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Malia - "Engel in purpurnen Schuhen"

Aus einem kleine Dorf in Malawi zunächst nach London, dann als erfolgreiche Sängerin um die ganze Welt – so könnte die steile Karriere dieser ungewöhnlichen Frau zusammengefasst werden. Bei ihrem Konzert im Berliner Soultrane am 8. April ließ Malia, einfühlsam unterstützt von ihrer vierköpfigen Band, nichts aus: ob Soul, Jazz, Pop oder Blues – ihr liegen Songs mit emotionalem Tiefgang. Mit ihrer eher in tieferen Lagen angesiedelten, leicht brüchigen Stimme nimmt sie das Publikum für sich ein, ihre Lebendigkeit und natürliche Ausstrahlung tun ein übriges.

Malia (Foto: Prune Vidal)

Malia live – ein Erlebnis, ihr Album "Yellow Daffodils" - ein ernstzunehmendes Debüt, das sogleich den ein oder anderen potentiellen Hit für die Popcharts liefert...

Carina Prange sprach in Berlin mit der Künstlerin.

Carina: Deine Songs handeln vom Leben und der Liebe, sind alle von einer sehr persönlichen Warte aus geschrieben. Dass du dir beim Texten viel Gedanken machst, zeigen Songs wie "Moon Glows". Was inspiriert dich für deine Lyrics? Welche Themen sind dir so wichtig, dass du einen Song darüber machst?

Maila: Der Ansatz ist eigentlich nicht der, dass ich etwas als bedeutsam empfinde und deshalb das Gefühl hätte, unbedingt darüber schreiben zu müssen. Die Themen kommen einfach so daher, auf eher natürliche Weise. Ich habe irgend etwas im Kopf, eine Zeile oder so... - wie bei "Angel Kiss" wo ich über ein Kind nachdachte, wie es geboren wird, aufwächst. Und an Engel habe ich gedacht... – der Klang der Worte gefiel mir. Deshalb wurde ein Text daraus, es war nichts eigentlich Zwangsläufiges.

Was das Lied "Purple Shoes" angeht, dazu gibt es eine ganz lustige Geschichte aus der Zeit, die ich in Frankreich verbracht habe. Ich lief in diesem Schuhen herum, weil mir eben danach war. Alle Franzosen dachten ich sei wohl verrückt, weil es Sommerschuhe waren und wir gerade Winter hatten. Ich dachte, meine Güte, was für eine komische Einstellung die alle haben! Deshalb begann ich, ein Lied über purpurfarbene Schuhe zu schreiben.

Also noch mal – einen Drang zu einem bestimmten Thema fühle ich fast nie, die Dinge kommen einfach. Zu den Songschreibern, die sich sagen können, so, jetzt schreibe ich mal ein Stück! – zu denen gehöre ich nicht. Das funktioniert für mich so nicht. Ich lasse die Dinge einfach laufen. Und das wird dann auch viel freier und ungezwungener.

Malia (Foto: Prune Vidal)

Carina: Warum hast du "Yellow Daffodils" als Titelstück deines Albums ausgewählt? Liegt der Reihenfolge der Stücke so etwas wie eine innere Dramaturgie zu Grunde, und falls ja, wie kam es dazu?

Maila: Nun, einmal ist "Yellow Daffodils" zufällig das allererste Stück, das Andrew und ich geschrieben haben. Dann sind "Daffodils" – Narzissen – gleichzeitig die Lieblingsblumen meines inzwischen verstorbenen Vaters. Das ergab für mich einen starken emotionalen Hintergrund – und aus diesem Grund habe ich es auch meinem Vater gewidmet.

Die weitere Abfolge der Stücke haben wir einfach versucht, gefühlsmäßig zu entscheiden. So nach dem Motto, wie kann es auf natürliche Weise weitergehen, in welcher Stimmung ist man nach dem vorhergehenden Titel... — Also haben wir sie einfach so in eine Reihenfolge gebracht. Ich hatte da natürlich meine Meinung und Andrew seine. Am Ende hat er sich in den meisten Fällen durchgesetzt, aber mit dem Ergebnis bin ich völlig glücklich.

Malia - "Yellow Daffodils"

Carina: Deine Platte hat eine ziemlich große Bandbreite, von Chansonähnlichem über eindeutige Jazzklassiker bis hin zu Songs, die man als Pop oder Dancemusic bezeichnen könnte. Andrew, dein Produzent behauptet, du würdest alles gleichermassen gut singen, deine Stimme sei so vielseitig. In welcher Richtung liegt dein Hauptinteresse – oder vielleicht deine Zukunft?

Maila: Also, in den Bereich "Dancefloor" würde ich persönlich keines der Stücke einordnen, auch wenn einige Leute das vielleicht anders sehen. Was mich angeht, ich fühle mich dann richtig zu Hause, wenn es um Jazzstandards geht. Stücke wie "Indian Song", "Moon Glows" oder "Solitude", damit fühle ich mich einfach wohl. Oder Sachen, weißt du, die etwas mehr "up-Tempo" sind, das macht mir Spaß. Und Bossa Nova liebe ich. Eben die Art von Musik mit der ich so viele Jahre verbracht habe.

Carina: Geboren und aufgewachsen bist du in Malawi. Dein Vater war Engländer, deine Mutter Afrikanerin. Auf diese Weise warst du unter dem ständigen Einfluss zweier Kulturen. Als du schließlich nach Großbritannien kamst, fühlte sich das für dich fremd an? Was ist dein Eindruck von den Europäern und ihrer Kultur?

Maila: Es war schon ungeheuer anders. In Malawi führten wir ein sehr abgeschirmtes Leben. Es gab da kein Fernsehen. Kein großer Einfluss ausländischer Musik oder von Zeitschriften, Literatur. Und nur wenige Kinofilme. Diese ganzen Quellen gab es einfach nicht, diese Informationen – stattdessen sind wir halt auf Bäume geklettert, Fahrad gefahren, all die Dinge, die man als Kind eben so macht. Gute Dinge – und ich bin so froh deswegen.

Nun, als wir nach England kamen, war das vergleichsweise ein einziger großer Rummelplatz. Wir haben uns mit Schokolade vollgestopft, rund um die Uhr den Fernseher laufen lassen, und alles aufgesogen. Eigentlich hat mich das gar nicht so gestört, bis ich so siebzehn, achtzehn war. Da begann ich, mich ein bißchen verloren zu fühlen: ich gehöre nicht hierher, ich bin nicht richtig Englisch.

Das war eine Zeit, in der ich ungeheuer viel gelesen habe, über die Sklavenzeit, die schwarzen Wurzeln – alles was ich kriegen konnte. Ich hatte eine sehr viktorianische Erziehung gehabt, im Sinne, dass wir die Geschichte aus englischer Sicht kennengelernt hatten. Ich hatte ja gar keine Ahnung von diesem Reichtum meines Volkes an eigener Literatur und eigener Musik!

Malia (Foto: Benoît Peverelli)

In Folge war ich eine Zeitlang ziemlich anti-weiß eingestellt, sozusagen. Ich musste einfach immer daran denken, was dieses Regime mir angetan hatte, meiner Familie. In diesem Alter, eben mit siebzehn, achtzehn war dieses Gefühl sehr stark. Damals habe ich auch abgefangen, Jazzmusik zu hören. Billie Holiday, Sarah Vaughan – diese Frauen, ihre Stimmen haben etwas in mir berührt. Auf eine Art berührt, die sich ungeheuer angenehm anfühlte, so wie stundenlang im Bett liegenbleiben – einfach durch diese Musik.

Was England angeht, der Umzug dahin hat eine Menge positiver Folgen für mein Leben gehabt, in Bezug auf Ausbildung und Wissen. Und Jazzsängerin hätte ich in Malawi nie werden können, und schon gar nicht davon leben. Es gibt natürlich auch schlechte Seiten, aber das Gute überwiegt bei weitem!

Carina: Zum professionellen Jazzgesang scheinst du ziemlich unmittelbar und direkt gekommen zu sein. Man sagt, du hättest einfach eine Band zusammengestellt und, nachdem du ein bestimmtes Stück von Liane Foly gehört hattest, ihren Produzenten kontaktiert. Der ist jetzt also auch dein Produzent. Woher nimmst du die Zuversicht und den Mut so zielstrebig deinen Weg zu gehen? War es immer so einfach, wie es im Nachhinein aussieht?

Maila: Ich glaube, ich gehöre als Person zu der Kategorie von Menschen, die entweder furchtbar unsicher sind, oder unglaublich stark. Und dazwischen gibt es sozusagen nichts. Auf eine Art kann dich, wenn du ohnehin schon unsicher bist, nichts noch weiter verunsichern. Da ist es dir tatsächlich egal, was die Leute erzählen - du bist sozusagen soweit unten, dass dich nichts mehr niederdrücken kann.

So war es, als ich schwankte, ob ich meinen Job aufgeben sollte, um Sängerin zu werden. Warum auch nicht – schlimmer würde es bestimmt nicht! — Meinen Eltern muss ich zugute halten, dass sie mich in dieser Hinsicht nie eingeengt haben. Nie gesagt, ich müsse so und so sein, einen Abschluss machen oder Arzt werden. In der Beziehung waren wir alle immer völlig frei, ich konnte eigentlich immer machen, was ich wollte.

Und da passierte es eben einfach mit der Musik; plötzlich war der Entschluss da. Hart war es, die ersten Gigs zu bekommen - oder wenn da Leute kamen und sagten, ich sei nicht gut, oder sie würden unsere Musik nicht leiden können. Wenn man sich aber ernsthaft entschlossen hat, spielen solche Sachen keine echte Rolle. Sie halten dich aber auf, und das ist das wirklich Ärgerliche daran. Das Singen machte mir aber immer so viel Spaß, dass es mir nur darauf ankam, damit meine Unabhängigkeit zu gewährleisten, einen Platz zum Wohnen zu haben. Wenn das gegeben ist, reicht's mir eigentlich – ich brauche nicht Millionen damit zu verdienen.

Ob man das im nachhinein als Mut oder jugendlichen Leichtsinn bezeichnen will, ist die eine Sache. Die andere liegt sicher darin begründet, dass ich aus Malawi stamme und damit schon etwas aus dem System herausfiel. Wäre ich von Anfang an in England aufgewachsen und hätte mich konformer verhalten müssen, vielleicht wäre dann alles anders gekommen. Ich sah mich aber ohnehin schon etwas als Aussenseiterin – da fiel es leichter, etwas zu tun, was nicht ganz so nahe liegt, wenn du verstehst.

Das ist alles ganz prima gelaufen, wenn man es heute so betrachtet. Es gab aber auch mal eine Zeit, als alle glaubten, da wird nie was draus, ich würde mein Leben damit zubringen, in Bars zu tingeln. Ich sagte, ja, mag sein... – aber so ist es dann eben. Ich will singen. — Jetzt habe ich einen großartigen Gitarristen, einen phantastischen Bassisten. Toll –, wir spielen klasse Konzerte und ich habe so viel Spaß dabei. Was sollte ich mir also noch wünschen? Es hätte aber auch anders kommen können...

Malia (Foto: Prune Vidal)

Carina: André Manoukian, dein Produzent, sagt, dein Geheimnis wäre, dass du sich zwar an die Noten hältst, gleichzeitig aber davon völlig unabhängig seist. Stimmt das? Woran denkst du beim Singen - die Stimmung des Liedes, sein Text, die Melodie?

Maila: Eine eigenes Stück zu singen, bedeutet auf eine Art, sich zu beweisen, das man existiert. Ich bin noch immer gleichzeitig schüchtern und unsicher, wenn es darum geht, eine Ballade zu singen, obwohl ich das nun schon seit acht Jahren mache! Wenn es nicht meine eigenen Stücke sind, muss ich mich weniger exponieren. Aber mein Selbstvertrauen baue ich auf, wenn ich meine Sachen mache – der Gedanke, dass die Leute deine Platte kennen, die Texte kennen, und dass sie eigens wegen dir kommen, der hat schon etwas Einschüchterndes.

Da komme ich hoffentlich mal drüber weg, immer zu grübeln was die Leute wohl gerade denken – über mich, über das, was ich singe. Mein Gott, was denken die jetzt? Nach diesem, immer irgendwie entsetzlichen erstem Stück bin ich entspannter, kann mich leichter auf die Songs einlassen. Und jedes Konzert ist anders, ich singe anders, der Bassist spielt eine etwas andere Linie... – wenn alles funktioniert ist das toll. Und die Stimmung trägt mich dann, ich gehe in der Musik auf... – und singe einfach.

Carina: Hast du eine Lebensphilosopie?

Maila: Schon so etwas in der Art – aber ich betrachte es nicht wie eine Sache, die man besitzen kann. Es gibt immer Dinge im Leben, die dich glücklich machen. Dass man unglücklich ist mit bestimmten anderen Dingen, merkt man aber oft nicht so leicht. Der Schlüssel liegt also darin, herauszufinden, was gut für dich ist.

Das kann ganz schön schwer sein. Manchmal leben wir in Umständen, wo wir ganz vergessen haben, wie es ist, glücklich zu sein. Mein Leitfaden wäre, trotzdem zu versuchen, die Dinge zu finden, die richtig sind. Und diesen dann einfach folgen...

Carina Prange

CD: Malia - "Yello Daffodils" (Epic/Sony 505369/5)

Malia im Internet: www.malia-online.com

Fotos: mit freundlicher Genehmigung von Uwe Kerkau Promotion

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© jazzdimensions2003
erschienen: 10.4.2003
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