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Gabriele Gün Tank - "Böse Mädchen" und die kritische Jugend

"Laßt uns gemeinsam Lachse sein
- und gegen den Strom schwimmen ..."

Einst als kleines Projekt mit Sitz in einem Mädchenladen in Charlottenburg entstanden, sind "Die Bösen Mädchen" langsam, aber sicher den Kinderschuhen entwachsen. Heute steht der Name vor allem für ein deutsch-türkisches Bandprojekt, daß im sozialpolitischen Bereich, seien es Straßenfeste oder Gewerkschaftsveranstaltungen, nicht mehr wegzudenken ist. Zusätzlich - und nicht nebenbei - wird in Form von Seminaren, betitelt mit "Alles was fremd ist" oder "68er - wat is´n det?" direkte politische Arbeit geleistet.

Gabriele Gün Tank hat das Gesamtprojekt mit Justus Blumenstein und Burcu Cokgüngör zusammen aus der Taufe gehoben. Sie betätigt sich in der Band als Leadsängerin und Ansagerin, ist ehrenamtlich für das Projekt "Böse Mädchen" unterwegs und und ist - last not least - Co-Leiterin bei den regelmäßigen Treffen der "Mädels". Abgesehen davon steht sie natürlich auch für sich selbst - als angehende Journalistin, in Deutschland lebende Türkin und selbstbewußte engagierte junge Frau.

Gabriele Gün Tank

Stets hat sie einen vollen Terminkalender - neben der Tätigkeit für die Mädchengruppe bereitet Gabriele Gün Tank auch die Seminare mit vor, koordiniert die Bandauftritte, CD-Aufnahmen und was sonst so anfällt. Über die viele Arbeit beklagen will sie sich dennoch nicht:

Gabriele: "Da leidet zwar die Freizeit wirklich ganz schön drunter ... - Die Wochenenden sind immer voll gebucht, für meine Freunde habe ich kaum Zeit. Aber es lohnt sich halt auch, weil da viel zurückkommt!"

Das Projekt "Böse Mädchen" veranstaltet Seminare in Brandenburg, in Berlin-Hellersdorf, macht Auftritte bundesweit und steht für eine aktive Auseinandersetzung mit Politik, vor allem mit der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland ...

Stimmt also das Vorurteil doch nicht, die Jugendlichen seien so unpolitisch und uninteressiert?

Gabriele: "Wir wollen genau diesem Vorurteil entgegenwirken! Die meisten Erwachsenen glauben viel zu wenig an die Jugendlichen. Sie bilden sich eine Meinung und möchten diese auch äußern, interessieren sich für diverse Themen ..."


Die meisten Erwachsenen glauben
viel zu wenig an die Jugendlichen!

Wie sehr sich derzeit die aktuelle politische Lage in Deutschland auf die Gruppe auswirkt:

Gabriele: "Der Rechtsextremismus wird ungefähr seit einem Jahr mehr in den Medien dokumentiert - seitdem gibt es viel mehr Nachfragen wegen Bandauftritten etc. - Das ist im Grunde natürlich schon seltsam, denn der Rechtsextremismus hat ja nicht erst seit letzten Sommer zugenommen!"

Auch was die Afghanistan-Problematik betrifft, wollten wir Genaueres wissen:

Gabriele: "Die Schulen sind zwar auf den Terroranschlag in den USA eingegangen, aber nicht auf die Gegenreaktion. Die Ängste der Kids wurden nicht wirklich mitbehandelt. - Wir versuchen, den Mädchen ein Stück weit ihre Ängste zu nehmen. - Die Regierung hat ja derzeit auch nur die Lösung "Bekämpfen, bekämpfen, bekämpfen." - Wir sagen den Mädchen ganz direkt, daß die Chance, von einem Auto überfahren zu werden viel größer ist als bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen. - Es ist wichtig, daß sie ihr Leben so weiterführen wie sie es halt leben!"

Die "Bösen Mädchen"

Gabriele Gün Tank möchte sich auf jeden Fall nicht in der Rolle einer Sozialarbeiterin für die "Bösen Mädchen" sehen, deren Mitglieder zwischen sieben und fünfundzwanzig Jahre alt sind.

Wie wirkt sich denn der Unterschied im Alter aus?

Gabriele: "Der Altersunterschied spielt keine wirklich große Rolle, es gibt im Grunde die gleichen Schwierigkeiten wie sonst auch zwischen Mädchen - sie sind ja schließlich jede für sich anders! Einmal die Woche finden wir uns zum gemeinsamen Einstudieren von Liedern zusammen, sprechen aber auch über Politik und Alltagsthemen, mit denen sich die Mädchen gerade beschäftigen."

Bei Live-Auftritten der Band, die man ruhig als Polit-Popgruppe bezeichnen könnte, ist Gabriele gewöhnlich diejenige, die Songs ansagt und mit Burcu zusammen den Part der Leadsängerin übernimmt.

Sind da deine Mädchen nicht manchmal "eifersüchtig" und wollen diese Rollen selbst einnehmen?

Gabriele: "Jedes Mädchen kann den Part übernehmen, der ihm Spaß macht! Manchmal versucht eines von ihnen eine Ansage - und möchte dann im nächsten Moment doch wieder, das ich das mache, weil sie sich nicht traut. Das ist soweit ganz offen."

Eine Mädchenband der unkommerziellen Sorte - wie sieht es mit der Finanzierung aus?

Gabriele: "Auftritte, CD-Verkäufe, Finanzierung über Stiftungen und zu 99 Prozent ehrenamtliche Tätigkeit. So läuft das! - Und wenn nicht die Eltern der Mädchen - sozusagen die "Bösen Mamas und Papas" als Unterstützung da wären - zum Hin- und Herkutschieren, für die CD-Covergestaltung etc., dann ginge eigentlich gar nichts."

Die "Bösen Mädchen"

Als sehr erfreulich stellt sich die positive Resonanz bei den mit den "Mädels" befreundeten Jungs und dem Publikum dar:

Gabriele: "Es war sicherlich nicht von Anfang an abzusehen, daß es soviel Feedback geben würde. Ich bin selbst immer wieder erstaunt, wie wenig negative Erlebnisse es im Gegenzug gibt. Die Seminare kommen ebenfalls "supergut" an - im Berliner Umland werden sie allerdings gelegentlich auch zur "Mutprobe" für die VeranstalterInnen."

Eine Platte gibt es bereits von den Bösen Mädchen, eingespielt mit diversen Gastmusikern und - Arrangeuren. Live kann man die "Mädels" bis jetzt leider nur mit Playback-Musik hören. Nun wird in Kürze das zweite Album erscheinen, wohl - wie auch die Vorgänger-CD "Ausländer" - bei der österreichischen Record Company Extraplatte.

Gabriele: "Textlich, musikalisch und auch was die Musiker betrifft wird es eine Steigerung zum ersten Album geben. Höchstwahrscheinlich wird diesmal auch ein Lied in arabischer Sprache dabeisein!"

Die bösen Mädchen - "Ausländer" (2000)

Insgesamt gibt es dieses komplexe Projekt, unter dem eben nicht nur die Band, sondern auch die Mädchengruppe und die angebotenen Seminare zu verstehen sind, seit inzwischen vier Jahren. Es wird voraussichtlich noch lange Zeit notwendig sein, daß sich Jugendliche gegen Fremdenfeindlichkeit engagieren.

Natürlich wäre es schöner, wenn die "Erwachsenen", die Politiker, die Wirtschaftsbosse etc. nicht immer jemanden nötig hätten, der ihnen den Spiegel vorhält. - Aber die "Bösen Mädchen" beweisen, daß es so etwas wie eine "kritische Jugend" durchaus gibt. Und einschüchtern lassen sie sich auch nicht ...

Carina Prange

Fotos: "Die Bösen Mädchen"

Cover: Elke Reisch / Jons Michael Voss

© jazzdimensions2002
erschienen: 7.1.2002
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