Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / andere genres / 2011
Slagr - "Strom der Stille"

Das norwegische Trio "Slagr" spielt Kompositionen, die sich irgendwo im freien Raum zwischen Kammermusik, experimenteller und Neuer Musik bewegen. Die Komponistin der Band ist Anne Hytta, die bei "Slagr" die Saiten der Hardanger-Geige zum Klingen bringt. Das Trio wird vervollständigt von Cellistin Sigrun Eng und Vibraphonist Amund Sjølie Sveen.

Anne Hytta

Eine "norwegische" Düsternis könne man aus "Straum, Stille" vielleicht tatsächlich heraushören, bestätigt Anne Hytta, denn die Monate des Zwielichts prägten schon sehr. Ansonsten betont sie, wieviel Kraft auch eine Musik freisetzen kann, die nach außen Ruhe ausstrahlt. Wie eben die Musik von Slagr

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Anne Hytta.

Carina: Man hat euch als ein "minimalistisches Kammerfolk-Trio" bezeichnet. War es eigentlich von Anfang an der Plan, sich auf drei Musiker zu beschränken?

Anne: Es gab nie mehr als drei Mitglieder. Worauf sich die Plattenfirma hier aber bezieht, ist meiner Meinung nach die Musik selbst. Hier kann man von Minimalismus reden. In der Musik ist sehr viel Raum.

Carina: Die Triobesetzung mag einerseits eine Beschränkung aufs Wesentliche bedeuten. Lässt sie gleichzeitig auch mehr Freiheiten?

Anne: Nun, es gibt gewisse Randbedingungen. Ich kann für beinahe beliebige Besetzungen mit Streichinstrumenten komponieren und es gibt nie Probleme mit der Umsetzung. Bei Slagr ist das anders. Ich notiere etwas, von dem ich meine, dass es funktioniert und wir müssen stets eine Menge ändern, bevor es wirklich für Slagr taugt.

Das liegt am Vibraphon und der grundsätzlich sehr spärlichen Instrumentierung. Diesen Widerstand zu überwinden, finde ich reizvoll. Weil er uns zwingt, alles sorgfältig auszuarbeiten, bevor wir es einer Öffentlichkeit vorstellen.

Anne Hytta

Carina: Worin siehst du die Stärken eures Trios?

Anne: Wie eben gesagt, die Reibung, die in der Musik aus der Paarung zwischen den Saiteninstrumenten und dem Vibraphon entsteht, erzeugt eine Spannung in der Musik. Es gibt keine zweite Band, die eine vergleichbare Besetzung hätte. Wir sind einzigartig, was unseren Klang angeht. Eine andere Stärke der Band ist die echte Freundschaft, die wir füreinander empfinden.

Wir alle sind entschlossen, alle Kraft in die Band zu investieren – es existiert eine große Hingabe an das Projekt, was wichtig ist, weil die Musik ja entschieden unkommerziell ist. Meine Mitmusiker haben einen vollkommen anderen musikalischen Hintergrund als ich – Amund beispielsweise in der zeitgenössischen Klassik, was regelmäßig einen interessanten Input von seiner Seite bedeutet.

Sigrun, die Cellistin verfügt über ein sehr breites Spektrum und hat ein Talent, aus jeder Stilrichtung das Wesentliche herauszufiltern. Mir, der ich mich mit solistisch orientierter Musik gut auskenne, hat sie die Faszination des Zusammenspiels im kammermusikalischen Kontext erschlossen.

Sicher hat mein Hintergrund in der Klassik aber die anderen beiden ebenso geformt und aus unseren zusammengenommenen Fähigkeiten ergibt sich eben die Summe, die Slagr ausmacht.

Slagr - "Straum, stille"

Carina: Woher rührt der, zumal für deutschsprachige Hörer, seltsam anmutende Titel "Straum, stille"?

Anne: Ursprünglich war das der Titel eines Auftragswerks für das Osafestivalen, das an der Westküste Norwegens stattfindet. Er passte gut zur Musik, wie ich fand. Aus diesem Auftragswerk finden sich nur zwei Stücke auf der CD wieder, aber dennoch passte der Titel zum Gesamtwerk, weil es trotz allem sehr geschlossen klingt.

Carina: Gibt es im Norwegischen ein Wort "Stille", das möglicherweise sogar eine ähnliche Bedeutung hat, wie das gleichlautende deutsche Wort? Oder bin ich da auf dem Holzweg? Und was bedeutet "Straum"?

Anne: Das Wort "stille" ist tatsächlich norwegisch und bedeutet im Grunde dasselbe, wie "Stille" auf Deutsch. Das Wort "straum" könnte man mit "Strom" übersetzen, was insgesamt auf "Strom der Stille" oder "Strömende Stille" hinauskäme.

Was heißen soll, dass in der Musik eine Kraft liegt, eine Energie, auch wenn sie im Grunde sehr leise ist. Wir drängen uns nicht auf mit unserer Musik, sie ist nicht spektakulär. Aber wenn sich ein Hörer auf sie einzulassen bereit ist, dann spürt er hoffentlich ihre Kraft.

Carina: Und dann ist da ja noch eine starke, dunkle Unterströmung. Kann man das mit den langen Perioden der Dunkelheit erklären, die es in Norwegen ja gibt?

Anne: Ich vermute ja, obwohl ich das selbst nicht einschätzen kann. Es gibt diesen Einfluss durch die langen Monate der Dämmerung. Das macht etwas mit den Leuten. Ich bin in diesen Zeiten immer etwas traumverloren und vielleicht sogar melancholisch.

Carina: Diese dunklen Farben stehen gleichzeitig auch für eine Erdigkeit, eine Intensität und Tiefe. Ist das Absicht?

Anne: Auch das kann ich nicht wirklich so festmachen. Ich nehme unsere Musik aber sehr ernst, sie ist mir wichtig. Wenn jemand diese Qualitäten in unserer Musik wahrnimmt, dann ist das jedenfalls gut, keine Frage! Aber das mit einer Absicht zu verbinden, ist fragwürdig – die Intention, mit der man an Musik herangeht ändert sich ja ständig.

Manchmal beginnt es mit ein paar Zeilen auf dem Notenblatt, manchmal mit einem Thema, das mir beim Improvisieren einfällt. Grundsätzlich gehe ich, würde ich sagen, recht abstrakt an die Musik heran. Ich denke nicht über sie im Sinne einer erzählten Geschichte. Eher ist sie wie ein Bild, das sich auf einer anfänglich leeren inneren Leinwand formt. Ich versuche nur, die Farben und Umrisse ins Gleichgewicht zu bringen.

Anders kann ich es nicht beschreiben. Aber um das gleich zu konterkarieren – zur Zeit arbeiten wir an einer Komposition auf Grundlage der Kurzgeschichte "På gamletun i Europa (Auf dem alten Vorhof Europas)" des norwegischen Autors Hans Herbjørnsrud. Sein Werk zählt man zur Tradition des "magischen Realismus" – und in der Tat ist es eine traumhaft geeignete Basis, um dafür Musik zu komponieren!

Anne Hytta

Carina: In wieweit hat der Ort der Aufnahmen, die Sofienbergkirche, die Musik zusätzlich beeinflusst?

Anne: Dass während der Aufnahmen draußen vor der Kirche ein Trecker beim Heumachen war, das hatte Einfluss! (lacht) Nein, im Ernst, der wunderschöne Raumklang der Kirche war für sich bereits eine Inspiration. Wenn man ein Saiteninstrument spielt, dann entspannt man sich geradezu, wenn die Akustik so gut ist. Und der Raum hat eine schöne Atmosphäre.

Carina: Färbt die Stimmung des Ortes auch auf die Musiker ab? Abgesehen von der Akustik ist es ja auch ein geweihtes Gebäude. Macht das etwas aus?

Anne: Ich selbst bin nicht ausgesprochen religiös. In einer Kirche spüre ich aber schon, dass dies ein Ort ist, an dem Leute – manchmal über Jahrhunderte – beteten und trauerten und ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben gehegt haben. Weil sie selbst ein schweres Leben geführt haben. Das ruft in mir ein Gefühl der Demut hervor.

Carina: Wenn ihr auf Tour geht, was für eine Umgebung findet ihr angemessen? Kammermusiksäle, Jazzclubs oder Folkkneipen?

Anne: Die ersten beiden Locations, die du genannt hast, wären mir am liebsten. In Norwegen konzertieren wir auch häufig in Kirchen, was uns sehr konveniert. Slagr kann ansonsten genauso das folkloristische Element bei einem Kammermusikfestival sein, wie ein Gegenpol im modalen Spiel bei Jazzfestivals oder das meditative, minimalistische Moment auf einem Folkfestival. Oder das modern klingende Ensemble auf einem Festival für Alte Musik. Wir passen überall "irgendwie" hinein. Das Umfeld muss aber eines sein, wo uns die Leute wirklich zuhören.

Slagr

Carina: Du bist die Komponistin bei Slagr. Allerdings klingen viele Stücke eher wie während der Aufnahme organisch gewachsen. Ist da ein Widerspruch?

Anne: Auch wenn es nicht so erscheint, alle Stücke sind von Anfang bis Ende durchkomponiert. Die Hauptarbeit im Anschluss an das Komponieren selbst besteht im Umorganisieren der Parts. Sehr häufig muss ausgedünnt werden, Überflüssiges gestrichen.

Eine Ausnahme ist allerdings das Stück "First Frost", das zwar auf ein paar meiner Melodielinien aufbaut, seine endgültige Form aber aus einer Gruppenimprovisation von uns dreien bezog. Letztendes sind es Stil und Ideen von uns allen, die der Musik die Gestalt geben.

Carina: Bedeutet das Komponieren für Slagr ein bewusstes Fernhalten von üblichen Genrecharakteristika?

Anne: Ich versuche eine neuartige Musik aus traditionellen Quellen zu formen, soweit diese mich interessieren. Indem ich alles in einen anderen Zusammenhang setze. Beispielsweise gibt es im Repertoire der Hardanger-Geige durchaus Stücke, die aus dem Rahmen des gewöhnlichen Oktavschemas fallen.

Ich finde das einen sehr spannenden Ausgangspunkt für Neues. Normalerweise ließe man da aber eher die Finger davon. Die latente Bitonalität, die sich in diesen Kompositionen auftut, gibt den Stücken einen schwebenden Charakter. Sie haben etwas Ungreifbares, man kann sie beim Hören nicht wirklich einordnen. Ich habe Skalen aus dieser Musik in meinen Songs verwendet.

Ansonsten interessiere ich mich sehr stark für die traditionelle Musik aus dem Mittleren Osten und Zentralasien. Die Melodien in dieser Musik besitzen eine Schönheit und ein Selbstbewusstsein, die Instrumentalisten eine Stärke des Ausdrucks, der sie auf ihren Instrumenten förmlich singen lässt. Einfach gewaltig. Die Finesse in den Melodielinien dieser monophonen Musik gibt mir viel.

Slagr

Carina: Welche Komponenten eurer Musik ortest du in der norwegischen Folkmusik?

Anne: Das sind so einige, würde ich sagen. Sowohl die Rhythmen als auch die meisten Skalen lehnen sich dort an. Natürlich habe ich daneben Quellen in der Musik anderer Länder – und auch nicht nur in der zeitgenössischen, sondern ebenso in der Musik des Mittelalters.

Wie so viele traditionelle Stile ist die Musik des Mittelalters sehr linear, entwickelt sich horizontal. Sie vertraut auf die Stärke der Melodie. Natürlich existiert in unserer Musik auch das folkloristische Element. Sie aber geradewegs als norwegische Folklore zu bezeichnen, ist aus meiner Sicht falsch. Obwohl deren Einflüsse ohne Zweifel hörbar sind. Wenn wir einen Namen dafür brauchen, bezeichnen wir sie in der Tat als "norwegischen Kammerfolk".

Carina: Auch in der Musik von Karl Seglem spielt die Hardanger-Geige eine prominente Rolle. Wie ist eigentlich ihr Stand in der norwegischen Musik? Wird sie als Exot betrachtet? Oder als ein typisches Folkloreinstrument?

Anne: Sie gilt sowohl als Exot, als auch als typisches Instrument für Folkies. Man sieht in ihr ebenfalls das Nationalinstrument Norwegens. Je nach Sicht haftet ihr ein guter wie ein schlechter Ruf an. Manchmal wünsche ich, das norwegische Publikum könnte ihren Klang unbefangen hören, ohne sie entweder als nationales Symbol oder als etwas Überkommenes zu empfinden. Sondern einfach als interessantes Instrument!

Ihr Klang ist sicherlich Geschmackssache und nicht jeder mag ihn. Allerdings sind die Dinge in Bewegung. Anscheinend stehen immer mehr Leute der Hardanger-Geige interessiert und positiv gegenüber.

Anne Hytta

Carina: Wie kam es dazu, dass du dich für die Hardanger-Geige als Instrument entschieden hast? Was hat dich angezogen?

Anne: Es war ihr Klang, ihr Timbre. Ich mochte dieses leicht Raue, die Wärme und gleichzeitig Sonorität, die sie den mitschwingenden Bordunsaiten verdankt. Meine Familie hatte keine besondere Ader für die Musik, aber mein Vater empfand immer eine Zuneigung für das traditionelle Spiel der Hardanger-Geige. In der Gegend, wo ich aufwuchs, der Telemark, hat die traditionelle Musik einen festen Platz. Ich kannte diesen Klang von Kind auf.

Als ich elf wurde, nahm mich mein Vater zu mit einem Meister des Instruments in einem Nachbarort. Ein kleines Gebirgsdorf namens Tuddal. Sein Name war Einar Løndal. Er kam aus einer Familie mit einer langen Tradition des Fiedelspiels. Er brachte mir sehr generös viele überlieferte Stücke aus seinem Familienerbe bei.

Es war eine harte Schule. Ich musste diese sehr komplexen Stücke nach Gehör lernen – er spielte vor und ich folgte so gut ich konnte, bis ich es beherrschte. Dann nahmen wir uns das nächste Stück vor. Ich bin dankbar für die Chance, dieses altehrwürdige Repertoire auf diesem traditionellen Weg gelernt zu haben! Es bildet das Zentrum meiner musikalischen Sprache.

Carina Prange

CD: Slagr - "Straum, stille" (Ozella Music OZ 033 CD)

Slagr im Internet: www.slagr.no

Anne Hytta im Internet: www.annehytta.com

Ozella Music im Internet: www.ozellamusic.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2011
erschienen: 17.5.2011
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: