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Cowboy Junkies -
"Im Vakuum zu leben ist unmöglich"

Nein, der Name der Band, hat keine tiefere Bedeutung, sondern entsprang einfach der spontanen Eingebung, dass man damit auffallen könnte. Und auffallen tun sie nun bereits seit nahezu zwanzig Jahren, wenn auch eher gegenüber einer kleinen, treuen Fangemeinde, die rund um den Globus verstreut ist. Ganz gewichen ist der Übermut nicht. Aber dennoch: Aus den, der Americana-Szene zugeordneten, Cowboy Junkies ist eine Band mit reiferen, nachdenklicheren Mitgliedern geworden.

Michael Timmins

Ihr neuestes Album "One Soul Now" erzählt weniger von Beziehungskisten und Alltagserlebnissen, sondern geht die Sache globaler an: "Beziehungsgeflechte an sich" sind das Thema. Und: das Album ist durchaus programmatisch und als Appell zu verstehen.

Stellvertretend für den Rest der Band, Margo Timmins (voc), Peter Timmins (dr) und Bassist Alan Anton, klärt Michael Timmins, der Songschreiber, Gitarrist und Produzent der Band, die Sachlage auf…

Carina Prange sprach in Berlin mit Michael Timmins.

Carina: Fast zwanzig Jahre existieren die Cowboy Junkies inzwischen – sind noch immer genug kreative musikalische Ideen übrig geblieben, um weiterzumachen, neue Möglichkeiten auszuprobieren?

Michael: Das hoffe ich doch! Ansonsten würden wir das auch aufgeben. Es ist nach wie vor aufregend, gemeinsam Musik zu machen, und immer, wenn wir eine neue Platte angehen, kommen viele neue Ideen ins Spiel. Wir haben natürlich grundsätzlich einen ganz bestimmten Sound, den Cowboy-Junkies-Sound, der in der Essenz gleichbleibt. Aber in lyrischer und musikalischer Hinsicht entwickelt sich die Musik immer weiter. Es bleibt spannend und pulsierend!

Cowboy Junkies

Carina: Du bist Gitarrist, Songschreiber und Produzent der Cowboy Junkies. Siehst du dich als Mastermind des ganzen Projekts oder sind die Cowboy Junkies so etwas wie eine demokratische Band?

Michael: Ja, wir sind schon so etwas wie eine demokratische Band – wenn auch "demokratisch" eine nicht ganz treffende Beschreibung ist. Denn wir stimmen nicht in dem Sinne über Sachen ab, sondern finden in unserer Musik einen Konsens. Ich bin schon derjenige, der als Motor fungiert, der die Dinge vorantreibt und vermutlich bin ich auch derjenige, der den Kurs angibt.

Aber wir sind definitiv eine Band; es ist nicht so, dass es in erster Linie mich gibt und dann irgendwelche anderen Musiker: Wir bringen uns alle vier stark in die Band ein. Und, wie gesagt, alle Entscheidungen werden in gemeinsamer Übereinstimmung getroffen. Wir haben sehr ähnlichen Geschmack in Hinblick auf unsere Musik und ähnliche Vorstellungen davon, wo die Musik hingehen soll.

Carina: Mit eurem Erfolgsalbum "The Trinity Sessions" habt ihr gut in die "Americana"-Sparte gepasst. In welche Kategorie würdest du eure heutige Musik einordnen?

Michael: Das Witzige daran ist ja, dass die Trinity Sessions zwar in die Americana-Kategorie passen, aber dass zu dem Zeitpunkt als das Album auf den Markt kam, diese Bezeichnung noch gar nicht erfunden war. Das zeigt eigentlich, wie unsinnig dieses Schubladendenken ist.

Wo man unsere Musik heutzutage einordnen könnte, da habe ich nicht die leiseste Ahnung. Nun, es ist nicht meine Aufgabe, mich darum zu kümmern und ich denke auch gar nicht erst darüber nach. Im Grunde ist es irrelevant – vielleicht passt es ja in eine Kategorie, die in fünf Jahren erfunden wird?! (lacht)

Cowboy Junkies - "One Soul Now"

Carina: Ganz abgesehen davon, was sind aus deiner Sicht grundsätzlich die entscheidenden Zutaten der Cowboy-Junkies-Musik?

Michael: Die wichtigsten Zutaten unserer Musik, die Grundlagen, finden sich in der Folk-Music, im Country, im Blues. Und manchmal berührt das Ganze den Rockbereich: Das sind im Wesentlichen die Genres, derer wir uns bedienen – und gelegentlich findet sich das ein oder andere Jazz-Einsprengsel, insbesondere bei Live-Konzerten. Und das ist es im Grunde! Das Fundament wird sehr von den Lyrics geprägt; der Text spielt bei dem, was wir machen, eine wichtige Rolle – die Musik ist sehr songorientiert. Und mindestens ebenso wichtig sind die Stimmung, die Vibes, das Feeling, der Groove des Songs. Das sind einige Bereiche, auf die wir uns konzentrieren und die wir als das Herzstück unseres Sounds ansehen.


 v.l.: Margo Timmins, Alan Anton, Peter Timmins

Carina: "One Soul Now" enthält eine Botschaft - deine Beschreibung für sie ist die "Beziehung zwischen allen Menschen, ein Teilen derselben Energie". Inwieweit ist das Album ein persönliches, nahezu privates Statement oder steckt auch ein politischer Kommentar dahinter?

Michael: Es ist tatsächlich in erster Linie ein persönliches Statement, aber vermutlich wäre es auch keine schlechte politische Aussage. Ich bin da sicher nicht der einzige, der sowas gesagt hat und erst recht nicht der einzige, der daran glaubt. Insbesondere in der heutigen Zeit, in der wir wohl oder übel leben, scheint die Idee des Strebens nach dem Allgemeinwohl den Bach runter zu gehen.

Dennoch, es gibt viele Leute, auf deren Stimme man zwar nicht hört, die aber an die Notwendigkeit des Teilhabens im Zwischenmenschlichen glauben. Das, was derzeit passiert, liegt so weit außerhalb dessen, was unseren gewohnten Glaubens- und Erkenntnismaßstäben entspricht, ist so einschneidend, dass wir darüber unsere Orientierung als Spezies Mensch verloren haben.

Michael Timmins

Ja, was ist das Private und was das Politische? Man kann beide nicht wirklich voneinander trennen. Unsere Songs handeln vom zwischenmenschlichen Verhalten, sie spiegeln individuelle Erlebnisse wider. Sie erzählen davon, wie ein Individuum mit seiner eigenen Welt umgeht und mit der Welt drumherum.

Aber das ist wiederum sehr stark geprägt von den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Umständen: Man kann nicht in einem Vakuum leben. Das, was um einen herum passiert, beeinflusst unweigerlich, wie sich dein eigenes Leben gestaltet. Das ist alles untrennbar miteinander verbunden, die Grenzen sind fließend!

Carina: Beziehungen im Allgemeinen und ihre Dynamik, Liebe, Hoffnung, Missverständnisse, Schönheit und Überlebenskampf scheinen das Rohmaterial zu sein, aus dem eure Songs gemacht sind. Inwieweit hat sich die Inspiration, die hinter den Songs steht, die Sicht auf das Leben und seine Charakteristiken, seine Facetten, im Laufe der Jahre geändert?

Michael: Das ist eine sehr gute Frage. Du liegst da vollkommen richtig – was du aufzählst ist tatsächlich das Rohmaterial für unsere Lyrics, von solchen Dingen handeln sie alle! – Über die Jahre, wenn man älter wird und als Mensch mehr Erfahrung hat, verändert sich manches. Das Leben wird komplizierter: Man betrachtet die Welt weniger als Schwarz-Weiß-Gemälde, nicht mehr so ichbezogen.

Wenn du Kinder hast, Beziehungen über viele Jahre führst, wenn Menschen aus deinem Freundes- oder Familienkreis sterben… Es passieren plötzlich viele befremdliche Dinge in deinem Leben, über die du in jüngeren Jahren nicht einmal nachgedacht hast; zumindest, wenn du Glück hattest!

Margo Timmins, Peter Timmins

Und irgendwann erreichst du den Punkt, an dem du erkennst, dass die Dinge so kompliziert sind und so weit außerhalb der eigenen Erkenntnismöglichkeiten liegen, dass dir nichts anderes übrig bleibt als den Augenblick zu ergreifen, ihn wertzuschätzen und zu hoffen, dass er eine Weile anhält. Das ist nie der Fall, aber du kannst von Moment zu Moment leben: Darum geht es bei unserem neuen Album.

Es ist der Versuch, diese schwierigen Zeiten irgendwie zu analysieren, kommt aber zu dem Schluss, dass das, was da passiert, in vielerlei Hinsicht außerhalb unseres Einflusses liegt. Du kannst nur die Hand ausstrecken nach dem Moment – das ist alles, was du tun kannst!

Carina Prange

CD: Cowboy Junkies - "One Soul Now"
(Cooking Vinyl COOKCD296)

Cowboy Junkies im Internet: www.cowboyjunkies.com

Cooking Vinyl im Internet: www.cookingvinyl.com

Fotos: Susan King/Cooking Vinyl, mit freundlicher Genehmigung

© jazzdimensions2005
erschienen: 26.1.2005
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