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!DelaDap - "Unter dem Schutz der Schwarzen Madonna"

"Sara La Kali" lautet der Titel des neuen Albums und da es sich bei Sara La Kali – auch die Schwarze Madonna genannt – um niemand geringeres als die Schutzheilige der Roma handelt, haben !DelaDap hier eine klare Marschrichtung vorgeben: Die Band stellt auf ihrer neuen CD die Magie der weiblichen Stimmen in den Vordergrund – in Gestalt ihrer beiden Sängerinnen Kristina Gunarova und Simona Senkiova.

DJ Stani Vana

!DelaDap einzuordnen fällt schwer. Ist es noch Worldmusic oder schon Club-Sound? Im Grunde ist diese Band, die mit ihrer Mischung aus Jazz, Elektronik und Roma-Roots seit einigen Jahren für Furore sorgt, nur in einer Schublade zuhause: angesiedelt in der von ihr selbst kreierten Rubrik, dem "Nu-Gypsy".

Carina Prange sprach mit dem Bandleader Stani Vana

Carina: !DelaDap begann als Trio und entwickelte sich über die Jahre zur 7-Personen-Live-Band. Hat eine größere Besetzung auch zwangsläufig mehr Power?

Stani: Das "Trio" war das anfängliche Studioteam, mit dem ich angefangen habe das allererste !DelaDap-Album "Cigani Ruzsa + Angelo" zu produzieren. Aber schon bald waren dann bei der Arbeit auch im Studio sehr viele, ganz unterschiedliche Musiker beteiligt. Als wir angefangen haben, das Ganze dann live umzusetzen, probierten wir auch verschiedene Besetzungen.

Das Setup, das wir jetzt seit Anfang 2007 haben, ist inzwischen optimal! Auch, weil es sehr flexibel ist, da die Musiker im Zusammenspiel mit meiner Elektronik sehr variabel geworden sind. Manche Locations oder Gegebenheiten lassen zum Beispiel die komplette 7er Besetzung nicht zu. Da können wir dann auch beispielsweise allein mit Electronics, Gitarre, Geige und einer Sängerin zu 100% druckvoll sein. Dabei immer wieder neue Varianten auszuprobieren, ist auch sehr spannend.

Kristina Gunarova

Carina: Was fällt dir ein, wenn du die wichtigsten Augenblicke in der Bandgeschichte nennen sollst? Wendepunkte, Krisen oder Durchbrüche?

Stani: Der Entschluss aus dem ursprünglich reinen Studioprojekt eine Live-Show zu machen, war sicherlich einer der wesentlichen Wendepunkte, der auch den Sound der folgenden Alben entscheidend mitgeprägt hat. Krisen hatten wir durchaus einige. So viele verschiedene Musiker, zum Teil mit sehr unterschiedlicher Herkunft und verschiedenem Umfeld unter einen Hut zu bringen ist eben kein Zuckerschlecken!

Man muss sich da bei aller Multikulturalität keine Illusionen machen. Wenn man teilweise fünf verschiedene Sprachen zusammen hat, bleiben Missverständnisse nicht aus – neben der ganz normalen Gruppendynamik! Das Tolle ist, dass sich das aber alles regeln und organisieren lässt, wenn die Leute mit denen man arbeitet offen sind und dasselbe Ziel im Auge haben.

Bei einem Projekt wie !DelaDap gibt es ja natürlich den einen, gewaltigen Durchbruch nicht. Wahrscheinlich gibt es den bei allen anderen Bands und Projekten auch nicht – es ist ja immer eine Reihe von vielen kleinen und mittleren Schritten! Ein solcher war auf jedenfalls die erste Matinee, die wir auf Einladung des Funkhaus Europa Chefs Francis Gay für den WDR spielen durften.

Dieses Erlebnis eines Live-Radio-Konzertes, das gleichzeitig wirklich viele Menschen hören, war wirklich einer dieser Schritte auf ein neues Level. Es ist großartig, dass es so engagierte Leute, wie eben zum Beispiel Francis Gay gibt, die auch neuen, noch unbekannten Bands in dieser Weise Chancen geben und weiterhelfen!

Simona Senkiova

Carina: Du als Gründer von !Deladap, bist selbst kein Roma, aber "verbrachtest Teile deiner Kindheit in der slowakischen Tatra gemeinsam mit Roma, wobei du den Geist ihrer Musikalität einsogst". Konntest du von dieser Erfahrung her einen direkten Draht zur Lebensweise und Kultur der Roma herstellen?

Stani: Obwohl ich damals noch sehr jung war, habe ich da auf jeden Fall einiges mitbekommen. Viele Diskriminierungen, aber auch, dass die "Roma Community" ... – ich sage das bewusst in Anführungszeichen! Weil, wie jede Gesellschaft und jedes Volk, sind natürlich auch die Roma unendlich vielfältig und es ist immer sehr gefährlich, da alles zu verallgemeinern und über einen Kamm zu scheren! – jedenfalls habe ich auch die Härte innerhalb dieser Gemeinschaft mitbekommen.

Diese stark patriarchale Struktur, das ausgeprägte Familiendenken, das einerseits sehr viel Halt gibt und einen ganz anderen Stellenwert hat, als in zum Beispiel der österreichischen oder deutschen Gesellschaft, das aber durchaus auch in sich viel mit Ab- und Ausgrenzung zu tun hat. Wie gesagt, man muss einfach jede Gesellschaft immer wirklich differenziert betrachten.

!DelaDap - "Sara La Kali"

Carina: Bist du also im Grunde in diesem Umfeld ein Außenseiter geblieben?

Stani: Ich bin ein "Gadze" – ein "Nicht-Rom". Daran kannst Du, selbst wenn Du wolltest, nichts ändern! Und ich habe es gar nicht erst versucht. Ich wollte mich nie anbiedern oder irgendwie künstlich integrieren. Das Kunststück, generell, wenn wir über multikulturelle Interaktion reden, ist ja genau das "multi", also die Vielfalt und auch die Unterschiede zu erkennen, zu akzeptieren und damit positiv umzugehen!

In New York ist zur Zeit zum Beispiel alles wahnsinnig "hipp", was mit Gypsy oder Balkan zu tun hat. Spätestens seit Madonna den Gogol Bordello entdeckt hat… Plötzlich erzählt Dir jeder, dass er auch einen Gypsy in seiner Ahnengalerie habe! Das ist in Wahrheit totaler Müll. Ich möchte die Leute, die mit sowas kokettieren, sehen, wenn sie in ihrem Stammnobelrestaurant plötzlich nur den Tisch ganz am Ende neben der Klotür bekommen – weil dort in Wahrheit Gypsies nicht willkommen sind!

Carina: Wie sehr muss man wirklich Teil der Roma-Community sein, um die Wurzeln und Traditionen zu verstehen? Bleibt dem Außenstehenden letztlich nur der Blick auf die Oberfläche?

Stani: Also, ich bin ja kein Anthropologe! (lacht) Mich hat ja in erster Linie die Musik fasziniert und interessiert. Und ich glaube Musik "versteht" man immer. Gerade die der Roma. Deshalb hat sie ja so große Wirkung.

Ich habe dabei aber auch keine Traditionsforschung betrieben. Mir ging es in erster Linie darum, zusammen mit den Musikern das Ganze weiterzuentwickeln. Eine neue Facette zu erschaffen.

Carina: Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang der Brückenschlag zwischen verschiedenen Kulturen und die Authentizität in der Musik? Ist Authentizität in der Musik vielleicht nur ein frommer Wunsch und das Streben danach eine Illusion?

Stani: Aus meiner Sicht: Ich kann mit dem Begriff "Authentizität" gar nichts anfangen! Was soll das sein? Was ist "authentische" Musik? Musik, wie Kultur im allgemeinen, beruht doch gerade auf Entwicklung: A trifft B. A hat seine Historie und B seine andere. Und zusammen wird C daraus. Oder AB, wie man will. Das ist der Quell jeder Kultur.

So gesehen ist "Authentizität" genau der Tod jeder kulturellen Entwicklung! Das ist ebenso bei Sprachen. Was ist "authentisches" Deutsch? Das, was heute im Duden steht, oder das von 1980? Oder von 1900? Oder das von Luther? In 80 Jahren wird man die Songs von !DelaDap vielleicht für "Zentraleuropäisches Volksgut" halten und irgendwelche Traditionalisten werden auf deren "authentische" Wiedergabe pochen.

Denen sage ich jetzt schon mal: Don't even think about it! Also, liebe Kids von 2089, bitte spielt "Amaro Shavo" wenn, dann genau so, wie ihr es zu Eurer Zeit und in Eurem Umfeld für richtig haltet. Dann bin ich happy!

Carina: Ihr seid jahrelang sehr viel auf Tour gewesen. Ist der tourende Musiker im Grunde eine Übersetzung des Nomadendaseins?

Stani: Der tourende Musiker ist eine gequälte Kreatur, die sich jeden Tag und jeden Kilometer auf der Autobahn fragt, warum er sich das antut. Und die Antwort dann auf der Bühne bekommt. Das Publikum ist der Grund für das Touren! Und die Motivation dafür.

Die Reiserei ist dabei ein notwendiges Übel. Ich kenne keinen Musiker, auch keinen der Roma, der nicht lieber zu Hause bei seiner Familie wäre, statt auf der A1 im Stau zu stehen. Das ist leider die unromantische Wahrheit.

!DelaDap

Carina: Fühlt man sich wirklich irgendwo heimisch, wenn man fast ständig unterwegs ist?

Stani: Leider nein! Die Frage ist, ob man sich irgendwann überhaupt noch irgendwo heimisch fühlt. Für mich persönlich ist daheim genau da, wo meine Familie ist. Auf Tour ist das meistens eher nicht da, wo ich gerade bin. Das schlägt sich dann immer sehr auf die Roaming-Gebühren nieder!

Carina: Welches war bisher euer beeindruckendstes Erlebnis auf Tour? Und was das Beunruhigendste?

Stani: Wenn wir in Ungarn bei einem Festival auf die Bühne gehen und etliche tausend Leute singen unsere Songs mit, das ist immer weder extrem beeindruckend. Beeindruckend waren auch unsere Besuche in Russland oder in Südkorea. Da bist Du plötzlich in einer ganz anderen Welt und die Leute wollen Deine Musik hören. Das ist einfach klasse.

Beunruhigend war zum Beispiel jüngst eine Tour mit dem Tourbus quer durch Ex-Jugoslawien nach Griechenland. Wenn mitten in Serbien die Straße vor Dir aufhört. Und die Passanten, die deine serbischen Mitmusiker nach dem Weg fragen, deuten in jede nur erdenkliche Himmelsrichtung. Während die Sängerinnen bei 40 Grad im Bus sitzen und seit 20 Stunden nicht geschlafen haben, aber am Abend zwei Stunden Show auf einer Bühne machen sollen, die noch 500 km entfernt hinter zwei weiteren Grenzen liegt – das beunruhigt dann manchmal ein wenig! (lacht)

Oder in Moskau am Flughafen vor der – an sich schon respekteinflößenden – Grenzstation zu stehen. Und nicht zu wissen, ob dein bosnischer Mitmusiker nun tatsächlich ohne Visum einreisen darf. Oder ob doch nicht.

Carina: Auf eurer neuen CD "Sara La Kali" geht es euch diesmal speziell um "die Magie der Stimmen". Warum "die Stimme"? Soll (oder kann) damit Gewicht von der Musik (bzw. von den Instrumenten) genommen werden?

Stani: Nein, auf gar keinen Fall. Auch die Instrumente haben natürlich ihre besondere Magie. Aber !DelaDap macht, im besten Sinne: Lieder. Also Songs, die man singen kann. Und zwar eigentlich jeder. Das ist das Schöne, wir wollen gerne, dass die Menschen unsere Songs singen. Die "magischen" Stimmen von !DelaDap sind dazu quasi die Verführerinnen!

DJ Stani Vana

Carina: "Sara La Kali" ist die Schutzheilige der Roma. Wieso wurde sie zum Albumtitel und was verbindet ihr selbst mit Sara La Kali?

Stani: Zunächst hat mich die Geschichte fasziniert: Eine Aussenseiterin rettet drei wichtige Frauen aus der neuen Schrift bei ihrer Flucht nach Frankreich. Das ist für mich tief persönlich, weil ich in Österreich vor 26 Jahren auch ganz am Rande gestanden bin, Underdog sozusagen.

Und Sara ist die Schutzheilige der Roma. Ich hoffe, indem wir ihr das Album widmen, fällt etwas von ihrem Schutz auch für die Gadzes in unserer Band ab! (lacht) Wir können davon jede Menge gebrauchen. Ausserdem ist das ein sehr schöne Name, mit schönem Klang.

Carina: Was, nebenbei, ist die Bedeutung der Rose und des flammenden Herzens?

Stani: Die Rose ist eines der vielen, typischen Roma-Symbole. Wie überall steht sie natürlich in erster Linie für die Liebe, aber auch für die Dornen. Und ein flammendes Herz, naja, das ist ein flammendes Herz! Wir brauchen das. Wir brauchen eine Welt voll flammender Herzen.

Carina: Könnte man in ein paar Worten erklären, was die Besonderheit eurer Musik ausmacht, worin ihre Andersartigkeit besteht?

Stani: Ich hoffe, die Andersartigkeit liegt darin, dass wir Dinge mischen, die so zuvor noch nicht zusammengebracht wurden. Wobei unsere Maxime nicht ist, anders zu sein, um jeden Preis. Wir wollen Musik machen, die neu klingt, dabei aber auch den vertrauten Touch hat. Der einen mal aufgeregt, mal sehnsüchtig, mal romantisch, macht.

Carina Prange

CD: !DelaDap - "Sara La Kali" (Chat Chapeau CCR019-2)

!DelaDap im Internet: www.deladap.com

Chat Chapeau im Internet: www.chatchapeau.com

Fotos: Pressefotos

Mehr bei Jazzdimensions:
Deladap - "Cigani Ruzsa + Angelo" - Review (erschienen: 1.12.2004)

© jazzdimensions 2008
erschienen: 27.11.2008
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