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Sarah-Jane Morris - "Inside out"
[English version]

Sie kommt auf die Bühne, in Army-Klamotten gekleidet, leuchtendroter Lippenstift - burschikos, aber gleichzeitig auf liebenswerte Art zerbrechlich. Und dann geht es los: Sarah-Jane Morris live bedeutet, sich einer Frau gegenüberzusehen, die auf der Bühne in Rollen schlüpft. Vielseitige Rollen: vollkommen unterschiedliche Songs singt sie; von der Ballade bis hin zu nahezu geschrienen Sequenzen ist alles dabei.

Sarah-Jane Morris

Das Bemerkenswerte bei aller Theatralik, allem Verwandeln: jede Rolle ist ein echter Teil ihrer selbst - das ist es, was sie letztendlich ausmacht und was ihre zahlreichen Fans in aller Welt so lieben: "ihre" Sarah-Jane Morris kommt ihnen ganz nahe, ist kein Popstar mit Starallüren, sondern eine greifbare und auch verletzliche Persönlichkeit.

Carina Prange sprach mit Sarah-Jane Morris in Berlin.

Carina: Du hast gerade ein neues Album aufgenommen: Love and pain. Nach der CD August mit deinen "Lieblingssongs" - um was geht es bei dem neuen Album, wie sieht das Konzept aus?

Sarah-Jane: Das Konzept sieht folgendermaßen aus: es sind zwölf Songs, alles Originalkompositionen. Jedes dieser Stücke dringt ein in die Widersprüche des Frauseins. Das ganze Album behandelt dieses Thema - jeder Song auf eine andere Art und Weise. Aber - und das ist ganz wichtig -, die Platte "zelebriert" das. Es wird nicht gesagt "das ist schlimm", sondern "so sind wir und das ist gut so." Wir akzeptieren die Tatsache, daß wir etwas kompliziert sind, nehmen dies aber als etwas, das man eher herausstellt, als das man davor Angst haben sollte.

Carina: August erschien auf Deinem eigenen Label - weshalb? Wie empfindest du es, sozusagen alles in eigener Hand zu haben?

Sarah-Jane: Dieses Album war für mich eine wirklich schöne Erfahrung. Ich habe das alles aufgebaut, selbst finanziert und produziert - vollkommen auf mich gestellt, mit einem sehr kleinen Budget, ohne Management, ohne Agentur, ohne Plattenfirma. Ich habe selbst in Personalunion alle diese Aufgaben übernommen. Und ich habe es mit einem meiner absoluten Lieblingsmusiker einspielen dürfen, alles live und ohne Tricks. "August" ist sozusagen mein Baby, von mir betreut von Anfang bis Ende. Und in das Booklet habe ich die Fotografien meines Bruders mit hineingenommen.

Sarah-Jane Morris

Es ist ein richtiges kleines Büchlein geworden, eine runde, in sich geschlossene Sache sozusagen. So etwas konnte ich nie zuvor machen, weil die Plattenfirmen das normalerweise alles unter Kontrolle haben wollen. Bereits diese Seite des Ganzen war schon wunderbar. Aber dann festzustellen, daß es tatsächlich erfolgreich ist, worauf wir es gar nicht angelegt hatten - es ist ja einfach nur deswegen produziert, weil wir es machen wollten: Das Feedback ist großartig. Wahrscheinlich sogar gerade darum, weil wir uns nichts davon erwartet haben. Ich wollte einfach sagen: "Hey, hier bin ich, ich stehe auf eigenen Beinen - ich gehe meinen eigenen Weg und ich mache was ich will! Gegen alle Widerstände!"

Carina: Auf dem Album "August" stehen dein Gesang und das Gitarrenspiel von Marc Ribot im Vordergrund. Wie kamst du auf ihn, und woher wußtest du, daß er der richtige ist, um deine Songs und Ideen zu unterstützen?

Das kam so: Mein Mann, der Multinstrumentalist, spielte in der Band "The Pogues". Zufällig waren die Pogues auch die Lieblingsband von Tom Waits, und so kam es, daß sich nach und nach alle getroffen haben. Mein Mann und ich haben ja zwar recht unterschiedliche Musikgeschmäcker, doch immer wenn wir uns gewissermaßen in der Mitte treffen, dann bedeutet das "Tom Waits". Nun, er ist da eher etwas weiter links von der Mitte... - Mit der Zeit haben wir jedenfalls alle Musiker kennengelernt, mit denen Tom Waits so gespielt hat. Als die riesigen Fans, die wir sind, haben wir natürlich alle Alben von ihm. Und so haben wir schließlich nach einer Weile zwangsläufig angefangen, auch die Musik seiner Bandmitglieder zu kaufen.

Das war dann der Zeitpunkt, an dem wir feststellten, was für ein außergewöhnlicher Musiker Marc Ribot ist. Wir hatten uns bereits mit ihm und seiner Frau angefreundet - auch unsere Kinder sind befreundet. Freundschaft spielt da also glücklicherweise auch eine echte Rolle! Aber erst, als ich ihn live habe spielen sehen, sprang der Funke so richtig über: Er kanalisiert und illustriert seine Obsessionen durch sein Instrument und sein Effektgeräteboard - genau wie ich durch meine Kehle und den Ausdruck meiner Stimme.

Sarah-Jane Morris

Ich kann das spüren, wenn ich ihn spielen sehe - er driftet irgendwo anders hin ab, gleichzeitig bleibt er aber anwesend. Das ist exakt, was auch ich tue, wenn ich singe: mein "Selbst" begibt sich auf die Reise, aber ich bin anwesend genug im Hier und Jetzt, um etwas von dort in die Realität zu projizieren. Ein Teil von mir aber ist irgendwohin verschwunden, läßt sich gedanklich hinübertreiben zu einem Ort voller "Gefahren und Risiken". Und er macht das genauso - und es war das erste Mal, das ich einen Musikerkollegen gesehen habe, der dasselbe auf seinem Instrument macht! Und da wußte ich, daß er der Richtige für das Album ist!

Carina: "Don´t leave me this way" - das war dein Hit mit den Communards (1986) - warum hast du gerade diesen Song für dein Album "August" als Opener gewählt?

Sarah-Jane: Man kann das mit dem Austreiben eines Gespenstes vergleichen. "Don´t leave me this way" hat mir zwar Türen geöffnet, aber gleichzeitig viele andere verschlossen. Natürlich kennen mich deshalb viele Leute - das ist also eine Referenz für mich. Das ist zwar gut, wäre für jeden gut - aber ich wollte eben beweisen, daß ich mehr bin als nur "das Stimmwunder mit diesen großen Discohit". Und ich wollte gleichzeitig beweisen, daß mehr in dem Song drinsteckt als die Leute in Erinnerung haben. Wir haben uns die Version von Harold Melvin & The Blue Notes angehört.

Es gibt da Textstellen, die in der Communards-Version gar nicht verwendet wurden. Ich habe sie aufgeschrieben und wir haben beschlossen, das Stück zu reduzieren - soweit, daß es sich sozusagen "als Blues" präsentiert: Die Leute würden so plötzlich auf den Text achten - anders als wenn er von so vielen Instrumenten zugedeckt wird. Es ist ganz einfach ein verzweifeltes Lied - diese gebrochene Frau, die jemanden anfleht, nicht zu gehen - es wirkt so verletzlich. Weil es das erste Stück war, das wir während der ganzen Aufnahmesession eingespielt haben, schien es richtig, damit das Album zu beginnen: mit dem Schließen eines Kapitels.

Carina: Wie würdest Du dich den heute einordnen - eine Sängerin in der Sparte "Blues, Jazz und Soul", als "Songschreiberin im Allgemeinen"? Was ist es, daß dich "ausmacht" - ist es die dreieinhalb-Oktaven-Stimme, die, wie ein Kritiker sagte, so "fabelhaft rauh" klingt?

Sarah-Jane: Nun, ich denke, jeder hat seine eigene Stimme. Mit meiner Stimme verhält es sich, wenn ich auftrete, von außen betrachtet so: vollkommene Verwandlung. Aus meiner Sicht: Ich stelle mich auf der Bühne gewissermaßen meinen Dämonen, stehe ihnen Auge in Auge gegenüber - sie fordern mich heraus, peinigen mich. Das ist das, was ich mit dem "Ort voller Gefahren" meine. Aber mir gelingt es, sie zu bändigen und das verwandle ich in einen Sound.

Aus dem Bauch heraus: Nicht unbedingt schön. Nicht unbedingt lieblich - ich stehe nicht da und denke darüber nach, wie ich aussehe, oder ob ich sexy wirke. Ohne zu denken handle ich spontan - auf den Augenblick bezogen. Manchmal wird es eine Katastrophe und manchmal brillant, aber das Risiko gehe ich gerne ein. Ich bin zwar nicht die einzige Person mit dieser Art an die Dinge heranzugehen, aber es unterscheidet mich wahrscheinlich von einer Menge anderer Popmusiker.

Sarah-Jane Morris

Zum Publikum suche ich als Sängerin eine Verbindung, ich suche jemand - für mich persönlich - an den ich glauben kann. Ich will keine Zugeständnisse, will nichts vorgespielt bekommen - ich will wissen, mit wem ich es zu tun habe. Die Realität der Leute wahrnehmen. Und das, denke ich, ist der Grund, warum mein spezielles Publikum auf mich anspricht, mir Feedback gibt: weil sie sehen, daß ich echt bin - wir haben uns gegenseitig gefunden. - Die Popindustrie schätzt diese Unmittelbarkeit, diese Wahrhaftigkeit nicht, sie kann damit nicht umgehen. Aber das ist in Ordnung so - ich versuche nicht, ein "Popsänger" zu sein.

Carina: "The Republic" - die Musik dieser Band, in der du mitgespielt hast, war sehr politisch. Wieviel Einfluß hat Musik auf Politik und andersherum?

Sarah-Jane: Die Politik hatte von Anfang an einen ziemlich großen Einfluß auf meine frühe Musikkarriere, auf meine Laufbahn - auch in Bezug auf meine Schauspielertätigkeit. Ich ging zur Schauspielschule, begann mich dort mit Berthold Brecht auseinanderzusetzen. Zufällig war mein Dozent nämlich auch die im ganzen Land führende Autorität für Brecht´sches Theater! So kam ich im zarten Alter von siebzehn zu meiner ersten Lektion in Sachen Sozialismus. Und dazu kam die Faszination, die aus der Musik von Weill und Eisler erwuchs, zu der ich dank Brechts Texten kam. Texte übrigens, die, wie ich finde, auch heute noch höchst relevant sind!


Ich bin überzeugt, daß ungeheuer viel von der Art und Weise,
wie ich auftrete, vom Brecht´schen Theater herrührt!

Ich bin überzeugt, daß ungeheuer viel von der Art und Weise, wie ich auftrete oder eine Geschichte erzähle, vom Brecht´schen Theater herrührt. Immer wenn ich die Musik von Kurt Weill oder Hanns Eisler singe, wurde ich - als Schauspielerin - zur Dame oder zur Hure; so vulgär, wie die Rolle es erforderte - aber stets erdverbunden und sinnlich! Das wird in meinen Augen oft verfehlt, zu viele Leute vernachlässigen das. Ein Beispiel ist Ute Lemper, in der alle die neue Lotte Lenya zu sehen pflegen. Keine Frage, daß sie eine wunderschöne Frau ist, daß sie diese unglaublich perfekte Stimme hat - aber wo ist das Unreine, der Schmutz, die Rohheit, von der diese Lieder handeln? Das genau ist es, was mir wichtig ist - aber viel zu oft fällt es unter den Tisch.

Sarah-Jane Morris

Inwiefern die Musik in der Lage ist, die Politik zu beeinflußen? Einige Leute geben jedenfalls nicht auf, das sehr hartnäckig zu versuchen - so wie Billy Bragg beispielsweise. Er hält immer noch die Fahne hoch, ist nie Kompromisse eingegangen. Und gilt deshalb in England als eine Stimme des Volkes, ist in dieser Eigenschaft ständig im Radio zu hören und im Fernsehen zu sehen. Aber ob er die Politik beeinflußt hat? - das ist schwer zu beurteilen! Er ist bis heute das Sprachrohr der kleinen Leute - ich denke nicht, daß er damit einen wirklichen Einfluß auf das System nehmen konnte. Es mag Leute in ihrem Denken beeinflußt haben, aber ob es die politische Maschinerie beeinflußt hat ...

Carina Prange

Aktuelle CDs:
Sara-Jane Morris - "August" (Fallen Angel Ltd./Indigo 1475-2)
demnächst: Sarah-Jane Morris - "Love and pain" (geplante VÖ Jan. 2003)

Sarah-Jane Morris im Internet: www.sarahjanemorris.com

Eine kürzere Fassung dieses Interviews erschien im Magazin "Folker" Aug.-Sept. 02.

Fotos: Frank Bongers

© jazzdimensions2002
erschienen: 28.9.2002
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