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Hier kommen "Les Gammas"!

Keine neue Fernsehserie - "Les Gammas", das sind Jochen Helfert und Marc Frank - und die Musik, die sie machen, hat nichts damit zu tun, daß sie uns in irgendeiner Form "Französischkenntnisse vermitteln" wollten. Auch zum Fernsehen gibt es keinen Bezug. Nein, "Les Gammas" haben sich die Zwei genannt, nachdem sie zwecks Namensfindung schon eine ausgiebige Kneipentour hinter sich hatten.

Plötzlich waren sie bei französischen Begriffen angelangt - und jene Telekolleg-Fernsehserie sei eine 'sehr angenehme Erinnerung' aus beider Kindheit. - Auch wenn "der Name nicht so richtig international ist".

Was die beiden denn nun auf ihrer neuen CD umgesetzt haben und was es sonst noch Spannendes zu ihrem Projekt zu berichten gibt, lassen wir sie selber erzählen, denn ihre Mischung kann man grob nur mit 'Exercise Des Styles' überschreiben - und so heißt dann auch der CD-Titel...

Carina: Wie kamt ihr gerade darauf, Karl Berger, der ja eher im Zusammenhang mit "typischen Jazz" steht, für Eure Ideen zu gewinnen?

Jochen: Marc hat eine Freejazz-Platte von Karl Berger in "unserem" amtlichen Plattenladen gefunden - hat sich die Platte angehört und war total begeistert, spielte sie mir vor. Und als wir entschieden, mit einem deutschen Jazzer etwas zu machen, fiel die erste Wahl auf Karl Berger. Wie es der Zufall will - Augsburg macht es möglich - zwei oder drei Wochen später spielt Berger in Augsburg! Leider hatten wir dann einen Gig und konnten nicht hingehen - zwei Monate später spielt er nochmal; da haben wir gesagt: "So, jetzt ist er fällig!" - Wir haben ihn gleich nach dem Gig angesprochen - er war sofort Feuer und Flamme, und so kam der Kontakt schließlich zustande.

Marc: Ja, da kam ja dann auch irgendwie raus, daß er immer Kontakt zu dancefloorientierter Musik hatte. Trotzdem spielt er seinen sehr eigenen und sehr schönen "Jazz" - aber er will seine Musik ja genausowenig betiteln wie wir. - Das war eigentlich so eine sehr lustige Verbindung: du sitzt mit ihm am Tisch und du redest wie mit einem, der so alt ist wie du selber - er ist aber mehr als doppelt so alt.

Carina: Marc, du machst ja auch ziemlich viel in der Clubszene - erzähl´ doch mal ein bißchen - ich kenn´ mich in Augsburg als "Nordlicht" nicht so aus.

Marc: In Augsburg gibt es quasi auch nur uns, was in dem Bereich abläuft. Wir machen seit 8 Jahren ´nen Club und haben so mit Retro-Sachen mehr oder weniger angefangen: Jazz und Rare Groove. Nach und nach kamen Produktionen, die irgendwie "die Stimmung" oder "den Vibe" hatten - so rutscht man langsam da rein. Dann kamen auch die Kontakte mit Michael Reinboth (Compost Records) in München. Mit dem Projekt geht es auch in diese Richtung weiter. Unser "Mit-DJ" Tom ist mittlerweile nach Wien gezogen, ist da auch ganz rege unterwegs.

Carina: Was ist der Unterschied zwischen dem Life-Act und der CD-Version?

Marc: Wir haben jetzt diverse Jazzfestivals und jede Menge Clubdates hinter uns. Das läuft immer so auf der Wochenendschiene: Freitags, Samstags. Wir waren letzte Woche in Amsterdam auf dem Drum´n´Rhythm - Festival, nächste Woche sind wir in Istanbul - später Kopenhagen, so wie es aussieht.


"Ist ja egal: ob fünf Leute am Sampler stehen und du siehst nix,
oder es kommt von einem Harddisk-Recorder
und du siehst es auch nicht ..."

Life sieht es so aus, daß quasi die gesamten Arrangements, die wir nicht umsetzen können, von einem Harddiskrecorder kommen: also Streicher und die ganzen Bläser, und den ganzen Schnippelkram, wo du fünf Sampler bräuchtest und acht Leute, die diese fünf Sampler bedienen. Es ist ja egal: ob fünf Leute am Sampler stehen und du siehst nix, was jemand macht. Oder es kommt von einem Harddisk-recorder und du siehst es auch nicht, aber dafür kostet es weniger. - Steht also das Ding auf der Bühne - Jochen spielt Rhodes, ich spiel´ Schlagzeug oder sing´- da sind dann die Drumtracks auch auf ´nem Recorder drauf. Und wir haben auch noch eine Bassistin (P. E. Spier) dabei, die spielt live Bass - ich glaube, das bringt schon einiges.

Carina: Woher nehmt ihr die ganzen Ideen - alles zu Stücken zusammenzupacken ist das eine, aber ihr schreibt ja auch so nette Sachen zu den einzelnen Songs - woher kommen da die ganzen Ideen, wie entsteht das?

Marc: Unter "Zwang"! (lacht) - Das ist immer ein lustiger Moment im Studio - du hast Tracks auf der Festplatte, spielst so ein paar Takte - wie eine Idee. Da hast du so ein Bild im Kopf: Wir versuchen in die "visuelle Richtung" zu gehen - daß du dir beim Hören was vorstellen kannst ... - Musik, die ich gerne gehört habe, war im Grunde immer solche, die irgendein Bild in mir hervorgerufen hat. - Dann ziehst du intuitiv die richtige Platte raus, wo so ein kleiner Sample drauf ist - genau der, den du gebraucht hast. Das ist quasi Improvisation im Studio, mehr oder weniger, und du sitzt am Schluß davor und denkst: "Das gibt es überhaupt nicht! Wo kommen die Ideen her? Was ist in unseren Köpfen da eigentlich drin, von dem wir nichts wissen?" Wir haben uns oft schon angeguckt und gesagt: "Das sind nicht wir, die das gemacht haben."

Jochen: Das hat auch damit etwas zu tun, daß wir zwar oft gleiche Vorstellungen haben, die sich aber auch nie hundertprozentig decken. Es entstehen dann Sachen, die der andere weiterdenkt, wo man noch was draufsetzt, und noch weiter ... zum Schluß bremsen wir uns natürlich ein und schmeißen die Hälfte wieder raus.

Marc: Was wir in letzter Zeit öfter gehört haben: das erstens das Album in sich überraschend sei - was im nächsten Track geschieht. Aber auch das die Songs in sich überraschend sind, nie so weitergehen wie man sich das vorstellt. - Ich glaube, daß ist auch so ein Element, wo wir beide wahnsinnig Spaß dran haben, die Leute zu überrumpeln mit einem Arrangement.

Jochen: Das ist eine Reise, eine musikalische Reise.

les gammas - "exersises de styles"

Carina: Zofft ihr Euch nicht dabei auch mal, wenn der eine das will und der andere etwas ganz anderes?

Jochen: Es gibt da schon Differenzen. Wenn die Vorstellung nicht so richtig klar definiert ist und wir uns zu locker lassen, dann kann es schon mal ein bißchen entgleisen. Der eine dann sagt: "Ich will es so haben!", und der andere: "Nein, ich will es so haben!" Kommt dann ein Ergebnis raus, mit dem einer nicht richtig zufrieden ist, machen wir diese Stücke nochmal neu - oder lassen sie liegen. Die liegen halt dann da, bis der richtige Schlüssel gefunden ist, um wieder anzusetzen.

Wir kommen ja aus verschiedenen Richtungen, der Marc mit der ganzen Rhythmusgeschichte, ich aus der "harmonischen" Ecke. Es ist ja auch der Respekt, den man vor dem anderen hat, da sind einfach Sachen, die ich nicht weiß, aber die der Marc weiß, und umgekehrt. Und die wir beide nicht wissen. Das eigentlich Interessante ist, was sich genau daraus ergibt. - Das ist ja auch das Schöne, deswegen wollen und können wir uns auch nicht festlegen. Ein Stück können wir nicht wiederholen, alles ist nur für dieses Stück so gewesen. Man ist anschließend wieder eine Stufe weiter, in der Art und Weise, wie man an Stücke herangeht. Deswegen ist der Ansatz auch jedesmal ein anderer. Eine andere Intention, eine andere Idee, eine andere Klangvorstellung, was auch immer.

Marc: Wichtig ist uns aber auch das emotionale Element, das wollen wir schon als 50%igen Teil unserer Stücke dahaben. Daß es nicht ein "funktionaler Track" wird, den du einfach spielst oder wo irgendetwas passiert. Die Gefühlsebene, die wir beide haben hört man wahrscheinlich durchaus - die kommt in die Stücke mit rein. Das unterscheidet uns wahrscheinlich auch von vielen anderen elektronisch basierten Acts.

Carina: Habt ihr so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Marc: Die eine ist - glaube ich - von mir, daß es einfach immer weiter geht: nach dem Yin und Yang-Prinzip. Das spiegelt sich durchaus in der Musik wieder, daß es mal nach unten geht - und wenn es nach unten gegangen ist, kann es eigentlich nur noch nach oben gehen. - Und nie den Humor verlieren, ne! ...Alles positiv sehen; daß ich niemandem was Böses will, in niemandem was Böses sehen will - ich geh´ einfach naiv durch´s Leben. Das ist meine Philosophie, das ist o.k.

Jochen: Das Leben so gestalten, wie es einem gefällt, sich nicht den Zwängen unterwerfen, keine Verantwortungen übernehmen, die man nicht übernehmen muß. - Das Leben genießen.

Carina Prange

CD: Les Gammas - "excercises de styles" (Compost Records 074-2)

Compost Records im Internet: www.compost-records.com

Cover: Odile Rogers / Sichtbeton

© jazzdimensions2000
erschienen: 7.7.2000
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