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Nils Landgren – "Red Horn und Respekt"

Der "Mann mit der Roten Posaune" schrieb zunächst mit seiner Band Funk Unit Erfolgsgeschichten im Groove-Jazz-Sektor. Dann folgte die Tätigkeit als Musical Director des Berliner Jazzfestes 2001, auf dem er den Berliner Besuchern den schwedischen Jazz nahebrachte. Anschließend begab sich Nils Landgren in softere Gefilde, und legte, diesmal auch als Sänger, das Album "Sentimental Journey" vor. In diesem Herbst tritt er erneut in Erscheinung: Als Produzent und Mitmusiker der schwedischen Sängerin Rigmor Gustaffson.

Nils Landgren (Foto: Rolf Kißling)

Carina Prange sprach in Berlin mit Nils Landgren.

Carina: Deine Funk-Unit hast du erstmal auf Eis gelegt, um dich deiner anderen musikalischen Seite zu widmen: den Balladen, Vocaltracks und auch deinen Lieblingssongs. Was gab den Ausschlag dafür, dich in etwas ruhigere Fahrwasser zu begeben? Wie lange, schätzt du, wird diese entspannte Phase andauern?

Nils: Das weiß ich gar nicht so genau. Erstmal bin ich bin ja immer an diesen verschiedenen Seiten interessiert, bin nicht nur eindimensional orientiert. Nur weil ich ziemlich viele Funk-Platten gemacht habe und wahnsinnig viel getourt habe, muss das ja nicht bedeuten, dass ich ausschließlich Interesse am Funk habe. – Ich sehe diesen ruhigeren Teil schon immer als einen Teil meiner Persönlichkeit, deswegen wollte ich gern einen Bruch machen, mal was anderes ausprobieren.


Ich kann ja nur das spielen, was ich selbst liebe,
sonst geht's nicht. Musik ist mein Leben!

Das bedeutete aber auch nicht, dass ich nicht mehr mit Funk-Unit auftreten werde, nächstes Jahr kommt ja eine neue Platte raus, wirklich mit volle Pulle, mit 120-Prozent. Ich wollte nur testen, ob es möglich war, in eine andere Richtung zu gehen, ohne etwas publikumsmäßig oder musikalisch zu verlieren. Vielleicht sogar, um ein neues Publikum zu finden. Das hier ist mein eigener Geschmack von Musik, von Songs. Ich kann ja nur das spielen, was ich selbst liebe, sonst geht's nicht. Musik ist mein Leben. Ich lebe auch davon, aber das ist mehr als das.

Landgren/Gustafsson - "I Will Wait For You"

Carina: Nach "Sentimental Journey," auf der ja Rigmor [Gustafsson] bereits als Gast dabei war, folgt nun ein komplettes Album mit ihr zusammen. Nachdem du dich somit als Sänger profiliert hast, arbeitest du doch wieder mit einer Sängerin – wie kommt das?

Nils: Ja, ich singe ja auch ein bisschen, aber das ist ja nicht meine Platte, das ist Rigmors Platte. Seit ich ein kleiner Junge bin, stehe ich auf singende Frauen. Ich selbst habe wohl nur Platten, auf denen Frauen singen – also wenn es um Jazz geht. Und das ist auch meine Inspiration. Oft haben sie ein ganz lockeres, entspanntes Verhältnis zu dieser Musik. Und als ich die Chance bekommen habe, etwas mit Rigmor zu machen, habe ich natürlich sofort ja gesagt, weil ich Rigmor sehr gut finde, und sie auch ein wunderbarer Mensch ist.

Wir haben eine enge Verbindung. Wir sind aus dem gleichen Teil von Schweden, wir reden den gleichen Dialekt, oft auch musikalisch. Und so war es ganz natürlich für mich, mit Rigmor zusammenzuarbeiten. Nach der Vertragsunterzeichnung fingen wir an, die Musik auszusuchen. Ich glaube wir haben zusammen ein gutes, starkes Programm ausgewählt – mit Musik, die wir beide wirklich lieben, in der wir uns gut ausdrücken können. Mit guten Texten und guter Musik, das gehört ja zusammen. Ich finde es auch wunderbar, die Möglichkeit zu haben, als Produzent zu arbeiten. Ich habe mich vorher nur selber produziert, und jetzt plötzlich kann ich auch andere Künstler produzieren – auch dank meiner Plattenfirma – und das finde ich toll.

Nils Landgren (Foto: Lutz Voigtländer)

Carina: Inwieweit geht es für dich beim Musikmachen darum, Spaß zu haben, dem Publikum – oder auch deinen Schülern – eine gewisse Lebensfreude zu vermitteln?

Musik IST für mich Spaß. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich bin kein intellektueller Mensch – ich bin nicht dumm, und intelligent bin ich hoffentlich auch – aber nicht intellektuell. Und deswegen kann ich keine intellektuelle Musik machen. Für mich ist Musik immer eine Kommunikation zwischen uns auf der Bühne und dem Publikum. Und wenn das klappt, ist es absolut wunderbar. Wenn es so ist, dass wir ein reines Free-Jazz-Programm spielen und das auch rüberkommt, dann ist es natürlich auch toll.

Das hier ist ja eher Mainstream, als es normalerweise der Fall ist. Aber für mich ist es eigentlich wirklich egal, was es jeweils wird, denn ich versuche lediglich für mich das auszusuchen, was ich als gute Musik empfinde. Das ist alles! – Und Spaß mit dem Publikum, und Spaß mit den Leuten, mit denen ich spiele, das ist natürlich auch sehr wichtig. Wenn wir keine Kommunikation auf der Bühne hinkriegen, dann merkt man das, dann wird es wirklich langweilig. Kurz gesagt: Ich suche wirklich diese Kommunikation im Raum, weil ich ohne sie auch zu Hause bleiben könnte. Und üben – und das fände ich wieder langweilig!

Nils Landgren - "Sentimental Journey"

Carina: Auf "Sentimental Journey" haben auch deine beiden Posaunenschülerinnen Karin und Mimmi Hammar mitgewirkt. Wie sieht das in Schweden aus – sind die jungen Leute daran interessiert, Posaune zu lernen? Gibt es auch viele junge Frauen, die sich dafür interessieren?

Nils: Nee, eigentlich nicht. Aber seit ich angefangen habe, hat sich ja ganz viel verändert. In den achtziger Jahren haben wir immer Studioarbeit gemacht. Wir haben drei Sessions pro Tag gespielt, weil alles mit Bläsersatz war. Und dann plötzlich gab es das nicht mehr. Dann muss man sich natürlich die Frage stellen: Was mache ich nun? Soll ich bitter werden, und sauer, oder soll ich mit meinem Instrument was anderes versuchen?

Das habe ich gemacht. Ich fing an, meinen eigenen Weg zu gehen; als Frontmann mit meiner Posaune zu arbeiten. Und das ist mir über die Jahre sehr gut gelungen, es hat sich gut entwickelt. Es kommt natürlich hinzu, dass du mehr Interesse bekommst, wenn du da vorne stehst. Und es ist ja ziemlich ungewöhnlich, dass ein Posaunist da vorne steht und spielt – und singt. Dass hat, soviel ich weiß, Eindruck auf viele junge Leute gemacht.

Und einige davon haben in Schweden angefangen, Posaune zu spielen, nachdem sie mich im Fernsehen oder auf einem Konzert gesehen hatten. Das ist natürlich ein gutes Zeichen, auch wenn Posaune nie so ein enorm gefragtes Instrument wie beispielsweise Saxophon werden wird. – Aber ich glaube, mein kleiner Beitrag ist auf jeden Fall nicht schlecht.

Ich weiß, dass die beiden Frauen Karin und Mimmi – die auch ihre eigene Plattenkarriere haben; sie haben gerade ihre zweite eigene Platte herausgebracht – zwar nicht wegen mir angefangen haben, aber wegen mir weitergemacht haben. Sie haben bei mir Unterricht genommen, als sie noch jung waren. Ein gutes Zeichen, finde ich!

Ich mache viele Workshops und gebe Unterricht, wenn mich jemand danach fragt. Und ich spüre ein ganz großes Interesse daran – was auch damit zu tun hat, dass es nicht nur die Möglichkeit gibt, in einer Big Band zu sitzen, einem Orchester oder einer Blaskapelle, sondern dass man auch seinen eigenen Weg gehen kann. Und das geht auch, wenn man Posaunist ist. Wenn ich das zeigen kann, dann bin ich zufrieden. Eine Posaune ist nur ein Instrument wie alle anderen auch. Es ist nur eine Verlängerung unserer Stimme.

Nils Landgren (Foto: Iris Stutz)

Carina: Die rote Posaune ist ja nicht nur dein Markenzeichen, sondern es war für Anfang 2003 ein neues Posaunenmodell nach deinem Entwurf geplant, das Yamaha weltweit vertreiben will. Wie weit ist es damit gediehen?

Nils: Nein, das ist noch nicht da, das dauert ewig. Wenn man mit so einer großen Firma wie Yamaha zu tun hat, dann muss man Geduld haben. Wir haben einen Prototyp gefertigt, aber es muss noch geprüft werden, ob das auch das optimale Modell ist. Wenn wir damit fertig sind, dann fangen wir erst mit der Produktion an. Und danach muss es den ganzen Weg von ganz unten nach ganz oben gehen, bis zu dem höchsten Chef in Japan. Das geht nicht über Nacht. Das dauert viel, viel länger, als ich jemals gedacht hätte.


Es wird ein Superinstrument;
ich würde es auch nicht spielen, wenn es nicht das Beste wäre!

Ich weiß, dass es kommen wird. Ich war im Januar in Japan und habe mich mit den Leuten unterhalten. Es sieht sehr gut aus und die wissen auch, dass die Posaune, die ich gemacht habe, besser ist als die Posaune, die sie selbst neulich herausgebracht haben. Das haben die auch selbst gesagt. Es bedeutet, dass sie kommen wird, es aber noch bis ungefähr nächstes Jahr dauern wird. – Aber damit habe ich auch kein Problem, denn es wird ein Superinstrument, und ich würde es auch nicht spielen, wenn es nicht das Beste wäre. Und ich spiele es auch nicht des Geldes wegen, ich spiele es, weil ich die Möglichkeit habe, etwas nach meinem Geschmack zu entwickeln.

Carina: Skandinavische Musik ist nach wie vor in unterschiedlichen musikalischen Genres sehr erfolgreich – speziell natürlich auch im Jazzbereich. Warum gedeiht scheinbar das musikalische Experiment gerade in den nordischen Ländern so gut?

Nils: Die Experimentierlust liegt vielleicht daran, dass wir alle – die Länder, natürlich – so klein sind. Wir müssen ja experimentieren, um unseren eigenen Weg zu finden, so dass wir überhaupt mal rauskommen aus unseren Ländern. Und es gibt eine ganz starke Volksmusiktradition in den Skandinavischen Ländern. So etwas gibt es ja hier in Deutschland nicht, das gab es früher, aber wie du weißt – ... 'irgendwas' passiert. Deswegen haben wenige Leute den Mut, das zu integrieren.

Bei uns lebt diese Tradition weiter, und die meisten, die mit Musik zu tun haben, kennen diese Musik. Kennen sie gut, kennen die Lieder – und deswegen ist das eine wirklich lebende Tradition. Wenn man von sich selber ausgeht, dann kann man auch besser experimentieren, denn es ist ja die eigene Musik. Man kann das einfacher mit Jazz – was wir Jazz nennen – mischen, und so wird es auf diese Weise hoffentlich zu einer skandinavischen Form von Jazzmusik.

Und es hat natürlich auch mit unserer geographischen Position zu tun. Schweden ist ja genauso groß wie Deutschland, aber besitzt nur neun Millionen Einwohner. Also: Kein Schwein wohnt dort! Es gibt nur Wälder und Alpen und Seen und was weiß ich. Natürlich existiert eine gewisse Melancholie. Es ist kalt, weißt du, und dann plötzlich, im Sommer, ist es dann vierundzwanzig Stunden lang hell – drei Monate lang.

In Norwegen ist es noch mehr so. Und ich glaube, die Norweger sind noch experimentierlustiger als wir. Die Norweger sind die Vorreiter in diesem Feld, so sehe ich das jedenfalls oft. Zwischen Schweden und Norwegen gibt es eine ganz enge musikalische Verbindung, mehr als mit Finnland oder Dänemark. Die Norweger haben die beste Beziehung zu ihrer Volksmusik – besser als wir – und das spürt man in der Musik aus Norwegen. Auch beim Gesang und allem: Das ist wirklich so persönlich. Das versuchen wir natürlich auch in Schweden zu finden, diese Persönlichkeit.

Nils Landgren (Foto: Klaus Fuchs)

Carina: Du warst künstlerischer Leiter des Jazzfestes 2001. Im Nachhinein, war das eine dankbare Aufgabe oder auch eine enorme Belastung? Würdest du gerne noch mal ein Festivalprogramm gestalten oder künstlerischer Leiter einer Veranstaltungsreihe sein?

Nils: Ja, das war natürlich anstregend, das muss ich schon sagen. Es war ein riesiger Aufwand und eine Herausforderung. Aber ich kannte die Voraussetzungen: Ich habe das ganze Festival erweitert – plötzlich hatten wir fünf Spielorte, fünf Tage... – Viel mehr als vorher, viel mehr Bands, alle aus Skandinavien, alle fast unbekannt, und erstaunlicherweise war das ein Riesenerfolg. Aber ich war fast weißhaarig nachher.

Ein halbes Jahr später war ich wieder grauhaarig, aber direkt nach dem Festival war ich total weiß. Und ich habe auch damals in der letzten Nacht einen kleinen "Unfall" gehabt, ich habe mein Auge kaputt geschlagen bekommen. Musste um fünf Uhr ins Krankenhaus fahren und um zehn Uhr eine Pressekonferenz halten. Ziemlich hart war das! Es musste mit sieben Stichen genäht werden. Eine kleine Erinnerung von einem Künstlerfreund, der mich fertig gemacht hat...

Ich war auf Tour die ganze Zeit, und musste die gesamte Logistik für Skandinavien allein machen. Das war heftig, denn es waren 36 Bands – davon drei Big Bands – und ständig änderte sich was. Ich habe es mit SAS gemacht. Wir haben Geld vom schwedischen Staat gekriegt, alle skandinavischen Länder, und deswegen musste ich das über Schweden machen usw. usw. usw.

Es war ein riesiger Aufwand, es war unheimlich viel Arbeit, aber natürlich bedeutete es auch wahnsinnig viel Arbeit für die Leute im Büro. Für den Ino von Hasselt und die Bianca Göbel, die mussten ja dreimal so viel arbeiten wie normal. Wir haben ja alle äußerst hart gearbeitet. – Insgesamt ist es aber gut gelungen, und ich würde es gerne noch einmal machen. Es muss ja nicht unbedingt mit skandinavischer Ausrichtung sein... – Das war nur mein Auftrag vom Intendanten, aber ich würde es gern noch einmal machen ... wenn jemand mich fragt.

Carina Prange

CD: Landgren/Gustafsson - "I Will Wait For You"
(Act Music ACT 9418-2)

Nils Landgren im Internet: www.nilslandgren.com

Act-Music im Internet: www.actmusic.com

Fotos: Act Music

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© jazzdimensions2003
erschienen: 12.9.2003
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