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Hipnosis - "Jazzband ohne Trance-Rituale"

Eigentlich wurzelt ihre Musik im Jazz der 60er Jahre, dies allerdings - worauf Hipnosis bestehen - nicht rein "Retro", sondern mit Gegenwartsbezug. Um diesen Anspruch zu zementieren, erschien Anfang des Jahres zunächst eine Vorab-EP mit DJ-Remixen einiger Stücke der Band. So etabliert, schob die Gruppe später das "echte" Debüt "Hipnosis Jazz" nach, auf dem sie, hierzu in scheinbarem Widerspruch, dem Jazz in Reinform frönen.

Hipnosis

Dennoch leben die fünf jungen Musiker mit Standort München die Verbindung zwischen DJ-Culture und Jazzmusik auch auf der Bühne aus: einmal im Monat wird im Münchner Club "Prager Frühling" ein Livekonzert der Band durch - ebenfalls jazzorientierte - Musik vom Plattenteller umrahmt.

Im Oktober 2003 werden Hipnosis - bestehend aus Wanja Slavin (a-sax, a-cl, flute), Gerhard Gschlößl (tb), Ralph Kiefer (p, Fender Rhodes), Jerker Kluge (ac. bass) und Martin Kolb (dr) - dann deutschlandweit auf Tour sein, um noch mehr Hörer mit ihrer Verbindung aus Retrosound und Aktualität zu hypnotisieren...

In Berlin stellten sich Jerker und Martin dem Gespräch mit Carina Prange.

Carina: Die übliche Einstiegsfrage - wie habt ihr euch kennengelernt, wie ist die Idee zum Projekt Hipnosis entstanden?

Jerker: Die Band gibt es schon länger, seit drei Jahren - wie man das so kennt, in immer wechselnder Besetzungen. Wir haben so vor uns hingespielt, eigentlich einfach die Musik gemacht, die wir gerne machen wollen. Und irgendwann habe ich in Verbindung mit einem anderen Projekt den Marcus Hacker von Perfect Toy Records kennengelernt. Ich habe ihn angerufen und zu einem Konzert von Hipnosis eingeladen. Und er hat gemeint: super, da müssen wir was machen. So hat sich das ergeben - das war vor eineinhalb oder zwei Jahren. Es hat noch ein bißchen gedauert, bis wir uns sicher waren, wie das alles läuft. Und schließlich haben wir dann die Platte aufgenommen...

Carina: Wie kamt ihr auf den Bandnamen Hipnosis? Mit dem gleichnamigen Film mit Hildegard Knef aus dem Jahr 1962 hat das vermutlich nichts zu tun?

Jerker: Nein, nein - das kommt von dem Stück "Hipnosis" von 1967 - geschrieben von Grachan Moncur III, dem Posaunisten, der viel mit Jackie McLean zusammenarbeitete (Jackie McLean Quintet - "Hipnosis", Blue Note 1967; die Red.). Wir stiessen, wie gesagt, auf dieses Stück, und fanden es einfach super. Und der Name hat uns auch gut gefallen - er passte zur Band, weil im Stück viele modale Sachen sind, auch viele repetitive Akkorde. Dieses vom Groove her Hypnotische, das soll auch durch den Namen ausgedrückt werden.

Hipnosis

Carina: War das deine Idee, oder ...?

Jerker: Wir haben dieses Stück gehört und entschieden, es unbedingt nachzuspielen. Danach erst haben wir auf der Platte geschaut wie es heißt. - Und dann gesagt: das wird der Bandname, das ist super. Martin: Das hat sich, glaube ich, noch minimal geändert. Am Anfang hiess es erst "Hypnosis", mit Ypsilon. Dann gab es aber Recherchen, und in der Form war der Name einfach schon zu oft belegt.

Carina: Seht ihr euch mit der Musik eher der Jazztradition verpflichtet oder auch den Sounds der Gegenwart? Anders gefragt: ergänzt ihr den Jazz um clubtaugliche Komponenten oder ergänzt ihr die Clubmusik um Jazzinhalte - wo liegt euer Schwerpunkt?

Martin: Eindeutig im Jazz. Unser Ding ist einfach der Jazz. Das Album, das du gehört hast, ist - im Gegensatz zu den Remixen - ja ein reines Jazzalbum, da gibt es in diesem Sinne auch nicht wirklich Clubelemente. Es funktioniert, auch ohne Bezug zum Remixalbum, als einzeln stehendes Jazzalbum. Die Idee bestand darin, von diesen Jazzstücken zusätzlich noch Remixe machen zu lassen und dadurch auch ein Clubpublikum zu erreichen. Dass Leute vielleicht über diese Remixe den Einstieg zum Jazz finden und dann eventuell beide Produkte mögen könnten.

Carina: Auf diesem Weg das Publikum vergrössern?!

Martin: Ja, genau - eigentlich schon. Es geht auch darum, das Publikum zu erweitern. Was das Album selbst angeht, sind dafür keine Kompromisse gemacht worden. Es war nicht so, dass man sagte, o.k., wir müssen jetzt da so einen funky Groove drunterlegen, sonst mag es vielleicht keiner hören. Nein, überhaupt nicht - das ist wirklich ein reines Jazzalbum.

Jerker: Eher spielen die ganzen Einflüsse hinein, die wir alle automatisch haben. Die Musik wurde von uns zwar im Sound der 60er Jahre geschrieben, aber natürlich stammen die Kompositionen trotzdem von uns - aus der heutigen Zeit. Wieder mit allen Einflüssen, denen wir ausgesetzt sind. Von daher, wenn diese Clubeinflüsse vorhanden sind, dann eher ein bißchen unterschwellig und nicht offensichtlich. Aber da sind sie natürlich auf jeden Fall, weil die Musik einfach in den 60ern so nicht gemacht worden wäre.

Hipnosis

Carina: Warum habt ihr euch gerade für "Half and Half" von Charles Davis als einzige Fremdkomposition entschieden?

Jerker: Das hat damit zu tun, wo wir herkommen. Und es ist natürlich ein Wahnsinnsstück und dazu nicht so abgenudelt. Nicht so eine "typische" 60er Jahre Nummer - wir hätten ja auch beispielsweise Art Blakey und die Jazz Messengers spielen können. Das ist aber nicht wirklich unser Ding - und auch nicht dieselbe Ecke. Aber dieses modale Element, das schon ein bißchen in die freiere Richtung geht, das ist genau, was wir machen wollen. Und "Half and Half" ist außerdem nicht so bekannt und hat sich daher angeboten. So als kleine Reverenz...

Carina: Ist Jazz heute die wortlose Antithese zur Popmusik? Wieviel Wert legt ihr darauf, zeitbezogene Musik zu machen?

Martin: Ich denke, dass Jazz eigentlich immer zeitgemäße Musik ist. Das war früher topaktuell, genauso wie es das heute sein kann. Jazz ist eine Musik, die immer in dem Moment entsteht- außer man spielt wirklich nur Jazzstandards nach und versucht, das Alte irgendwie zu imitieren. Aber sonst war und ist Jazz meiner Ansicht nach stets eine Musik, die ganz vorne dabei ist.

Jerker: Und schließlich ist die Popmusik ja nicht mehr das, was sie mal war - früher war sie vielleicht mal in musikalischer Hinsicht ein Vorreiter, so in den 60er/70er Jahren. Inzwischen aber ist sie überhaupt nicht mehr in dieser Position. Von daher kann man das mit der Antithese zumindest momentan gar nicht so sagen - wir wollen im Prinzip eher diejenigen sein, die heutzutage das Neue machen.

Carina: Mehr die Avantgarde also...

Martin: Ja..., - und diese ganzen DJ-Geschichten sind da ja auch ziemlich vorne, hier verändert sich viel. Das ist im Moment möglicherweise die Musikrichtung, die sich am Schnellsten entwickelt. Deshalb ist es auch so interessant, den Jazz mit solchen Sachen zu vermischen, in Form von Remixprojekten oder Ähnlichem. - Der Jazz ist sowieso eine ganz eigene Kunstform - nicht von vornherein auf eine bestimmte Zielgruppe gerichtet, für die man schon vorher was weiß ich für Konzessionen machen muss.

Carina: Offiziell fungiert Jerker bei euch als Bandleader und schreibt auch die Hälfte der Kompositionen. Wie ist bei euch das Tätigkeitsfeld und die Befugnisse eines Leaders umrissen oder wieweit gibt es Demokratie in der Gruppe?

Jerker: Das muss ich jetzt mal abstreiten! Offiziell ist das nicht so, und wir haben im Info darüber auch nichts in der Art geschrieben.

Hipnosis

Carina: Es steht aber irgendwo, auf der Website oder so, ich habe es gelesen...

Jerker: O.k., es ist einfach so, dass ich die Band sozusagen gegründet habe - und die meisten Stücke geschrieben habe. Und mich auch vom Organisatorischen am Meisten darum kümmere. Aber was trotzdem zählt, ist, dass wir wirklich eine Band sind. Wir sind nicht das "Jerker Kluge Quintett" - deshalb haben wir ja bewußt einen Bandnamen, und auch das Foto vorne drauf auf der CD zeigt eine Art von Gruppenidentität - und da wären wir wieder: das könnte stilistisch auch für eine ganz andere Musik stehen.

Das Photo sieht nicht nach reiner Jazztruppe aus. Und das wollen wir auch nicht - wir sind eine Band und erarbeiten im Proberaum alles gemeinsam. Ich mache nicht - als Leader - irgendwelche Vorgaben, sondern alle bringen Stücke mit, und dann arbeiten wir daran. Dabei kommen auch oft andere Sachen raus, als der Komponist sich gedacht hat. Es ist auf jeden Fall ein richtiger Bandcharakter da, an dem alle zusammen arbeiten. Deswegen ist das Projekt wohl auch für uns alle sehr wichtig - und macht großen Spaß!

Carina Prange

CD: Hipnosis - "Hipnosis Jazz" (Perfect.Toy Records PT004.CD)

Hypnosis im Internet: www.hipnosis.de

Das Interview erschien in voller Länge im Jazzpodium, Ausgabe 3-03

Photos: Public Propaganda

© jazzdimensions2003
erschienen: 21.8.2003
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