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Klaus Hoffmann - der Weg ist das Ziel?!

Klaus Hoffmann ist Liedermacher, sozusagen einer der wenigen, die es davon noch gibt - und die dauerhaft erfolgreich sind. Die Reihe seiner Songs nimmt kein Ende - dennoch macht Hoffmann nebenbei auch im Bereich des Theaters - und jetzt der Literatur - von sich reden: seinerzeit war es die Theateraufführung "Brel", unlängst ist gerade die Tournee der "musikalischen Lesung" zu seinem kürzlich erschienenen, 541 Seiten starken Buch, "Afghana" [s.u.] - im wahrsten Sinne des Wortes - über die Bühne gegangen.

Ein Künstler, dessen eigenes Selbst mit der Romanfigur (dem Jungen Paul) eng verwoben ist, dessen Lieder zwar nicht gerade immer Selbstportraits sind, aber doch von seinen Ideen und Erlebnissen zeugen: Klaus Hoffmann versteht "Afghana" nicht als autobiografischen Roman. Dennoch ist er selbst darin verwickelt, ist die Grenze zwischen Phantasie und eigener Lebensgeschichte schwer zu ziehen.

 

Klaus Hoffmann

"Wenn du etwas schreibst - das ist mir bei dem Buch aufgefallen - dann ist letzten Endes alles Phantasie! Aber zu hundert Prozent ist dies auch aus mir selbst heraus entstanden - ich habe ja das Buch mindestens 18 bis 20 Mal 'gewaschen' - wie ich das nenne. Ich habe diese Reise nach Afghanistan zweimal selbst gemacht. Und jetzt bin ich immer wieder erstaunt, wieviel eigentlich Erfundenes dabei ist - früher dachte ich, das wäre nicht so!

Der "Typ" Paul ist auch anders. Aber jeder Autor verbirgt sich auch hinter der Rolle - sagt immer, das sei alles erfunden. Ich wette, daß die meisten aus ihrem Leben zehren, und sei es nur von den Phantasien, die sie haben. - Doch, wenn es nachher geschrieben dasteht, genau wie bei einem Lied - dann wird es zu etwas 'Fremden'. Es ist eine Kunstform - und ob gut oder schlecht - sie ist etwas Drittes."

Der Titel "Afghana" - abgeleitet von Afghanistan - ist gleichzusetzen mit dem "Wunschland Afghanistan" - eigentlich sollte es Goa sein - im jugendlichen Leichtsinn als reiches, als freies Land gesehen.

"Diese 'Codeworte' fand ich immer sehr wichtig - wieviel Kraft so ein Wort haben kann, dich magisch in eine völlig andere Welt hineinzuziehen ... - Deswegen: 'Afghana'."

Heute verbinden wir mit Afghanistan zerstörte Buddha-Statuen, unterdrückte, gefolterte und verhungernde Frauen. Klaus Hoffmann war vor Jahren geschockt, als er mehr über Afghanistan erfuhr.

"Erstmal - ich habe Kontakt mit der 'Afghanischen Freundschaft'. Ich hatte immer viele Verbindungen über eine hiesige Familie und über Afghanen, die ich kannte - was aber sehr schwierig war. - Als ich zu schreiben begann, da meinte ich ein anderes Land - eben das, wo der Paul Ende der Sechziger rüberging - das erste Mal. Aber auch damals befanden sie schon mitten in den ersten Auseinandersetzungen. Bei der zweiten Reise habe ich es selbst erlebt - in der Nähe von Masa Scharif - daß es eine Menge Kriegsaktivitäten gab.

Nachdem ich, wie gesagt, die erste Urfassung des Romans geschrieben hatte, bin ich auf Sylt in die Bücherei gegangen. Und da bekam ich einen Bildband über das Afghanistan von vor 10 Jahren in die Hände - und das war nur verbrannte Erde. Das heißt - dieses Kinderland, dieser 'Code Afghana' - das ist abgebrannt.

Gesehen wird alles aus dem Blickwinkel dieses Jungen, dieses 'Taugenichts'. Politik im wahrhaftigsten Sinne ist in dem Buch nicht vorhanden. Es ist weder kritisch noch unkritisch - weder Anti noch Pro. Es geht im Grunde um 'das Fremde'. Das wäre wahrscheinlich auch auf Marokko oder ähnliche Situationen übertragbar. Dieser Typ stolpert da eben einfach nach Afghanistan."

Thema von Klaus Hoffmanns Buch "Afghana" sind einerseits die Schwächen der Menschen, ihre Zweifel und Unvollkommenheiten - andererseits aber auch ihre Möglichkeiten. Es sind sehr persönliche Seiten der "Helden". Durch die so präsentierten Charaktereigenschaften und Gefühlswelten entsteht beim Leser ein Gefühl von Nähe. Klaus Hoffmann zur Frage, ob dies eine beabsichtigte Wirkung sei:

"Ich hatte ja noch nie ein Buch geschrieben - als ich in eigenen Liedern und Texten auf die Suche ging, ergab sich das ... - so wie ich gerne Bücher lese. Beim Schreiben kommen alle deine Vorbilder wieder ins Spiel, die Bedrohungen auch. Deshalb hüte dich davor, während du schreibst, selbst zu lesen - ich habe meine 'großen Erzähler' verbannt! - Ich wollte erreichen, daß der Leser unterhalten wirst, daß er nicht weggeht aus dem Stoff. Dazu brauche ich 'Nähe' - damit Du - als Leser - entscheiden kannst: das 'macht mich an' oder nicht! Die Ich-Form ist ja eine sehr Bedrohliche, weil man sich unwillkürlich auch schnell gegen den Typ stellen kann, der da das Falsche behauptet - dann aber stellt sie wiederum eine Möglichkeit dar, schnell Einblick zu erhalten, was im Inneren des Erzählers passiert.

Einiges ist zwar durchaus mit Absicht geschehen - die Nähe ist mir auch gelungen, es ist vom Handwerk sehr 'nah' - weil du eben Nähe ansprachst! Richtig bewußt habe ich das allerdings nicht gewählt - eher so, wie ich auf eine Bühne gehe und das Publikum anspreche."

Nicht nur in seinen Büchern, auch in seinen Liedern geraten das "Spießige" und "Eingefahrene" immer wieder in die Kritik. Klaus Hoffmann selbst tritt hingegen bei seinen Konzerten im Anzug auf. Spießigkeit und "Stehengebliebensein" sind eben nicht an Äußerlichkeiten festzumachen, sondern auf innere Werte zurückzuführen:

"Vor zwanzig Jahren haben mich noch viele angemacht, die eine andere Uniform an mir sehen wollten, irgendeine andere. Diese Verkleidungen sind bis heute für mich wichtig.- Die Sechziger haben mich damals ziemlich abgeturnt - mit welchem Betrug da auch die Barden auf die Bühne stolperten und eine andere Uniform trugen - und sagten, daß wäre aber dann dadurch besser! Da habe ich mir als Uniform den 'schwarzen Anzug' gewählt, um zu zeigen, daß ich mir darüber Gedanken gemacht habe.

Der Paul im Buch redet ja auch unentwegt von Verkleidungen, vom 'sich verstecken' und 'wie bewahre ich mich, wenn Autoritäten auftauchen' - wie bei Klinker - die ihn an die Wand drücken. Und aus dem dafür notwendigen Panzer heraus betrachtet er die Welt, zuhause, auf der Busfahrt nach Afghanistan. Dazu brauchte er viele Panzer.

Siggi und er gehen los, und wollen in Goa landen, sehnen sich nach einem kleinbürgerlichen Milieu der Harmonie mit Hütte am Strand, ein paar netten Mädchen, Gitarre und alles ist easy und gut. - Doch das bekommt Paul in Afghanistan nicht. Er kriegt genau das, was ihn an die Fünziger der Berliner Zeit erinnert - alles dieses! - wieder vorgesetzt.

Er stolpert in so eine Phantasiewelt, von der er meint, die darf einfach nicht 'abgebrannt' sein. Das will er nicht wahrhaben. Aber wo kommt er hin? An sich in ein Land, das in jener Zeit eines der ärmsten Länder der Welt war. Doch die Armut ist eher in Pauls eigener Biografie zu finden, wenn er sich in Afghanistan erinnert - an seine Kindheit."

Flucht in Träume und die Gegenwart, Phantasie und Realität - das sind Gegensätze, die im Roman und in Klaus Hoffmanns Liedern eine Rolle spielen. Klaus Hoffmann unterstützt die These, daß Träume und Phantasie beim Ertragen der Wirklichkeit helfen:

"Damals, ja - ohne Kino wäre ich eingegangen! Das wußte ich aber nur in dem Sinn, wie man als Kind genial das nimmt, was man braucht. - Und das Kino - Paul Simon hat mal gesagt: 'That´s why god made the movies'. Und wenn er da so eine Instanz anruft, dann hat ihm das sicher geholfen.

Meine Welt war an sich die Nichtrealität: da bin ich rausgekommen. Dann habe ich die Straße überquert, bin zurück aus diesem kleinen Kino und war dann wieder in diesem 'mit den Eltern sein' - Vater krank, Mutter fast schon alleinerziehend - doch so kam ich über die Runden. - Gute Bücher schaffen das auch - etwa Mark Twain zu lesen - da kommst du in eine andere Welt! Das kann ganz wichtig sein."

Schein und Sein auf der Bühne, wenn ein Künstler live auftritt, ist ein spannendes Thema. Klaus Hoffmann, der Sänger, ist durchaus nicht immer identisch mit dem Privatmenschen Klaus Hoffmann. Durch das nun geschriebene Buch könnten diese Positionen verwischen. Hoffmann dazu:

"Das ist in der Tat schwierig - ich habe Angst gehabt vor solchen Gesprächen. Nun bist Du darin noch recht - wie man heute sagt - 'objektiv'. Aber die Geschichte läßt etwas blicken von mir. Ich fürchte, daß ich das nicht genug abfedere, oder die Position - daß das natürlich 'nur zum Teil' ich bin! - ausreichend vertrete. - Jeder denkt sofort, daß der Typ das erlebt hat, und so aufgewachsen ist - was ja auch zum großen Teil stimmt.

Das geht mir aber so, seit ich Lieder mache. Nach außen ist da immer eine Maske. Das ist nie ganz die Wahrheit - das würde auch nicht viel bedeuten. Manchmal geht es mir auf den Keks, und ich frage mich, ob ich das noch tragen will. Gleichzeitig habe ich es mir gesucht und bin froh, daß man mich anglotzt und sich damit beschäftigt. Genau aus dem Grund machen wir das ja alle. - Muß man sehen.

Das Medium Buch, das Buch ist noch anders: es läßt viel Untertext zu. Du kannst beim Lesen wahrhaftig eine eigene Welt betreten, die ich interessant finde. Ich bin der 'Anturner', ich gebe dir ein paar Sätze vor und dann schlüpfst du in diese Untertexte. Du siehst - wenn ich dir etwas vorlese - andere Bilder als ich sie sehe. Und der Raum ist größer. Der Focus eines Buchs ist einfach größer als bei Liedern. Wenn es gut geschrieben ist, ist es wie ein Film. Und den trage ich dann ganz gern.

Im Moment habe ich soviel Aufmerksamkeit - nach der ich mich auch sehnte - aber da bin ich irgendwie so: Laß mich doch in Ruhe, ich schreibe das nur - keinen Bock, es für dich zu analysieren! Gleichzeitig interessiert es mich, was andere sehen. Du siehst ja in jedem Buch auch viel von dir selbst. Dein Afghanistan sieht eben anders aus."

Carina Prange

"Afghana" - Klappentext zum Inhalt:
"Sehnsucht und Leidenschaft sind sein Thema. Wiederstand und Zweifel, aber auch Glück, Zärtlichkeit und Liebe. Klaus Hoffmann hat einen poetischen Abenteuerroman geschrieben, eine Geschichte voller Leidenschaft, die Geschichte des Jungen Paul, der auszieht, die Welt für sich zu entdecken. "

Klaus Hoffmann im Internet: www.Klaus-Hoffmann.com

Jazzdimensions: Klaus Hoffmann - "Melancholia" (erschienen: 28.11.2000)

Foto: Malene

© jazzdimensions2001
erschienen: 19.4.2001
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