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Albert Mangelsdorff
- "Die Dinge gut und richtig machen!"

Der Posaunist Albert Mangelsdorff gehört anerkannterweise zum Urgestein des deutschen Jazz, zu jenen Musikern, die sich in der Rolle des praktizierenden Künstlers ebenso wohl fühlen wie in der des Organisators. Eine wichtige Position nimmt Albert Mangelsdorff heutzutage immer noch ein, wenn es um die Organisation deutsch-französischer Jugendaustauschprojekte geht – selbstverständlich dreht sich dabei alles um Musik. Schon in den 80er Jahren hat er mit dem deutsch-französischen Jazzensemble talentierte Nachwuchsmusiker zusammengeführt.

Albert Mangelsdorff

Unzählige Projekte hat Albert Mangelsdorff mit aus der Taufe gehoben – darunter das wegweisende "United Jazz + Rock Ensemble" – brachte mit diesen eine wichtige Platte um die andere heraus und erhielt als musikalischer Innovator über die Jahre zahlreiche Auszeichnungen. Auch nach dem "Mann der ersten Stunde" des deutschen Jazz benannt wurde der, seit 1994 alle zwei Jahre verliehene, Albert-Mangelsdorff-Preis der Deutschen Jazzunion. Die Reihe bedeutender Positionen, die Mangelsdorff bekleidete, ist lang; so war er bereits 1957 Leiter des Jazz Ensembles des Hessischen Rundfunks. Als mehrjähriger künstlerischer Leiter des Berliner Jazzfestes war er weit über die Jazzkreise hinaus in aller Munde.

Allerdings – durch die erzwungene Anwesenheit und Bindung vor Ort in der Hauptstadt kam das eigentliche Spiel der Posaune zwangsläufig zu kurz. Mangelsdorff gibt das selbst zu und bekundet ambitioniert entsprechenden Nachholbedarf für die Bühne. Und mit Spannung erwarten sollte die Jazzwelt seine kommenden Konzerte durchaus – denn eines der Aushängeschilder des Meisters stellt seine spezielle und bisher unerreichte Technik dar: Mangelsdorff gilt als Entwickler des multiphonischen Posaunenspiels.

Am 25. Juli 2005 verstarb Albert Mangelsdorff nach schwerer Krankheit. Die deutsche wie die internationale Jazzszene verlor mit ihm einen begnadeten Instrumentalisten und genialen Innovator.  

Carina Prange sprach Herbst 2003 in Berlin mit Albert Mangelsdorff.

Carina: Sie waren einige Jahre künstlerischer Leiter des Berliner Jazzfestes. Ihre Abschiedsworte, wenn ich mich richtig erinnere, waren u.a.: "Jetzt finde ich endlich wieder mehr Zeit zum Spielen." Sie sind dafür bekannt, ein sehr umtriebiger Musiker zu sein, der täglich übt oder spielt. Passt für Sie der Satz: "Wer rastet, der rostet."?

A. Mangelsdorff: Der passt unbedingt! Heute fällt es mir übrigens auf jeden Fall leichter, mein Übungspensum durchzusetzen, als es zu Zeiten meiner Leitung des Berliner Jazz-Festes der Fall war – denn so ein Posten nimmt einem doch sehr viel Zeit. Und nicht nur Zeit, sondern er erfordert auch Kopfarbeit. Ich bin deshalb sehr froh darüber, dass dies nun Vergangenheit ist. Mal abgesehen davon, dass damals mein Vertrag an den des Intendanten der Berliner Festspiele, Ulrich Eckhardt, gebunden war, und ich auf jeden Fall gerne gegangen bin. (lacht)

Carina: Ihr zuletzt erschienenes Album bei Skip-Records war eine Einspielung mit der NDR-Bigband. Sie beinhaltet das "Concert for Jazz Orchestra", welches Sie wohl schon wesentlich früher geschrieben haben. Bitte sagen Sie doch etwas zu dem Konzept des Albums und speziell zu der Komposition selbst.

A. Mangelsdorff: Ursprünglich war dieses "Concert for Jazz-Orchestra" für eine andere Besetzung gedacht – zwar für dieselbe Bigband, aber andere Solisten konzipiert – aber das hat sich natürlich auch im Laufe der Jahre entwickelt. Wir haben es immer mal wieder mit der NDR-Bigband aufgeführt, aber eben nicht mit jenen ursprünglichen Solisten, sondern mit anderen. Oder einfach mit der Bigband an sich, die ja mittlerweile, was Solisten anbelangt, hochkarätig genug besetzt ist. Durch den Zuspruch von Dieter Glawischnig, der die Bigband ja einige Jahre lang geleitet hat bzw. noch leitet, und Wolfgang Kunert, dem Leiter der Bigband-Abteilung, kam es, dass ich wiederholt gefragt wurde, ob ich nicht etwas für Bigband schreiben wollte.

Albert Mangelsdorff - "Music For Jazz Orchestra"

Das war etwas, was ich bis dato nie getan hatte. Im Grunde hatte ich auch nie ernsthaft beabsichtigt sowas zu machen. In den Fällen, wo ich etwas mit Bigband aufführte, habe ich – oder die Bigband – es von anderen Arrangeuren schreiben lassen. Das konnten dann durchaus auch Stücke von mir sein, aber eben nicht von mir arrangiert. Nur irgendwann sagten die zu mir: "Das kannst du doch auch! Warum solltest du das nicht können?" Ich hab's dann halt probiert, und es ist gut gelaufen. Es hat sogar ungeheuren Spaß gemacht. Ich habe mich riesig gefreut, dass sich da eine Seite an mir auftat, die mir bis dato gar nicht bekannt gewesen war.

Carina: Nach dem Spiel der Violine und Gitarre haben Sie sich vor Jahrzehnten für die Posaune entschieden. Wie sehen Sie den Stellenwert der Posaune im Jazzkontext?

A. Mangelsdorff: Die Posaune ist eigentlich von Anfang an im Jazz ein allen anderen ziemlich gleichwertiges Instrument gewesen. Mag sein, dass sie in New Orleans vielleicht doch ein bisschen mehr ein Begleitinstrument war, aber schon mit Kid Ory, einem der größten Posaunisten der frühen Periode des Jazz, wurde sie zu einem Soloinstrument. Zumindest, wenn ich diese ganze Geschichte richtig interpretiere, ist das so – ich kenne sie nicht so exakt. Aber die Posaune ist, jedenfalls durch die verschiedenen Persönlichkeiten, die sie gespielt haben, auch immer wieder in den Blickpunkt gekommen und hatte im Jazz einen hohen Stellenwert.

Carina: Sie haben auch mehrere Soloalben aufgenommen und ein Duoalbum – ungewöhnlich mit Saxophon und Posaune besetzt – zusammen mit Lee Konitz. Was halten Sie für relevant für einen Bläser, wenn dieser sein Solospiel daraufhin erweitern will, dass die Einspielung eines ganzen Albums möglich ist?

A. Mangelsdorff: "Solo" – das gibt es im Jazz auch mit vielen anderen Instrumenten. Für Piano oder Gitarre und so weiter ist das ja im Rahmen des Üblichen. Mit der Posaune ebenfalls Solo zu spielen? Für mich persönlich war das so, dass ich erst durch die Entdeckung – oder vielmehr Wiederentdeckung – anderer Spielmöglichkeiten, die ich bis dato nicht verwendet hatte, wirklich erkannte, dass es doch durchzuführen wäre. Irgendwann hat mich der Ehrgeiz gepackt, das nun auch in die Tat umzusetzen, weil ich sicher war, nun genug Abwechslung in meinem Spiel zu haben, um durchaus auch solistisch Konzerte zu gestalten.

Albert Mangelsdorff

Carina: Musikalische Einflüsse aus verschiedenen Teilen der Welt, Free Jazz Experimente und vieles andere mehr – Sie haben die unterschiedlichsten Phasen durchlebt und sich nie stilistisch wirklich festlegen lassen. Was hat Ihnen diese Offenheit ermöglicht?

A. Mangelsdorff: Ich bin von Hause aus offen. Ich höre überall hin, wenn es was an Musik zu hören gibt. Und ich habe mich nie auf einen ganz bestimmten Stil verlegen wollen. Obwohl – in den Anfangsjahren meiner Musikerlaufbahn war ich doch schon ziemlich festgelegt auf ganz bestimmte Leute, auf ganz bestimmte Vorbilder. Aber irgendwann ist dann die Zeit gekommen, dass man die Vorbilder Vorbilder sein lässt und seine eigene Geschichte macht.

Carina: Nach unzähligen Projekten, Auszeichnungen, Alben und Texten, die über Sie verfasst wurden, haben Sie das Gefühl, eine Vorbildfunktion für viele junge deutsche Jazzmusiker zu erfüllen?

A. Mangelsdorff: Ach, ich weiß es nicht ... Ich denke: Ja, wenn einer gewisse Dinge erreicht, gewisse Erfolge hat, dann wird er wohl automatisch zu einer Vorbildfigur. Obwohl mir das ein bisschen peinlich ist. Gut, ich habe einige, damals neue Dinge in den Jazz eingebracht. Wenn es da Leute gibt, die dies gerne aufgreifen möchten, dann freut es mich sehr. Aber: Technik ist nicht das einzige, sondern von Interesse sollte die Herangehensweise, die Art sein, wie einer etwas erreicht hat. Die Art, wie man es gemacht hat – vielleicht sollte die für nachfolgende Musiker wichtiger sein, als das, zu was man es gebracht hat. Es kann sehr entscheidend für junge Musiker sein, in ähnlicher Weise etwas für sich selbst bzw. für die eigene Musik zu tun.

Carina: Komponieren – wie wichtig ist es Ihnen im Vergleich zum Spielen?

A. Mangelsdorff: Es ist nach wie vor das Spielen das Allerwichtigste. Nun, Komponieren ist auch wichtig – aber ich bin in erster Linie ein praktischer Musiker. Am Schreibtisch, am Piano oder so zu sitzen und zu komponieren, das kommt erst lange, lange nach dem praktischen Spielen.

Carina: Ihre besondere Technik, als Multiphonics bezeichnet, wie kam Ihnen die Idee dazu? Würden Sie sie in zwei, drei Sätzen für unsere Leser noch einmal beschreiben?

A. Mangelsdorff: Das Grundprinzip besteht darin, gleichzeitig einen Ton zu singen und einen anderen zu spielen. Man singt während des Spielens in das Instrument hinein, dadurch bilden sich Obertöne – eigentlich Differenztöne aus den beiden Noten. Je nach dem, wie rein das Intervall zwischen gespielten und gesungenem Ton ist, werden diese Obertöne so komplex, dass Akkorde hörbar werden. Für wirkliches multiphones Spiel muss man eine Menge üben – die Technik der Zirkularatmung hilft übrigens dabei auch ein wenig.

Albert Mangelsdorff

Carina: Halten Sie es für wichtig und möglich, dass junge Musiker heute mit neuen Techniken aufwarten können - oder sollten?

A. Mangelsdorff: Wenn sie damit etwas Eigenständiges erreichen können, dann ist solche Aufgeschlossenheit auf jeden Fall wichtig. Ich würde mich sehr freuen, wenn es da frische Ideen gäbe. Allerdings kann ich mir, was speziell mein Instrument anbelangt, nicht so unbedingt etwas total Neues vorstellen, irgendwelche Dinge, die es nicht schon in einer Form gäbe. Aber zum Beispiel meine multiphone Technik weiterzuentwickeln, das würde ich für ziemlich wichtig halten. Leider höre ich in der Richtung eigentlich viel zu wenig. Denn was ich mache wäre enorm weiterentwicklungsfähig. Nur keiner macht's!

Carina: Der Europäische Jazz, welchen Stand hat er Ihrer Meinung nach heute? Hat Amerika nach wie vor eine Vorreiterrolle?

A. Mangelsdorff: Also es gibt heute in der ganzen Welt Jazzmusiker, die etwas zur Entwicklung des Jazz beigetragen haben oder beitragen. Und da sehe ich europäische Musiker genauso wie amerikanische oder japanische zum Beispiel. Es hat sich in der Tat schon sehr erweitert, weg vom ausschließlich Amerikanischen. Und das schon seit einiger Zeit: Wir haben hier in Europa ebenfalls einige große Musiker, die durchaus Gewichtiges zu sagen haben im Jazz ...

Carina: Wünsche, Träume, was wollen Sie noch an musikalischen Projekten verwirklichen? Charlie Mariano hat in den letzten Jahren einmal im Gespräch geäußert: "Ich habe soviel gejazzt in meinem Leben und so viele Harmonien durchwandert, ich möchte einfache Stücke schreiben." Wie ist das bei Ihnen?

A. Mangelsdorff: Ach nun, solange man kreativ ist und einem immer wieder was einfällt ... So würde ich das für mich ausdrücken: Weder will ich mich in dem Sinne bewusst reduzieren, noch mich erweitern – gar nichts in der Hinsicht. Ich will das machen, was von innen heraus kommt. Wenn ich fleißig bin, nicht nachlasse, mein Instrument immer beherrsche, etwas weiterentwickeln kann und immer wieder neue Sachen erfinde, dann können die meinethalben reduziert sein – oder auch genauso gut das Gegenteil. Also, da sehe ich keine Zwänge, die ich mir auferlegen will.

Carina Prange

Aktuelle CD: Albert Mangelsdorff - "Music for Jazz Orchestra" (Skip Records 9039-2)

Albert Mangelsdorff im Internet: www.jazzpages.com/Mangelsdorff

Skip Records im Internet: www.skiprecords.com

Fotos: Jörg Steinmetz (www.joergsteinmetz.com)

© jazzdimensions2004
erschienen: 7.5.2004
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