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Karsten Troyke - "Yiddish Anders"

"Yiddish Anders" heißt eine seiner CDs, und wer sich mit jidischer Musik auseinandersetzt, und gar jidische Lieder singt - heutzutage! - der greift nicht nur fast Vergessenes oder Verdrängtes wieder auf. Er muß sich auch nicht lediglich mit "dem Anderen" auseinandersetzen, sondern auch politisch Stellung beziehen. - Einer von ganz Wenigen, die sich auf den Weg gemacht haben, die "jidische Sprache", deren Klang und deren Echtheit zu ergründen, ist der Berliner Chansonsänger Karsten Troyke.

Aufgewachsen in der ehemaligen DDR, aus einer "kommunistischen Familie stammend" - wie er selber sagt -, hat er im Erwachsenenalter für sich erkannt, daß "die schöne Republik ein Polizeistaat war" und in der evangelischen Kirche eine "Nische gefunden". Aber: "Getauft bin ich nicht." Troyke hat Behindertenarbeit gemacht und, Jahr um Jahr mehr, Konzerte in Jugendklubs, Kirchen und kleineren Theatern gegeben.

Öffentlich mit Gesang aufgetreten ist er zum ersten Mal im Jahr 1982. Zu einer Zeit also, "als Bettina Wegner nur noch im Westen singen konnte, als schon so viele gegangen waren, als ich schon wußte, daß ich die Armee-Reservedienst verweigern würde, als klar war daß ich hier nie studieren könnte...."

Mit der Wende kam dann seine große Chance - mit Bettina Wegner zu singen, war eines der Dinge, die er nun gerne machen wollte - und sie auch mit ihm. Aber von dort an konnte sich Karsten Troyke endlich vollkommen der Musik widmen, obwohl: "Vom Singen zu leben - seit der Wende - heißt von der Hand in den Mund leben; aber mir geht es gut!"


Wer seine Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt,
sie zu wiederholen. - Mit den jidischen Liedern habe ich auch
immer eine Aufgabe: eine Aufklärerische!

Troykes Konzerte sind nichts für die große Masse, sondern der Zuhörer muß sich schon speziell für jidische Lieder, und für Troykes Art sie vorzutragen, begeistern können. "Meine Art zu singen ist, wie mir manche sagen, gewöhnungsbedürftig. Leute sind meist ganz begeistert oder vollkommen ablehnend. Sänger sein wollte ich aber schon immer!", so lautet seine selbstbewußte Antwort auf die Frage danach, was es ihm bedeutet, ein Sänger zu sein.

Karsten Troyke - "Vergessene Lieder"

Gerade jidische Lieder , haben für ihn immer auch etwas mit Erinnerung an, und der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit zu tun, denn: "Wer seine Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. - Und mit den jidischen Liedern habe ich - ohne es plakativ herauszustellen - auch immer eine Aufgabe: eine Aufklärerische! Nur: merken soll das Publikum das nicht! "

Aber letztlich ist es ihm nicht wichtig, ob es sich um jidische, deutsche oder andere Songs handelt, die er gerade singt - in seinen sehr unterschiedlichen Programmen bringt er Lieder von Kreisler, Hollaender, Brassens, rumänische Folklore, amerikanische Schlager... - Dabei nimmt Karsten Troyke nur Lieder in sein Repertoire auf, deren Texte ihn selber treffen, denn auch sein Publikum will er "berühren".

Er ist dabei kein Liederschreiber, sondern interpretiert lieber solche Stücke auf seine eigene Art, die andere "viel besser gesagt haben". Einen Sinn darin, Dinge nochmals neu zu formulieren, die irgendwann bereits treffend ausgedrückt wurden, sieht er nicht. - Und wenn man seinen Liedern wirklich zuhört, dann merkt man, daß sich hier jemand mit voller Inbrunst und Überzeugung in "Texte und andere Welten" hineinbegibt, ohne an Eigenem haftenzubleiben.

Will man etwas über Troykes "Philosophie für sein Leben" erfahren, bekommt man eine Antwort, die den Fragenden selbst wiederum ein Stück in Frage stellt: "Eine Philosophie habe ich nicht - da ist Menschenliebe, da ist Hoffnungslosigkeit, wenn ich mir die politische Welt ansehe, da ist aber auch Lust zu leben. Ich habe immer gesagt Wenn viele fragen: 'Warum?', frage ich lieber: 'Warum nicht?'".

Carina Prange

Fotos: Roger Melis (ob), Renate Zeun (unt)
Cover: Stefan Meyer/Peter Zocher, VorDruck

Anmerkungen zu Vita und Diskographie:

Troyke rief die Konzertreihe "Eigene Lieder und Lieder der Welt" im Berliner Club "Gerard Philipe" ins Leben, gab gemeinsame Abende mit Bettina Wegner, mit der türkischen Sängerin Sema, tourte zusammen mit seinem Begleiter Götz Lindenberg mit jidischen Liedern im Ausland. In Wien nahm er seine erste LP "Shuloym Alaykhem - Yiddish Songs" auf. Mit einer Gruppe von Musikern um Hermann Anders entstand 1991 eine Fusion von neueren und alten jidischen Liedern und Jazz, 1992 gewann Troyke einen Preis der Liederbestenliste, der ihm ermöglichte, im großen Saal des SWF Baden Baden die dazugehörige CD "Yiddish Anders" aufzunehmen.

Seit 1995 erschienen (nun bei Raumer Records in Berlin) viele weitere CDs, mit jeweils anderen Musikern und verschiedenen Gästen - außer Bettina Wegner auch Mark Aizikovitch, Claudia Koch, Duo "Vatci Utca", Trio "Scho?", Heide Bartholomäus, Dietrich Pätzold, Juliane Behrens. Die neueste (deutschsprachige) CD "Chanson Total" ist gerade herausgekommen, hier singt Troyke zusammen mit Suzanna (bekannt durch Romalieder und russische Romanzen).

© jazzdimensions2000
erschienen: 31.5.2000
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