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Jan Allain - "Big Boots und Gitarren"

Die Songwriterin Jan Allain gilt als eine der seltenen Künstlerinnen, die schon seit vielen Jahren ausdrücklich zu ihrem Image als "lesbische Sängerin" und Gitarristin stehen. Hierzulande besitzt sie eine große Fangemeinde - stets wird sie auf einschlägige Festivals eingeladen, tourt aber auch in Clubs und steht dort vor weiblichem - und männlichem - Publikum auf der Bühne.

Jan Allain

Ihre meist folkigen Stücke drehen sich vorwiegend um persönliche Themen, sich treu geblieben ist sie bis heute. Nach durchwachsenen Erfahrungen mit verschiedenen Labels gehört sie seit einiger Zeit auch in dieser Hinsicht zu den Selfmade-Women: Mit ihrem Label "Big Boot Records" widmet sie sich Managementaufgaben ebenfalls in erster Linie selbst. Verbissen ist sie dabei nie gewesen - ihr neuestes Album "Apple Size Golden Clitoris" ist vom Titel her durchaus augenzwinkernd ironisch gemeint ...

Bei einem Versuch, tiefer in das Feld der lesbischen Singer und Songwriter vorzudringen, stellt sich jedoch schnell heraus: lesbische Musikerinnen, die mit ihrer Musik, ihren Kompositionen und ihren Texten eine größere Zahl von Fans erreichen oder erreichen wollen, definieren sich - im Gegensatz zu ihren schwulen Kollegen - meist nur über ihre Musik. Ihre Zuneigung zum eigenen Geschlecht klammern sie nach außen völlig aus. Jene anderen, die kompromißlos und offen dazu stehen, gehen das Risiko ein, auch auf Dauer nur ein Nischendasein zu führen - eine Problematik, die sich in den Maße ihren männlichen Pendants nicht zu stellen scheint.

Mit ihrer offenen Positionierung befindet sich Jan Allain im kleinen Kreise von Frauen mit ähnlichem Image. Nach langer Suche wird man in Amerika und auch in Europa fündig: Laura Bowly in Kalifornien, Amy Fix mit ihren berüchtigt frechen Texten in New York, die Deutsche Cornelia Brauckmann - und selbstverständlich Ilse de Ziah, Australierin und langjährige Partnerin von Jan Allain bei "Jan & Ilse", um nur einige zu nennen. Mit dem öffentlichen Bekennen zu homoerotischen Neigungen weit oben im Pop/Rockbusiness etabliert haben sich seit Jahren Tracy Chapman, Melissa Etheridge und selbstredend K.D. Lang - oder auch die "Punk-Folkerin" Ani di Franco, die - sehr revoluzzerisch - musikalisch eher an Woody Guthrie erinnert. - Über lange Jahre ein Vorbild für lesbische Frauen war auch Holly Near, die zwar inzwischen mit einem Mann zusammenlebt, sich aber nach wie vor mit "lesbischem", stets politischem Songmaterial auseinandersetzt.

Jan Allain

Carina: Dein neuestes Album "Apple Size Golden Clitoris" stellt etwas wie eine "Story" dar, wie ein Fotoalbum einer Reise um die Welt, auf der du verschiedene Frauen triffst. Warum finden sich so viele Songs älteren Datums auf diesem Album?

Jan: Ich war mir nicht bewußt, daß das Album eine Art "Geschichte" vermitteln könnte. Die Presse beschrieb es etwas übertrieben mit: '15 Liebhaberinnen in 7 Ländern, verteilt auf 5 Kontinente'. Ich hatte kein bewußtes Konzept, das Album ist eher eine Sammlung von vorwiegend älteren Songs, die während meiner Reisen durch Frankreich entstanden waren. Ich entschied mich dafür, diese Songs jetzt aufzunehmen, weil sie gut zu dem ASGC-Titeltrack passen. Sie alle reflektierten das Thema 'Frauen, die Frauen lieben' - was der Titelsong ja auf seine spezielle Weise auch tut!

Jan Allain - "Apple Size Golden Clitoris"

Carina: Du hast lange Zeit im Duo mit der Cellistin Ilse de Ziah gespielt - während dieser Zeit wurde dein bekanntestes Album "Pearl in the Wreckage" veröffentlicht. Heute arbeitest du mit der Geigerin Clare Lindley. Fortsetzung mit anderen Mitteln?

Jan: Die Idee, etwas mit Geige zu machen, hatte ich eigentlich schon längere Zeit gehabt, als ich zufällig Clare Lindley vor einem Supermarkt in London spielen sah. Wir hatten anschließend einen Gig zusammen, und sie erklärte sich einverstanden, mit nach Deutschland zu kommen. Eine phantastische Musikerin mit großartigem Sinn für Humor - einfach wunderbar. Wir haben schon echt eine Menge Spaß gehabt!

Cello und Geige - der Unterschied zwischen diesen beiden Instrumenten ist schon interessant. Die Geige würde ich mit "fröhlich und beschwingt" beschreiben. Ihr fehlt zwar die Wärme und Melancholie des Cellos, aber sie hat ihren eigenen Sound, der besonders gut zu dem Uptempo-Material und den Balladen mit eher klassischem Arrangement paßt.

Jan Allain und Clare Lindley

Carina: Du hast einmal gesagt, du könntest keine Noten lesen - wie gehst du beim Komponieren vor? Wo beginnst du - bei der Melodie oder beim Text?

Jan: Um Songs zu kreieren, ziehe ich mich mit der Gitarre zurück und klimpere ein wenig vor mich hin - dann schaue ich, was dabei herauskommt. Meine Songs entstehen meistens auf der Gitarre. Die Melodien bauen auf Akkordfolgen und Rhythmen auf, die Texte entwickeln sich durch die Musik. Es gibt keine festgelegte Methode. Manchmal verwende ich Texte, die Jahre zuvor entstanden sind und verbinde sie mit neu entdeckten Melodien. Manchmal genau umgekehrt: neue Worte zu alten Melodien.

Carina: Was bedeutet Authentizität für dich - ist das ein notwendiger Teil des Singer-/Songwriter-Konzeptes?

Jan: Bei den meisten Formen des 'Selbstausdrucks' ist Authentizität ganz wichtig. Hörer wollen sich mit Dingen identifizieren, die sie gefühlsmäßig nachempfinden können, mit denen sie einverstanden sind. Wenn Songs aufgesetzt oder unehrlich klingen, funktionieren sie nicht. Auf der Bühne bin ich 'ich selbst' - so hoffe ich. Die Bühne ist gleichzeitig ein einzigartiger, gewissermaßen heiliger Ort, - dort 'man selbst' zu sein bedeutet, es auf besondere Weise zu sein ...


Wenn Songs aufgesetzt oder unehrlich klingen,
funktionieren sie nicht!

Carina: In Deutschland lebst Du in Mainz, in England dagegen in London - suchst du so den Kontrast zwischen der Groß- und Kleinstadt?

Jan: Ich habe Jahre damit verbracht, zu reisen und bin meist nicht länger als zwei oder drei Wochen an einem Ort. Mein ganzes Leben stellt letztendlich eine Reise dar. Ich lebe in London und - sozusagen- "überall" in Deutschland. Ständig unterwegs, wegen Konzerten, Aufnahmen, Besuchen bei Familie und Freunden. Ich hoffe aber auf etwas ruhigere Zeiten.

Carina: Was, denkst du, sind die Gründe dafür, daß du in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt bist - nach so vielen Jahren großartiger Musik? Ist es der "Makel", eine Frau zu sein und lesbisch - oder ist diese Erklärung zu vereinfachend?

Jan: Ich habe erst in der Lesbenszene in Deutschland eine Nische gefunden, wo ich, wie vorhin gesagt, "ich selbst" sein konnte. Die Folkszene im Großbritannien von vor fünfzehn Jahren war sehr straight - mir fehlte das Selbstvertrauen, um mich, so wie ich war, in diesen Clubs zu beweisen.

Die Konzerte hier erlaubten mir, als Singer/Songwriterin zu überleben. Sie warfen genug ab, daß ich meine Songs aufnehmen und mich zur guten Livekünstlerin entwickeln konnte. Ein Punkt in meiner musikalischen Geschichte hat vorwiegend dazu beigetragen, daß ich in der Musikwelt unbekannt geblieben bin: Der Produzent meines Albums "Pearl in the Wreckage" hatte mich verklagt und acht Jahre lang in einen Prozeß verstrickt.

Das hat meine Karriere ganz entschieden behindert. Wegen dieses Rechtsstreites war ich nicht in der Lage, das Album kommerziell so zu nutzen wie ich es mir gewünscht hätte. Am Ende wurde eine außergerichtliche Einigung erzielt. Ich wendete mich von der Musikindustrie ab und begann in Deutschland weiter Konzerte zu spielen - in aller Stille. Daß es mit meinen Songs weitergehen würde, habe ich aber immer gewußt.

Jan & Ilse - "Pearl in the Wreckage"

Carina: Pläne für die Zukunft?

Jan: Das "Richtige" tun, damit meine Lieder ein größeres Publikum erreichen, den ihnen zustehenden Platz in der "World of Songs" einnehmen. Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen - im Augenblick aber ist es das Schicksal der Songs, über das ich am meisten besorgt bin. Es mag sein, daß es das Beste wäre, sie von anderen Künstlern aufnehmen zu lassen, die bekannter und damit profilierter sind als ich. Hart, das zu akzeptieren, nachdem ich die Lieder so lange Zeit selbst gesungen habe - aber möglicherweise der richtige Weg.

Ich habe jahrelang live gespielt, "dicht an der Basis", und immer gehofft, daß der Wechsel zum Mainstream leichter wäre. Es ist allerdings auch schwierig, sich eine Plattenfirma vorzustellen, die in mich als Livekünstlerin investieren würde - so wie die Musikindustrie eben ist: verknöchert, sexistisch und obendrein wohl auch schwulen- und lesbenfeindlich. Ansonsten - für das Jahr 2003 werde ich für Clare und mich eine Deutschlandtournee zusammenstellen und auch wieder daran gehen, in Großbritannien zu spielen und mich dort nach Möglichkeiten für Veröffentlichungen umsehen. Ich habe noch viel vor...

Carina Prange

Dieses Interview erschien im Printmagazin "Folker", Ausgabe November/Dezember 2002

Jan Allain im Internet: www.janallain.com

Fotos: www.janallain.com

© jazzdimensions2002
erschienen: 24.11.2002
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