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Interview mit Bettina Wegner

Mit "Sind so kleine Hände" hat Bettina Wegner in der Hochzeit der Liedermacher 1978 den Nerv der Zeit und die Herzen der Menschen in Ost und West getroffen. Nun hat sie nach zehnjähriger Pause wieder eine CD gemacht: ein Album, auf dem sie so schön singt wie noch nie und das sie selbst als ihr bestes Werk bezeichnet - es ist einfach ausgereift!

Bettina Wegner

Bettina Wegner, geboren im Westen, aufgewachsen im Osten, 1983 zwangsübersiedelt in den Westen Deutschlands, hat stets Position bezogen zu sozialpolitischen Themen: die Menschen waren ihr immer wichtig, diejenigen, die keine Lobby haben, diejenigen, über die alles schweigt. Heute ist sie nicht mehr so kämpferisch und revolutionär wie früher - aber sie will noch immer eins: ihr Innerstes nach außen tragen, die Welt der Gefühle nicht verleugnen wie das heute so Mode ist im "Geist der Zeit".
Bettina stürzt uns mit ihrer neuesten Scheibe in ein Wechselbad der Gefühle - mal sind es traurige, langsame Lieder, mal sind es rockige oder punkige Titel, die den Zuhörer fordern - oder es ist einfach nur positiv schön, was uns erreicht.
Der Kompaß, der auf der CD "Wege" abgebildet ist, zeigt in die verschiedenen Himmels-richtungen; und um in verschiedene Richtungen zu gehen, muß man tatsächlich unterschiedliche Wege einschlagen - auf dem Konzert am 19.10. im Tränenpalast können wir Bettina auf ihren Wegen begleiten!

Einige Tage vor ihrer Tournee führte Carina Prange folgendes Interview:

Carina: Heute klingt dein Singen im Vergleich zu früher 'mehr' wie Gesang. Du hast eine Zeit lang eher Sprechgesang gemacht.

Bettina: Ja, das stimmt. Ich habe was ganz Ulkiges festgestellt. Und das könnte mir zur Trauer gereichen - aber ich bin mal nicht traurig. Ich seh´ das einfach so wie es ist: Eine Stimme reift und als Liedermacher richtig modern waren und als ich in schönen großen Dingern aufgetreten bin wie die Waldbühne oder so - da war die Stimme nicht reif. Die ist jetzt reif, wo Liedermacher nicht mehr modern sind und bald wird sie anfangen zu altern. Das heißt, dann schlafft sie wieder ab. Und man sollte sich selber genau anhören - und du hast das genau richtig gehört. Die Stimme war noch nie so gut wie jetzt. Also benutze ich sie so intensiv wie es gerade klappt.

Carina: Wen willst du denn heute überhaupt mit deiner Musik erreichen? Oder was willst du beim Publikum erreichen - kann man überhaupt Leute erreichen?

Bettina: Du gehst ja schon fehl, wenn du denkst, du mußt jemanden überzeugen. In meine Konzerte kommen Menschen, die ich eigentlich nicht mehr zu überzeugen brauche, die auf irgendeine Weise auf meinem Level sind. Und ich denke: Revolution macht Kunst nicht und dolle Bewegung bringt sie auch nicht in die Leute. Ich denke, das Schönste, was man erreichen kann, ist, daß man sich mit jemandem trifft, daß Berührungen stattfinden und Leute rausgehen und sagen: Ich bin nicht alleine mit meiner Traurigkeit, mit meiner Wut und auch nicht mit meinen schönen Empfindungen; da hat jemand das jetzt gesagt, so sehe ich das auch. - Mehr passiert da nicht.
Und was mir auch ganz wichtig ist - seit einem Jahr sammle ich bei jedem Konzert Unterschriften gegen die Hinrichtung eines schwarzen Journalisten, der heißt Mumia Abu-Jamal. - Ich sage dazu immer was an und dann sehe ich, daß da was ganz Konkretes ist: Viele, viele Leute geben mir ihre Unterschrift für ein Wiederaufnahmeverfahren.
Mehr kann man nicht erreichen. Ich denke, daß Kunst direkt gar nichts erreichen kann. - Keine gesellschaftlichen Veränderungen. Aus der Zeit der Revolution bin ich rausgewachsen. Ich denke, ich bin erwachsen geworden.

Carina: Das Stück "Zwei Vogelfrauen" hast du Tamara Danz gewidmet. Wart ihr mal befreundet oder hast du so nach Parallelen gesucht - es sind ja auch welche da - oder nach Unterschieden?

Bettina Wegner - "Wege"

Bettina: Ich habe immer ihre Musik gehört; ich habe erlebt wie wichtig ihre Musik für Leute ist. Wir waren bekannt, aber nicht befreundet. Und dann hat sie sich ziemlich engagiert auch in diesen 'Komitees für Gerechtigkeit'. Eigentlich war ihre Haltung die gleiche wie meine, und ich hatte einfach das Gefühl, da ist jemand, der für viele, viele Menschen ganz wichtig war zu früh gestorben. - Da war eine Nähe da.

Carina: Du hast auch geschrieben: "Die Eine glücklich in die Lüge verstrickt ...".

Bettina: Es gab ja nicht nur Tamara Danz, es gab eben auch andere Künstlerinnen, die als IM tätig waren und Kollegen 'verzählt' haben usw. usf. Und da war eine Sache, die sich abgespielt hat:
Tamara ist zu irgendeinem Treffen gegangen, wo sich viele DDR-Musiker getroffen haben. Und dann sagt einer: ‚Hast du gehört, ... war auch IM.' Und dann hat irgendein anderer gesagt: ‚Ach, naja, irgendwo waren wir das doch alle.'
Und dann hat sich Tamara auf dem Absatz umgedreht und ist gegangen. - Wir waren eben nicht alle IMs. Und das war mir wie so ein Klops im Hals und darum habe ich das Lied geschrieben. - Wir waren eben nicht alle IMs.
Und ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen: Alle IMs muß man verhauen oder anspucken oder sonstwas. Jeder hat seine Geschichte. Es ist nur schade, daß keiner seine Geschichte den Leuten, die er beschnüffelte, erzählt hat. Das wäre für mich eine schöne Möglichkeit der Aufarbeitung und des damit gut umgehen Könnens. Es kommt aber keiner und erzählt seine Geschichte. Es kommen die Zeitungen und die Presse, wenn es denn aufgeflogen ist. Von alleine kommt keiner - schade drum.

Carina: Der Vogel kommt häufig vor in deinen Texten - und vielleicht auch als Motiv. Was symbolisiert der Vogel für dich? - "Frei wie ein Vogel" oder...

Bettina: Ja, frei, unabhängig. Freiheit im Sinne von Nicht-Käfig, sich erheben können und auch bestimmen können, welche Richtung. Also in jeder Beziehung, auf jeder Ebene Freiheit. - Da hat mich mein Münchner Kollege mal drauf aufmerksam gemacht, der Peter Meyer, mit dem ich auch eine sehr schöne Plattenproduktion hatte - und mein Manager - die haben gesagt: 'Du könntest eine CD machen nur mit Vogelliedern - soviele Texte hast du, bei dir ist der Vogel dauernd drin.' - Das ist wahrscheinlich weniger eine politische Vorstellung gewesen, sondern mehr psychologisch gemeint: Ich kann hoch, ich bin frei von allem, was unten drückt - oder ich kann jemanden frei lassen auch; und nicht unten halten, nur weil ich selber unten bin und klebrig und dick und schwer. (lacht)

Carina: Eine ganz andere Frage - was würdest du heute sagen: der Fall der Mauer, was bedeutet er heute im Nachhinein für dich?

Bettina: Das die S-Bahn an meinem Grundstück direkt wieder durchfährt. - Nein, das war jetzt finster gesagt.

Carina: Ja, ich meine, sind die Mauern in den Köpfen denn noch da - oder nicht?

Bettina: Doch, ich glaube, die sehen wir alle. In meinem Kopf ist sie nicht, ich bin glücklich. In dem Moment wo die ... - also: das war auch ganz persönlich, ich habe mich immer schuldig gefühlt als Weggegangene. Nicht dem Staat oder der Gesellschaft gegenüber, sondern den Menschen. Ich bin nicht freiwillig gegangen, ich hatte ein Ermittlungsverfahren am Hals.
Ich war vor die Wahl gestellt: ‚Frau Wegner, gehen sie endlich in den Westen, wir haben ihnen doch einen Paß gegeben, sie konnten sich alles angucken - oder wir ziehen das jetzt durch.' Und ich habe das nicht mehr ausgehalten.
Also, einmal Knast 1968 hat mir gereicht. Ich war nicht mehr in der Lage, das in dieser Situation auszuhalten. Und ich habe dann gesagt: ‚Unter den Bedingungen würde ich denn doch gehen.' Und dann wurde das Ermittlungsverfahren eingestellt. Aber ich habe mich immer, immer schuldig gefühlt. Ich habe immer gedacht: Warum hast du nicht noch ein paar Jahre ausgehalten. Du fehlst jetzt den Leuten so wie die anderen vor dir Gegangenen dir gefehlt haben. Und in dem Moment, wo das Ding runter war, war meine Schuld weg. - Alle konnten überall hin und das ist für mich das Wichtigste! Und irgendwann werden die Kinder meiner Kinder nicht mehr fragen: ‚Bist du aus dem Osten oder aus dem Westen?' ...

CD: Bettina Wegner - "Wege" (Buschfunk 01112)

Buschfunk im Internet: http://www.buschfunk.com

Foto: Pressefoto
Cover "Wege" von Udo M. Wilke

© jazzdimensions2000
erschienen: 18.10.1999
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