".

Carina Prange sprach mit Bugge Wesseltoft in Berlin.

Carina: Bei der Einspielung des neuen Albums "Film´ing" hast du Klavier, Rhodes, B3 und einiges andere mehr gespielt. Außerdem übernahmst du das Programming und hast die Musik geschrieben. Betrachtest du dich als Multiinstrumentalisten oder als Musiker, der einfach alle verfügbaren Ressourcen in einem Studio ausschöpft, deren er habhaft werden kann?

Bugge: Oh, es ist eine Kombination aus allem – ich bin in erster Linie Musiker! Und ich bin ein Fan von technischem Spielkram: Von dem ganzen Synthesizer-Zeug, was ich im Laufe der Jahre angesammelt habe – ich konnte mich ja nie von was trennen. Deswegen besitze ich im wahrsten Sinne alles was es gibt. Das finde ich phantastisch, weil jedes Instrument seinen speziell Sound hat. So wie eine B3 ganz einzigartig klingt, deshalb verwende ich sie: Ich mag Dinge, die ihren individuellen Sound haben; ich bin im Grunde ein Soundfreak!

Bugge Wesseltoft

Und wenn ich schonmal soviel Equipment habe, muss ich das natürlich auch irgendwie einsetzen. Insbesondere auf einem Album hat man die Möglichkeit, alles mal auszuprobieren – bei Live-Konzerten kannst du soviel Zeugs ja gar nicht mitschleppen. Da muss ich meine Ausrüstung reduzieren, auf lediglich zwei Keyboards und ein bisschen zusätzlichen Kram.

Im Gegensatz dazu kann ich im Studio alles einsetzen. Aber das coolste Instrument, dass ich bei der Aufnahme von "Film´ing" verwendet habe, gehörte mir gar nicht! Das war ein Hohner Pianet, eine Art Miniaturalternative zum Fender Rhodes – sowas hatte ich seit Kindertagen nicht mehr gesehen: Ich hatte es mir von einem norwegischen Kollegen geliehen, und es hat dem Album einen weiteren speziellen, coolen Sound verliehen.

Carina: Die letzten Alben deiner Band haben als Titel "Sharing" und "Moving", die neue Platte heißt "Film´ing". Steckt ein Konzept dahinter?

Bugge: Klar steht ein Konzept dahinter. Aber was heisst schon Konzept: Es ist ja auch dieselbe Band und alles wie immer. Mit Titeln ist es ohnehin so 'ne Sache, das ist immer schwierig. Ich neige dazu, was Humorvolles daraus zu machen – und ich liebe Wortspiele. Zu "Film´ing" kam es folgendermaßen: ein Stück auf dem Album heisst so, weil ich letztes Jahr oder den beiden letzten Jahren auf der Bühne immer eine Videokamera dabei hatte.

Ich pflegte nämlich die Musiker zu filmen, oder meine Hände während des Spielens – solche Sachen. Und das wurde dann auf die große Leinwand hinter der Bühne übertragen. Supercool! Daraus wurde ein Stück, das zuerst den Namen "Film" trug. Und anschließend kam mir dieses "-ing" in den Sinn, um die Verbindung zu schaffen zu Sharing und Moving. Keine Ahnung, wie dann das nächste Album heissen könnte; mal sehen, was mir da einfällt. (lacht)

Bugge Wesseltoft - "Film-ing"

Carina: Kann die Bezeichnung "new conception" wie ein feststehender Blickwinkel, als andersartige, aber statische Betrachtungsweise des Jazz verstanden werden – oder steht es für "immer neu, stets sich verändernd"?

Bugge: Eine gute Frage! Im Grunde war für mich persönlich "Bugge Wesseltoft's New Conception of Jazz" der vollständige Name der Band. Würde ich meine Musikrichtung verändern, verlöre der Name seine Berechtigung – dann muss ich was Anderes finden. Als ich damals mit dem ersten Album anfing, suchte ich nach einem Begriff und endete bei diesem Namen. Viele Leute finden ihn gut, andere wiederum denken, das hätte ja nun gar nichts zu tun mit einem neuen Jazz-Konzept oder Ähnlichem!

Für mich ist es in erster Linie ein Name, und als solcher muss er der Gruppe gerecht werden. Keine Ahnung, was kommen wird, aber bisher hat das Projekt ja ziemlich lange funktioniert. Und es ist ein definitives Gruppengefühl in der Musik, ein Bandfeeling: Von Album zu Album ist eine ganz natürliche Entwicklung vonstatten gegangen, die Musik, das Bühnenkonzept und so weiter betreffend.

Bugge Wesseltoft

Carina: Die erste impulsgebende Gruppe von Musikern aus Skandinavien, umfasste u.a. Jan Garbarek und Terje Rypdal. Nun gibt es eine zweite Generation mit dir, Eivind Aarset, Nils Petter Molvaer, und einigen anderen. Wie sieht es denn mit den jungen Musikern aus, die jetzt als nächste Generation nachfolgen – ist da bereits eine neue Bewegung erkennbar?

Bugge: Ja, und ob! Auf dem Jazzland-Label haben wir letztes Jahr eine neue Reihe gestartet, die sich "Acoustic Series" nennt, und die junge Musikergeneration repräsentiert. Etwa das Håkon Kornstad Trio, oder das Trio um den Pianisten Håvard Wiik; alles junge Leute im Alter von 25 bis 30 Jahren. Ihre Ausrichtung ist tatsächlich rein akustisch und geht zurück bis zu den Wurzeln des Free-Jazz; aber das eigentlich Interessante daran ist, dass die Musiker sich mit den Vertretern zeitgenössischer Klassik zusammentun und diese Musikrichtungen vermengen. Und man kann sie derzeit überall hören.

Vermutlich wird sich das bald in ganz Europa ausbreiten – schon jetzt gibt es eine Szene, in der Leute aus Berlin mit denen aus Oslo zusammenarbeiten. Das sind sehr gute Musiker, die sich extrem am Klang orientieren; sehr experimentell. Groove oder Melodie bleiben völlig außen vor. Es ist im Grunde genommen eine Art total freier Improvisation und klingt eher wie moderne Klassik, als dass es in Richtung Jazz geht.

Es ist eine faszinierende Szene; ich kann mich dafür begeistern – es ist keine "schöne Musik" im herkömmlichen Sinne – nicht melodisch oder sowas, sondern herausfordernd und dabei humorvoll. Phantasievoll und einfach großartig!

Bugge Wesseltoft

Carina: Zurück zu deiner Musik... Welche Rolle spielen elektronisch erzeugte Sounds im Vergleich zu rein akustischen Klängen?

Bugge: Ich denke, das hält sich in etwa die Waage; ich würde sagen fifty-fifty. Letztes Jahr habe ich mir meinen ersten Flügel gekauft; er steht jetzt in meinem Studio. Ein einzigartiger Sound – sowas kann man mit einem Synthesizer oder anderem elektronischen Gerät niemals so hinbekommen, das ist einfach nicht das Gleiche.

Mit dem elektronischen Equipment kannst du wiederum bizarre Sounds erzeugen, die du mit akustischen Instrumenten niemals hervorbringen könntest. Für mich ist beides zusammen die perfekte Kombination. Da bin ich einfach ein Soundtüftler! Auf die akustischen Sounds stehe ich wegen ihrer Unverfälschtheit und ihrer organischen Eigenheiten. Die elektronischen Sounds mag ich wegen ihrer Kantigkeit; sie können völlig abgedreht sein – immer ein Stück experimentell.

Ich bin ein Freund von extremen Soundgegensätzen. Wenn ich mir irgend ein neues Teil anschaffe, dann ist mir eigentlich alles egal: Hauptsache es sind eine Menge Knöpfe und Schalter dran. Ich muß drehen und hin- und herschalten können, während des Spielens etwas bewegen und verändern können. Sowas finde ich stark, das brauche ich einfach!

Carina Prange

CD: Bugge Wesseltoft - "Film´ing" (Jazzland / Universal)

Jazzland Records im Internet: www.jazzlandrec.com

Fotos: Universal

© jazzdimensions2004
erschienen: 14.11.2004
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