Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / andere genres / 2007

George Tscholakow
- stets dabei, Musik zu erscouten

George Tscholakow ist DJ - seine nächsten großen "Auftritte" hat er als Resident-DJ bei der Veranstaltungsreihe "Jazz&Groove", die am 13. Mai 2000 zunächst in Dresden ihr Debut hat. Disc Jockey ist George Tscholakow schon seit 1984; seit 1993 besitzt er sein eigenes Tonstudio - und momentan ist er gerade dabei, ein eigenes Label aus der Taufe zu heben. Offenheit ist etwas, was bei ihm nicht nur für das Entdecken und Umsetzen von Musik wichtig ist, sondern es gilt ebenso für private Kontakte, für das Dazulernen mittels Lebenserfahrung und für vieles mehr ...

George Tscholakow

Über seinen Beruf, über die Ursprünge seines Musikinteresses und das Verhältnis von DJ und Publikum setzte sich Carina Prange mit George Tscholakow bei einem Glas Sekt in Berlin auseinander - es ergaben sich dabei Fragen und Antworten, die weit über den "üblichen Smalltalk" hinausgingen.

Carina: Du legst bei "Jazz&Groove" als 'Resident-DJ' auf - was genau ist ein Resident-DJ?

George: 'Resident' bedeutet, daß du immer mit dabei bist. Also: Alles ändert sich ständig, nur der Kern ist immer da. Mittlerweile ist ja um mich herum schon sowas wie eine Band gewachsen. Das fing damit an, daß ich völlig allein aufgelegt habe. Dann ist ein Percussionist dazugekommen, mit dem ich auch vorher schon gearbeitet habe - so das Übliche: "Platten und Percussionist". Und mittlerweile ist das mutiert zu "Platte, Percussion, Saxophon, Vocals und Trompete".


Zum letzten Jazz&Groove war das dann fast
wie so eine Band, die da vorne steht.

Zum letzten Jazz&Groove war das dann fast wie so eine Band, die da vorne steht. Das Verrückte ist übrigens, daß wir nichts einstudieren. Ich schicke denen immer bloß meine Sets. Und die "hämmern darauf rum".- Letztens war das übrigens sehr witzig: Mehrere Stromausfälle, alle unten standen im Dunkeln, bei mir war auch der Strom aus - nur der Vorteil war, daß ich ja diese Musiker um mich hatte und die haben da voll "vom Leder gebrettert"; es war eine super Showeinlage. Das hat gepaßt!

Carina: Du hast geschrieben, daß Du seit vielen Jahren als DJ auflegst. Es gibt ja da so unterschiedliche "Richtungsbezeichnungen". Was versteht man denn in der DJ-Sprache unter 'Nu Jazz' und 'Rare Groove'?

George: Also, Rare Groove ist die Bezeichnung für diesen "Siebziger Jahre Funk Jazz". Die Bezeichnung stammt daher, daß man irgendwann die Platten nicht mehr kaufen konnte. Es ging ja damit los, - vor den Mojos eigentlich - daß irgendwelche Freaks Platten für sündhaft teures Geld gekauft haben. Ich erinnere mich noch, daß auf dem ersten Mojo-Sampler mit draufstand, was der kosten würde, wenn du ihn irgendwo auf dem Trödelmarkt kaufen würdest. Rare Groove also wirklich im Sinne von "rarer Groove."


Als Acid Jazz produktionstechnisch abgegrast war,
fingen die Leute an, anderen Kram zu produzieren.
So entstand "Nu Jazz" ...

Und Nu Jazz - also: als die ganzen DJs sich beim "Acid Jazz" eingefunden hatten, als das ganze Thema produktionstechnisch irgendwie abgegrast war, fingen die Leute an, irgendwelchen anderen Kram zu produzieren. So entstand die "Post-Acid-Jazz-Ära" - und das, was jetzt rauskommt: Jazzanova oder Future Sound of Jazz, das ist "Nu Jazz". - So nennen wir das in unseren Clubs.

Carina: Im "Kosmophon" in Leipzig legst du regelmäßig auf. Wie würdest du die dortige Szene beschreiben?

George: Die fängt gerade an zu wachsen. Das Kosmophon ist ein City-Laden. Einer der Betreiber ist schon ewig Leipziger, und hat da eine Lücke in der Stadt entdeckt. Leipzig ist ja eigentlich so eine Techno-Stadt - und außerdem noch Rock und HipHop. - Er war der Meinung, einen Club in City-Lage da hinzusetzen, der ein bißchen offen ist und immer sonnabends haben wir eine Reihe, die heißt "Balance of Grooves" und da wird dieses ganze "Jazzy-Zeug" aufgelegt. - Und nach eineinhalb Jahren fängt es an, daß sich das zur Normalität entwickelt. Es geht nun gut voran und es wird mittlerweile sogar ein dritter Floor eröffnet, was die Option für Live-Gigs bietet.

Carina: Wie bist du überhaupt dazu gekommen, als DJ zu arbeiten?

George: Das ist insgesamt schon ziemlich lange her. Seit sechs Jahren lege ich Acid-Jazz auf. Und die vorherigen zehn Jahre andere Sachen - und wie bin ich zum Auflegen gekommen? Radio hören; und dann habe ich irgendwie einen DJ kennengelernt - im Osten, so mit Kassettendeck vom Radio aufgenommen. Und das hat mir halt Spaß gemacht: irgendwann angefangen, das Mixing gelernt. Diese Sache, Songs-Mixen, die Faszination - so wie andere mit dem Legobaukasten spielen - so ging das vollzeitmäßig los und hat sich immer weiter entwickelt, bis ich ganz viel Kohle verdient habe, in Clubs, wo ich DJ Bobo und Ace of Base aufgelegt habe. Dann hat irgendwann "meine Seele gestreikt", und seit sechs Jahren folge ich der.

Carina: Du hast auch als Moderator einer Clubsendung gearbeitet. Wie hat sich das ergeben?

George: Das war auch über diesen Typen, der Jazz&Groove mitinitialisiert hat. Und zwar war der damals Programmchef bei Energy Sachsen - hat da irgendwelche Spezialsendungen gemacht; das gibt es jetzt alles nicht mehr. - Ich habe in Zwickau irgendwie so eine Sendung gehabt, ein Jahr lang. - Der hat das toll gefunden und daraufhin habe ich eineinhalb Jahre auf NRSachsen eine Sendung gemacht. - Es war halt ein Typ, der Programmchef, den das interessiert hat, und der dafür ein Ohr hatte; insofern hat das gut geklappt. Nachdem er dort rausgeflogen war, und die Sendungen gleichzeitig alle abgesetzt wurden, haben wir uns irgendwann zufällig wieder getroffen und dann ging das mit Jazz&Groove los.

Carina: Ständig die Menschen zu beobachten, die zur Musik oder sich in Clubs bewegen - inwieweit schärft das das Beobachtungsvermögen und die Menschenkenntnis?

George: Ich habe das Gefühl, daß es die Menschenkenntnis überhaupt nicht schärft. Ganz im Gegenteil: DJs sind grundsätzlich ... - also ich hatte zumindest, als ich nur aufgelegt habe, überhaupt keine Ahnung von Menschen! - Ich habe aber das letzte halbe Jahr damit verbracht - dadurch, daß ich mich nur auf das Kosmophon konzentriert habe, nicht soviel aufgelegt habe - auf der "anderen Seite" zu sein. Habe also an den Bars rumgehangen - mich mit den Leuten unterhalten , wenig Kohle gehabt: das schult die Menschenkenntnis. - Wie gesagt, DJ sein selber - abgesehen von Tanzgewohnheiten erkennen - hat das überhaupt nichts mit Menschenkenntnis zu tun.


Du "checkst" nicht irgendwelche Leute,
sondern Du fühlst ein "kollektives Gefühl" im Raum ....

Und mit dem Beobachtungsvermögen ist es so, daß du nicht Menschen beobachtest, sondern eher eine Menge - oder daß du "die Vibes" fühlst. Du fühlst ein Gefühl im Laden, das von allen Leuten erzeugt wird. Und da gibt es auch Regeln, die du als DJ kennen mußt. Grundsätzlich ist es so, wenn du in einen Laden reinkommst und sofort fühlst, daß da irgendso ein "Kribbeln" ist, und der Laden ist voll, dann wirst du natürlich "reinhauen". Das bedeutet, du wirst sofort einen Dance-Beat bringen. - Aber wie es oft so ist, wird der Laden langsam voll. Da ist eigentlich der Plan, daß du als erstes einen "Steady Beat" geben mußt, oder Groove, und damit schaffst du den Leuten ein gutes Grundgefühl. Also, mit anderen Worten: Du "checkst" nicht irgendwelche Leute, sondern du fühlst nur ein "kollektives Gefühl" im Raum.

Carina Prange

CD: Yellow Beats - "Rare Walking" (Mo Rhythm 001)

© jazzdimensions2000
erschienen: 1.5.2000
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: