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Interview Boris Steinberg

Boris Steinberg"Das Leben in seiner ganzen Vielseitigkeit erkunden"

Boris Steinberg hatte sich in seinem vorherigen Programm insbesondere mit Themen wie Sexualität und mit den melancholischen Seiten unseres Daseins auseinandergesetzt. Nun hat er nicht nur seine Mitmusiker getauscht, sondern auch entdeckt wie bunt die Erlebnisse von uns Menschen sind - und genau das zeigt er uns mit seiner neuen Auswahl von deutschsprachigen Liedern.

Einen Ausschnitt seines neuen Programms kann sich jeder, der möchte, im Theater am Kurfürstendamm anschauen. Hier treten Boris Steinberg und Celina Muza auf - beide teilen sich den Abend. Und wer Boris hier nicht live erleben kann: Die Moderation und ein Großteil der Organisation des Berliner Chansonfestes vom 18. - 21. November liegen in seinen Händen.

Wer Boris Steinberg heute ist, erfuhr Carina Prange während eines gemütlichen Kaffetrinkens:

Carina: Du hast mal gesagt, du würdest dich heute selbst anders beschreiben als bei unserem letzten Interview. Wie würdest du dich denn beschreiben - heute?

Boris: Also, ich bin jetzt nicht gänzlich anders geworden. Da müßte ich eigentlich mehr ausholen - ich will das aber gar nicht, sonst wird das so lang. - Wie beschreibe ich mich selbst? - Ich habe mich selbst wiedergefunden.

Carina: Was ist dir heute wichtig - wie willst du dich am Liebsten musikalisch präsentieren?

Boris: Das hat natürlich auch mit dem neuen Projekt zu tun. - Wenn man sich verändert, hat man auch plötzlich das Bedürfnis, über andere Sachen zu singen und zu schreiben. Und dann ist natürlich auch eine andere Musik notwendig. Das hatte auch damit zu tun, daß ich mich ja von Ines von Damme getrennt habe. Ich könnte die ganzen alten Lieder jetzt zum Beispiel nicht mehr singen - das geht gar nicht mehr. Mit Ausnahme von zwei, drei Liedern, von denen ich immer noch finde, daß sie mich auf meinem neuen, weiteren Weg begleiten könnten. Und um in diesem ganzen Umbruch überhaupt nochmal die Frage zu stellen: Wer ist man auf der Bühne, warum gehe ich da raus, was habe ich überhaupt zu sagen. Ebenso wie Bettina Wegner in ihrem Konzert, sie hat einfach ihre Person, ihre Aussage - das hat ja jeder individuell für sich. Und das mußte ich aber nochmal für mich neu definieren und hatte dann Glück, eben halt auf diese Musiker zu treffen, die mit meinen neuen Texten was anfangen können. Was ja immer Grundvoraussetzung ist, wenn du Musikern, die das vertonen sollen, die Texte gibst und die sagen: ‚Ja, Scheiße, was soll denn das?' - oder: ‚Ich versteh es nicht!' - dann geht es halt nicht, diese Zusammenarbeit. - Wie war nochmal die Frage?

Carina: Was ist dir heute wichtig, wie willst du dich musikalisch präsentieren?

Boris Steinberg / Ines van Damme "abjehakt"

Boris: Dieses andere Programm ging - so tauchte es oft in den Kritiken auf - in eine "französische" Richtung. Was ich gar nicht so empfunden hab´, aber nachvollziehen konnte. Davon bin ich weg. Mein Schritt geht einmal mehr in Richtung Stille, eine ruhige Richtung, eine ruhige Interpretation. Die neuen Texte haben nicht mehr so viel mit "Liebesschmerz, Abschied, Kummer, welches Geschlecht bevorzuge ich" zu tun. Und ich werde nach wie vor nicht der lustige Hallo-Künstler sein, sondern eher Lieder bringen, bei denen man zuhört, wo man zuhören muß, sich womöglich auch wiedererkennt.

Carina: Gibt es denn eine neue CD mit den neuen Liedern?

Boris: Die ist wirklich geplant für nächstes Jahr. Die Premiere ist festgesetzt für Mai. Ich sage noch nicht, welcher Spielort, weil der noch nicht fest ausgehandelt ist. Und da soll gleich eine CD mit erscheinen.

Carina: Welche Funktion hast du beim kommenden Chansonfest?

Boris: Ich bin jetzt im dritten Jahr mit dabei in der Organisation, ich bin Veranstalter. Ich bin auch ganz stolz, weil sich dieses Fest seit dem letzten Jahr etabliert hat. Meine Funktion ist, die Künstler auszusuchen, Sponsoren zu finden, Verträge zu machen. Speziell beim Fest werde ich die vier Tage moderieren. Die anderen Mitveranstalter haben mich gefragt, ob ich das machen will und ich habe gesagt: Ja, gerne. Weil wir immer so Schwierigkeiten hatten, jemanden zu finden, der moderiert, der sich gleichzeitig in der Szene ein bißchen auskennt.

Carina: Wie sehen Deine Zukunftspläne aus? Was ist aus deinem Buch geworden?

Boris: Das Buch: Ich habe ein Lektorat gefunden - die mich auch nochmal unterstützt haben in den Geschichten. Die gesagt haben: "Das ist Kacke, streich´ das mal weg" oder: "Hier, das ist doch toll, bau´ das mal aus, das ist viel zu wenig, was du da geschrieben hast." - Es sieht sehr gut aus. Es wurde jetzt mehreren Verlagen angeboten und es gab auf jeden Fall ein Interesse. Und ich glaube schon, daß das bald rauskommt. - Dann gibt es noch ein anderes Buchprojekt, zusammen mit einer Freundin von mir, Claudia Marschner, die Bestatterin. Die Bestatterin, die so bunte Bestattungen macht, und alle denken dann immer, alle strippen da am Grab - sowas ist es natürlich nicht. Aber die schreibt eben genau über diese Sachen, über die Kultur des Beerdigens hier in Deutschland, wie sich das entwickelt hat, verfremdet hat. Und da haben wir ihre Geschichten mit meinen Texten gekoppelt. Soweit zu meinen Buchplänen, also eigentlich gleich zwei, die irgendwie anstehen. - Ich bin sehr fleißig gewesen.

Carina: Möchtest du sonst noch etwas Wichtiges erzählen?

Boris SteinbergBoris: Was für mich eine ganz wichtige Erkenntnis gewesen ist - um da nochmal auf den Anfang zurückzukommen: wie beschreibe ich mich jetzt neu? - Wichtig war für mich die Erkenntnis, daß diese ganzen Abschieds-, Liebes-, Leideslieder - daß das halt auch fatal ist für einen Chansonsänger: wenn du immer auf die Bühne gehst und mit diesen Themen arbeitest - weil du ständig drin bist, dich immer in diesem Leidenssumpf befindest. Du schaffst dir dadurch deine Realität und kommst da nicht raus. Das war für mich auch nochmal ein Grund zu sagen: o.k., wir haben uns jetzt getrennt - jetzt bitte nicht mehr dieses ganze ... - Melancholie, ja: aber auf einem anderen Level!

Das Leben ist ja letztlich auch ganz schön und es gibt viele positive Dinge. Und die habe ich eher so beleuchtet. In meiner Art, natürlich. Liebe darf man einfach nicht nur auf das reduzieren, was zwischen zwei Menschen passiert - das ist einfach viel viel mehr. Und wenn das Andere, Äußere nicht stimmt, dann stimmt es meistens auch zwischen den beiden nicht. Und ich muß leider sagen: Ich hatte das in den letzten Jahren schon sehr stark auf diese Zweisamkeit reduziert. Und das funktioniert überhaupt nicht.

Carina Prange

Fotos: v. Benedeus (oben), Harald Arends (unten)
Cover: soco, Alexander Geb

CD: Boris Steinberg / Ines van Damme "abjehakt"
(duo-phon records 01 72 3)

CD: Boris Steinberg - "Zeitfalle" (duo-phon records 0190 3)

http://www.pro-web.de/duo-phon records/

© jazzdimensions2000
erschienen: 6.11.1999
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