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Dominic Miller - "Der zweite Mann"

Wenn Sting auf Tour geht, hat er einen Musiker immer dabei: seinen Gitarristen und Freund Dominic Miller. Abgesehen hiervon ist Miller einer der gesuchtesten und meistgebuchten Studiogitarristen der Welt – sein Sound prägt unter anderem Alben von Level 42, den Pretenders oder Manu Dibango und verpasste auch Tina Turner, Peter Gabriel, Rod Stewart und den Backstreet Boys die besondere Note.

Dominic Miller

Der 1960 in Buenos Aires geborene Musiker ist gleichermaßen zuhause in Jazz, Pop und Klassik und selbstverständlich in der Latin Musik. Dominic Miller sozusagen "zum Anfassen", auf den Bühnen kleinerer Clubs, kann man immer dann erleben, wenn der Gitarrist mal wieder eines seiner Soloalben vorstellt – wie vor einiger Zeit "Fourth Wall" oder das unlängst erschienene "In A Dream" (zusammen mit Gitarrenkollegen Peter Kater)....

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Dominic Miller

Carina: Dominic, im Gegensatz zu vielen deiner Kollegen pflegst du deine Website höchst aktiv und offensichtlich eigenhändig. Wie wichtig ist dir das, was hast du davon?

Dominic: Oh, die Website finde ich wichtig, ein prima Kommunikationsmittel! Ich versuche aber, mich so darzustellen, wie ich wirklich bin – ohne übertriebenen Glamour und ohne Propaganda. Jedenfalls, Bullshit wirst du da nicht finden!

Carina: In deinen Kolumnen "Dominic schreibt" oder "Frag Dominic" stehen ja hin und wieder ziemlich persönliche Informationen. Und zeitaufwendig ist die Beantwortung auch. Stört es dich nicht manchmal, dich Leuten zu offenbaren, die du gar nicht kennst?

Dominic: Überhaupt nicht! Die beantworteten Fragen stellen auch nur einen Bruchteil der vielen Mails dar, die ich bekomme. Ich beantworte längst nicht alles. Nur, wenn mich was interessiert. Beispielsweise, wenn etwa ein junger Musiker nachfragt, wie ich dies oder jenes in einem Stück hinkriege.

Als ich sechzehn war, hätte ich ja auch gern gewusst, wie Jeff Beck, Steve Howe oder Jimmy Page bestimmte Sachen spielen. Nur, die hätten mir nicht mal die Uhrzeit verraten! Von daher wollte ich das anders machen… – Ich ziehe aber eine scharfe Grenze, sobald es sehr persönliche Sachen betrifft, wie mein Familienleben. Meine innersten Gefühle muss ich nicht mit den Hörern teilen.

Dominic Miller

Carina: In deinem Onlinetagebuch schreibst du, es seien Alltagserlebnisse, wie etwa die Warteschlange am Flughafen, die dich zum Komponieren anregen…

Dominic: Ich schreibe übers Leben. Ich setze Gefühle, Stimmungen und Erfahrungen in Musik um, weil ich diese Sprache beherrsche. Ich drücke mich mit Worten nämlich eher schlecht aus. Das Flughafenmotiv habe ich noch gar nicht verwendet … aber einchecken ist echt Stress! Vielleicht würde ein Stück mit merkwürdigen, "stressigen" Taktwechseln herauskommen, so was in der Art.

Carina: Dann mach doch mal was draus!

Dominic: (lacht) Hmm, okay!

Carina: Themawechsel – du spielst verschiedene elektrische und akustische Gitarren. Welches sind generell deine Lieblingsgitarren?

Dominic: Das ändert sich ständig. Frag irgendeinen Gitarristen, er wird dir dasselbe sagen. In den letzten drei Jahren habe ich aber vorwiegend meine kleine, klassische Wohnzimmergitarre verwendet, eine Kazafumi. Ich habe das ganze "Fourth Wall" mit ihr eingespielt. Wenn ich allerdings mit Sting unterwegs bin oder meine Brötchen im Studio verdiene, dann setze ich eine ´72er Les Paul Custom ein.

Carina: Sagen wir, du müsstest auf die berühmte einsame Insel. Wenn du lediglich eine einzige Gitarre mitnehmen dürftest, welche wäre das?

Dominic: Momentan wäre das meine Kazafumi-Klassikgitarre. Aber wenn du mich nächste Woche fragst, sage ich möglicherweise was anderes!

Dominic Miller - "Fourth Wall"

Carina: Ein entscheidender Faktor für deinen Sound sei die Reihenfolge deiner Effektgeräte – so steht es jedenfalls auf deiner Website. Wahr oder falsch? In welche Fallen tappen andere Gitarristen in dieser Hinsicht?

Dominic: Manchmal schreiben mir Leute und fragen, was für Equipment ich verwende. Und dann erwarten sie, dass sie damit genauso klingen wie ich. (lacht) Als ob es irgendwo zwei Instrumentalisten gäbe, die sich genau gleich anhören!

Eine klasse Anekdote hat mir ein Freund erzählt, der selbst Bass spielt. Sagt also jemand zu ihm: "Wow, also dein Bass klingt echt supergut!" Mein Freund findet das gar nicht witzig und entgegnet: "Ach! Ich leg´ ihn mal auf den Boden und du erzählst mir, wie er dann klingt! ... Da hast du's: er klingt gar nicht!"

Es sei nämlich ganz und gar der Musiker auf den es ankäme. Das ist die Pointe an dieser Geschichte. Gib mal Jeff Beck die billigste Gitarre und den schrottigsten Verstärker und gar keine Effekte, er holt immer noch einen großartigen Sound raus! Klar? Und jetzt drücke einem mittelmäßigen Gitarristen die weltbeste Ausrüstung in die Hand und – sorry! – er wird immer noch mittelmäßig klingen!

Carina: Wie würdest denn du deinen Traumsound beschreiben? Und wie setzt du ihn auf der Bühne um?

Dominic: Sobald ich in einer Band spiele, ist das mein Traumsound, wenn zwischen dem Klang meiner Gitarre und dem der anderen Instrumente die perfekte Balance herrscht.

Merksatz: Wenn du es schaffst, die anderen gut klingen zu lassen, dann klingst auch du gut. Von daher gibt es, isoliert betrachtet, keinen "Traumsound".

Klar, wenn ich für mich alleine spiele, klingt das immer klasse. Ob das dann aber mit einer Band funktioniert, ist etwas anderes. Es gibt zu viele Gitarristen, die sich wundern, dass sie "ihren Sound" nur zuhause oder im Proberaum hinkriegen.

Dominic Miller

Carina: Du bist ein bewährter Tour- und Sessiongitarrist und auf beiden Gebieten sehr erfolgreich. Wann hast du beschlossen, in eigener Sache ins Rampenlicht zu treten?

Dominic: (lacht) Nein, ich habe nicht vor, mich etwa mit Sting oder den anderen Weltklassekünstlern, mit denen ich zusammenarbeite, zu messen. Könnte ich auch nicht. Aber weil ich die Möglichkeit habe, mich zu verwirklichen, tue ich es.

Auch wenn ich vielleicht nichts Bedeutendes zu sagen habe. Nichts, was die Welt retten würde. Mir geht es im Leben nicht darum, dicke Sportwagen zu kaufen oder eine Villa auf dem Land. Das fände ich völlig unspannend! Aber die Freiheit, mich künstlerisch auszuleben, das ist der größte Gewinn, den ich aus der Zusammenarbeit mit Sting und anderen ziehen kann.

Carina: Deine Musik "ist, was du bist". Stimmt das bei dir?

Dominic: Aber sicher! Aber ich bin trotzdem nur ein Mensch wie jeder andere. Allerdings, wenn es um Musik geht, bringe ich halt Erfahrung mit. Vielleicht begreife ich die Illusion hinter der Musik besser als andere. Jedenfalls verstehe ich mich darauf, Stimmungen zu erzeugen.

Möglicherweise als Reflexion meines Inneren: Ich bin manchmal ein ziemlich melancholischer Typ… Ob auch ein unverbesserlicher Romantiker?! Stimmt, ich mag gefühlvolle, zarte Musik. Aber du kannst mich genauso für extremen Heavy Metal begeistern! Kommt halt darauf an…

Bei meinen letzten Alben lag der Fokus mehr auf harmonischem Ausdruck, mit der Nylon-Gitarre im Mittelpunkt. Aber das kann sich ändern und vielleicht ist es beim nächsten Mal vollkommen anders. Ich bin in der Musik so etwas wie ein Tourist – ich greife Dinge auf, die ich sehe und verwandle sie in Klang!

Dominic Miller

Carina: Du hast das "Berklee College of Music" und die "Guildhall School" in London besucht, es aber nirgends lange ausgehalten.

Dominic: Ach je, die Zeit an der Musikhochschule gehört zum düstersten Kapitel meiner musikalischen Karriere! Ich habe, als ich dort war, nichts, rein gar nichts gelernt. Klassische Musikstücke einfach so vor die Nase gesetzt zu bekommen, ohne etwas über ihre Wurzeln zu erfahren, das fand ich staubtrocken und uninteressant.

Carina: Hast du dich deshalb für "Learning by doing" entschieden?

Dominic: Ich bin jetzt viel mehr ein Lernender als während meiner Studienzeit. Speziell Bach fasziniert mich. Aber im Grunde lernst du ständig, egal was du tust.

Alles stellt einen Stein in der Mauer der Erkenntnis dar: Ob ich in einem Fußballstadion auftrete oder in einer winzigen Bar vor fünf Leuten, das hat für mich gleichen Wert. Ein neuer Tag, eine neue Erfahrung. Das kann man sich auch nicht kaufen – man muss einfach rauszugehen und es tun!

Dominic Miller/Peter Kater - "In A Dream"

Carina: Du hast mit fünfzehn Jahren begonnen, Gitarre zu spielen - hattest du Unterricht?

Dominic: Nein, angefangen habe ich schon etwas früher, da war ich ungefähr zehn Jahre alt. Meine ältere Schwester brachte mir bei, wie man die grundlegenden Akkorde greift. Hat mir Beatles-Lieder und solche Sachen gezeigt.

Mit vierzehn habe ich mich intensiver mit der Gitarre beschäftigt, eine Menge Hendrix, Jeff Beck und Stones gehört. Und richtig ernsthaft wurde es mit sechzehn: da wusste ich, dass ich niemals etwas anderes machen würde!

Carina: Für dein Album "Shapes" hast du Stücke von Bach und Beethoven neu arrangiert.

Dominic: Stimmt. Ich liebe klassische Musik. Wenn man sie denn so nennen mag. Bach und Beethoven hätten sie sicher nicht als "klassische Musik" bezeichnet. Es ist einfach Musik: Melodien und Akkorde… Doch sie zeugt von einem höheren Intellekt, als eine Menge von dem Kram, der sich heutzutage auf den Markt tummelt.

Greif vier beliebige Takte aus einem beliebigen Stück von Bach heraus, leg einen Beat darunter, mach einen Loop daraus – das hört sich besser an, als die meisten aktuellen Popsongs. Zumindest interessanter.

Dominic Miller

Carina: Wie groß ist der tatsächliche Einfluss der Klassik auf Pop und Rock?

Dominic: Klassik, das ist es doch, wo alles verdammt nochmal herkommt! Das ist richtig tiefgründiger Stoff. Was mich klammheimlich freut, ist dieser Song, "Shape of my heart", den ich geschrieben habe [auf der 2004er CD "Shapes", d. Red.]. Was sage ich, "geschrieben": er basiert völlig auf Akkordfolgen von Chopin. Ich habe nur die Reihenfolge verändert.

Aber was ich lustig finde, ist, dass so viele R'n'B-Musiker, Rap-Künstler und so weiter in den USA sich bei diesem Song bedient haben. All diese Typen denken, dass sie besonders clever waren, mein Riff zu sampeln. Aber eigentlich ist es Klassik! Haha, ausgetrickst... Das amüsiert mich.

Carina Prange

CD: Dominic Miller - "Fourth Wall" (Qrious Music QRM 108-2)

Dominic Miller im Internet: www.dominicmiller.com

Qrious Music im Internet: www.qrious.de

Fotos: Steven Haberland

Mehr bei Jazzdimensions:
Dominic Miller - "Fourth Wall" - Review (erschienen: 1.7.2007)
Dominic Miller - "Third World" - Review (erschienen: 3.4.2004)

© jazzdimensions 2009
erschienen: 28.6.2009
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