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Karl Seglem - "Aus folkigen Wurzeln…"

Der norwegische Saxophonist und Goathorn-Spieler Karl Seglem tritt immer wieder durch ungewöhnliche Verbindungen von norwegischem Folk und Jazzmusik in Erscheinung. Dabei macht es ihm auch Freude, für seine Instrumentalstücke norwegische Titel, englische Tittel oder aber eigene Fantasienamen zu entwickeln. Mit "Ossicles" könnte zwar durchaus das englische Wort für Gehörknöchelchen gemeint sein, vielleicht hat Seglem aber auch hier einfach ein bisschen herumfantasiert?

Karl Seglem

Wie auch immer, das neue Album, auf dem wieder Håkon Høgemo an der Hardanger Fiddle mit dabei ist, bekommt auch durch den Einsatz eines von Seglem gespielten Antilopenhorns eine noch besonderere Komponente. "Ossicles" verbindet Livefeeling mit Studiopräzision, ist folkig und "seglemig" – und wie immer sehr gut.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Karl Seglem

Carina: Gab es eine initiale Idee hinter deinem neuen Album "Ossicles"?

Karl: Ich wollte ein Album machen, das dem Liveerlebnis möglichst nahe kommen sollte, das den Sound der Band und die Stimmung im Raum während eines Konzerts abbilden sollte. Trotzdem wollte ich dabei auf den Einsatz der Möglichkeiten eines Tonstudios nicht ganz verzichten. Alle Stücke wurden im Grunde "live" aufgezeichnet, die Musiker spielten ihre Parts stets gleichzeitig und nicht nacheinander ein. Es gab aber auch ein paar Overdubs und Schnitte.

Carina: Wie könnte man die Musik charakterisieren?

Karl: Als farbenfroh! Auf "Ossicles" ist, von sehr ruhigen bis hin zu höchst expressiven und kraftvollen Kompositionen, ein breites Spektrum vertreten. Ich will den Hörer aber nicht lenken. Ich bin sicher, dass jeder das Album anders empfinden wird. Auf alle Fälle anders, als ich selbst.

Karl Seglem

Carina: Wenn es dir gelungen ist, in "Ossicles" das Beste aus zwei Welten, also die Lebendigkeit des Bühnenerlebnisses mit der Präzision einer Studioaufnahme zu verbinden, was kommt danach? Kannst du das mit dem nächsten Album noch toppen? Oder musst du ganz andere Wege gehen?

Karl: Nein, ich habe noch viele Pläne mit diesem Worldjazz-Quintett! Ich sehe vielerlei Möglichkeiten, wo sich die Musik hinentwickeln kann. Wenn du eine Zeitlinie ziehst, von den Vorgängeralben "Femstein" und "Urbs" hin zu "Ossicles", dann kannst du "Ossicles" als das dritte Album einer Trilogie verstehen. Mag aber sein, dass ich noch ein viertes Album mache, um die Reihe fortzusetzen und so quasi eine Tetralogie daraus mache. (lacht)

Mal sehen. Auf alle Fälle werden wir in den beiden kommenden Jahren viel auf der Bühne stehen und Zeit haben, an neuen Kompositionen zu feilen!

Karl Seglem - "Ossicles"

Carina: Bedeutet "Ossicles" mit seinen starken Folkeinflüssen nicht eine Rückkehr zu deinen eigentlichen Wurzeln?

Karl: Nein, ich betrachte das Album eher als aus diesen Wurzeln erwachsen, denn als eine Rückkehr zu ihnen. Ich habe, das ist soweit richtig, viele Elemente aus der norwegischen Folklore und Vokalmusik eingearbeitet und auch entsprechende Instrumente eingesetzt, wie die Hardangerfiddle. Andererseits handelt es sich bei allen Stücken auf "Ossicles" um ureigene Kompositionen von mir.

Es dauert ja einige Zeit, die eigene musikalische Sprache zu entwickeln. Ich bin dem, wie ich meine, in den letzten Jahren näher gekommen. Es handelt sich, und zwar immer deutlicher, um "typische" Karl-Seglem-Musik. Das finde ich natürlich gut und auf diesem Weg möchte ich weitergehen. Vielleicht setze ich beim nächsten Mal einfach zwei Fiddler ein! (lacht) Warten wir mal ab...

Karl Seglem

Carina: Du spielst, neben deinem üblichen Tenorsaxophon und den Ziegenhörnern, diesmal auch ein Antilopenhorn. Ist das so anders als die Ziegenhörner? Wie sind Klang und Spieltechnik? Verlangte die Musik danach?

Karl: Ein Antilopenhorn, in der Form, die ich einsetze, ist ein sehr urtümliches Instrument. Es gibt keine Grifflöcher, deshalb kann man nur etwa ein halbes Dutzend unterscheidbare Töne produzieren. Es klingt einfach nach Afrika. Vom Material her gleicht es zwar den Ziegenhörnern, unterscheidet sich aber Form und Größe so sehr, das es einen komplett anderen Sound erzeugt.

Carina: Wenn du hier in Deutschland auftrittst, macht es einen Unterschied, dass das Publikum wenig bis keine Kenntnis der norwegischen Folklore hat? Kann man deine Musik hierzulande überhaupt verstehen?

Karl: Ich glaube, dass das kein Problem ist. Man muss nur offen genug sein und zuhören. Wenn man mag, was man hört, dann ist es gut. Die Gefahr bei Folklore ist aber immer, dass sie vorgibt, nur für Eingeweihte zu sein, dass sie Grenzen zieht. Dass man sie nicht in Frage stellen darf oder gar verändern! Bloß keine Entwicklung. Diese Sichtweise gefällt mir gar nicht. Das ist meine Sache nicht!

Karl Seglem

Carina: Es heißt ja auch, du seist ein "Pionier", der "den norwegischen Folk als Inspiration nutzt", um daraus zeitgenössischen, eigenständigen World-Jazz zu entwickeln. Beruht der "Welt"-Anteil in deiner Musik also hauptsächlich auf der nordischen Folklore?

Karl: Eigentlich nicht. Ansonsten ist ja die Weltmusikszene fast per Definition auf Afrika, Amerika und Ostasien fokussiert. Skandinavien ist im Grunde nicht auf deren Landkarte. In dieser Szene gibt es gar nicht so viele Musiker, die wirklich in der Lage sind, zu improvisieren. Jedenfalls nicht so, wie im Jazz. Das vermisse ich wirklich.

Aus diesem Grund kommt mir die übliche Weltmusik recht langweilig vor. Oft baut sie auf nichts anderem, als auf irgendwelchen Vokaltraditionen auf. Oder, wie im Falle der afrikanischen Musik, auf überlieferten Rhythmen. Und das war's dann. Der Improvisation wird darüber hinaus wenig Raum gegeben.

Ich lege da großen Wert darauf, versuche, die Musik zu öffnen und die ganze Gruppe zum Improvisieren anzuhalten. Und selbst wenn ich traditionelle Instrumente einsetze, wie im Fall der Hardanger-Fiddle, dann außerhalb ihres traditionellen Kontextes.

Carina Prange

CD: Karl Seglem - "Ossicles" (Ozella Music OZ 034 CD)

Karl Seglem im Internet: www.karlseglem.no

Ozella Music im Internet: www.ozellamusic.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2010
erschienen: 3.11.2010
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