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Carla Bruni - "Gutes Aussehen ist Ansichtssache!"

Carla Brunis Gesicht mag vielen noch gegenwärtig sein – über Jahre lächelte es einem vom Titelbild der Zeitschrift "Vogue" oder anderen einschlägigen Blättern entgegen. Heute haben wir mit einer anderen Seite dieser agilen Frau zu tun: Nunmehr sind es ihre Stimme und ihre Fähigkeiten als Songwriterin, welche die Künstlerin nach über zehn erfolgreichen Jahren im Modelling-Business in die Waagschale wirft.

Carla Bruni

Wer mutmaßt, hier erfülle sich wohl nur das Klischee von der gutaussehenden, aber unintelligenten Frau, wird enttäuscht. Nicht nur, dass Carla Bruni neben ihrer Geburtssprache Italienisch ebenso perfekt Französisch und Englisch spricht, sie ist obendrein versiert in Philosophie. Für ihr neues Album "No Promises" hat Carla Bruni die Gedichte einer Auswahl amerikanischer Poeten vertont – und Gitarre spielt sie, wie nebenbei, auch noch.

Carina Prange traf Carla Bruni in Köln vor ihrem Auftritt in der Show "Schlag den Raab"

Carina: Du hast einige Jahre als Modell gearbeitet. Was hast du dadurch über den Umgang mit anderen gelernt, speziell vielleicht, was Fernsehleute, Fotografen, Manager und so weiter angeht?

Carla: Manchmal frage ich mich, wie die ganzen jungen Leute, die als Sänger oder Songwriter bestehen wollen, zurecht kommen, ohne durch diese Schule gegangen zu sein! Modelling als Job ist aufreibend, hart und brutal. Gerade, weil man so jung ist! Ich habe viel dadurch gelernt. Im Grunde steckt die Antwort bereits in deiner Frage - man lernt den Umgang mit den Medien, dem Fernsehen. Das wichtigste, was ich lernte, war, alles nicht zu ernst zu nehmen. Und sich bloß nicht einzubilden, man hätte alles unter Kontrolle – das hat man sowieso nicht! Und vermeiden, sich über das eigene Image verrückt zu machen.

Ein Image ist nur ein Image – es ist nicht du. Hier stehst du als Mensch, das andere ist höchstens ein Spiegelbild. Das Image bist nicht du. Schauspieler laufen Gefahr, das zu verkennen und drehen dann durch. Selbstbild und Fremdbild vermischen sich. Die Erkenntnis ist nicht neu, es gibt alte griechische Tragödien, die das schildern: Halte Selbstbild und Fremdbild nicht auseinander und du bist erledigt. Das habe ich mir zu Herzen genommen. Und das Musikmachen betreibe ich daher eher nüchtern.

Carla Bruni

Carina: Gutes Aussehen, wie wichtig ist das wirklich? Kommt man damit im Showgeschäft allgemein besser voran? Oder hat, anders herum, ein hässlicher Musiker oder Songschreiber heutzutage Chancen?

Carla: Ich glaube schon. Ein guter Songschreiber ist eben ein guter Songschreiber. Er muss nicht physisch gut aussehen. Wenn jemand gut singt, wenn er Gefühle rüberbringt, dann lässt das diese Person gut aussehen. Gutes Aussehen ist Ansichtssache – da gibt es keinen Maßstab, auch wenn alle das denken!

Als ich in Afrika war, genauer gesagt in Kenia – es ging da um ein Shooting für den Titel der englischen Ausgabe der Vogue –, da musste ich zum Telefonieren immer zur Hotelrezeption. Mobiltelefone funktionierten da nicht. Und die Rezeptionistin musste mich immer holen. Nach einigen Tagen haben wir uns angefreundet und sie fragte mich, wer denn da immer anriefe. Ich sagte, das sei mein Freund. Und sie fiel aus allen Wolken – du hast einen Freund? Du siehst doch so hässlich aus, wunderte sie sich, so weiß, so dünn – so … krank!

Klar, bei uns mag "dünn" gleichbedeutend mit "schön" sein, in ihrem Land ist das ein Alarmsignal! Dort gilt eine Frau als schön, wenn sie üppige Formen hat. Sonst könnte sie ja keine Kinder großziehen und so weiter. Und Schönheitsideale ändern sich von Jahrhundert zu Jahrhundert. Wir beide wären beispielsweise viel zu groß – vor zweihundert Jahren wären wir damit durchs Raster gefallen. Heute hingegen gelten große Frauen als schön. Schönheit ist ein bewegliches Ziel, ich glaube nicht an sie als bleibende Realität.

Ohnehin, gutes Aussehen, in der Art, wie Models "gut aussehen", ist für mich keine Schönheit. Als ich selbst Model war, kam ich mit vielen, als "gutaussehend" bezeichneten Menschen aus aller Welt zusammen. Aber da ist meist wenig dahinter. Wahre Schönheit beruht auf Charme, Intelligenz, Gefühl. In diesem Sinne wäre ein guter Songwriter wohl der bestaussehendste Mann der Welt. Bob Dylan ist der bestaussehendste Mann der Welt! Wirklich, du kannst das sehen! Er hat wahrscheinlich mehr Charme als jeder Holywoodschauspieler. Für mich ist das offensichtlich.

Carla Bruni

Carina: Dem Modelling-Job hast du 1998 den Rücken gekehrt. Was gab den Ausschlag dazu?

Carla: Die Industrie hat den Ausschlag gegeben. Sie lassen einen fallen. Plumps. Es ist aber nicht so, dass ich ihnen abrupt den Rücken gekehrt hätte – tschüs Leute, macht ohne mich weiter! Ich war halt dreißig geworden. Das ist wie beim Sport; diesen Job machst du nicht mehr mit über dreißig. Kein Job für verblühende Schönheiten, all das Make-up, all die Klamotten. Und auf das konstante Reisen und Gerenne hatte ich auch keine Lust mehr.

Es war an der Zeit, und ich hatte das Glück, dem von mir aus den Rücken kehren zu können. Sonst hätten "sie" es getan, keine Frage. Du arbeitest Tag um Tag und merkst, dass es immer mehr Mühe kostet. Es hat gar nichts mit Falten zu tun, mein Gesicht war nicht müde geworden. Aber "sie" sind meines Gesichts müde geworden. Dann brauchen "sie" was Neues, selbstredend.

Der Zeitpunkt war goldrichtig, denn ich war der Sache ebenfalls müde. Ernsthaft müde. Ich war ihrer müde, sie waren meiner müde. Ein hohler Job. Nett, aber hohl.

Ich habe mir dann eine Auszeit genommen und angefangen, Songs zu schreiben. Ich hatte ja plötzlich soviel Zeit zur Verfügung, die ich in die Musik stecken konnte! Und die Musik hielt mich davon ab, in Depressionen zu verfallen, mich alt zu fühlen. Als Model arbeitest du 24 Stunden am Tag. Etwa zehn Jahre lang. Es nimmt deine ganze Zeit in Anspruch. Zum Nachdenken kommst du nicht.

Der Schluss kommt dann als Schock. Und es ist früh Schluss! Normalerweise scheiden Leute ja mit sechzig aus dem Arbeitsleben, nicht mit achtundzwanzig… (lacht) Du wirst dann entweder depressiv oder fängst an zu trinken. Es ist hart, wenn man noch so jung ist und trotzdem plötzlich als abgehalftert gilt.

Carla Bruni - "No Promises"

Carina: Reden wir mal über das Hier und Jetzt – vielleicht ein wenig über Instrumente. Auf deinem Album ist eine Dobro abgebildet. Spielst du sie wirklich, oder ist sie auf dem Foto, weil sie so "sexy" aussieht?

Carla: Im Ernst, die Dobro spiele ich nicht besonders gut. Vor allem diese spezielle Dobro. Ich habe eine andere, mit der ich besser klar komme, eine silberne. Klassischer Ganzmetallkorpus. Diese Dobro hingegen hat einen Holzkorpus, sie stammt aus den Fünfzigern. Ein Freund hat sie mir geschenkt, der Filmregisseur Leos Carax, der sie für mich in Los Angeles aufgetrieben hat.

Sowohl mein Gitarrist Louis Bertignac als auch Daniel Lanois, die ja beide gute Musiker sind, meinten, dass diese Dobro schwer zu spielen sei. Ich verwende sie deshalb selten, man bekommt sie nicht recht zum Klingen. Vielleicht mit Bottleneck. Aber auch meine beiden Experten hatten ihre Probleme mit dem Ding!

Carina: Sieht aber gut aus, das Teil!

Carla: Stimmt, sie ist eine Wucht!

Carina: Und welche Gitarre spielst du gewöhnlich?

Carla: Immer eine klassische Gitarre. Meist ein brasilianisches Instrument. Meine aktuelle ist von einem Geigenbauer angefertigt worden, ziemlich speziell. Ich spiele zur Zeit keine andere und ich setze sie für alle Richtungen ein. Sie passt auch, wenn man Blues darauf spielt.

Eigentlich gehört sie gezupft, aber man kann auch Akkorde schrubben – sie klingt immer gut. Ein sehr runder, kräftiger Sound. Ein solches Instrument zum Songschreiben zu verwenden, das hat etwas Magisches. Ich liebe diese Gitarre.

Carina: Wenn du dir eine Gitarre wünschen dürftest, welche wäre das?

Carla: Oh, eine elektrische! Eine zwölfsaitige Rickenbacker hätte ich gerne. (lacht) Eigentlich hätte ich keine echte Verwendung dafür, jedenfalls jetzt nicht. Mein derzeitiger Sound ist ja durch die klassische Gitarre geprägt. Aber ich würde mir gerne eine zulegen, erstmal so. Vielleicht werde ich aber wirklich zu einem elektrischen Instrument wechseln. Die klassische Gitarre kann ich nur im Sitzen spielen, das nervt. Ich würde live gerne mal im Stehen spielen!

Der Korpus einer klassischen Gitarre ist dafür zu dick. Aber ich übe schonmal auf einer kleinen, flachen Ibanez-Gitarre. Eine elektroakustische, mit Nylonsaiten. Hübsch. Sieht sehr feminin aus, eine echte Mädchengitarre. Schöner weicher Klang. Ja, und wenn ich das mit der richtig gut kann … dann kauf' ich mir eine Rickenbacker! Obwohl ich sie ja eigentlich nicht brauche…

Carla Bruni

Carina: Auf dem aktuellen Album hast du Texte berühmter amerikanischer Dichter und Dichterinnen vertont. Inwiefern findest du dich in diesen alten Versen wieder, welchen Bezug zum Heute haben sie für dich?

Carla: Gedichte sind ein Spiegel. Seltsam, dass die meisten Leute Gedichte als schwierig, trocken und langweilig betrachten. Ich empfinde genau das Gegenteil, sie sind nicht unzugänglich, sondern lebendig und direkt in der Aussage.

Literatur kann sich komplex und intellektuell darstellen, die Dichtkunst ist dies in meinen Augen nicht – sie richtet sich ans Herz. Deshalb ist sie immer dicht am Leben, auch heutzutage. Gerade heute, wo sich so viele Leute fragen, was und wo denn ihr Leben sei, ob sie überhaupt am Leben sind!

Carina: Vor allem "I felt my life with both my hands" von Emily Dickinson und "Afternoon" von Dorothy Parker stechen hervor. Warum hast du diese beiden ausgewählt?

Carla: Ich kann mich inhaltlich mit den Texten identifizieren. "Afternoon" ist ein Gedicht über das Altern. Und "I felt my life with both my hands" … kennst du das Gefühl, als ob alles irreal wäre, so wie im Film "Matrix"? Als ob alles eine große Illusion sei?

"Ich griff mit beiden Händen nach meinem Leben, um zu fühlen, ob da etwas ist!" Ich mag diese Zeile. Auch wenn sie unterschwellig furchterregend, ja gradezu gruselig ist!

Carla Bruni

Carina: Du selbst schreibst aber keine Gedichte?

Carla: Ich schreibe Songtexte. Ich versuche, dass sie poetisch werden. Aber Gedichte sind es nicht. Gedichte kommen ohne Musik aus. Zu meinen Texten gehört aber immer auch Musik. Es ist also eine Mischform.

Carina: Frauen wie Dorothy Parker, die ja auch Frauenrechtlerinnen waren, betrachtest du sie als Vorbilder, als Idole?

Carla: Oh ja. Allerdings nicht als Idole. Aber als Vorbilder. Dorothy Parker kämpfte für ihre Rechte. Dies trifft nebenbei für alle drei Dichterinnen zu, deren Texte ich für "No Promises" vertont habe – alle kämpften sie für etwas. Auch wenn sie dafür mit Einsamkeit und Isolation bezahlen mussten. Gewöhnlich muss eine Frau wählen – entweder Dichterin, oder Schriftstellerin sein, oder Ehefrau und Mutter oder ähnlich. Beides geht nicht, lehrt die Geschichte.

Carina: Ist das quasi eine Lebensphilosophie?

Carla: Nein, meine Lebensphilosophie würde lauten, lebe soviel du kannst! Sag' niemals nein zu etwas, auch nicht zu Fehlern. Habe Mut zu Fehlern. Ich mache lieber einen Fehler, als dass ich gar nichts mache. Wenn ich die Wahl habe zwischen nichts tun und etwas, was vielleicht ein Fehler ist, dann wähle ich den Fehler. Dann lerne ich wenigstens etwas. Ich bin nicht gut in Zurückhaltung. Wenn ich eine Gelegenheit sehe, nehme ich sie wahr – ich hatte immer das Gefühl, es sei eine Sünde, wenn ich es nicht täte.

Meine Philosophie ist also ziemlich unmoralisch. Tu immer, worauf du Lust hast, sage nie Nein zu deinen Bedürfnissen, ob es um Spaß geht, um Sex oder um sonstwas. Wenn du hungrig bist, iss. Wenn du durstig bist, trink. Ich bin nicht puritanisch oder gar moralisch. Bei Moralität denke ich immer an die schrecklichen Dinge, die sich Menschen in ihrem Namen gegenseitig antun. Moralität hat keinen Raum für Spaß oder Freude. Nie. Meine Philosophie ist also unmoralisch. Ich bin ein böses, böses Mädchen. Jawohl! Ich hoffe, mein Sohn, der jetzt gerade fünf geworden ist, fragt mich nie um Rat. Ich komme bestimmt nach unten in die Hölle. Oder nach oben...? Vielleicht ist die Hölle ja oben? Wer weiß, vielleicht wäre der Himmel ja todlangweilig.

Carla Bruni

Carina: Zum Abschluss etwas Privateres: Was liest du deinem Sohn abends vor?

Carla: Ich lese ihm immer aus "Alice im Wunderland" von Lewis Carroll vor. Eigentlich ein Buch für Mädchen, aber mein Sohn mag es. Ich persönlich glaube, dass Carroll etwas eingeworfen hat, bevor er es schrieb. Alice wird erst groß, dann so klein, dass sie in ihren eigenen Tränen schwimmen kann. Schräg.

Carina: Ziemlich phantastisch, zugegeben.

Carla: …und sie geht durch den Spiegel, folgt dem weißen Kaninchen! Die ganze Erzählung ist von Anfang bis Ende absolut irreal. Ich bin ein bisschen egoistisch, weil ich das vorlese. Ich mag es nämlich auch. Es ist wie zwei Bücher in einem, ein Kinderbuch und gleichzeitig eines für Erwachsene…

Carina Prange

CD: Carla Bruni - "No Promises"
(Naive/Ministry Of Sound 0175704MIN)

Carla Bruni im Internet: www.carlabruni.com

Naive Records im Internet: www.naive.fr

Fotos: Pressefotos (Claude Gassian, Pierre Even)

© jazzdimensions 2008
erschienen: 3.1.2008
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