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Konstantin Wecker -
"Lieder können verändern!"

Konstantin Wecker hat immer zu denen gehört, die den Mund aufmachen, die nicht schweigen wollen, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht. Nach langen Jahren auf der Bühne als der Macho unter den Polit-Sängern – politisch stets kritisch, aber gleichzeitig nach aussen mit dem Lebensstil eines Rock-Stars zwischen Rotlichtmilieu und Bohème – kam der Absturz.

Und Wecker stürzte tief – mitten hinein in die Höllen der Kokainsucht. So tief, dass der Knast unmittelbar bevorstand und ein Ausweg nicht in Sicht schien. Doch dann hat sich der Mensch Wecker wieder aufgerappelt, seine Seele mit Hilfe einer neuen Selbstfindung, dem Abschied von alten Gewohnheiten und Geschichten ins Jetzt und Heute hinübergerettet. Jede Krise, pflegt er zu betonen, stellt auch eine Chance dar. Konstantin Wecker hat die seinige genutzt und ist seitdem stärker als je zuvor.

Konstantin Wecker

Der neue, der geläuterte Konstantin Wecker von heute steht nach wie vor - oder vielmehr, wieder – für eine klare Auseinandersetzung mit dem politischen Leben in Deutschland und der Welt. Allem voran jedoch geht das Ende der persönlichen Selbstzersplitterung, kommt das Eins-Sein mit sich selbst. Wecker, der Musical-Schreiber, Wecker, der Irak-Reisende im Auftrag des Friedens, Wecker, der kritische Liedermacher und Wecker, der Familienvater - keine verschiedenen Rollen, sondern Aspekte einer nunmehr in sich geschlossenen Persönlichkeit.

Wecker, der Unverwechselbare, meist nur mit dem Nachnamen zitierte oder in der Heimat Bayern liebevoll als "der Konstantin" bezeichnete, ist auch aus der jetzigen politischen Liedermacher- und Songwriterszene nicht wegzudenken. Seine Stimme, bereits der versunkenen Sturm- und Drangzeit des deutschen Liedermachertums zugerechnet wird noch und wieder gehört. Wecker ist inzwischen in dem Alter und in der Position, als Vorbild für eine Generation junger Songschreiber zu dienen. Solche Songschreiber, die in der Plattenindustrie keine Lobby besitzen und nach deren Texten sich die junge Generation doch sehnt: viel zu übersättigt ist sie vom Pop-Kommerz ohne Gefühl...

Carina: Was aber hat ursprünglich den Ausschlag gegeben, dass "der Wecker" sich nach seiner Lebenskrise entschlossen hat, auf der Bühne wieder Musik mit politisch ambitionierten Aussagen zu machen?

Konstantin: Ich bin wieder klar im Kopf und diese Klarheit hat mich geradezu gezwungen, mich intensiver als die Jahre vorher, die doch etwas nebulös waren, mit den Zeitumständen zu beschäftigen. Und nicht nur mit mir selbst. Ich bin einen zweigleisigen Weg gegangen: ich habe sehr viel innere Arbeit leisten müssen, weil man das natürlich tun muß in der Bewältigung einer Sucht und in jeder Bewältigung einer Krise. Und ich habe gleichzeitig versucht, meinen Intellekt wieder zu schulen. Das war möglich, da ich das große Glück gehabt hatte, dass mir durch diese Unmengen von Drogen, Gott sei Dank, der Verstand nicht flöten gegangen ist.

Wir brauchen sowohl in der Politik eine neue Spiritualität - und ich verwende ganz bewußt dieses Wort, das durch die Esoterik leider sehr diskreditiert wurde. Es gibt zur Zeit eine sehr spannende Bewegung, ausgehend von so großen Geistern wie Ken Wilber. Aber auch die Buddhisten diskutieren momentan, ob es denn noch einen Sinn macht, sich ins Kloster zurückziehen, wie Buddha damals gelehrt hat. Oder ob es nicht notwendig ist, dass gerade Menschen, die innerlich sehr reich sind, nach außen gehen, sich engagieren und sich mit einmischen.


Wir brauchen in der Politik eine neue Spiritualität!

Es wird soviel geschmiert und gelogen und aus lauter Gier werden wir so beschissen. Wenn sich das soziale Leben hauptsächlich nur noch in der Einkaufszone wiederspiegelt oder allein vor dem Fernseher und mit einer Flasche Wodka, dann ist doch irgendetwas faul an dieser Gesellschaft. Wir sind soweit, daß wir sinnlose Dinge konsumieren, in dem Wahn, wir könnten dadurch glücklicher werden – und in Wirklichkeit immer nur ein System befriedigen, daß immer neue Bedürfnisse schaffen muß, weil es sonst kollabieren würde.

Es gilt, das zu wissen, aufzudecken, sich zu vernetzen. Ich sage bewußt: keine neuen Parteien gründen, das hat, glaube ich, alles keinen Sinn. Wenn sich starke Individuen zusammentun, dann können sie sich nicht im Regulativ einer Partei zusammenfinden. Diese starken Individuen hat es immer schon gegeben, die gibt es auch weiter, die sollen sich finden, das ist unsere Chance!

Konstantin Wecker

Carina: Stichwort "Lebenskrise" – du hast dich nach einer heftigen Drogensucht wieder aufgerappelt, hast zu dir gefunden und zurück zu deinen eigenen Songs. Was können Menschen aus einer Krise lernen? Was hast du daraus gelernt – ist es möglich, nicht nur viel stärker aus einer Krise hervorzugehen, sondern auch mit einer viel offeneren Sicht der Welt/Umwelt und seiner selbst?

Konstantin: Ich glaube, Krisen sind überhaupt geschaffen dafür, daß man aus Ihnen lernt. Die Krise ist notwendig, damit wir ein Stück mehr von uns selbst kennenlernen. Ich persönlich bin mindestens vier oder fünfmal vom Schicksal auf das gleiche Thema gestoßen worden- ich habe es nicht kapiert. Ich glaube, wenn ich´s diesmal nicht kapiert hätte, wäre Schluß gewesen. Weil sich das Schicksal irgendwann sagt (lacht), gut, er will nicht, also lassen wir´s bleiben.

Ich verstehe mich – mittlerweile – sehr viel besser mit Menschen, die auch schon mal eine Krise, eine große Krise, durchgemacht haben. Wir haben einen anderen Blick auf die Welt.

Ich möchte nicht alles schönreden, was ich getan habe - überhaupt nicht. Ich ärgere mich über vieles, aber die Krise hat mich wenigstens wieder zu mir geführt. Ich war nicht mehr bei mir. Ich bin ganz klassisch dem Trauma dieser Gesellschaft erlegen, hatte keine Identität mehr. Die hat man nicht, wenn man Drogen nimmt! Im Endeffekt läuft jeder, der Drogen konsumiert - und da meine ich ganz bewußt auch Nikotin und Alkohol - diese Gefahr.


Ich hatte keine Identität mehr.
Die hat man nicht, wenn man Drogen nimmt!

Was heißt das, "identisch" mit sich zu sein? Es heißt, sich ohne Umwege anzunehmen. Ohne sich dauernd nach außen präsentieren zu wollen, was uns am allerschwersten fällt. Das mußte ich wieder lernen, und es ist interessant. Ich habe früher so viel gegen die Gesellschaft angeschrieben und angesungen. Das war nicht gelogen, war ehrlich.

Trotzdem bin ich ihr auf den Leim gegangen, all den Idealen eines Spätkapitalismus. Und das, während ich noch sozialistische Ideen im Kopf hatte. Also, es ist schon sehr "tricky", was hier passiert (lacht) – um auch mal einen Amerikanismus zu verwenden, nicht wahr?!

Carina: Konstantin Wecker, der politische Sänger, der sich mit Biß und Ironie den Themen der Gegenwart widmet... Wie wird man selbst damit fertig, ständig irgendwelchen Erwartungen ausgesetzt zu sein?

Konstantin: Natürlich ist es schwierig. Immer wieder hört man die Frage, ja wo ist er denn, der alte, schwitzende Wecker? Der alte, schwitzende Wecker, der kann nicht mehr soviel schwitzen, weil er nicht mehr soviel säuft! Wer das nun speziell vermißt, der hat halt Pech, der muß sich einen anderen schwitzenden Sänger suchen (lacht). Wenn schwitzen zum Synonym wird für Hingabe, dann ist es das falsche Synonym.

Ich bin - das merkt man mir in den Konzerten an - hingebungsvoll. Ich bin voller Energie und ich liebe diese Abende. Ich liebe sie mehr als in den Jahren, in denen ich auf Drogen war. Weil ich mich da eher darauf gefreut habe, nach dem Konzert Drogen nehmen zu können.

Konstantin Wecker

Wenn man so will, bin ich ja sowieso eine aussterbende Gattung. Ich merke, dass diese Art von Kultur, wie ich sie betreibe, im gesellschaftlichen Bild immer uninteressanter wird. Man findet immer weniger statt im Rundfunk, man findet kaum statt in den Medien, ausser mit irgendwelchen musikfremden Dingen. Das heißt nicht, das es nicht wichtig wäre. Das Entscheidende daran ist – daran glaube ich nach wie vor – ich mache Lieder, die verändern können. Nicht die Welt, aber den Menschen. Das weiß ich. Wie bei einem guten Roman, den du liest und dich dann mit der Figur identifizierst. Das kann dein Leben ändern, dich zu dir selbst bringen!

Diese Art von Kunst ist am Aussterben, weil von der Unterhaltungsindustrie nicht gewünscht. Man will nicht, daß wir unser Leben ändern, in uns gehen und vielleicht nicht mehr so konsumfreudig sind. Wir müssen das mal ganz klar marktwirtschaftlich sehen, die Industrie hat anderes mit uns vor. Wenn eine immer kleinere Zahl von Konzernen unsere Medien und vor allem auch unsere Kultur beherrschen, dann heißt das, daß der Profit im Vordergrund steht. Denn der Profit ist das Wesen eines Konzerns.

Carina: Den Song "Willi", den du über einige Jahre nicht mehr singen wolltest, hast du wieder ins Programm genommen. Und auch den Text aktualisiert - mit wechselnden Inhalten. Hat das Stück eine dafür geeignete geniale Dramatik, oder was ist der Grund?

Konstantin: Das Stück hat den besten "Trick", den ich mir jemals habe einfallen lassen (lacht). Ich kann erzählen, was ich will. Ich mache dazu Musik und dadurch, daß es ja ein Talking Blues ist und kein Essay, kommt es auch emotionaler rüber für die Leute. Und ich kann in einfacheren Worten sprechen als ich für eine Zeitung schreiben würde.

Dort würde ich mir viel mehr Hintergrundgedanken machen müssen, Fußnoten, Anmerkungen machen, Belege bringen. Das muß ich hier nicht, ich kann mit meinem Publikum reden wie ich mit einem Spezi an der Bar reden würde. Und das ist natürlich der wirklich geniale Einfall dieses Lieds gewesen.

Carina: Woody Guthrie, Billy Bragg, Reinhard Mey, Franz Josef Degenhardt - die Tradition der politischen Songwriter. Wieviel hast du mit ihnen gemeinsam?

Konstantin: Musikalisch habe ich mit all denen ganz wenig gemeinsam. Weil ich, wie gesagt, von einer ganz anderen Wurzel her komme, eher von der Richtung Schubert. Die genannten kommen eigentlich alle aus der Woody Guthrie Tradition. Hannes Waders schöne Lieder sind ja oft eher Traditionals, die er übersetzt hat, das ist richtiger klassischer Folk. Mit dem hatte ich nie so richtig was am Hut, obwohl es mir gefällt.

Und mein großes Vorbild war damals Carl Orff. Lieder wie "Hexeneinmaleins", "Frieden im Land", die sind stark beeinflußt von Orff. Ich habe das Marimbaphon und das Schlagwerk mitgenommen, habe eigentlich immer eine sehr eigene Musik gemacht. Eine ganz eigenständige Musik, die nie besonders populär war, die gar nicht die Chance zu einer großen Popularität hatte.

Ich sehe mich – als politischer Sänger – auch nicht in deren Tradition. Ich bin ein paar Jahre später dran. Die waren alle auf der Waldeck. Meine großen Leute waren Benn, Rilke und Goethe.

Konstantin Wecker

Ich bin ein sehr eigenes Gewächs, das mit einer komischen Mischung aus bürgerlicher Klassik und einem überhaupt nicht dazu passenden Leben gestartet ist. Ich habe das Leben eines Rock´n´Rollers geführt und habe mir zuhause Gustav Mahler reingezogen. Irgendwie war das alles sehr eigenartig, hat nie so ganz gestimmt. Ich habe bis zu meinem 18. Lebensjahr fast nur Oper gehört und ein bißchen Konzert und Sinfonie.

Carina: Deine heutigen Songtexte sind geprägt von Gradlinigkeit und klaren Worten, aber auch von Ironie und Witz. Wie sehr haben deine Lieder heute mit dir selbst zu tun, und inwiefern unterscheidet sich das von deinem früheren Umgang mit Songtexten? In diesem Zusammenhang – inwieweit ist das Politische privat und das Private politisch?

Konstantin: Ich habe nie trennen können zwischen privat und öffentlich, zwischen privat und politisch. Nur, es ist jetzt alles näher bei mir. Ehrlich waren meine Lieder immer – aber ich war nicht so ehrlich wie meine Lieder. Ich konnte ihnen nie ganz folgen. Ich schreibe immer – und das ist bis heute so! – aus dem Unbewussten heraus. Das heisst, mich verfolgt eine Zeile und dann folge ich ihr. Diese Assoziation ist ja die Chance der Poesie. Es ist wie bei Träumen – in Träumen ist jeder Mensch poetisch.


Ich schreibe immer aus dem Unbewussten heraus.
In Träumen ist jeder Mensch poetisch!

Bernhard Shaw hat mal gesagt, es gibt Leute, die träumen, um einzuschlafen und es gibt Leute, die träumen, um aufzuwachen. Und die, die träumen, um aufzuwachen, das sind die Dichter. Die ihre Träume weiterführen können, also ihr Unterbewusstes, das sehr weise ist. Das können sie während des Tages in Gedichte fassen – oder in Romane, Musik. Das ist mir oft gelungen.

Diese Begabung hat nicht bewirkt, dass ich dem im Leben immer hätte folgen können. Mein Gott, ich habe auch viel Glück gehabt, manche sind schon mit dreissig gestorben! Hochbegabte Menschen, die das ebensowenig ins Reine bekommen haben. Mittlerweile schaffe ich es viel besser, meine Lebensweise dem anzupassen, was in mir passiert. Ich bin identischer in jedem Sinn – ich bin nicht nur beim Schreiben identisch, ich bin mittlerweile auch schon im Leben etwas identischer. Wenn man mich nach dem großen Ziel fragen würde, wäre es, in der Todessekunde wirklich ganz "identisch" zu sein – ganz da zu sein, ich zu sein, verbunden mit dem, was ist und mit der Gegenwart verbunden. Das wäre es vielleicht, das Ziel eines langen Lebens...

Pressephotos: Thomas Karsten

Konstantin Wecker im Internet: www.wecker.de

Politisches Forum von Konstantin Wecker im Internet:
www.hinter-den-schlagzeilen.de

Das Interview erschien in voller Länge im Folker!, Ausgabe 3-03

© jazzdimensions2003
erschienen: 29.7.2003
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