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Bill Evans - "Big Serious Fun"

Im Konzert entpuppt sich der gleiche Bill Evans, der einem beim Interview sanftmütig gegenübersitzt, als ein wahrer Maniac. Niemals würde er locker lassen, bevor nicht der ganze Saal kocht und auch der letzte Gast begeistert mitwippt. Aber auch im Studio ist "live" sein Geheimrezept: der für seine Vielseitigkeit bekannte Saxophonist hat ein neues Album eingespielt, das - wie bereits der Vorgänger "Soul Insider" - in einer Art Live-Recording-Session aufgenommen wurde...

Bill Evans

Bill Evans wirkt nicht ohne Grund auf der Bühne wie ein Zehnkämpfer, auch in seiner Freizeit hält er sich mit unterschiedlichsten Sportarten fit. Er gehört zu den ewig Rastlosen, daher auch seine Umtriebigkeit in musikalischen Belangen; mal Hip-Hop-beeinflußt wie "Push", dann ruhiger wie "Touch" und "Starfish on the moon". Evans braucht den Wechsel - und hat Spaß dabei. Aber so sehr der Spaß auf "Big Fun" thematisiert wird, so wenig läßt Evans doch komplexe und ernsthafte Kompositionen außer acht - denn beim Spaß ist er mit Ernst dabei. - "Serious Fun" eben.

Carina: "Touch" und "Starfisch on the moon" waren vergleichsweise softe Alben. "Soul Insider" und dein neues Album "Big Fun" wirken im Vergleich dazu funkiger, groovender und energiegeladener. Was hat dich zu einem solchen Wechsel des Musikstils veranlaßt?

Bill: Was mich zu diesem Wechsel bewogen hat? Das ist so - wenn ich damit anfange, etwas für eine neue CD zu schreiben, kann ich nicht wirklich vorhersagen, wie ich mich dabei fühlen werde. Und gerade für einen Saxophonisten - dazu mit meinem Jazzhintergrund -: es gibt so viele unterschiedliche Richtungen, die ich mag. Ich habe schon alles Mögliche mit meiner Musik vereint - einige können grooveorientiert sein, dann verwende ich auch mal Hip-Hop, manchmal Rap. "Big Fun" spiegelt ganz einfach die Richtung von dem wider, was mich gerade zur Zeit inspiriert. - Und was ich unbedingt wollte, war, eine Studio-Atmosphäre zu schaffen, die für großartiges Live-Spiel förderlich ist, mit einer wirklich entspannten Atmosphäre mit viel Spaß.

Bill Evans - "Big Fun"

Das war genau das, was mir auf "Soul Insider" gelungen ist - und auf "Big Fun" genauso. Ich wollte, daß wirklich jeder im Studio "live" spielt - die ganze Rhythm-Section. Vinnie an den Drums, Ricky Peterson, Cliff Carter und der ganze Rest der Jungs: Klavier, Gitarre, Bass, Orgel, ich selbst, jeder - wir spielten tatsächlich gemeinsam live im Studio. Dadurch, daß wir diese Atmosphäre hatten, ergab das am Ende eine sehr funkige, und noch dazu wirklich "live" klingende CD. Außerdem: alle Beteiligten spielen sowieso gerne zusammen, deshalb waren alle so begeistert dabei, dieses Album zu machen. Bingo! - das war genau was ich haben wollte. Hier, glaube ich, liegt auch der Grund dafür, warum die Songs so frisch klingen.

Carina: "Soul Insider" und das neue Album wurden - wie du gerade gesagt hast - "live im Studio" eingespielt. Hat das dem Ganzen irgendwelche Grenzen gesetzt?

Bill: Nein, im Gegenteil: es gibt der Musik genau die Freiheit, die ich haben will. Wenn nämlich jeder getrennt für sich allein spielt, klingt es nicht "zusammen". Der Drummer kann nicht intuitiv auf das reagieren, was der Bassist in dem Moment spielt. Er kann sich zwar die Spur anhören und anschließend spielen ... - es ergibt aber eine anders klingende Aufnahme. Das soll nicht bedeuten, daß eine Methode davon besser oder schlechter ist. Mach´s, wie´s dir lieber ist. Aber wenn du genau diesen "Live-Effekt" haben willst, mußt du auch "live" spielen! Was ich ausdrücken möchte: Wozu Zeit verschwenden, etwas zu künstlich nachzubauen, was du auf einen Schlag machen kannst? - Du mußt natürlich großartige Musiker einsetzen, damit es klappt. Leute, die aus dem Stand kreativ sein können. Und glücklicherweise können die Jungs, die ich habe, das. Deshalb stehen sie genauso wie ich auf diese Arbeitsmethode.

Bill Evans

Carina: "Big Fun" - der Titel deines neuen Albums - war auch der Name eines Tracks, den Miles Davis eingespielt hat. Außerdem ist er plakativ wie der Slogan "Party on, excellent!" aus "Wayne´s World". - Ist eine Koexistenz von Ernsthaftigkeit und Spaß möglich? Oder schließen sie sich gegenseitig aus?

Bill: Also zunächst, der Titel "Big Fun" hat einfach nur mit dem zu tun, was im Studio los war. Weil ich diese Phrase selbst oft verwendet habe, wenn ich gefragt wurde, wie es gewesen sei, diese oder jene Platte aufzunehmen. Dann entgegne ich für gewöhnlich: "Big Fun! Es hat einfach Spaß gemacht." Das war der Grund, warum ich dieses Album mal so nennen mußte. Es gibt also keine Verbindung zum gleichnamigen Song von Miles Davis. - Ich habe übrigens mal im Internet nachgeschaut, wieviele Leute den Titel "Big Fun" schon benutzt hatten: Hunderte. In allen Musikgenres. Na, meinetwegen, dachte ich, dann kommt´s auch nicht mehr drauf an.

Und zusätzlich ist es ja so: jeder brauchbare Titel, den du dir ausdenkst, wurde bestimmt schon zwanzigmal vorher verwendet. Also sagte ich mir, in Ordnung, es gibt keine neuen Originaltitel mehr, also kannst du genausogut den benutzen, den du möchstest.


Beide Pole kommen zusammen: Ernsthaftigkeit und Spaß.

Spaß als Gegensatz zu Ernst: ich würde sagen, es kann so etwas wie "ernsthaften Spaß" geben. Du mußt ernsthaft damit umgehen, ernsthaft "ernsthaften Spaß" zu erzeugen. Wir nehmen, was wir tun, immer ernst. Und manchmal mußt du einfach, um die bestmögliche Platte zu machen, selber Fun dabei haben. Weil es auch die Hörer merken, ob es dir Vergnügen gemacht hat oder nicht. Aber gleichzeitig bist du mit Ernst dabei, was die Musik betrifft. Auf diese Art kommen beide Pole zusammen: Ernsthaftigkeit und Spaß.

Carina: "For What it´s Worth", bei dem dein Gast Willie Nelson singt, und "Real Heroes" - wie würdest du die ganz persönliche Bedeutung dieser beiden Songs beschreiben?

Bill: Ich habe schon einen Bezug zu "For What it´s Worth", aber es liegt keine versteckte Bedeutung darin, daß es auf der Platte ist. Ich mag den Song an sich eben. Stimmt, es ist ein Lied über den Krieg, aber es stammt aus den 60er Jahren. Damals war ich noch ein Kind - ich verstand den Song nicht, wußte nicht wovon er handelt. Aber schon damals mochte ich das Lied - so, wie es gemacht war.

Dagegen ist die Ballade "Real Heroes" in der Tat den Ereignissen vom 11. September gewidmet. Du mußt wissen, ich habe achtzehn Jahre lang in New York gelebt. Ich war dort. Und ich war ziemlich betroffen, sehr sogar - ich dachte, dies wäre vielleicht eine angemessene Widmung. Und ich wollte gerne eine Ballade mit in die CD aufnehmen.

Das war es eigentlich schon im Wesentlichen. Ich schrieb diesen Song unmittelbar nach dem Ereignis - ich hatte es vor Augen als ich ihn schrieb. Und ich denke, wenn die Zuhörer dies wissen, wenn sie sich das anhören, wird erkennbar, woher es stammt.

Carina: Wenn du auf Tour bist, verwandelt deine Band jede Lokalität in einen Party-Ort, du selbst sprühst vor scheinbar endloser Energie. Es sieht so aus als wären Tourneen eine Art sportliche Aktivität. - Gefällt dir das? Welche Rolle spielen Fitness und Sport generell in deinem Leben?

In der Tat habe ich immer sehr viel Spaß auf der Bühne, na klar! Aber ich will Musik auf dem höchstmöglichen Niveau machen. Wenn du selbst gelöst und relaxt bist, dann ist es das Publikum auch - und die Band ist nicht so angespannt. So wird die Musik am besten. Musik ist nämlich nicht dazu da, in einer steifen, total kontrollierten Atmosphäre gespielt zu werden. Einige Leute machen das - aber das ist nichts für mich, so kommt nichts Gutes dabei heraus.

Bill Evans

Sporttreiben spielt wirklich eine große Rolle in meinem Leben. Ich bin ein passionierter Golfspieler, und wenn ich in den Sommermonaten außer Haus bin, triffst du mich für gewöhnlich auf dem Golfplatz. Falls nicht etwas in Bezug auf die Musik zu tun ist. Im Winter fahre ich leidenschaftlich gern Ski - in den Bergen im Westen der USA. Außerdem angle ich; ebenfalls mit ziemlicher Begeisterung.

Nichtstun liegt mir nicht, da ist meine Aufmerksamkeitsspanne zu kurz. Wenn ich mit Freunden einen Trip an die Küste mache, ist am Strand sitzenbleiben nicht mein Ding: ich schnorchle und treibe mich im Wasser rum. Ich bin ständig mit Neuem beschäftigt, muß immer irgendwas tun. Das ist sicher der Grund, warum ich mir soviele Hobbies zulege - weil ich einfach die ganze Zeit über irgendeinen Kram machen muß. Sicherlich ein weiterer Grund dafür, warum die Musik auf jedem meiner Alben anders ist. Es langweilt mich, auf die Dauer immer dieselbe Musik zu machen. Es gibt soviele verschiedene interessante Musikrichtungen. Da kann ich gar nicht anders, als alle auszuprobieren.

Carina: Im Studio spielst du alle vier typischen Arten von Saxophonen - Bariton, Sopran, Tenor und Alto. Warum spezialisierst du dich nicht auf eines - und wie entscheidest du dich für eines von ihnen, wenn du ein bestimmtes Stück spielst? Genauer gesagt: schreit ein Song förmlich nach einem bestimmten Saxophontyp?

Bill: Ja, so könnte man das formulieren. Ich schreibe einen Song - und damit die Melodie - und dann probiere ich sie auf jedem Saxophon. Da wird sofort klar, welches die beste Wahl ist. Die Frage, sollte es lieber dieses oder jenes sein, die gibt es eigentlich nie. Sobald ich das Horn in die Hand nehme und spiele, kann ich sagen, ob es gut oder besser ist als das andere - das dauert nicht mal ´ne halbe Minute.

Was die Spezialisierung betrifft - du mußt wissen, ich habe mit dem Tenor angefangen -, Sopranos waren für mich aber von Anfang an sehr angenehm zu spielen. Mit dem Soprano-Feeling hatte ich nie ein Problem. Aus irgendeinem Grund liegt es mir einfach - keine Ahnung wieso. Ich habe mit vielen Saxophonisten gesprochen, die gesagt haben, daß Soprano fiele ihnen schwer. Mir nicht. Vielleicht Glückssache.

Das Altsax habe ich als letztes in Angriff genommen. Ich versuche gerade erst, mich dem Instrument zu nähern. Es zu spielen macht sehr viel Spaß - ich betrachte es als eine Art "kleines Tenor" und gehe da auch gleichsam aus der Sicht eines Tenor-Spielers heran. Anfangs erscheint es als ein leicht zu spielendes Instrument. Ist es aber nicht! Andere Tenoristen bezeichnen das Alto gern als "das Spielzeug". Jedoch damit die Stimmung zu halten und es richtig zu spielen, ist nicht so einfach wie es sich anhört. Es braucht Zeit und eine nicht zu unterschätzende Fertigkeit, um es tatsächlich auf einen bestimmten Level zu bringen. An dem bin ich auch noch nicht angelangt - zumindest empfinde ich es nicht so. Aber es ist ein Instrument, das ich mehr und mehr spielen möchte.

Bill Evans

Carina: Du hast einen sehr eigenen, oft lyrischen Ton auf dem Saxophon - steckt da eine bewußte Anstrengung dahinter - oder ist es sozusagen deine "natürliche Stimme" auf dem Instrument? Wie würdest du ihn selbst beschreiben?

Bill: Auf dem Tenorsaxophon mag ich generell einen möglichst fetten Sound. "Big": schon als Kind wollte ich immer einen Sound auf dem Tenorsax haben, der "big" ist. Und was habe ich experimentiert, wie ich das Blatt möglichst frei schwingen lassen kann, und was das geeignete Mundstück dafür ist. Über Jahre wollte ich diesen fetten, manchmal dunklen Sound, und dann aber wieder jahrelang einen hellen, brillanten Klang.

Mit dem Soprano ist es dasselbe. Hier habe ich allerdings nie wirklich darüber nachgedacht, welchen Sound ich eigentlich will. Ich habe mich, so wie er war, damit wohlgefühlt und auch einfach das Mundstück benutzt, das mir am meisten behagte. Mein jetziger Sound entspricht in etwa dem, den ich von Anfang an hatte. Ich schätze also, das kommt der "natürlichen Stimme", wie du sie erwähnt hast, nahe.

Carina: "Im Jazz lernst du für dich allein - aber mit Hilfe guter Lehrer." Das hast Du selbst einmal gesagt, würdest du dem immer noch zustimmen? Wie oder wovon lernst du heutzutage am meisten -ist Dazulernen etwas, daß weniger notwendig wird, wenn man ein guter Musiker ist?

Nein, Dazulernen bleibt immer notwendig! Manchmal fällt es mir allerdings wirklich schwer, das Instrument zu nehmen und zu üben. Damit es nicht langweilig wird, muß man sich ständig kleine Tricks überlegen, um sich selbst zu inspirieren. Mal anders spielen - sehr langsam, sehr schnell, sehr kontrolliert oder mal einen Zwölftakter-Blues. Oder ganz was Neues.

Ich habe mit anderen Saxophonisten gesprochen und bei ihnen ist es dasselbe. Manchmal fällt dir nichts ein, was du üben kannst, dann wieder könntest du Jahre damit verbringen, irgendwelche Akkorde, Harmonien und Melodien auszutüfteln, oder Leuten zuzuhören. Und zu spielen, zu spielen und zu spielen. Um dich selbst herauszufordern, mußt du dir einfach was ausdenken, Raum für Verbesserungen gibt es immer. Und darum geht es mir - jedesmal, wenn ich das Instrument zur Hand nehme gilt es, etwas zu verbessern oder auszuprobieren. Kopf und Hände unabhängiger voneinander machen, Tonarten üben, die einem nicht so geläufig sind - trainieren wie man improvisiert. Es könnte alles mögliche sein. Aber einmal muß man ausknobeln, was es ist und daran eine Weile arbeiten. Und dann mit was Neuem kommen, was einen inspiriert, besser zu spielen.

Carina Prange

Eine ungekürzte Version dieses Interview erschienen in: Sonic 6/2002

More Info: www.billevanssax.com/

Photos: ESC-Records

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© jazzdimensions2003
erschienen: 24.2.2003
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