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2raumwohnung - "über den Gartenzaun"

Einraumwohnung, Zweiraumwohnung - Einzimmerwohnung, Zweizimmerwohnung - der Streit um diese und andere Begrifflichkeiten ist so alt wie die Vereinigung von West- und Ostdeutschland zu einem Ganzem. - Tatsache ist, daß Inga Humpe und Tommi Eckart diesen Begriff und überhaupt Berlin-Mitte und den "neuen Osten" so sehr lieben, daß sie ihr Duo danach benannt haben. - Und wie eine Zweiraumwohnung aus "zwei Zimmern, Küche, Bad" besteht, setzt sich dieses Duo aus unterschiedlichen Partnern zusammen, die ihre Fähigkeiten und Ideen in einen Topf werfen.

2raumwohnung

Es ist - insbesondere in Berlin, ihrer musikalischen und wohnlichen Heimat - nicht mehr notwendig, zu erklären, was 2raumwohnung für Musik machen. Auf Radio Eins und anderen Berliner Sendern werden ihre Popmusik-Hits - auch wieder 2 - "Nimm mich mit" und "Wir trafen uns in einem Garten" mindestens 2mal am Tag oder noch viel öfter gespielt. Ab sofort, seit dem 2. Juli ist ihre neue Platte "Kommt zusammen" auf dem Markt. Carina Prange traf sich in einem Garten in Berlin-Mitte auf einen Kaffee mit Inga Humpe und Tommi Eckhart.

Carina: Ihr lebt und arbeitet zusammen - wie kommt ihr da miteinander klar - geht ihr euch nicht manchmal auf die Nerven, wenn ihr ständig zusammen seid, beim Arbeiten und in der Freizeit? Wie ist das mit Konkurrenz oder Rollenverteilungen zwischen euch - beruflich oder privat? - Also gleich die knallharte Einstiegsfrage ...

Inga: Ui, das ist ja ein ganzer Roman! Unsere Zusammenarbeit und unser Zusammenleben besteht ja nicht seit gestern, das ist jetzt schon längere Zeit so. Wir sind beide Musiker, und haben uns auch darüber kennengelernt. Am Anfang haben wir jeweils eigene Projekte gemacht. Tommi hat ja viel mit dem Andreas Dorau gemacht, ich habe auch ein bißchen da mitgearbeitet - und ich hatte mein anderes Soloprojekt, das hieß "Bambi". Und in jener Zeit haben wir uns so kennengelernt.

Unsere gemeinsame Liebe war vor allem die Clubmusik, wir sind zusammen ausgegangen. Wir kennen uns ganz gut aus was es da so alles gibt. Damals konnte man oft sehr interessante Sachen ausschließlich in den Clubs hören. Darüber hat sich dann so 'peu à peu' eine Zusammenarbeit entwickelt - das begann eigentlich damit, daß wir in Tommis Studio gemeinsam an Projekten werkelten.

Der gemeinsame Sound, den man zum Beispiel auch hier auf dem Album hört, der hat sich über die letzten Jahren entwickelt - greifbar ist er erst jetzt auf diesem Album. Wir haben ja da auch Sachen zusammengetragen aus den letzten beiden Jahrzehnten - und vielleicht noch aus anderen Zeiten, die uns musikalisch beiden gefallen. Daraus entsteht ein spezieller Sound. Das ist schließlich keine Band, sondern ein Duo - und die Einflüsse, denen wir unterliegen, die hört man eben deutlicher darauf.

Was so die Zusammenarbeit angeht ist es so, daß wir durchaus Schwerpunktbereiche haben - bei mir ist das klar der Gesang und die Texte. Und - man kann das auch grob so einteilen - bei Tommi ist es eben diese ganze "rhythmische Geschichte" und der Sound insgesamt, auch der Mix und das Mastern. Das sind alles Sachen, bei denen ich weiß, daß Tommi die Verantwortung trägt. Und wir verlassen uns da auch einfach aufeinander. Das ist wichtig, das macht auch einen großen Teil des Spaßes aus an der Zusammenarbeit.

Und deshalb besteht - glaube ich - keine Konkurrenz zwischen uns. Unsere Bereiche sind eben ganz eindeutig dort, wo auch unsere Stärken liegen. Wir haben trotzdem ein gemeinsames großes Mittelfeld, das ist das Arrangement, die Ideen für die Stücke, die Stimmungen, das "Sounddesign" - soweit man das vorher besprechen kann. Das machen wir gemeinsam - wir arbeiten also beide auch am Rechner. Da ist viel Platz für gemeinsame Arbeiten, aber durch die Verantwortung für den "eigenen Schwerpunkt" bleibt überhaupt keine Energie für Rumstreitereien oder für so´n Kram.

Carina: Inga, du hast mal in einem Interview gesagt: "Ich schreibe einfach gerne für andere Leute, besonders gerne für Frauen!" - warum gerade für Frauen?

Inga: Es fällt mir natürlich leichter, für Frauen zu schreiben. Vor allem da Frauen eh in der ganzen Popmusikwelt - und auch sonst überall - gewissermaßen untervertreten sind. Und deswegen helfe ich am liebsten Frauen. Gegen die Themen, die so "typische" Männerthemen sind, habe ich nichts, aber ich stehe nicht auf das "Rumgeklotze".

Carina: Die Technoszene, in der ihr euch ja auch öfter mal bewegt, was bedeutet sie euch? Und wo würdet ihr eure Musik einordnen - ist das "Techno-Pop", ist das "Popgesang mit Beats" - was ist es für euch - und was bedeutet es euch?

Tommi: An Techno war unserer Meinung nach interessant, daß in den 90igern mit der Elektronik die Rhythmen gemacht worden sind - So wie man in den 80igern vielleicht mit der Elektronik Melodien gemacht hat, wurden in den 90igern mit Hilfe der Elektronik vor allem die Rhythmen verfeinert. Und in unserer Musik versuchen wir das beides zu vereinen - also das, was sich in der Elektronik der 80iger mit Melodien machen läßt, und diese rhythmische Komponente aus den 90igern.

Tommi Eckert (Foto: R. Schmerbeck)

Und insofern nennen wir es aber einfach nur "Popmusik mit deutschen Texten" oder "Elektropop". - Das ist alles bereits ein wenig irreführend - der Begriff "Elektro" bedeutet auch gleichzeitig immer schon einen bestimmten Rhythmus - da muß man ein bißchen aufpassen! - Also: einfach "Popmusik" - da kann nicht viel schiefgehen!

Carina: Deutschsprachige Popmusik - hast du gerade angesprochen - so lange Zeit war sie ja kaum gefragt. Wie geht es euch dabei, wenn "Wir trafen uns im Garten" oder andere Songs Radiorenner werden, und ihr plötzlich derart gefragt seid, daß ihr gleich zwei Promotage in Berlin einlegen müßt?

Inga: Das freut uns natürlich! - ... aber es ist in Wirklichkeit auch ein längerer Prozess. Das Entstehen des Stücks liegt ja schon ein Jahr zurück - und es ist vielleicht auch typisch für Berlin und für die Stimmung von Berlin. - Ich habe heute morgen im Radio gehört, wie sich der Herr Friedmann beklagt hat, daß die Berliner so spießig seien. Das mag ja sein - ich kenne aber ganz viele Leute, die nicht spießig sind! Es gibt auch eine große "unspießige Zelle", und die z.B. sind - glaube ich - auch die Leute, die unsere Musik gut finden.

Deswegen ist dies jetzt nicht ganz so überraschend - trotzdem freuen wir uns darüber, daß so ein Interesse da ist. Und wir merken auch, daß wir in gewisser Weise doch noch eine Art Pionierarbeit leisten - mit diesem Sound - und auch mit der "Art und Weise", eben deutschsprachige Popmusik. Da gibt es ja noch nicht so ganz viel! Ich hoffe, daß es mehr wird, im Laufe dieses und des nächsten Jahres.

Tommi: Wir haben das auch so gesehen, daß es im Anschluß an die Neue Deutschen Welle eine Art von "Kater" gab für deutschsprachige Popmusik. Vielleicht sind durch den deutschsprachigen Hip-Hop - und den deutschsprachigen R&B, den es in den letzten Jahren gab - die Ohren dafür wieder geöffnet worden, daß man sich durchaus Musik mit deutschen Texten anhören kann.

Carina: Es ist ja so, daß die meisten Texte von dir sind, Inga - woher nimmst du die Ideen, was inspiriert dich zum Texteschreiben?

Inga: Also, erstens mal lese ich generell gerne! Und wenn ich Zeit habe, lese ich sehr viel. Ich kann ganze Tage verbringen mit Lesen. Ich lese ganz verschiedenes - Bücher und Zeitschriften, englische Sachen. Und es gibt Phasen im Jahr, wo das verstärkt vorkommt - wo ich Textideen einfach "sammle" - Zeilen, Bilder, Gedanken und alles mögliche.

Das ist zwar jetzt im Moment zum Beispiel nicht so, weil - wenn ich viel quatsche, kann ich nicht viel sammeln! - Aber normalerweise kommt da ganz schön was zusammen. Ich habe so diverse Bücher/Kladden zuhause, und dann schreibe ich das da auf. Ich gucke ab und zu rein, wenn ich einen Text brauche - und finde da immer wieder was! Manchmal auf Englisch, dann übersetze ich das auch zurück.

Carina: Ihr liebt ja beide Tanzmusik - ist es ein Anspruch für euch, daß Musik tanzbar sein muß? Und speziell eure Musik? Oder eher nicht?

Tommi: Nein, wir haben nicht unbedingt den Anspruch, daß unsere Musik tanzbar sein soll. Aber wir finden Rhythmen sehr wichtig und haben da auch großen Spaß dran. Insofern mögen wir eben auch Tanzmusik, weil auch da die Rhythmen wichtig sind. Aber wir würden unsere Musik - mit Ausnahme von einigen Titeln - nicht grundsätzlich als "Tanzmusik" beschreiben.

Carina: Tommi, du hast auch ein Filmmusikstück für "Lola rennt" geschrieben. Wie kamst du gerade mit diesem Team in Kontakt? Liegt das einfach daran, daß in Berlin "jeder jeden" kennt?

Tommi: Ja, in diesem Fall war das wirklich so! - Ich habe für den CD-Soundtrack - also nicht auf dem eigentlichen Filmsoundtrack, sondern vom Soundtrack - Remixe gemacht. In dem Fall kam es deshalb, weil an der Filmmusik der Johnny Klimek, ein Australier, beteiligt war, und der mich ganz konkret fragte - als Dance-Musik-Macher und Remixer - ob ich dazu Lust hätte.

Carina: Zurück zu eurer Musik - wie ist denn das eigentlich, wollt ihr das irgendwann mal live aufführen - und wie kann sowas aussehen? Ich meine, man könnte ja vielleicht - blöde Idee?! - die Booklet-Photos auf die Leinwand werfen und dazu Musik spielen. Habt ihr da eine Idee, eine Vorstellung,wie das sein könnte?

Tommi: Wir haben zwei verschiedene Konzertsets vorbereitet - ein normales Konzertsetup - mit zwei zusätzlichen Gitarristen an der Akustikgitarre. Das wird in einem üblichen Konzertrahmen sein. Und wir haben ein anderes Set, was wir eher im Clubzusammenhang sehen. Da spielen wir dann weniger Stücke mit kaum oder gar keinen Unterbrechungen - so "zwischen den Platten". Das unterscheidet sich vom Ansatz nicht stark von den DJ-Sets, die vorher und nachher kommen.

Carina: Inga, du hast mit deiner Schwester zwei Singles und eine Platte aufgenommen. Warum gab es keine Fortsetzung?

Inga: Ich habe mit meiner Schwester zwei Alben aufgenommen - das war in den 80iger Jahren, so Mitte bis Ende der 80iger. Wir haben in der Zeit auch bemerkt, daß wir uns musikalisch in ganz unterschiedliche Richtungen entwickeln. Das hört man wahrscheinlich auf dem zweiten Album schon ein bißchen. Ich wollte immer schon mehr in eine "elektronische" Pop-Richtung - also ich war Pet Shop Boys Fan! Und meine Schwester hat sich - glaube ich - mehr in eine klassische Rockrichtung entwickelt. Deswegen ging das nicht weiter - das war der musikalische Grund. - Außerdem ist es auch sehr anstrengend "mit Familie" zu arbeiten.

Inga Humpe

Carina: Habt ihr so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Inga: Ja, Lebensphilosophien ... - Die ändern sich ja andauernd. Ich glaube, es gibt keine, die da bei mir länger als ein Jahr hält! Im Moment ist unsere - oder meine und Tommis - vielleicht auch ein Satz von Namion Pike und der heißt: "When too perfect, Lieber Gott böse!"

Carina: Gehst du damit konform, Tommi?

Tommi: Gerade wenn man kreativ arbeitet - aber auch wenn man das Business drumherum sieht und alles, was man so macht - es passieren doch viele Fehler! Und man hat genau zwei Möglichkeiten: entweder macht man sich verrückt damit, weil man das ganz schlimm findet - oder man sagt: "O.k., dann passiert was, was vielleicht nicht so geplant ist, und das ist dann auch nicht so tragisch!"

Und in der Musik ist es oft sogar ganz gut, wenn alles - im Amerikanischen heißt sowas "funkyness", wenn eben Sachen nicht perfekt sind! Und oft ergeben sich aus Fehlern andere Inspirationen oder andere Momente, als wenn man das ganz "stromlinienförmig" auf´s Band brächte. Das finde ich eine angenehme Komponente, die einem auch das Leben leichter macht.

Carina: Ja, nun seid ihr seit Tagen am Interviews geben, am Beantworten von intelligenten und weniger intelligenten Fragen. Gibt es denn etwas, von dem ihr euch gewünscht hättet, daß es endlich mal einer fragt?

Inga: Ehrlich gesagt, wir sind nicht so die "Super-Press-Players". Für mich ist das jetzt auch zum ersten Mal, daß wir soviele Interviews geben. Das gab es eigentlich früher gar nicht. Es ist irgendwie auch interessant - und die meisten Fragen wiederholen sich natürlich. Aber es gibt eben auch Reaktionen auf das Album und das ist für uns eine wichtige Information! - ´ne Wunschfrage! - hast du eine Wunschfrage, Tommi? Wie geht´s?

Tommi: Nee - aber ich denke schon, daß man in den letzten Tagen merkt, daß wir einfach in einem Kommunikationszeitalter leben! Früher dachte ich mir: "Musik soll doch Musik bleiben". Viel von dem "Drumherum" fand ich persönlich überflüssig.

Mittlerweile sehe ich, daß zu diesem ganzen Kulturbegriff "Musik" das ganze Drumherum dazugehört - und auch sehr schön ist! - Daß man was zum Reden hat, und Gründe, sich abends zu treffen - und beim Musikmachen Menschen kennenlernt und Freundschaften sich aufbauen. Und dieses ganze Drumherum um die Musik habe ich auch erst mit den Jahren bewußt zu schätzen gelernt - und daß es eben eine sehr schöne Komponente ist.

Carina Prange

2raumwohnung im Internet: www.2raumwohnung.de

Achtung: Remixalbum ist bereits erschienen:
CD: 2raumwohnung - "Kommt zusammen, remix album" (BMG/Goldrush - 74321 91353 2)

Goldrush im Internet: www.goldrush.de

© jazzdimensions2001
erschienen: 3.7.2001
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