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Werner Lämmerhirt -
"Ab und zu mal einen Haken schlagen"

Nie gehörte Werner Lämmerhirt zum elaborierten und elitären Kreis der intellektuellen deutschen Liedermacher-Avantgarde. Debatten über den politischen Umsturz und Aspekte philosophisch-gesellschaftlicher Zusammenhänge interessierten ihn wenig. Was für ihn zählte und zählt sind die kleinen, privaten Probleme und Zipperlein der Leute von nebenan, der Menschen wie du und ich. Lämmerhirt "hautnah", so kann man ihn denn auch live inmitten seiner Fans erleben.

Werner Lämmerhirt

Dass er, trotz seines bereits 35-jährigem Bühnenjubiläums, nicht leugnet, noch heute vor jedem Auftritt das gleiche Lampenfieber wie bei seinem ersten Konzert zu verspüren, macht den Altmeister der Gitarre gleich doppelt sympathisch. Fanden seine Anfänge noch unter amerikanisch geprägtem Vorzeichen und in englischer Sprache statt, so textet und singt Lämmerhirt seit inzwischen acht Jahren konsequent auf Deutsch. Was er als "ohnehin viel spannender" bezeichnet, verhalf dem Gitarrenidol auch in Bezug auf seine Texte zu einem unverkennbaren Stil und baute die letzte Hürde zwischen ihn und seinem Publikum ab: die Sprache des festen Kreises seiner Hörer sollte fortan auch die seiner Lieder sein.

Carina Prange sprach in Berlin mit Werner Lämmerhirt

Carina: Es ist nachzulesen, dass du Autodidakt an der Gitarre bist. Wie sah das aus, wie hast du das Gitarrespielen erlernt? Hast du irgendwann zusätzlich professionellen Unterricht genommen?

Werner: Erstmal, ich habe überhaupt keinen professionellen Unterricht genommen. Ich bin sehr früh, durch familiäre Umstände sozusagen, auf der Straße gelandet. Das war die Zeit der Hippies und ich habe mich da eingeklinkt – so waren es mehr oder weniger drei Jahre, die ich in Europa, in Dänemark, Frankreich, Holland und England unterwegs war. Ich habe eben dort "on the Road" angefangen, Musik zu machen. Und natürlich sehr viele Leute getroffen, die da aktiv waren – vor allen Dingen auch sehr viele Amerikaner. Die hatten ihren Stil schon ziemlich drauf, und ich habe das aufgesogen wie ein Schwamm.

Werner Lämmerhirt

Dadurch, dass ich einfach unglaublich viel Zeit zur Verfügung hatte... - ich brauchte mich um nichts anderes zu kümmern als um mich und meine Gitarre, weder um einen Job noch sonst was! Mir war's egal, Hauptsache ich habe irgendwie, auf heute umgerechnet, 2½ Euro gehabt: davon konnte ich mich ernähren und habe Zeit gehabt. Dementsprechend habe ich unglaublich viel spielen und zuschauen können. (lacht) Aber, ich habe einfach viel Glück gehabt, auf der Straße nicht abgerutscht zu sein. Es ist so eine meiner Entscheidungen, die ich auch wieder treffen würde. Aber wenn die Umstände anders wären, würde ich es nicht mehr machen.

In dieser Zeit habe ich einen Grundstock gelegt, nicht nur von meiner Menschenkenntnis, sondern von vielen Geschichten – und eben auch die gitarristischen Grundlagen. Ich habe auch immer versucht, von anderen Leuten ein paar Kleinigkeiten zu lernen, die ich dann in meinen eigenen Stil versucht habe zu integrieren. Das wird dann natürlich im Laufe der Jahre immer mehr – genau wie ein sich öffnender Fächer wird es immer mehr. Und so kann man dann zum Schluss aus vielen angesammelten Elementen immer wieder Neues rausgreifen, ohne gleich völlig neu anfangen zu müssen. Man kann einfach aus Bausteinchen wie für ein Mosaik immer wieder Farben nehmen und ein neues Bild entstehen lassen.

Carina: Dein Gitarrenstil, wie sieht der in jüngster Zeit aus – was hat sich, seit du Deutsch textest und singst, daran geändert?

Werner: Im großen und ganzen sind das alles neu entstandene Kompositionen. Zuerst war da die Entscheidung, es auf Deutsch zu versuchen - und das Texteschreiben machte mir plötzlich Spaß; ich habe gemerkt, dass da ein Potential in mir geschlummert hat. Und da habe ich mir gesagt, o.k., dann machst du es jetzt einfach mal! Durch die deutsche Sprache, deren andere Silbenbetonung, musste und konnte ich langsamer spielen.

Das war wie eine Tür, die sich öffnete; es ist ein, wie gesagt, völlig neuer Stil daraus entstanden, europäischer geprägt, mit vielen keltischen Elementen. Eine neue Handschrift, die auf offenen Stimmungen und lange ausklingenden Leersaiten basiert; sehr eigenständig, kein anderer spielt so: Es sind Betonungen vom Zupfen da, mit einer rhythmischen Struktur, wie sie selbst so hervorragende Gitarristen wie, sagen wir mal, Peter Finger, nicht nachvollziehen können. Obwohl der natürlich zehnmal schneller spielt.

Aber um auf den Punkt zu kommen: Unabhängig davon, ob es den Leuten erst mal hundertprozentig gefällt oder nicht, es ist eine eigene Handschrift. Und dementsprechend bin ich eigentlich mit dem Ergebnis, das sich im Laufe der letzten acht Jahre entwickelt hat, immens zufrieden.

Werner Lämmerhirt

Carina: Wie kam der Titel deines letzten Albums, "Heimspiel", zustande?

Werner: Die Platte heißt "Heimspiel", weil sie das erste Mal in Berlin produziert ist, und sonst die Aufnahmeorte ja immer Braunschweig oder Nordheim waren. Das war also bei meinem Freund Tom Cunningham, der ein kleines, aber feines Studio hat. Das machte es einfach, die Leute, die mitspielen sollten, die vom Sound her interessant wären, anzurufen: Die sind dann per U-Bahn zu mir gekommen oder per Taxi oder Bus, halt innerhalb von Berlin. Dementsprechend hat man mal kurz was ausprobiert. Wenn's nicht geklappt hat, sind wir eben Essen gegangen. Und wenn's geklappt hat, sind ein paar Stücke oder Töne gesampelt und dann mitbenutzt worden. Auch deswegen heißt die Platte "Heimspiel": Weil einfach viele Leute "daheim" produziert haben.

Werner Lämmerhirt - "Heimspiel"

Auch das Cover: Ein Schulfreund von mir – wir waren fünfzehn, sechzehn – der hatte eine aufziehbare Kamera. Da gab es ja noch keine mit Batterien, die hatten alle noch ein Federwerk: Damit haben wir einen Krimi gedreht. Aus diesem Film stammen diese, etwas digital nachbearbeiteten Bilder – das sind diese Straßenszenen auf dem Cover. So schließt sich sozusagen der Kreis, weil das alles im Endeffekt mit Berlin zu tun hat.

Carina: Thematisch befasst du dich mit deinen Texte mit dem Alltag, den Problemen und Erlebnissen gewöhnlicher Leute. Was inspiriert dich zum Schreiben für deine Texte? Sind es tatsächlich Bilder, die du von irgendwo her mitnimmst?

Werner: Eigentlich ist das nicht bewusst so. Eher, dass ich mich beispielsweise über etwas ärgere, was ich im Fernsehen gesehen habe, oder so, und mich dann über Monate damit auseinandersetze. Nicht eigentlich mit der Absicht, ein Lied zu schreiben. Aber unmerklich fängt es an; man hat eine Zeile, um die sich was bildet, und dann entdeckt man, dass man nun doch schreibt.

Ich lasse es alles sehr emotional. Es ist nicht einmal eine Kopfarbeit, sondern einfach gefühlsmäßig: Plötzlich sind Sätze da, und dann merkst du, womit du dich die ganzen Monate eigentlich beschäftigt hast. Und dann sind es drei Strophen, und du bist dabei und schreibst noch sechs oder sieben. Na, und dann musst du wieder kürzen!

Werner Lämmerhirt

Carina: Die deutsche Liedermacherszene, wie sieht sie derzeit deiner Meinung nach aus? Ist das allgemeine Klagen der jungen Leute, die deutschsprachige Texte schreiben und kaum Auftrittsmöglichkeiten haben, deiner Meinung nach berechtigt?

Werner: Ob das Klagen berechtigt ist? Ja, ist es. Man sieht ja ganz deutlich wie es abläuft, dass keine einzige Plattenfirma sich Zeit lässt - keine von den großen auf alle Fälle; die sowieso nicht! – irgendjemand aufzubauen. Sondern die sind der Meinung, ach lass' mal den Dingsbums, oder wer immer dahinter steckt, die Superstar-Kiste durchziehen – dann schnappen wir uns die jungen Leute, lutschen sie drei oder vier Monate, vielleicht ein Jahr, aus – und dann ist da wieder eine neue Sendung und die nächsten "Superstars" stehen vor der Tür.


Man kann diese ganze Industrie umgehen,
kann auch von hinten durch die Tür kommen!

Das ist dieser Musikkapitalismus. Und der bewirkt momentan, dass auch Leute, die wirklich von der Pike auf richtig lernen wollen, und es auch tun, dennoch mehr oder weniger am Verzweifeln sind, wenn es darum geht, Auftrittsmöglichkeiten zu finden. Deswegen versuche ich ja über meine Agentur, über den Uwe Kossmann, wenn ich auf Tournee bin, ab und zu die Veranstalter ein bisschen in der Richtung anzuheizen: "Mensch, wenn ihr jemand habt in eurer Stadt, der in der Richtung was macht – ich hab nichts dagegen, dass der zwanzig Minuten vor mir spielt, damit er `n bisschen Podium hat!"

Meine Konzerte sind ja Gott sei Dank nicht wenig besucht, zwar nicht alle ausverkauft, aber schon ziemlich voll. Und ich mache das auch einfach, um anderen ein wenig zu helfen. Außerdem lerne ich die Leute so kennen; man verliert ja den Kontakt, weil sich die Meisten nicht trauen, einen anzusprechen. Was ich zwar als Blödsinn empfinde, aber so ist es einfach!

Und ich sage allen auch immer, dass einiges ja heute kein Problem ist. Dass du keine große Firma hinter dir haben musst. Jeder besitzt heute einen Computer, kann digital aufnehmen, direkt zu Hause. Man macht dann einfach eine Produktion in Hunderter-Auflage und versucht, die zu verteilen: Vielleicht hört sie jemand, vielleicht spielt sie auch jemand. Man kann diese ganze Industrie umgehen, kann auch von hinten durch die Tür kommen. Das ist überhaupt nicht das Problem; bloß der lange Atem den man dazu braucht. Und man muss hungern lernen!

Werner Lämmerhirt

Carina: Du hast das "Fingerpicking" in Deutschland bekannt gemacht, wirst von vielen als Gitarrenguru angesehen. Wie gehst du damit um, wie fühlst du dich dann?

Werner: Wie fühl' ich mich...? Nun, erstmal ist es ja ein Kompliment. Und Komplimente, wenn sie ernst gemeint sind und ehrlich sind, da ist überhaupt nichts gegen zu sagen. Natürlich fühle ich mich geschmeichelt durch diese Beurteilung. Aber auf der anderen Seite würd' ich mich nie auf Lorbeeren ausruhen; im Gegenteil, es ist für mich nur ein Ansporn.

Wenn man denn schon für irgendwelche Leute in irgendeiner Form ein, in Anführungsstrichen, "Idol" ist, dann will man sie ja erst recht nicht enttäuschen! Das ist für mich im Endeffekt die ganzen Jahre über der Motor dafür, weiterhin meinen Stil zu verfeinern, zu entwickeln. Und ab und zu mal wieder einen Haken zu schlagen: wie mit dem deutschen Texten. Oder mit irgendwelchen Sachen, die vielleicht in Zukunft noch auf mich zukommen werden, von denen ich jetzt überhaupt noch keine Ahnung habe. Ich lasse mich vom "Idol" nicht einlullen – und, wie gesagt, ausruhen tue ich mich darauf schon gleich gar nicht!

Carina Prange

Aktuelle CD: Werner Lämmerhirt - "Heimspiel" (Toca-Records)

Werner Lämmerhirt im Internet: www.werner-laemmerhirt.de

Toca-Records im Internet: www.toca-records.de

Fotos: Manfred Pollert (Vielen Dank an Gitarre Tourneeplanung)

Anm.: Dieses Interview erschien in anderer Form bereits im Folker!-Magazin

© jazzdimensions2004
erschienen: 12.10.2004
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