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Dillinger Girl - "Ein bisschen Bonny und Clyde"

Ein Duo, das Songs in amerikanischer Folk-Pop-Manier singt und das Thema "John Dillinger" in Namen führt, ist eigentlich nicht in Paris zu erwarten. Genau dort lebt und arbeitet aber der eine Teil des Duos "Dillinger Girl and Baby Face Nelson": Helena Noguerra aka 'Dillinger Girl'. Der andere Teil dieses Duos, 'Baby Face Nelson', mit bürgerlichem Namen Federico Pellegrini, stammt hingegen aus Nantes und leitete fünfzehn Jahre lang die Band "The Litte Rabbits".

Dillinger Girl

Doch Pellegrini ist in dem Duo die Nebenfigur – Rede und Antwort steht Helena Noguerra, die als Tochter portugiesischer Einwanderer im französischsprachigen Teil Belgiens aufwuchs. Kürzlich war sie in Paris als Schauspielerin zu sehen, in dem Theaterstück "J'avais pas vu ça comme ça" – sie ist Mitautorin und Hauptdarstellerin in einer Person. Helena Noguerra findet sich in vielerlei Rollen ein, als wäre es dies selbstverständlichste von der Welt: glänzte außer als Schauspielerin auch als Buchautorin, Model und, als Dillinger Girl, eben als Sängerin.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Helena Noguerra

Carina: John Dillinger war Bankräuber und Frauenaufreißer in Personalunion. Wenn du "Dillinger Girl" bist, agierst du dann als eine Frau, die mindestens ebenso machomäßig ist wie ein Mann, oder als vollkommenes Gegenteil des John Dillinger?

Helena: Du hast John Dillinger einen Macho genannt. Das war er sicher, aber das ist lange her! Ich bin jetzt Dillinger Girl, ich bin die Rächerin der Frauen. Ich bin eine wahrhaftige Feministin!

Carina: Ist "Dillinger Girl" also die Zerstörung des Images vom männlichen Helden?

Helena: Definitiv! Als ich mir Gedanken über Dillinger Girl gemacht habe, habe ich ein bisschen von "Bonny and Clyde" kopiert, denn bei dem Räuberpaar war sie der Chef. Und sie hat auch die Propaganda übernommen, das Image geprägt – sie wollte berühmt werden. Sie hatte sogar ein Foto von sich und Clyde gemacht und es an die Presse geschickt. Ich dachte mir, es wäre interessant, diese Art Mädchen zu sein, dass zäh und stark ist.

Und Frederico spielt die Rolle des "Baby Face Nelson", der ein bisschen einfältig ist. Denn auch im richtigen Leben ist Frederico nicht derjenige, der fragt oder die Dinge in die Hand nimmt. Als wir beispielsweise in Tucson waren, bat er mich immer, die Kellnerin zu rufen – er ist in der Beziehung ein wenig hinterm Mond. Wir haben also die Charaktere so wie im richtigen Leben ausgewählt – ich bin die junge Frau, die gerne kämpft. Und er zieht es vor, eher wegzulaufen.

Von daher ist es einfach cool, die beiden Rollen entsprechend zu verteilen. "Baby Face Nelson" ist hier ein Typ, der weint und niemanden umbringen kann, weil er einfach zu empfindsam ist. "Dillinger Girl" hingegen ist schlichtweg ziemlich tough. Allerdings, um ehrlich zu sein, ich habe, bevor du mich danach gefragt hast, nicht darüber nachgedacht, ob es sich um eine feministische Rolle handelt. Aber es passt, es ist irgendwie logisch. Nur, eine Intention stand nicht dahinter!

Dillinger Girl

Carina: Als Europäerin, was fasziniert dich an den USA und insbesondere an alten Bankraubgeschichten von dort?

Helena: Ich finde Amerika prima, ich mag diesen "Spirit"! In den Zeiten, in denen wir jetzt leben, sollten wir allerdings nicht Amerika und George Bush durcheinanderbringen, das sind zwei verschiedene Dinge: das, was politisch passiert, wie er Präsident wurde… Aber ich bin der Meinung, in Amerika gibt es großartige Dinge, fantastische Musik. Und wenn du in das Land fährst, sind die Leute nett zu dir.

Wie in jedem anderen Land gibt es natürlich Probleme: der Ku Kux Klan, die Diskriminierung… Ich stimme damit ganz und gar nicht überein, aber die schönen Seiten sind eben auch da. Wir alle lieben einige Filme von dort, sind von Songs begeistert. Das war das Stück Amerika, von dem ich geträumt habe.

Dillinger Girl and 'Baby Face' Nelson - "Bang"

Carina: Die Bankräuber zur Zeit der Depression in den 30ern waren so etwas wie Volkshelden. Geschichten über sie wurden in den Zeitungen von den Lesern verschlungen wie heute die TV-Soap-Operas. Für den armen, gewöhnlichen Arbeiter war John Dillinger möglicherweise wie Robin Hood. Geht es darum, dieses Image eines "Held der Armen" in unsere Gegenwart zu transportieren? Geht es also auch um Gesellschaftskritik?

Helena: Ja, das ist schon so gemeint. Wir sind natürlich keine Politiker, die sagen, was zu tun ist. Aber irgendwie ist es schon so, dass du das, was du denkst, auch in deinen Handlungen zum Ausdruck bringst. Wir haben uns überlegt: "Wären wir diese Bankräuber, was würden wir mit dem Geld machen? Worum geht es überhaupt? Was wollen wir mit der Geschichte aussagen?" Natürlich schätzen wir jemanden wie Robin Hood höher, der die Reichen anstelle der Armen ausraubt. Das ist die Art von Philosophie, die dahinter steckt.

Ich mag diese Herangehensweise – das ist der Grund, warum wir uns für dieses Album in zwei Gangster verwandeln. Zwei Gangster, die landläufig betrachtet, eher "ungeschickt" sind, und die niemanden umbringen. Denn darum geht es nicht. Stattdessen geben sie das Geld den Armen, denn es ist immer eine gute Sache mit dem großzügig zu sein, was du erbeutet hast.

Dillinger Girl

Carina: Wenn man in deiner eigenen musikalischen Laufbahn zurückschaut, fällt auf: "Azul" war eine Bossa Nova-Platte, "Née dans la nature" ein Chansonalbum. Wann und wieso kam dir in den Sinn, ein Album mit Folk-Pop-Stücken einzuspielen?

Helena: Ich fange mal so an: Solange ich nicht meine eigene Musik geschrieben habe, fühlte ich mich immer irgendwie eingesperrt. Weil ich nicht das ausdrückte, was ich mir vorstellte. Ich habe für mich den Spieß umgedreht: anstelle dieses Gefängnisses einen Freiraum zu setzen, mir diese meine Freiheit zu nehmen!

Und da habe ich mir die Frage gestellt, welche Musik ich gerne machen möchte. Wenn du Musik selbst schreibst, spiegelt sich darin deine spezielle Herangehensweise. Du hörst bei jemandem wie Bob Dylan sofort raus, dass er es ist, man erkennt ihn einfach.

Ich betrachte Musikmachen eher so, als wäre ich Schauspielerin und nicht, als wäre ich Künstlerin. Das, was Künstler machen, ist eher ein Ausdruck ihres wirklichen Selbst. Ich mache das aber nur zum Teil. Ich schauspielere, nehme eine Rolle ein. Ich "bin" die Folksängerin, die Bossa Nova-Sängerin. Aber das ganze ist auch wie ein Spiel.

Momentan ist es mir wichtig, herauszufinden, wie das ist, wenn ich meinen eigenen Ausdruck finde. Deshalb experimentiere ich, schreibe eigene Songs. Um zu sehen, ok., so ist das also, wenn ich ganz auf mich allein gestellt bin! Das verstehe ich darunter, wenn ich sage: Ich verwandle das Gefängnis in eine Freiheit der Wahl.

Dillinger Girl

Carina: Du hast auch zwei Bücher geschrieben, zum einen "L´ennemi est à l´interieur" und zum anderen "Et je me suis mise à Table", ein Thriller, in dem eine junge Frau in ein psychiatrisches Krankenhaus eingeliefert wird, nachdem sie ihre Mutter aufgegessen hat. Für beide Geschichten hast du dich heftigen Themen gewidmet. Was ist denn eigentlich die Geschichte hinter "L´ennemi est à l´interieur"?

Helena: Das Problem der jungen Frau auch "L´ennemi est à l´interieur" liegt in ihrer gestörten Beziehung zu ihrer Umwelt. Wenn diese Frau vor die Tür geht, bemerkt sie, dass sie auf Männer verführerisch wirkt. Damit kommt sie aber nicht klar, sie möchte damit nichts zu tun haben. Wenn Männer sie anschauen, gerät sie regelrecht in Panik. Sie weiß nicht, wer sie ist. Sie weiß nicht, was Körpergefühl bedeutet. Sie begreift nicht, wieso man überhaupt vor die Tür gehen und Leuten begegnen sollte. Es geht um all diese Verhaltenskodexe, die sie nicht versteht.

Dadurch wird sie – im Sinne des Wortes – verrückt: Jede Reflexion ihrer selbst, wenn sie schließlich auf die Straße tritt, wird für sie zum Bild einer fremden Person. Eine Person, die sie weder kennt noch liebt. Sobald sie zuhause in den Spiegel schaut, ist sie irritiert – sie kann das eigene Spiegelbild ebensowenig ertragen. Das alles ist ziemlich kompliziert zu schildern. Im Grunde hat diese Frau eine gespaltene Persönlichkeit, fühlt sich von dem Bild im Spiegel getrennt. Sie behandelt sich selbst wie eine Fremde. Im Buch gelesen ist alles ganz einfach, aber es zu erklären ist schwer.

Ich interessiere mich sehr dafür, was "normal" ist und was nicht. Was es heißt, sich gesellschaftskonform zu verhalten, wie Verhaltenskodexe aussehen. Warum soll man sich so oder so verhalten? Ich habe darauf keine Antwort, aber wir alle haben unsere Regeln, unsere Schranken. Irgendjemand erklärt uns immer: "Du kannst dies nicht tun und das schon gleich gar nicht!"

Dillinger Girl

Carina: Du bist Fernsehmoderatorin, Musikerin, Schauspielerin, hattest als Teenager sogar einen Job als Fotomodell, wofür du nach Afrika gereist bist. Wie bekommst du diese sehr verschiedenartigen Rollen unter einen Hut?

Helena: Für mich ist es, als ob ich immer dasselbe tue. Ich bin eine Geschichtenerzählerin. Ich erzähle Geschichten mit der Musik oder durch Bücher. Ich bin das Material, die Rohmasse für das, was sich in einer Person abspielt. Wenn ich es gut finde, die Art Frau zu sein, die ich oder jemand anderes erfunden hat, lasse ich mich in die Rolle reinfallen. Denn es geht immer darum, etwas zu erzählen!

Und die Sache mit dem Modelling … ich wusste nicht, warum es läuft wie es läuft. Ich war zu jung, um zu begreifen, was ich da tat. Aber ich habe eine Menge dabei gelernt, viel über unterschiedliche Wahrnehmung und gesellschaftliche Regeln begriffen. Wenn du fünfzehn bist und nach Kenia eingeflogen wirst und zum ersten Mal die Massai siehst, verändert sich etwas bei dir. Du kommst an, bist in diesem ganzen Modewahn drin, denkst darüber nach, wie dein Haar sitzt, dieses ganze "tü tü tü" – und jeder sagt dir du seist wunderschön.

Und dann siehst du die Massai, die ruhig ihr eigenes Leben leben. Und der Massai gibt einen Scheißdreck drauf, was wir da tun. Es war nett, das gemacht zu haben, aber wichtig war dieser Model-Job nicht. Das Entscheidende war, dass ich eine Menge von der Welt sah und verstanden habe, dass dies nicht die Dinge sind, die die Welt verändern. Wirklich wichtig ist politische Arbeit, sie kann die Welt verändern. Ghandi oder Martin Luther King, darauf kommt es an.

Schon als ich den Job machte, war mir klar, dass er eigentlich dumm ist: Die Rolle dieses Mädchens, das "glücklich ist, weil es diesen Mascara hat, glücklich, weil es das Haar auf diese Weise trägt". Ich dachte, dass ich letztlich ein Ideal spiele, das ich nicht mag. Aber ich habe den Job gemacht. Im Nachhinein ist mir klar, warum das wichtig war: um andere Menschen und Völker kennenzulernen, andere Länder, andere Denkweisen. Und ich habe nun ein Verständnis von der Relativität der Dinge. Deswegen war das eine gute Sache!

Carina Prange

CD: Dillinger Girl and 'Baby Face' Nelson - "Bang"
(Emarcy 06024 9840350 )

Dillinger Girl im Internet: www.dillingergirl.com

Emarcy Records im Internet: www.emarcy.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2007
erschienen: 20.6.2007
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