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Will Calhoun - "Musik, die einen Kosmos für sich bildet"

Als Schlagzeuger von "Living Colour" ging Will Calhoun, der ebenfalls Mitbegründer der Ambient Band "Jungle Funk" ist, bereits vor Jahren in die Musikgeschichte ein. Zum Zeitpunkt dieses Interviews war der Mann aus der Bronx, der unlängst sein aktuelles CD/DVD-Album "Native Lands" vorstellte, mit seinem eigenen Projekt "AZA" unterwegs.

Will Calhoun

Stilistische oder gar spieltechnische Grenzen sind für Will Calhoun kein Thema und ausprobiert hat er sich gleichermaßen erfolgreich bereits in den unterschiedlichsten Genres. "Native Lands" dokumentiert eine seiner zahlreichen musikalischen Leidenschaften: Afro Funk/Fusion – und dies mit einer Allstarbesetzung, die sich sehen lassen kann.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Will Calhoun

Carina: Wenn man schaut, mit wem du "Native Lands" eingespielt hast, erscheint es, als hättest du einfach in die Vollen gegriffen, was Stars des Jazz, oder allgemein der schwarzen Musik angeht. Wie kam es zu der Idee, derart viele Künstler in den Aufnahmeprozess mit einzubeziehen und wie entstand dieses Line-Up mit, unter anderem, Pharoah Sanders, Marcus Miller und Stanley Jordan?

Will: Nun, ich wollte unbedingt jene Musiker einbeziehen, in deren Projekten ich als Sideman bereits gespielt hatte. Und zwar ging es mir vor allem um diejenigen unter ihnen, die meine eigenen musikalischen Ideen nachhaltig beeinflusst haben.

Der erste Kraftakt für das neue Album bestand übrigens darin, die Tourpläne aller beteiligter Musiker mit dem Aufnahmezeitraum in Einklang zu bringen. Der folgende Teil bestand aus dem Schreiben des Songmaterials – und schließlich mussten für jeden Track jeweils die passenden Musiker ausgesucht werden. Es geht ja darum, dass der einzelne Song durch die Musiker, die ihn spielen, bestmöglich präsentiert wird.

Will Calhoun

Carina: Du bist als ein Schlagzeuger bekannt, der "alles" spielen kann, von Pop über Rock bis hin zu Jazz und Worldmusic. Diese Vielseitigkeit, erleichtert sie es dir, dich musikalisch auszudrücken, oder ist das manchmal ein Hindernis, weil die Ansprüche an das eigene Spiel ins Unermessliche steigen?

Will: (lacht) Derzeit steht es für mich mein Projekt "Native Lands" im Zentrum, und das stellt das beste Medium dar, mich auszudrücken. Diese CD/DVD, wie sie jetzt vorliegt, ist meine Vision. Vielseitigkeit sehe ich nebenbei nicht als potentielles Problem, jedenfalls für mich nicht; man muss nur eine klare, und vor allen Dingen ehrliche, künstlerische Absicht verfolgen, denke ich.

Manchmal ist es nämlich so, dass das Musikbusiness gerade den talentierten, expressiven und frei denkenden Künstlern Stolpersteine in den Weg legt. Insbesondere in Amerika geschieht das häufig. Wenn aber deine Kreativität dergestalt blockiert wird, wenn du deine Energie nicht raus lassen kannst, ist dein Überleben gefährdet; zumindest das als schöpferischer Künstler.

Davon abgesehen, mir geht es in erster Linie um die Vorstellung eines Sounds. Erst danach denke ich über die Form der Musik selbst nach. Ich setze mich bewusst unterschiedlichen oder gegensätzlichen musikalischen Einflüssen aus, um weiterhin zu lernen und als Künstler zu wachsen. Und, ganz klar: dadurch fallen auch immer wieder Grenzen, was mein Wissen um Musik und Kultur angeht.

Will Calhoun

Carina: "Native Lands" ist auch der Titel eines für dich geschriebenen Gedichts von Quincy Troupe. Was bedeuten Albumtitel und Gedicht für dich? Und wie kam es dazu, dass Troupe dieses Poem für dich geschrieben hat?

Will: Der Begriff "Native Lands" umschreibt die Gesamtheit all der Orte, mit deren Musik ich mich vertraut gemacht habe. Musik, die irgendwann einen eigenen Kosmos für sich bildet … In den "Native Lands" liegt für mich der Ursprung aller Kultur; damit meine ich Sprache, Kunst, Wissenschaft, Mathematik und vieles mehr. Afrika vor allem, aber auch Regionen wie Zentral- und Südamerika haben der Welt einen wertvollen Schatz an entsprechendem Wissen, Fertigkeiten und Kenntnissen überliefert.

Ja, und was Quincy Troupe betrifft? Nun, Quincy ist in erster Linie ein sehr guter Freund von mir. Außerdem ist er mein Lieblingsdichter und er war eng mit Miles Davis befreundet. Quincy besitzt ein reiches Wissen über Jazz und über viele afrikanische und afro-amerikanische Kunstrichtungen. Wann immer wir uns treffen, diskutieren wir über Politik, Musik, Filme, Literatur und so weiter. Außerdem, was lustig ist: wir haben am selben Tag Geburtstag! (lacht)

Will Calhoun - "Native Lands"

Ich wollte, dass Quincy die Linernotes schreibt, einfach, weil er meinen musikalischen Werdegang gut kennt. Es war dann seine Idee, stattdessen ein Gedicht zu schreiben, nachdem er die Musik gehört und die DVD angeschaut hatte. Er hatte einfach das Gefühl, ein Gedicht, das sämtliche Songtitel und die Musikernamen aufgreift, würde sehr gut passen und wäre, verglichen mit "gewöhnlichen" Linernotes, eine angemessenere Sache.

Ich finde, was er da zustande gebracht hat, ist ein Meisterwerk… Klar, Quincy ist aber auch so `ne Type; er hat ja auch dieses großartige Buch über Miles Davis geschrieben. Und Miles, das versteht sich, ist auch einer meiner Helden…

Will Calhoun

Carina: Das Gedicht scheint sehr persönlich zu sein. Stimmt dieser Eindruck, und falls ja, macht es dir etwas aus, dass jedermann da über dich lesen kann?

Will: Ich halte es nicht für persönlich. Gut, es handelt von mir und über mich, aber aus der Sicht von Quincy. Dass es jeder lesen kann, macht mir deshalb nichts ... und es ist ja auch eine exzellente Arbeit, nicht?

Carina: Kannst du dich demnach damit identifizieren, dass du als "Space Traveler" bezeichnet wirst, als "Psychic Griot" – wie es im Gedicht so schön heißt?

Will: Gewiss. Musik bedeutet, auf eine Reise zu gehen. Gelegentlich sind es atemberaubende Ausflüge, die man erlebt. Zeitlos, vollständig offen. Momente, wo man glaubt, eine Verbindung zu Energien aus einem anderen Universum, aus einer anderen Zeit zu sein.

Carina: Hast du eine Lebensphilosophie?

Will: Etwa so: Be your true self ... Sei einfach du selbst.

Carina Prange

CD: Will Calhoun - "Native Lands" (Enja ENJ 9168-2)

Will Calhoun im Internet: www.willcalhoun.com

Enja Records im Internet: www.enjarecords.com

Fotos: www.willcalhoun.com

© jazzdimensions 2008
erschienen: 2.6.2008
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