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The Bad Plus – "We are improvisers!"

Das Böse +1 sind sie nun weiß Gott nicht, die drei Jungs aus Minneapolis, von denen zwei ihren Lebensmittelpunkt vor einigen Jahren nach New York verlagert haben. Auch wenn der Nirvana-Klassiker "Smells Like Teen Spirit" und andere Popklassiker Eingang in ihre Songwelt gefunden haben: The Bad Plus sind ein Jazztrio, ihre Musik die hohe Kunst der Improvisation und ihr Name lediglich eine Wortzusammenstellung, die gut klingt: "Ein bißchen pop-art-like".


  The Bad Plus - Reid Anderson, David King

Beim Titel des Albums existiert hingegen ein direkter Bezug: „Was 'These are the vistas‘ betrifft,“ kommentiert Reid, „da ist dieser Dokumentarfilm mit Namen 'American Movie‘. Er handelt von jemandem, der Horrorfilme machen will, dazu leider überhaupt keine Ressourcen hat, aber eine Menge Begeisterung mitbringt. In dem Film gibt es eine Szene, wo der Protagonist einen potentiellen Drehort untersucht. Er blickt um sich und konstatiert (mimt mit tiefer Stimme): 'These are the vistas!‘ Das hat sich mir förmlich eingebrannt, als der echt universelle Kommentar. Einfach wie geschaffen für uns. Denn bei uns ist es so, als ob jedes Stück für sich auf unserem Album eine Art von eigener Perspektive besitzt. Die widerspiegelt, was uns ausmacht, wie sich unsere Umgebung darstellt und wer wir sind.“

The Bad Plus - "These are the vistas"

Doch weniger ist oft mehr, und ihre Dekonstruktion von Songmaterial und dessen Neuformierung im Jazzkontext gehört zu den Leidenschaften der Gruppe. Anders als so manches Jazz Trio, dass man kennt, sind The Bad Plus auf der Bühne eine Formation, die einen stets enorm hohen Energielevel hält. Dabei suchen sie den Bezug zum Publikum: Den direkten Kontakt. Und da darf dann von Pianist Ethan Iverson, der mit Wonne und beinahe slapstickhaft den Conférencier verkörpert, auch mal der ein oder andere Joke gemacht werden - das gehört zur Show und ist Programm.

Mit ihrer Neigung zur unkonventionellen Behandlung von Coversongs sind sie eigentlich gar nicht so weit entfernt von der Idee der Jazzmusiker der ersten Stunde. Reid erklärt am Beispiel der damaligen Praxis, Broadway-Songs in Jazzmusik zu integrieren: „Was wir machen, ist in der Tat sehr in der Jazztradition verhaftet. Und es ist auch nicht neu. Bereits seit Jahren spielen viele Leute zeitgenössische Pop- oder Rocksongs im Jazzkontext. Wir haben dafür einige Aufmerksamkeit bekommen. Aber ich würde nicht sagen, dass es unsere Spezialität ist. Es ist ein Teil von dem, was wir tun,“ schwächt er dann wieder ab, "aber tatsächlich besteht der größte Teil unserer Musik aus Eigenkompositionen.“

"Ich denke, einer der Gründe, warum uns dafür soviel Aufmerksamkeit entgegengebracht wird,“ fügt Dave hinzu, "ist, dass etwas an dem, wie wir mit dem Material umgehen, anders und neu sein könnte. Es ist eigentlich auch nicht fair, zu behaupten, nur weil es 'nichts Neues‘ ist, täte jeder es auf dieselbe Art und Weise. Jeder geht doch im Grunde ganz unterschiedlich daran heran...“

The Bad Plus - Ethan Iverson

Betrachtet man The Bad Plus genauer, fällt auf, dass die drei Herren aus Minneapolis sich in sehr unterschiedlichen musikalischen Umfeldern zu bewegen scheinen. Zunächst Drummer David King, der vom Rock her kommt – sein Outfit mit Tattoo und Muscle Shirt passt perfekt zu ebendieser Szene. Ferner der ähnlich salopp wirkende Bassist Reid Anderson, der sich als E- und Kontrabassist zunächst intensiv mit Progressive Rock und Fusion auseinandersetzte, inzwischen aber im Jazz zu Hause ist.

Und die Distanz zueinander, das sich Bewegen in zwei, bezüglich Publikum und Clubs verschiedenen Städten und Einzugsgebieten eröffnet im Gegenzug viele Auftritts- und Kontaktmöglichkeiten. "Minneapolis“, ergänzt Dave, "ist eine sehr bekannte Musikstadt in Amerika – insbesondere, was die Bandkultur betrifft. Das Gewicht liegt auf echten Bands, nicht auf sogenannten Projekten! – Projekte sind eher eine Sache von New York oder Los Angeles. Minneapolis ist insbesondere eine berühmte Stadt in Bezug auf Rockmusik...“

Kam das Debüt von The Bad Plus noch auf dem kleinen, in Spanien beheimateten Label Fresh Sound heraus, so hat die Band jetzt mit "We are the vistas" den Sprung zum Major Sony geschafft.

The Bad Plus - Ethan Iverson

Ihr scheinbar so unvermittelter Sprung nach oben bedeutet nicht, dass die Mitglieder der Gruppe selbst absolute Newcomer wären. Dave erläutert: "Alle haben wir uns über die Jahre in der Independent Musikszene einen Namen gemacht. Auch wenn es so aussieht, als ob wir aus dem Nichts kämen, ist das absolut nicht der Fall. Wir sind seit mehr als zehn Jahren im Bereich der improvisierten Musik aktiv. Mit über zwanzig Plattenveröffentlichungen von uns Dreien auf kleinen Independent-Labels – wobei wir dabei stets alles selbst gemacht haben, vom Cover bis zur Produktion."

Dem solcherart erfahrenen Trio gelang es somit denn auch bei Sony weitestgehend seine musikalische Eigenständigkeit und produktionstechnische Unabhängigkeit durchzusetzen. Ganz wichtig ist den jungen Männern, dass sie ein demokratisches Gefüge bilden. "Als wir angefangen haben", erklärt Ethan, "war es sehr hart, weil wir kein Geld hatten. Und es sah so aus, als ob wir auch kein Geld verdienen würden.

The Bad Plus - Ethan Iverson

So sehr geändert hat sich das allerdings bis heute auch nicht, aber ein wenig schon. Damals jedenfalls waren die Flugtickets finanziell ein großes Hindernis. Wir haben aber, würde ich sagen, genug geprobt, um ohne notierte Musik spielen zu können. Alles, was wir machen, kennen wir sozusagen in- und auswendig, haben es so oft gespielt, dass wir jederzeit aus dem Stand auf die Bühne können."

Carina Prange

CD: The Bad Plus - "These are the vistas"
(Columbia/ Sony 510666 2)

The Bad Plus im Internet: www.thebadplus.com

Fotos: Sony

© jazzdimensions2003
erschienen: 03.11.2003
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