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Reamonn - "Jeder ist auch Teil der Lösung"

Mit ihrem aktuellem Album "Reamonn" und ihrer derzeitigen Tour haben Reamonn sich offensichtlich vorgenommen, die Sehnsüchte und Wünsche vieler Hörer in Deutschland und auf dem europäischen Kontinent zu befriedigen – zumindest für einen Abend. Und wer die Band einmal bei einer ihrer Shows erlebt hat, weiß: jeder einzelne im Publikum fühlt sich bei dieser Musik sofort gemeint.

Rea Garvin

Wenn Reamonns irischer Frontmann Rea, mit bürgerlichem Namen Raymond Garvin, zum Mikro greift und seinen durchtrainierten Bizeps unter den Tattoos spannt, ist er der King der Bühne. Und nach dem dritten oder vierten Stück spricht er das Publikum nochmals direkt an: "You are the people, you are the power! Take the power!" – das verfehlt seine Wirkung nicht. Trifft man genannten Rea anschließend zum Gespräch, entpuppt sich der so martialisch wirkende Sänger als freundlicher, netter Typ, der obendrein hervorragend deutsch spricht. Und der Ruhm hat ihn wohl auch nicht verdorben…

Carina Prange sprach mit Rea Garvin von Reamonn

Carina: Reamonn hat am Brandenburger Tor für Barack Obama gespielt. Wie kam das zustande?

Rea: Das Büro von Senator Obama sprach uns an, ob wir vielleicht ein Konzert vor seiner Rede in Berlin geben würden. Wir sagten, ja – aber nur, wenn wir den Mann auch persönlich kennenlernen! Sie stimmten zu und wir trafen Obama im Anschluss an unsere Show dann tatsächlich. Ich muss sagen, das bestätigte uns in dem Gefühl, hier auch den Richtigen unterstützt zu haben!

Carina: Wofür steht die Band Reamonn, oder stehst du als deren Frontmann, wenn es um Politik, Soziales in Deutschland, Europa und der Welt geht?

Rea: Die Welt ist immer kleiner und kleiner geworden. Den Luxus, zu ignorieren, was sich auf der anderen Seite des Globus abspielt, können wir uns nicht länger leisten! Als Band haben wir bei Aktionen wie "Live 8" und "Live Earth" mitgewirkt, in der Hoffnung, andere mitzureißen, sich für das Wohlergehen der Welt einzusetzen und den Politikern, die hierfür sorgen sollen, etwas auf die Finger zu sehen. Für die Probleme, die auf der Welt herrschen sind wir nämlich alle verantwortlich. Genauso kann aber jeder einzelne auch ein Teil der Lösung werden.

Rea Garvin

Carina: Und wofür steht deiner Meinung nach Barack Obama und warum sollte man ihn unterstützen?

Rea: Der amerikanische Präsident hat fortwährend Entscheidungen zu treffen, die uns alle direkt betreffen. Das haben uns die ganzen Jahre der Bush-Administration nur zu deutlich vor Augen geführt! Ich glaube wir alle sähen Barack Obama gerne in der Position eines Vorreiters einer neuen Ära der Politik. Jemanden, der, wie er in seiner Berliner Rede, von Herausforderungen spricht und davon, dass wir ihnen als Welt gemeinsam gegenübertreten sollten. An diese Hoffnung, von der er für die Zukunft spricht möchte man glauben. Und auch an den Wechsel, den er gegenüber der jetzigen Präsidentschaft verspricht.

Carina: Kommen wir mal zur aktuellen CD. Es ist das fünfte Studioalbum… fünf Alben und zehn Jahre Reamonn. Was für Ziele setzt man sich nach zehn Jahren als erfolgreiche Band? Die Produktion des Albums fand in Berlin, Los Angeles und Vancouver statt – drei verschiedene Produzenten, viel Aufwand und erstklassige Songs – was zeichnet das Album "Reamonn" deiner Meinung nach noch aus?

Rea: Zur Zeit ist die Band wirklich auf 'nem Höhenflug, nachdem wir fast zwei Jahre in Studios überall auf der Welt verbracht haben, um das Album fertigzustellen! Jedes Album, finden wir, sollte das bislang beste Album sein. Wir wollen, dass das neue Album immer besser ist, als das vorangegangene. Mit Hilfe eines großartigen Teams von Produzenten ist es uns hoffentlich gelungen, etwas abzuliefern, von dem man auch in ein paar Jahren noch redet!

Wir sind ehrgeizig. Manchmal ist das schade, weil wir uns zu wenig Zeit nehmen, unseren Erfolg zu genießen, wenn wir ein gestecktes Ziel erreicht haben. Wir haben dann immer schon das nächste Projekt im Kopf! (lacht)

Reamonn - "Reamonn"

Carina: Was ist die Geschichte hinter den Songs "Broken Stone", "Broken" und "Free Like A Bird"?

Rea: "Broken Stone" ist ein Song über Amy Winehouse. Wir hatten ein Konzert mit ihr in Paris. Es war ja ein ungeheurer Medienrummel um Amy, in dem ihr Privatleben derart in die Öffentlichkeit gezerrt worden war, dass ich überrascht war, dass die Person, die wir dann Backstage kennenlernten so vollkommen anders war! Zwei verschiedene Leute, sozusagen. Ich hätt' dem Mädchen am liebsten ein sicheres Versteck angeboten, vor den ganzen Kameras und den Leuten, die diese schlimme Lebensphase ausbeuten, die sie durchlebt hat!

"Broken" handelt von der Vergebung, die man unerwarteter und unverdienter Weise von Leuten erhält, die einen wirklich lieben. Für etwas, wie man selbst weiß, eigentlich Unverzeihliches! Man kann ja an der Wahrheit vorbeisehen, bis sie sich wie ein Berg vor einem auftürmt. Diesen Berg muss man überwinden. Und der erste Schritt beginnt mit Vergebung.

In "Free Like A Bird" geht es darum, wie schwer es ist, eine Beziehung zu führen. Und dass die Freiheit, die man darin genießen kann, immer eine Sache des Vertrauens darstellt.

Carina: Der letzten CD "Wish" war der Leitspruch, "Der Weg ist das Ziel" vorangestellt. Du formulierst es eher vorsichtig, indem du abschwächst, "manchmal sei der Weg das Ziel". Bist du ein Mensch, der in der Gegenwart lebt?

Rea: In der Gegenwart? Nee… Ich würd' schon gerne mit "ja" antworten, aber wenn ich ehrlich bin: nee! Ich bin eher jemand, der schon auf dem Weg zum nächsten Ziel ist, wenn er gerade wo angekommen ist. Wahrscheinlich ist das auch gut so. Würde ich alles erst lange genießen, würde uns das bremsen.

Beispielsweise bei unserer ersten Platinplatte, da waren wir von der Planung her schon längst auf einem ganz anderen Planeten… Als Musiker denkt man zwar irgendwie: Wenn du das und das erreicht hast, hast du es geschafft! Aber bei uns ging alles immer so schnell weiter. Zack, vorbei – und schon saßen wir wieder im Bus, auf der nächsten Tournee…

Reamonn - "Wish"

Carina: Passt auf dein Leben also die Devise: Träume nicht dein Leben, lebe deine Träume?

Rea: Ich glaube, Träume sind wichtig. Weil sie ein Teil der Realität sind oder dazu werden können. Und es ist schön, etwa die Idee zu haben: Ah, das würd' ich gerne machen! Oder: Hm, ich träum' von… – Und dann einfach den Versuch zu unternehmen, ob's klappt. Ich bin jemand, der das braucht, sich irgendwas vorzunehmen.

Ich muss einen Traum vor Augen haben, eine Vorstellung davon, was ich erleben will. Und dann kämpfe ich dafür, arbeite hart! Ich bin dabei aber, witzigerweise, ein realistischer Träumer! Ich träume sehr gerne und oft, aber bleibe dabei im Rahmen des Machbaren. Statt etwa einem "Zeitreise-DeLorean" wie in "Zurück in die Zukunft" reicht mir einfach ein schickes Auto.

Carina: Als es mit Reamonn anfing, hattest du mit so einem großen Erfolg gerechnet?

Rea: Ich hatte, ganz ehrlich, auf jeden Fall erwartet, dass wir unser Hobby zum Beruf machen können. Dass wir unsere Miete zahlen können. Vielleicht ein paar Touren machen können. Auch in andere Länder. Aber so einen Erfolg habe ich mir nicht erträumt.

Ich bin, wie gesagt, ein realistischer, ein vorsichtiger Träumer. Das klingt jetzt dahergeredet, ist es aber nicht! Ich ziehe Ziele vor, von denen ich weiß, ich kann sie tatsächlich erreichen. Und so einen Erfolg zu haben, das war für mich unvorstellbar.

Rea Garvin

Carina: Braucht man da auch mal Rückschläge, die einen davon abhalten, total überheblich zu werden?

Rea: Weißt du, der Boden ist eigentlich nicht soo weit weg. Nur, wenn du anderen Leuten erlaubst, dir einzureden, du seist besser als du wirklich bist, dann bist du schön blöd! Ich bin in einer Band mit vier anderen. Das ist unsere Existenz, nicht alleine meine Existenz!

Dadurch ist immer irgend jemand "ums Eck", der klarstellt, wenn du abhebst oder schräg drauf kommst. Das passiert bei uns allen mal, irgendwann ist jeder müde, vermisst das Zuhause, hat keinen Bock mehr. Ja, und in so einer Situation müssen die anderen vier einspringen und sagen: "Hey, komm runter, is´ ja gut…"

Carina: Du spielst auch Gitarre, greifst hin und wieder zur Akustikgitarre – wann speziell?

Rea: Wenn ich akustisch spiele, merke ich manchmal lustigerweise, dass es den Song eher behindert. Jedenfalls solange wir beim Schreiben sind – weil ich vielleicht auf ein bestimmtes Tempo fixiert bin. Dann ist es besser, ich lege die Gitarre zur Seite. Aber es ist andererseits gelegentlich meine Unerfahrenheit, mein Mangel an Ahnung, die etwas Neues hervorbringen.

Es geht mir sonst lediglich darum, Uwe zu unterstützen, der ein zehnmal besserer Gitarrist ist als ich. Nicht darum, im Vordergrund zu sein. Wenn Leute meine Stimme kritisieren, stehe ich dazu und entgegne, o.k., sagt doch, was ihr wollt! Das ist mein Instrument! Mit der Akustikgitarre fühle ich mich aber wohler in irgendeinem Wohnzimmer, einfach so zum Spaß…

Carina: Nenn mir doch trotzdem mal deine drei Lieblingsakkorde!

Rea: A-Moll, F und G - die haben mir bei so manchem Kneipengig den Arsch gerettet! (lacht)

Carina: Du schreibst ja die Songtexte für Reamonn, aber auch Songs für andere Künstler. Schreibst du Texte grundsätzlich auf Englisch oder auch mal auf Deutsch?

Rea: Immer auf Englisch! Deutsch ist eine Sprache, die ich gerne spreche und ich bin auch stolz darauf, dass ich sie überhaupt beherrsche. Aber es ist, ganz ehrlich gesagt, nicht die Sprache, in der ich vom Herzen her spreche. Und wenn du mit so einem großen Publikum kommunizierst, dann möchtest du denen genau sagen, was du ausdrücken willst – ohne Sprachbarriere. Und da bin ich besser mit Englisch.

Rea Garvin

Carina: Deine Lyrics, erzählt man, würdest du auch mal spontan auf der Bühne ändern - liebst du es, zu improvisieren?

Rea: Das ist live! Man darf da Fehler machen - im Gegenteil, wäre alles perfekt, das wär' furchtbar! Ich mache halt Fehler. Manchmal vergesse ich einen kompletten Text, habe einen totalen "blank". Das hat nichts damit zu tun, dass mir die Texte wenig bedeuteten. Manchmal bin ich gedanklich einfach ganz im Publikum.

Ich ändere Texte auch, wenn ich meine, das könne besser gesagt werden. Ein Song ist ja nicht in Stein gemeißelt! Das, was zählt, ändert sich dadurch nicht. Das Lied bleibt in sich gleich. Wenn ein Text aus meinem Unbewussten kommt, wird mir manchmal erst später klar, was Sache ist. Ich schreibe die Worte auf, verstehe sie aber hin und wieder selbst nicht sofort. Auch wenn ich fühle, es steckt ein Sinn dahinter.

Carina: Du bist Ire. Fließt das in die Musik von Reamonn ein?

Rea: Meine Beziehung zu Irland ist super! Ich bin seit über zehn Jahren in Deutschland und habe viel in diesem Land gelernt. Aber Irland macht einen großen Teil von mir aus. Ich nehme mein Leben hier in Deutschland gerne an. Aber ich bleibe Ire, bin da geboren, dort aufgewachsen und erzogen worden – und meine Kultur ist irisch.

Carina Prange

CD: Reamonn - "Reamonn" (Island/Universal Music 602517872332)

Reamonn im Internet: www.reamonn.com

Universal Music im Internet: www.umusic.com

Fotos: Pressefotos (P.R.Brown, Olaf Heine)

© jazzdimensions 2008
erschienen: 9.11.2008
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