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Paco de Lucia - "Flamencogitarrist sein und bleiben"

Frage man einen beliebigen Spanier, dann wird dieser mit Sicherheit die Überzeugung äußern, Paco de Lucia sei nicht nur der schnellste, sondern der überhaupt beste Gitarrist aller Zeiten. Und hat man dann die seltene Gelegenheit, eines der hierzulande raren Konzerte des spanischen Flamencovirtuosen zu erleben, dann fällt die unerwartete Bescheidenheit eines wahren Meisters ins Auge.

Paco de Lucia

De Lucia nimmt sich in seinem Ensemble charmant zurück, um seinen jungen und aufstrebenden Gitarristen und auch den Tänzern Raum zu lassen. Nebenbei und zwischendurch streut er mit leichter Hand auch die ersehnten Solostücke in die Menge, die großes Publikum zum Toben bringen: Flamenco. Vom Feinsten. Sehr traditionell. Eben so wird er demnächst auch in Inglostadt während der Jazztage zu erleben sein.

Den Jazz- und Fusionanhängern hingegen ist De Lucia vorwiegend bekannt von jener freitagnächtlichen Zusammenarbeit mit Al di Meola und John McLaughlin. Bis heute thront er, der sich selbst eigentlich weniger dem Progressiven zurechnet, verdientermaßen auf gleicher Höhe neben diesen anderen beiden Heroen im Gitarrenolymp.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Paco de Lucia

Carina: In den guten alten Zeiten wurde die Kunst der Flamencogitarre mündlich und durch Demonstration und Imitation vom Meister an den Schüler weitergegeben. Haben Sie Schüler, mit denen Sie auf diese Art arbeiten, um die Kunst lebendig zu halten?

Paco de Lucia: Ich hatte nie einen Schüler, einfach, weil mir die Zeit dafür fehlte. Aber ich bin immer mit Nachwuchsmusikern zusammen aufgetreten, und wenn man längere Zeit mit jemandem zusammenarbeitet, dann lehrt man ihn natürlich auch das ein oder andere. Das eigentlich Interessante daran ist aber, dass auch ich von den Nachwuchskünstlern lerne! Das was Sie über die Weitergabe der Kunst des Flamenco an die Folgegeneration sagen, stimmte früher. Inzwischen hat sich da aber vieles geändert.

Paco de Lucia

Carina: Wenn man einige Stilrichtungen des Jazz betrachtet, so sieht man, dass Musik aber durchaus museal werden kann, wenn sie aufhört, sich zu entwickeln…

Paco de Lucia: Heutzutage haben die meisten jungen Musiker die Möglichkeit, ein Musikstudium zu absolvieren. Da lernen sie von vornherein mehr kennen, als nur die reine Tradition. Ich nenne mich einen Flamencogitarristen, aber Sie haben vollkommen Recht, wenn Sie sagen, dass eine Musik ins Museum gehört, sobald sie aufhört, sich weiterzuentwickeln. Nein, es ist notwendig, eine Tradition in die Jetztzeit zu transportieren, das aber auf eine Weise, dass sie nicht ihre Wurzeln verliert.

Carina: In Ihrem Ensemble werden auch in Zukunft eine Reihe unverbrauchter, junger Talente zu erleben sein. Inwiefern gestatten Sie es ihnen, auch Einfluss auf Ihre Musik zu nehmen?

Paco de Lucia: Jeder von ihnen hat seinen eigenen Stil. Dass sie meiner Musik ihr Talent zur Verfügung stellen, betrachte ich als Kompliment und als Respekterweisung. Und natürlich wird jeder seinen Augenblick im Rampenlicht haben, bei dem er dem Publikum seine Fähigkeiten beweisen kann.

Paco de Lucia - "Flamenco Virtuoso"

Carina: Wie beliebt ist der Flamenco derzeit in seinem Heimatland Spanien?

Paco de Lucia: Wenn ich darüber nachdenke, wie beliebt der Flamenco in Spanien inzwischen geworden ist, erfüllt mich das mit Stolz. Nicht nur in Spanien, übrigens – in der ganzen Welt! Wer hätte vor, sagen wir, fünfzig Jahren an so etwas geglaubt?

Damals wurde diese Musik kaum irgendwo gespielt. Im Radio lief Flamenco schon gar nicht. Erst als er zur Touristenattraktion wurde, begann man, von ihm Notiz zu nehmen. Und heute hört man Anklänge an Flamenco sogar in der spanischen Popmusik!

Carina: Der klassische Flamenco beschränkt sich nicht auf die Gitarre, sondern beinhaltet gleichberechtigt Gesang und Tanz. Wenn Sie in rein instrumentalem Kontext auftreten, beispielsweise im Jazz, kehren Sie dann einen anderen Aspekt Ihrer musikalischen Persönlichkeit nach außen? Vielleicht einen, der mehr führt als unterstützt?

Paco de Lucia: Als ich mit diesen außergewöhnlichen Künstlern zusammengearbeitet habe, mit Chick Corea oder mit John McLaughlin, da versuchte ich immer, meine künstlerische Identität zu bewahren. Ich bin und bleibe ein Flamenco-Musiker, auch wenn ich mit Leuten aus anderen Genres spiele.

Ich bin und bleibe ein Flamenco-Musiker, auch wenn ich mit Leuten aus anderen Genres spiele!

Es ist jedoch richtig, dass mir der Jazz, vor allem die Improvisation im Jazz, die Augen für neue Aspekte der Musik öffnete. Schlaglichtartig kam mir die Erkenntnis, dass die Improvisation Freiheit bedeutet! Der Weg dahin war lang und ich war anfangs ziemlich besorgt wegen der Tatsache, dass ich ja keine Noten lesen kann. Aber ich bin den Weg zu Ende gegangen und er hatte auch Einfluss darauf, wie ich heutzutage den Flamenco spiele.

Paco de Lucia

Carina: Obwohl Sie fest verwurzelt in der Tradition des Flamenco sind, haben Sie dennoch einen höchst eigenständigen Stil entwickelt. Bedeutet es aber nicht einen Bruch mit der Tradition, in unvorhergesehener Art von ihr abzuweichen? Oder ist eine Erweiterung des Flamenco-Repertoires auf diese Weise stets zulässig?

Paco de Lucia: Richtig, in den Augen der Traditionalisten habe ich die Regeln gebrochen. Und dafür bin ich von ihnen angefeindet worden. Eine ganze Reihe von Leuten verabscheute, was ich tat. Ich wurde als "Verräter" bezeichnet. Und was die Zeitungen über mich schrieben, das möchten Sie lieber gar nicht wissen! (lacht)

Aber ich bin sehr froh, dass der Flamenco wie wir ihn heute kennen, höchsten Respekt genießt. Mehr als je zuvor! Und wenn ich mein kleines Scherflein dazu beigetragen habe, dann kann ich darauf sehr stolz sein.

Carina: Es gibt ja auch andere Stile, die sehr traditionell geprägt und gleichzeitig stark emotional sind. Ich denke da an Tango oder Rembetiko. Sehen Sie eine gewisse Verwandtschaft zwischen diesen beiden und dem Flamenco?

Paco de Lucia: Ja, durchaus. Mir würde in diesem Zusammenhang auch noch der Fado einfallen. Jedenfalls, was Piazolla für den Tango getan hat, war, ihn zu revolutionieren, zu erneuern. Und ihn so für die heutige Zeit akzeptabel zu machen! Es ist wichtig, die Tradition zu ehren, indem man sie bewahrt.

Gleichzeitig aber muss man sie behutsam an die Gegenwart anpassen, sie gewissermaßen "modernisieren". Eine tiefere musikalische Verbindung zwischen den genannten Stilen sehe ich, ehrlich gesagt, nicht. Aber vergleichbar sind sie in der Tat, insoweit sie alle eine Tradition besitzen, "von Hand" gespielt werden und in unserer modernen Welt überlebt haben.

Paco de Lucia

Carina: Die Musik wird heutzutage mehr und mehr von Elektronik und ausgeklügelten Aufnahmetechniken geprägt. John McLaughlin verzichtet selbst bei Livekonzerten nicht auf einen Laptop, sagt dabei aber, dass "die Wirklichkeit des Körperlichen nicht vollständig ersetzbar durch die Virtualität der Elektronik" sei. Wo ziehen Sie persönlich die Grenze? Gibt es einen Punkt, nach dem Musik aufhört, Musik zu sein?

Paco de Lucia: Nein, selbst ich arbeite mit Computern wenn es darum geht, zu komponieren. Dafür setze ich gern spezielle Software ein. Man kann die Augen vor der Elektronik, vor der Technik einfach nicht verschließen! Wir sind davon umgeben, sie folgt uns auf Schritt und Tritt. Auf der Bühne werden Sie bei mir aber keinen Rechner finden, keine Elektronik, außer vielleicht ein kleines Keyboard für bestimmte Sounds.

Gut – aber wo die Grenze ziehen? Schwer zu sagen. Es gibt neuartige Stilrichtungen in der Musik, denen ich nicht mehr zu folgen vermag. Aber jede Generation hat das Recht, etwas Neues zu machen. Und weil die Elektronik inzwischen Teil unseres Lebens geworden ist, ist es wohl gerechtfertigt, sie auch zum Musikmachen einzusetzen. - Dennoch, ein akustisches Instrument findet immer den direkteren Weg ins Herz des Zuhörers!

Carina Prange

CD: Paco de Lucia - "Flamenco Virtuoso" (Emarcy )

Paco de Lucia im Internet: www.pacodelucia.org

Emarcy Records im Internet: www.emarcy.com

Fotos: Pressefotos (NikolausBecker)

© jazzdimensions 2010
erschienen: 13.10.2010
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