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Gonzales - "Das Flüstern danach!"

Dieser Musiker hat eine offensichtliche und eine versteckte stilistische Kehrtwende hinter sich: Bekannt wurde er unter dem Pseudonym "Chilly" Gonzales und mimte ein paar Jahre den lautstarken Extremkünstler mit Hip-Hop-Schwerpunkt und exaltierter Bühnenshow. Dabei hatte er seinen musikalischen Werdegang ganz anders begonnen: Das Jazzpiano-Studium an der Concordia University in Montreal stellte den Anfang allen musikalischen Wirkens des damals noch unter dem bürgerlichen Namen Jason Beck agierenden Künstlers dar.

Gonzales

Zu diesen, beinahe geheim gehaltenen, Wurzeln ist er nun zurückgekehrt. Das Gonzales-Album "Solo Piano" enthält dem Titel entsprechend puristische Alleinausflüge am Klavier, die mit Songtiteln wie "Paristocrats" oder "Oregano" die humorige Ader des Gonzales durchschimmern lassen. Ruhig, entspannt, in der Anmutung manchmal an Eric Satie erinnernd und ausgesprochen leise spielt sich der Pianist durch sein Album.

Carina Prange sprach in Berlin mit Jason Beck aka Gonzales.

Carina: Als Rapper und HipHop-Künstler wurdest du mit Begriffen wie "verrückt, selbstbezogen, dickköpfig" belegt. Nun liegt von dir ein Soloklavier-Album vor. Ist das als neuer Aspekt des sich ständig wandelnden Chamäleons Gonzales anzusehen oder als eine komplette Wende um 180 Grad?

Gonzales: (lacht) Womit soll ich anfangen ... es ist ganz einfach so, dass ich, bevor ich nach Berlin kam, von wo aus ich ja meine HipHop-Zeit gestartet habe, 26 Jahre lang Pianist war. Und deswegen war es im Grunde genommen die erste 180-Grad-Wende, zunächst zu diesem Rapper, diesem Elektro-Künstler zu werden. Man muss dazu wissen, dass Elektro in Kanada nur schwach vertreten ist; Rap, bzw. HipHop ein wenig, aber meist verstanden als US-amerikanischer Stil mit enger Verbindung zur schwarzen Bevölkerung, als eigener Lifestyle.

Von all diesem war ich weit entfernt; in Kanada hätte ich diese Richtung nie als mögliche Option für mich betrachtet. Ich stand auf Jazz und Klassik, auf handgemachte Musik von Leuten, die ihr Metier beherrschen – Ray Charles, Nina Simone oder Barry Gibb. Aber auch dafür schien es in Kanada keinen Raum zu geben. Ich war also ein ziemlich frustrierter Pianist, damals.

Gonzales

In Berlin angekommen, fand ich es spannend, was Brandneues zu machen, legte meine ursprüngliche Idee von Klavierspiel und Songwriting erstmal auf Eis. Tief drinnen versteckt konnte man in der Musik von "Gonzales" etwas davon finden – aber offensichtlich war es nicht. Wenn man, wie ich damals, soviel Personenkult betreibt, führt das dazu, dass die Leute weniger auf die Musik, als auf Äußerlichkeiten achten! Darüber war ich mir vollkommen im Klaren – aber das genau wollte ich: Aufmerksamkeit war mir zu dem Zeitpunkt das Wichtigste.

Nur, nach vier, fünf Jahren begann ich mich zu fragen, wie vielleicht eine bessere Balance zwischen Persönlichkeit und Musik hergestellt werden könnte … Verstehst du, wenn jemand dich anschreit, ist das etwas, was zu Beginn funktioniert; es erregt Aufmerksamkeit. Wenn das aber in einem fort so weitergeht, wird es lästig. Und womit du die Leute total überraschen kannst, ist, wenn du zuerst brüllst, um sie zu ködern und dann plötzlich ganz leise flüsterst. In dieser Weise kann man das Piano-Album verstehen, es ist so etwas wie das "Flüstern danach".

Gonzales

Und da ist ganz wenig Textinformation bei diesem Album; pro Stück im Grunde nur ein Wort – nämlich der Songtitel –, wie beispielsweise "Basmati" oder "Armellodie": Ein Wort, um ein grundsätzliches Bild zu vermitteln. Vorher war da Rap, Gesang, Drums, Samples, zack, bumm - Informationen haufenweise! Nun ist das extrem reduziert. Dennoch, hoffe ich zumindest, wird an Gefühl genauso viel transportiert, nur dass es viel nackter daliegt. Und, was die 180-Grad-Kehre betrifft – zieht man die vielen Jahre vor der Berlinzeit in Betracht, ist es eher so, als ob ich nach langer Zeit endlich wieder auf Kurs segle.

Carina: Das Cover deines Albums lässt aufmerken - ein Schattenspiel; dein Gesicht dargestellt als Projektion von Händen und Rauchwolken. Ist der jetzt sichtbare Gonzales genauso eine Fiktion, die sich auflöst, wenn man die Blickrichtung ändert?

Gonzales: Sehr gute Frage! (lacht) Weißt du, auch wenn ich jetzt am Klavier sitze und etwas mache, dass vordergründig "ehrlicher" wirkt: Ich möchte nicht, dass die Leute denken, dass sei nun mein "wahres Ich", der "wirkliche, sanfte Gonzales". Natürlich ist dies noch immer Showbiz, in dem Sinne, dass ich mir der Leute vor der Bühne oder vor den Lautsprechern bewusst bin. Wenn ich ein Konzert gebe, versuche ich nach wie vor, das Publikum zu unterhalten, es nicht zu leicht zu nehmen: Ich schwitze, und ich zeige ihnen, dass ich für sie schwitze!

Gonzales - "Solo Piano"

In diesem Sinne soll das Cover durchaus zeigen, dass "Gonzales" immer noch ein Konstrukt ist, wenn auch poetischer, weniger wortgewaltig, weniger Persiflage: Weg ist der pinkfarbene Anzug und der schreiende Künstler. Statt Farbenrausch ist da ein Schwarzweißbild. Poetischer … genauso, wie Stummfilme poetischer sind als hochtechnische Kinofilme. Vielleicht, weil sie begrenzter in den Möglichkeiten sind – genau wie ja das Klavier auch, verglichen mit einem Sampler, eingeschränkter ist.

Carina: Wie sehr fühlst du dich mit dem Jazz verbunden? Und welche Musik hörst du selbst gerne?

Gonzales: Ich höre mir nach wie vor viel Klassik französischer und russischer Komponisten an, ansonsten generell das, was ich als "durchkomponierte" Jazzmusik bezeichnen möchte. Der individualistische, egozentrische Jazz ist nicht so mein Geschmack, beispielsweise bei John Coltrane. Ich liebe seine Kompositionen, klar, aber wenn jemand zehn Minuten damit verbringt, das Saxophon zu bearbeiten … da sind mir Mingus, Monk oder Miles Davis viel lieber: Sinn für den Gesamtkontext der Musik, weniger Betonung auf den Einzelkünstler. Einfach mehr Musikalität.

Gonzales

Als ich in Montreal auf die Jazzschule ging, empfand ich eine tiefe Kluft zwischen dem, was ich beim Hören von Miles, Gil und Bill Evans oder Charles Mingus empfunden habe, und dem, was die anderen Schüler um mich herum so trieben: Es gab so gut wie niemanden, der versucht hat, tatsächlich zu komponieren – alle waren vollauf beschäftigt, dieses "Zehn-Minuten-Coltrane-Ding" umzusetzen, ihr Ego auszuleben! Ich war total desillusioniert, was ja dazu führte, dass ich mich anderweitig orientierte. Die Musik habe ich natürlich auch weiter gehört – tue das noch immer, um mein Idealbild am Leben zu erhalten. Sie inspiriert mich, und ich hoffe, dass das Feeling, das ich dort spüre, auch Ausdruck in meiner Musik findet.

Es kommt mir allerdings vor, als ob der Rest der Jazzwelt voll auf diese Coltrane-Inferno-Sache abfährt! Mal sehen – die Zeiten ändern sich, die Geschmäcker ändern sich. Und vielleicht orientiert man sich irgendwann wieder in Richtung eines weniger egozentrischen Stils. Das ganze ichbezogene Gehabe im Jazz geht mir auf den Keks!

Carina Prange

CD: Gonzales - "Solo Piano" (Emarcy / Universal 6024 9820795)

Gonzales im Internet: www.gonzalespiano.com

Fotos: Claude Gassian (Vielen Dank an Universal Music)

© jazzdimensions2005
erschienen: 14.3.2005
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