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DJ Illvibe - scratcht für "Lychee Lassi"

Lychee Lassi räumt derzeit ab in der Berliner Szene, sie spielen in Jazzclubs, in Locations wie dem Tränenpalast sind sie mit Popette Betancor gleich im Doppelpack zu hören - und auch ansonsten lassen sie sich nicht lumpen, wenn es darum geht, ihrer Fantasie und ihrem Einfallsreichtum freien Lauf zu lassen. Völlig anachronistisch ist auch ihr Festhalten am Medium Schallplatte - zunächst erschien die Vinyl-Single "Garagenjazz" und inzwischen ist auch ihre LP "Lychee Lassie" auf dem Markt.

DJ Illvibe

Insbesondere die Verbindung von Bandmusik und DJ-Sounds ist ihr Steckenpferd - heraus kommt dabei powervolle, in keine Schublade zu zwängende Musik, die die Bühnenbretter stets zum Vibrieren bringt. Herangezogen als Vergleich wird oft das Trio Martin, Medeski and Wood, das sich ähnlich fernab jeglicher Konventionen zum Erfolgstrio entwickelte. - Ohne den DJ Illvibe wäre Lychee Lassi aber nur halb so spannend. Und was treibt diesen Menschen dazu an, sich ständig mit Musikern auf die Bühne zu stellen, anstatt in Clubs aufzulegen? Carina Prange wollte mehr wissen und erfuhr nach einem Tränenpalast-Auftritt auch so einiges:

Carina: Wann und warum bist du auf die Idee gekommen, als DJ aufzulegen?

DJ Illvibe: Ich habe schon immer ziemlich viel Musik gehört - darunter auch viel Hip Hop. Und irgendwann stand bei einem Kumpel ein Plattenspieler rum. Ich habe dann einfach mal ein bißchem probiert, und mir schließlich auch welche gekauft. Ganz einfach.

Carina: Und wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Dirk Berger gekommen?

DJ Illvibe: Dadurch, daß ich bei Sebastian Krajewski, dem Schlagzeuger - der jetzt auch bei Lychee Lassi mitspielt - Schlagzeug-Unterricht hatte. - Der wußte, daß ich DJ bin und meinte irgendwann: "Da können wir doch mal zusammen jammen!" - Damals waren die Lychees noch ein Trio. - Na, und dann haben wir das eben getan, und es war ganz gut. Daraufhin haben die mich zu zwei Gigs eingeladen, die wir dann zusammen machten. - Also: einen im Quasimodo, und noch einen anderen in der "Lore", oder so. Seitdem bin ich zum festen Mitglied geworden.

Carina: Wenn der Vater (Alexander von Schlippenbach) mehrere Seiten in Jazzlexika füllt - und seine Lebensgefährtin (Aki Takase) ist ja auch ziemlich bekannt - wie fühlt man sich dann, wenn man auch Musik macht - wenn auch eine ganz andere Richtung?

DJ Illvibe: Es ist gut - sage ich mal - das ich was Anderes mache. Ich habe Schlagzeug gespielt und Trompete; ganz früher auch mal mit ihm zusammen Klavier. Und das war dann immer so, daß mich das irgendwann nervte. - Naja, nicht eigentlich genervt, es lag nicht an ihm! - aber ich dachte: "Nee, ich will nicht auch Musiker werden!", und habe das auch lange nicht in Betracht gezogen. - Mit dem Plattenauflegen, mit Lychee Lassi, kam es erst richtig auf, daß ich das betrieben habe. Auf die Weise kam es dazu, daß ich mit Jan Roder zusammenspielte, mit dem auch mein Vater manchmal gemeinsame Projekte macht - aber es kam eben nicht durch meinen Vater, sondern durch was ganz anderes. Das war für mich schon wichtig, was Eigenes zu machen. Daß ich nicht immer so in seinem Schatten stehe - obwohl ich die Sachen echt gut finde, die er macht - weil er ein sehr konsequenter Musiker ist. Aber ich mache eben was Anderes.

Carina: Was ja auffällt, ist, daß dein Vater oft in deinen Konzerten sitzt - macht dich das manchmal nervös, oder ist das o.k.?

DJ Illvibe: Nee, das ist eigentlich o.k! - Klar ist man so ein bißchen nervös, egal welche Leute da sind, wenn man die kennt. Aber es ist, weil er das auch o.k. findet - glaube ich. (lacht)

Carina: Du hattest auf deinem Anrufbeantworter - ganz andere Frage - die Ansage: "Graf Schlippenbach". Ist das irgendwie ... - magst du diesen Nachnamen nicht - oder ... ?

DJ Illvibe: Das auf dem Anrufbeantworter war mein Mitbewohner, der mich ärgern wollte! Weil ich eigentlich darauf nicht viel Wert lege. Es ist höchstens ..., sagen wir, wenn man mal mit der Polizei zu tun hat, bringt es was. Aber sonst eigentlich nicht. Und ich finde es auch blöd, wenn ich irgendwo als DJ angekündigt bin mit "Vincent Graf Schlippenbach" oder so ähnlich. Und daß eigentlich auch alle Reporter das in ihren Ankündigungen schreiben - klar, das ist ein gefundenes Fressen, sicherlich! - daß ich sein Sohn bin. Aber ich finde es besser, wenn ich mit meinem DJ-Namen angekündigt werde. Ich lege da echt keinen Wert drauf.

Carina: Bist du denn der Meinung, daß ein DJ, der "scratchend tätig" ist, als Musiker zu bezeichnen ist - oder als Künstler ... - oder wie denkst du selber darüber?

Lychee Lassie LP CoverLychee Lassi - "Lychee Lassie"

DJ Illvibe: Dann schon als Musiker! Weil man - sobald man nicht nur Platten auflegt, sondern auch etwas damit macht - sie manipuliert und beinflußt, und irgendwelche Geräusche damit erzeugt, und auch in einer Band spielt, dann finde ich schon, daß man so einen DJ als Musiker bezeichnen sollte.

Carina: Und was bedeutet es für dich, ein DJ zu sein.

DJ Illvibe: Naja, es gibt zwei Sachen, die ich mache. Also - einmal im Club auflegen, da lege ich meine HipHop-Scheiben auf, und andere Sachen die ich gut finde. Und dann geht es dabei meistens darum, daß die Leute tanzen. Das ist etwas völlig anderes, wenn ich in einer Band spiele. Da ist es für mich klar, daß ich möglichst gut auf meine Mitmusiker eingehe. Weil ich darauf stehe, mit Leuten wirklich zusammenzuspielen, was man ja so als DJ sonst normalerweise nicht macht. Und was auch viele von meinen HipHop-Kollegen meistens nicht machen, weil die irgendwelche Beats auflegen und scratchen dann die ganze Zeit dazu. Es gibt zwar auch so Turntable-Bands, wo nur DJs drin sind - das finde ich auch echt gut, sowas mache ich auch! Aber es gibt wenige, die wirklich in einer Band spielen und versuchen, sich dafür Sounds zu suchen. - Also für mich ist es wichtig, mit Leuten zusammenzuspielen.

Carina: Lychee Lassi - welches Ziel verfolgt ihr mit eurer Musik? Wollt ihr jetzt auch provozieren oder nicht? Wenn ihr in Jazzclubs auftretet, ist das ja so eine Sache - es ist ja "nicht direkt Jazz".

DJ Illvibe: Provozieren? - Weiß ich nicht. Wir wollen einfach die Musik machen, auf die wir stehen. - So! Zack. - Da vermischt sich eben einiges, aber es ist nicht irgendwie gewollt provokant - falls es das aber ist, dann ist es meinetwegen o.k. - Aber das hat nichts mit Provozieren zu tun, wenn wir dann in Jazzclubs spielen.

Carina: Obwohl mir aufgefallen ist, daß ihr ja auch in Anzügen auftretet - hier jetzt zwar nicht - aber in anderem Zusammenhang. Und das erinnert ja eher an Bands mit älteren Mitgliedern und nicht an junge Leute wie euch.

DJ Illvibe: Ja, wir sind z.B. dann im B-Flat - nachdem angekündigt wurde, daß wir in Anzügen spielen - in Unterhemden aufgetreten. Das ist jetzt also nicht unser "Motto", in Anzügen aufzutreten - das haben wir mal gemacht. Meistens ziehen wir irgendwas an.

Carina Prange

LP: Lychee Lassi - "Lychee Lassi" (Bastard Records, 2000)

Bastard Records im Internet: www.bastard-records.de

Lychee Lassie im Internet: www.lycheelassi.de

Cover, Foto: n.n.

mehr bei Jazzdimensions: Lychee Lassi - "Garagenjazz" (Review)

© jazzdimensions2001
erschienen: 12.1.2001
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