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André Nendza - "Nachspielen ist uninteressant!"

André Nendza ist zur Zeit sicherlich einer der vielseitigsten und innovativsten Instrumentalisten in Deutschland. Der in Mechernich bei Köln lebende 35-jährige Bassist und Bandleader ist der Kopf von so unterschiedlichen Projekten wie A.Tronic, dem André Nendza Trio und dem André Nendza Quartett, mit dem er jüngst auf seinem eigenen Label Crecycle Music seine zweite CD "Wild Open Rooms" veröffentlicht hat.

André Nendza

Auch im Duo, mit der Saxophonistin Angelika Niescier, ist André Nendza erfolgreich und engagiert sich sehr für eine stärkere Wahrnehmung der jungen deutschen Jazz Szene, die er für mehr als nur "interessant" erachtet. Es tut sich viel Gutes im deutschen Jazz - und besonders bei André Nendza.

Katja Duregger unterhielt sich in Köln mit André Nendza.

Katja: Wie ist die Idee zu eurem Quartett entstanden?

André Nendza: Von Mitte der 90er bis Ende der 90er hatte ich ein Septett. Das war die Band, mit der ich etwas bekannter geworden bin. Aber ab einem bestimmten Punkt sind wir an Grenzen gestoßen, sowohl logistisch als auch finanziell. Deswegen hatte ich die Idee, es mit kleineren Projekten zu probieren.

Das Quartett ist eigentlich die direkte musikalische Fortführung des Septetts, aber dafür wesentlich flexibler, auch in Bezug auf die Musik. Ich wollte herausfinden, ob meine Stücke auch funktionieren, wenn sie nicht so groß arrangiert sind; ich wollte wissen, ob ein Quartett das auch tragen kann und zum Glück hat sich das gut bewährt.

Jetzt bin ich wieder an einem Punkt, besonders auf der neuen Platte, wo ich wieder mehr kompositorisch definiert spielen wollte, gleichzeitig aber die Offenheit nutzen kann, die vorher entstanden ist. Für mich ist das eine ganz schöne Entwicklung.

André Nendza

Katja: Musiker mit Deiner musikalischen Vielseitigkeit und Offenheit gibt es in Deutschland selten, oder sind hierzulande eher untypisch. Woran liegt das? Siehst Du das ähnlich oder habe ich einen falschen Eindruck von der aktuellen deutschen Szene?

André: Ich bin ein großer Vertreter oder besser Fan der deutschen Szene. Ich glaube, dass wir in Deutschland eher ein Problem mit der Darstellung dieser Szene haben. Ich beobachte gerade in meiner Generation, der 30 bis 40-Jährigen, unglaublich viele Leute, die eigentlich ähnlich arbeiten wie ich, ohne dass wir dieselbe Musik machen.

Sie haben alle diesen multistilistischen, offenen Ansatz. Das wird aber nicht unbedingt so wahrgenommen – aus tausend verschiedenen Gründen, u.a. durch die Medien. Aber es sind auch die Musiker selbst, die sich nicht gut vermarkten können.

Katja: Das finde ich auch bemerkenswert bei Dir. Du machst ja sehr viel, um für Deine Musik die nötige Aufmerksamkeit zu bekommen.

André: Ja, weil es leider zu viele gibt, die sich aus Frust zurückziehen. Trotzdem sind diese Musiker sehr gut, auch wenn sie nicht immer sichtbar sind. Viele Leute mit denen ich in Köln studiert habe machen tolle, oft herausragende Sachen. Wie z.B. Achim Kaufmann, seine Trio-CD "Weave" ist für mich die beste Platte eines deutschen Pianisten, die ich je gehört habe.

Das sind fantastische Musiker mit einem tollen Konzept und einer tollen Platte, aber man liest natürlich viel mehr über die neueste von Brad Mehldau. Nichts gegen Brad Mehldau, seine Sachen sind auch großartig, aber darüber werden andere Leute irgendwie vergessen, zumindest von den Medien. Das steht für mich irgendwie nicht im Einklang und das gilt für viele Sachen.


Die ältere Generation hat Frust darüber, dass kein Geld mehr da ist.
Bei uns war nie Geld da, wir kennen es nicht anders!

Und selbst bei mir, wo ich doch relativ viel Zeit und Geld in Promotion investiere, ist es trotzdem immer noch ein großer Kampf, wenn man z.B. nicht so eine große Firma wie ACT hinter sich hat. Da kämpft man schon um jede Besprechung. Die ältere Generation, die jetzt Mitte vierzig und fünfzig ist, die haben finanziell ganz andere Zeiten erlebt. Deswegen gibt es da jetzt auch viel Frust darüber, dass das Geld nicht mehr da ist.

Das war bei uns ja nie so, bei uns war nie Geld da, wir kennen es nicht anders. Deshalb haben wir von Anfang an versucht, Dinge selbst zu organisieren. Das ist zwar nicht die originäre Aufgabe eines Musikers, aber so ist die Realität heute, leider oder Gott sei Dank, je nach dem wie man es sieht.

André Nendza

Katja: Würdest Du sagen es gibt so was wie einen Köln-Klüngel, was Deine Szene betrifft, also die Generation Achim Kaufmann, Nils Wogram und Du? Bei Euch fing ja alles an der Kölner Musikhochschule an.

André: Ich bin da lieber vorsichtig. Ich wurde schon mal gefragt, ob es so was wie einen "Kölner Sound" gibt. Ich persönlich finde das nicht. Ich sehe nicht nur in Köln oder Berlin sondern in vielen deutschen Städten und kleineren Orten Leute, die sehr gute Musik machen, die mehr oder weniger bekannt sind. Aber ich denke schon, dass Köln bzw. Köln und das Ruhrgebiet zusammen mit Berlin flächenmäßig die aktivsten Szenen in Deutschland sind.

Jedoch in Bezug auf meine musikalische Entwicklung war die Zeit an der Kölner Musikhochschule schon sehr wichtig. In meiner Studienzeit gab es noch die "Ruine", da bin ich oft hingegangen und habe mir Leute wie Mathias Schubert oder Thomas Heberer, der jetzt auf meiner Platte spielt, mit TomeXX angehört. Das war damals schon sehr aufregend. In der Zeit ist natürlich das JazzHaus-Bild von Köln stark geprägt worden.

Damals gab es vielleicht so was wie einen Kölner Sound, aber das ist schon lange nicht mehr so. Zumal sich das jetzt auch alles verlagert hat. Diese Leute wohnen ja alle nicht mehr in Köln. Die Gefahr von so einer Regionalisierung ist auch immer, dass man in so einem Sumpf stecken bleibt. Für mich ist es mittlerweile interessanter einen Gig in Villingen zu spielen. Gestern war ich z.B. mit Angelika Niescier in einer kleinen Stadt in Ostdeutschland. In solchen Orten muss man noch richtig ackern, um die Leute zu erreichen.

Wenn ich hier im "Stadtgarten" spiele dann ist das wie ein Heimspiel, dann kommen u.a meine Schüler und ich weiß, das die Musik zumeist von denen positiv angenommen wird. Das macht auch großen Spaß, aber das sagt erstmal nicht viel über die Wirkung meiner Musik aus. Erst wenn man es schafft, ein neutrales Publikum zu erreichen, erkennt man die Ausstrahlung der Musik.

André Nendza

Katja: Wann war der Zeitpunkt an dem Du Dich entschieden hast, deine ganz eigenen Vorstellungen umzusetzen, auch als Bandleader zu fungieren?

André: Es war eigentlich immer schon so, dass ich großen Spaß am Schreiben, bzw. am Anfang eher Erfinden von Musik hatte. Ich komme überhaupt nicht so sehr vom Nachspielen. Das waren eigentlich gleich eigene Sachen. Ich wollte immer lieber schlechte eigene als gut nachgemachte Stücke spielen. Das ist eigentlich bis heute so, auch wenn ich hoffe, dass es nicht mehr so viele schlechte Stücke gibt (lacht). Das Nachspielen hat mich nie besonders interessiert.

Die Bandleader-Geschichte war für mich am Anfang völlig befremdlich. Ich war eigentlich immer Teil einer Band. Aber da es das im Jazz fast gar nicht gibt, habe ich zunehmend die Erfahrung gemacht, dass man seine Band selbst zusammenstellen muss. Als ich damit angefangen habe, war ich alles andere als selbstbewusst, weil ich gar nicht wusste, warum jemand meine Musik spielen soll. In der Anfangszeit habe ich mir von verhältnismäßig schlechten Musikern relativ viel bieten lassen. Bis ich irgendwann festgestellt habe, dass man auch gute Musiker fragen kann, die einfach gerne meine Musik spielen, was dann wesentlich weniger stressig ist. So bin ich da langsam reingewachsen.

Katja: Gibt es so was wie eine deutsche Jazz-Tradition, etwas worauf Leute wie Du sich beziehen? Oder fehlt so eine eigene musikalische Tradition?

André: Viele Leute glauben, dass alles viel zu sehr amerikanisiert sei. Ich glaube nicht, dass das heute noch so ist. Es gab zum Beispiel eine Zeit in den 70er Jahren, in Verbindung mit dem Erfolg von ECM und Musikern wie Albert Mangelsdorff, in der so was wie eine eigene Identität in der deutschen Szene spürbar war. Damals waren diese Leute auch noch finanziell abgefedert durch Institutionen wie das Goethe-Institut oder diverse Kulturämter.


Die drei großen Jazzzeitungen haben meistens dasselbe Titelbild;
die Berichterstattung ist einfach nicht mehr so individuell !

Heute ist das sehr anders und eine Folge davon ist, dass sich die Jazz-Szene in den letzten zehn Jahren extrem kommerzialisiert hat. Wenn ich mir die Berichterstattung der drei großen Jazzzeitungen hier anschaue, dann sehe ich meistens immer dasselbe Titelbild. Ob die Künstler es alle wert sind oder nicht, sei mal dahingestellt, um die geht es ja gar nicht, aber die Berichterstattung ist einfach nicht mehr so individuell.

Da ist vielleicht in den Siebzigern, in der Zeit als das Geld noch da war, etwas versäumt worden. Damals hätte man eine Organisationsform finden müssen, wie es sie heute in Ländern wie Frankreich gibt. Dort werden französische Künstler vom Staat gefördert, wenn sie nachweisen können, dass sie künstlerisch tätig sind. Das halte ich für notwendig, weil ich glaube, dass diese Musik nach wie vor Subventionen bedarf und das wäre beispielsweise ein Modell, das man hier auch einführen könnte.

André Nendza Quartet - "Wild Open Rooms"

Katja: Was muss ein Musiker mitbringen, damit Du Lust hast mit ihm zu spielen?

André: Ich möchte, dass er sich in meine Musik einbringt, also seine Persönlichkeit in meiner Musik verwirklicht. Es gibt so einen Mittelweg zwischen einer bestimmten eigenen Herangehensweise im Spiel und gleichzeitig einer gewissen Handwerklichkeit.

Ich bin ein großer Freund von musikalisch gut ausgebildeten Instrumentalisten, was die Umsetzung meiner Stücke angeht. Das liegt auch daran, dass meine Stücke teilweise nicht so leicht zu spielen sind. Wenn jemand eine gute Idee zum Improvisieren hat, sie aber technisch nicht richtig umsetzen kann, dann bringt mir das nichts.

Musiker wie Claudius Valk sind da mit ihrem Arbeitsethos auch große Inspiratoren für mich. Die Musiker, mit denen ich spiele haben immer beides: eine eigene Herangehensweise und sie verstehen ihr Handwerk.

André Nendza

Katja: Besonders auffällig in Deiner Musik sind die vielen Rhythmuswechsel, die komplexen Strukturen. Bist du ein Timing-Freak?

André: Rhythmus war immer schon sehr mein Ding, ich mag einfach rhythmische Spannung, auch alle möglichen rhythmischen Einflüsse aus anderen Kulturen. Ich finde die rhythmischen Zusammenspiele der einzelnen Instrumente in der Musik immer besonders spannend. Es gibt auch nicht viele Musiker, die das so spielen können, wie ich mir das vorstelle. Für mich ist es z.B. sehr schwierig, wenn ich mal mit einem anderen Schlagzeuger arbeiten muss.

Das funktioniert fast nie so gut, wie mit Christoph Hillmann, mit dem ich jetzt schon so lange zusammenspiele und mit dem ich mich blind verstehe. Ich denke, das richtige Zeitempfinden, und nichts anderes ist der Rhythmus letztendlich, ist für eine ganz wichtige Sache. Nicht nur in der Musik, auch im Leben. Ich versuche zum Beispiel immer pünktlich zu sein. Das ist auch Timing; ich will immer die "Eins" fühlen.

Katja Duregger

Aktuelle CD: André Nendza Quartet - "Wild Open Rooms"
(Crecicle Music CYM 08)

André Nendza im Internet: www.andre-nendza.de

Crecicle Music im Internet: www.crecycle.de

Fotos: Susanne Wittelsbürger

mehr bei Jazzdimensions:
André Nendza´s A.Tronic - "Lichtblau" - Review (erschienen: 16.10.2002)
Angelika Niescier - "Sublim" - Review (erschienen: 19.12.2002)
Achim Kaufmann - "Musikalischer Freigeist" - Interview (erschienen: 30.7.2002)

© jazzdimensions2004
erschienen: 26.8.2004
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