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José Peixoto - "Grenzenlos"

Als Gitarrist und festes Mitglied der international erfolgreichen Band Madredeus tourt José Peixoto seit über zehn Jahren um den Globus. Die legendäre portugiesische Band bildet jedoch nur die eine Hälfte seines musikalischen Kosmoses: Die andere besteht aus Peixotos diversen Solo- und Bandprojekten, die ihn auch als vielseitigen Komponisten und Arrangeur zeigt.

José Peixoto

Dies ist auf mittlerweile zehn Soloalben dokumentiert – und Peixoto betrachtet sich auch hierbei eher als Grenzüberschreiter denn als Traditionalisten …

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit José Peixoto

Carina: Du arbeitest inzwischen ungefähr zehn Jahre mit Madredeus. Eine der musikalischen Wurzeln der Band ist der portugiesische Fado. Inwieweit hat dieses Erbe Einfluss auf deine eigene Musik?

José: Ehrlich gesagt, höre ich keinen Fado. Aber es gibt so etwas wie eine ständige, unterschwellige Präsenz dieser Musik: Jeder Mensch in Portugal kann diese Gefühlswelt verstehen. In meiner Arbeit findet sich aber kein direkter Bezug zu seiner musikalische Form. Ich fühle mich vielmehr hingezogen zur südportugiesischen Musik, wo sich das Erbe der kulturellen und ethnischen Verbindung zu unseren nordafrikanischen Nachbarn feststellen lässt. Ich höre mir viel Musik an, die von dort kommt. In dieser Hinsicht mag ich es, mir jenseits gezogener Grenzen mein eigenes musikalisches Territorium zu erschließen.

José Peixoto

Carina: Du arbeitest mit einem Spektrum verschiedener Genres wie Jazz, klassischer Musik und Folk und verwebst dieses mit deinem speziellen Gitarrensound. Was ist das Besondere an diesem Sound?

José: Das ist keine leicht zu beantwortende Frage. Ich habe nie wirklich auf diese Weise darüber nachgedacht – ich hätte, um ehrlich zu sein, meinen Sound wohl nicht einmal als "speziell" bezeichnet … Nun, als ich an der Musikakademie lernte, brachte man mir zunächst bei, den Ton allein mit den Fingerkuppen zu erzeugen. Anschließend ging es darum, zu mischen, also das Anreißen der Saite durch den Fingernagel hinzuzunehmen: Das gibt ein großes Spektrum an Klangfarben, von weichen, angenehmen bis hin zu metallisch-durchdringenden Sounds. Zusätzlich sind noch Volumen und Ausdruck in den Griff zu bekommen – alles harte Arbeit für die rechte Hand. Ich würde das als den "physical sound" bezeichnen, weil es im Wesentlichen Spieltechnik bedeutet.

Außerdem lehrte man mich, jeder gespielten Note Bedeutung zu geben – das ist essentiell, vielleicht sogar das Wichtigste. Nur dann nämlich bist du dir genau dessen bewusst, was du tust. Dabei geht es nicht nur um das Setzen der Finger, sondern um die ganze Persönlichkeit; der Klang, den wir erleben, muss ein Spiegelbild unser selbst sein! Und Menschen sind etwas Tiefreichendes und Komplexes! Auf gewisse Weise muss man Sound und Ausdruck erspüren, bevor man spielt. Das muss ganz selbstverständlich ablaufen: Wie können wir eine Emotion per Klang vermitteln, nur mit Hilfe unserer Finger und ein paar Gitarrensaiten? Mit lebenslanger Übung.

José Peixoto

Carina: In deiner – im wesentlichen instrumentalen – Musik setzt du dennoch gerne starke Stimmen ein: Gibt es Dinge, die durch die Gitarre allein nicht ausgedrückt werden können? Wie elementar sind Emotionen wie Leidenschaft oder Melancholie für deine Musik?

José: Die Stimme ist das Instrument, das jedermann zur Verfügung hat, der natürlichste und direkteste Weg, um Gefühle zu übermitteln. Singen müssen wir dafür nicht, der Klang der Sprache allein reicht. Die Stimme wächst jedoch im Kontext eines Liedes und erreicht eine andere Dimension des Ausdrucks. Menschen berührt sie auf ganz spezielle Art: Man könnte es "ungeschminkte", unmittelbare Emotion nennen. Ohne etwas Störendes dazwischen. Mein Problem, um es mal so zu nennen, beginnt, wenn die Essenz eines Liedes sich nicht rein instrumental ausdrücken lässt: ich komme dann nicht an der menschlichen Stimme als benötigte Klangfarbe vorbei.

Auf meiner CD "Estrela" wurden alle Stücke von Filipa Pais gesungen, die auch bei "Aceno" dabei ist. Die Musik ist im Quartett gespielt: eine weitere Gitarre, Kontrabass und Percussion. Hier hatte ich, wie vorhin ausgedrückt, 14 Problemchen, aber zum Glück war ja auch Filipa da.

José Peixoto/Filipa Pais - "Estrela"

Was Gefühle angeht, Leidenschaft oder Melancholie, da hast du ganz recht: Melancholie ist Teil meines Naturells. Obendrein, wie ich finde, ein äußerst kreativer Seelenzustand! Kunst, ganz allgemein betrachtet, ist nichts anderes als Gefühl, entsteht daraus. Leidenschaft gehört dazu. Auch wenn ich nicht darüber nachdenke, weiß ich, dass dies alles in meiner Musik drinsteckt – ansonsten ergäbe sie keinen Sinn.

Carina: Was für Gitarren besitzt du, und welche von ihnen nimmst du mit auf Tour bzw. verwendest du im Studio? Und gleich noch eine Frage: Auf "Aceno" spielst du ausschließlich eine 8-saitige Gitarre: Kannst du uns Näheres über dieses Instrument erzählen? Inwiefern musstest du deine Spieltechnik anpassen - ist so ein Instrument für jeden Stil geeignet?

José: Ich besitze eine ganze Reihe von Instrumenten. Die meisten sind allerdings die letzten Jahre im Koffer geblieben – alte Takamines, Konzertgitarren, E-Gitarren, Ibanez, Höfner, ein bundloser Fender Precision Bass, ein paar experimentelle Instrumente … Inzwischen verwende ich eine Gitarre für alles, für Konzerte, Studioaufnahmen und zum Üben. Es ist eben das 8-saitige Instrument, nach dem du gefragt hast: Gebaut wurde sie von einem holländischen Gitarrenbauer, René Baarslag. Der lebt allerdings seit vielen Jahren in Spanien, in Granada. Er hat mir auch eine 6-saitige Gitarre gebaut. Es war ein Sondermodell, das er zu jener Zeit im Programm hatte – der Korpus setzt am 15. Bund an, das Griffbrett ist auf 24 Bünde verlängert. Man hat leichten Zugang zu den hohen Lagen, gleichzeitig ist der Klang warm und das Instrument spricht leicht an.

Also bat ich ihn um ein 8-saitiges Instrument: gleiches Design, gleicher Klang, nur obertonreicher. Hierzu trägt die Resonanz der beiden tiefen Saiten bei, die ich im Wesentlichen offen spiele. Ich betrachte sie als 6-saitige Gitarre mit zwei extra Bass-Saiten; die siebte ist auf D gestimmt, die achte auf A. Größtes Problem war der Daumen rechts, den ich erst an die "neue Realität" gewöhnen musste. Ansonsten ist es, wie alles im Leben, eine Frage der Übung. Man könnte sich schlimmeres antun – eine 10-saitige Gitarre beispielsweise ....

José Peixoto und Filipa Pais

Carina: Was für Mikrophone verwendest du für Aufnahmen, und wie positionierst du sie? Ober verwendest du zusätzlich Pickups und eingebaute Elektronik? Last, not least, spielst du spezielle Saiten?

José: Da meine Konzertgitarren von sich aus gut klingen, verwende ich im Studio lediglich Mikrophone. Seit einer Reihe von Jahren arbeite ich mit dem gleichen Tontechniker, José Fortes, der hauptsächlich klassische Musik aufnimmt. Vom ersten Tag an – das war 1987 - erklärte er mir: Du kümmerst dich um die Musik, ums Spielen und um deinen Klang. Ich sorge dafür, dass alles aufs Band kommt.

Dementsprechend beschäftige ich mich mit der Frage der Mikrophone und ihrer Positionierung eigentlich kaum, und auch wenn wir das mal diskutieren, habe ich es in der nächsten Minute schon wieder verdrängt, weil ich mich aufs Spielen konzentriere. Bei der letzten Aufnahmesession, da erinnere ich mich, dass er ein Stereomikrophon von AKG verwendete und ich eigentlich dachte, es hinge zu hoch und sei zu weit weg aufgestellt. Aber das Ergebnis war hervorragend, das Instrument erschien sogar ausgesprochen präsent.

Ohnehin, der eigentliche Klang entsteht in meinem Kopf, durch meine Finger und mein Instrument. Dieser Sound, den ich selbst erzeuge, muss makellos sein. Kontrolliert. Er muss Körper haben. Das ist das Entscheidende, wenn man als Gitarrist im Studio mit Mikrophonen und Tontechnikern zu tun bekommt. Für die Bühne ist die Frage leichter zu beantworten: Da reicht mir ein Neumann KM 184 und ein möglichst gutes Reverb.

Für das Projekt mit Filipa Pais hatte ich, weil wir da auch mit Percussion arbeiteten, einen Fishman "Acoustic Blender" in mein Instrument einbauen lassen. Der Klang wird durch Piezos und ein Mikrophon im Korpus abgenommen, geht dann durch ein kleines Boss EQ-Pedal – nützliches Teil! – in einen AER "Compact 60" Verstärker. Der ist mit 8,5 Kilo wirklich kompakt. Dieses Setup liefert mir gleichzeitig einen guten Sound und genügend Lautstärke.

Die Saiten, die ich spiele – inzwischen bereits seit drei Jahren – sind Savarez Alliance HT Classic, normale Stärke. Diese Saiten sind sehr dünn und brillant im Klang. Mir gefallen sowohl Klangqualität als auch das Spielgefühl. Die siebte und achte Saite entnehme ich einem Satz für 8-saitige Gitarre von Hannabach.

José Peixoto

Carina: Wie würdest du deine musikalische Entwicklung beschreiben – was hat sich über die Jahre geändert, bezüglich deiner Spieltechnik und der allgemeinen Herangehensweise an das Leben und die Musik?

José: Was ich wahrnehme – nun da meine erste Platte Jahre zurückliegt –, ist ein höheres Maß an Einfachheit in meinem musikalischen Denken. Mein "Code", wenn ich es so nennen darf, ist klarer und simpler. Das ist etwas, was das Leben selbst dich lehrt, wenn du dir den einzelnen Augenblick bewusst machst. Über Technik denke ich nicht mehr nach: Mich interessiert, in welcher Form ich meine Ideen und Gefühle am geeignetsten darbieten kann. Die Technik, die ich dafür brauche, muss ich dann natürlich beherrschen!

Eine anderer Aspekt ist, dass ich mich nicht mehr beweisen muss, niemanden gegenüber, auch mir nicht. Ich bin was ich bin und spiele was ich spiele. Jede Herausforderung existiert nur in meinem Kopf. Und weil mich das Leben gelehrt hat, dass die Dinge sich aufeinander zu entwickeln, bin ich offener gegenüber allen Formen menschlicher Kunst geworden. Offener meinen eigenen Ideen gegenüber, auch denen anderer – und offener, das Leben selbst zu akzeptieren. Probleme machen wir uns im Wesentlichen selbst. Vor zwanzig Jahren war mir das alles nicht so klar. Nun, das Leben bedeutet ja auch ein bisschen Kampf, nicht wahr? Und die Musik ist ein Teil des Lebens.

Carina Prange

CD: José Peixoto/Filipa Pais - "Estrela"
(Zona Music/Galileo Music )

José Peixoto im Internet: www.josepeixoto.com

Galileo Music Communication im Internet: www.galileo-mc.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2006
erschienen: 22.1.2006
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