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Regy Clasen - "Tiefe Wasser"

Nach ihrem ersten Album bei einem Major vor einigen Jahren wurde es sehr still um Regy Clasen. Sie tauchte ab, wurde nicht mehr für eine neue CD-Einspielung von der Plattenfirma unterstützt. Jetzt hat sie sich freigeschwommen, tourte auch unlängst als Backgroundsängerin in der Band von Stefan Gwildis durch die deutschen Lande und hat ganz frech ihre zweite Karriere in die eigenen Hände genommen.

Regy Clasen

Mit "Wie tief ist das Wasser" erschien nun ihr in Eigenregie aufgenommenes, ganz und gar selbstgemachtes Album: Regy Clasen setzt neue Maßstäbe für deutschsprachigen, R'n'B-gefärbten Liedermacher-Pop. Willkommen im neuen Leben!

Ein Interview von Carina Prange

Carina: Dein neues Album wird neben der im Studio aufgenommenen CD auch eine leere CD-R für die Aufnahme einer für Käufer zusätzlich downloadbaren Live-CD enthalten. Wie ist diese Idee entstanden und ist das als indirekte Antwort auf die Handhabungen der Majors zu verstehen, als Zugeständnis an die Liebhaber der selbstgebrannten Individualalben?

Regy: Die Idee stammt von meinem Manager. Ich fand sie großartig, erstens, weil ich oft zu hören bekomme, dass meine Songs live intimer sind und berührender, als man sie oftmals im Studio hinbekommt. Dem Käufer also als Bonus die Songs auch in Liveversion zu geben, finde ich stimmig und auch angemessen – CDs sind viel zu teuer für das, was man meist darauf geboten bekommt. Wenn man sich beklagt, dass die Menschen den Wert von Musik nicht mehr anerkennen, muss man ihnen erstmal wieder mehr bieten…

Carina: Deine CD ist auf dem Label "RinTinTin" von Michy Reincke erschienen. Wie kam es dazu?

Regy: Michy wurde mir vor ein paar Jahren vorgestellt von Christian Eckert, einem sehr umtriebigen Medien-Mann, mit dem wir beide gut befreundet sind. Wir haben seitdem einiges zusammen gemacht, gemeinsame Konzerte, ein superschönes Duett auf seinem Best-Of-Album "Album". Als mir klarwurde, dass ich keinen Plattenvertrag unterschreiben wollte für meine Platte, aber natürlich ein Label brauchte, auf dem sie erscheint, bot Michy mir unter Freunden an, sie auf "RinTinTin Musik" zu veröffentlichen.

Carina: "Five Live" und deine anschließende Solokarriere – beginnend mit deinem ersten Soloalbum "So Nah", aber auch deine Arbeit als Backgroundsängerin für die Cultured Pearls etc.: Wie siehst du dich selbst, wenn du dich in eine obligatorische Schublade einordnen lassen müsstest? Liegt dein Schwerpunkt im Bereich Songwriter-Pop, in der deutschsprachigen Musik im R'n'B-Umfeld, oder siehst du dich in einer eigenen Kategorie?

Regy: Ich liebe gute Songs. Geschichten, die erzählt werden, die so auf den Punkt sind, dass man sie auch alleine spielen kann und nichts vermisst. Ich sehe mich also in erster Linie als Songwriterin. Und meine Wurzeln in Sachen Gesang, sowie Feeling und Groove liegen in Soul und R&B.

So gibt es auf meinem zweiten Album zum einen Teil "Songwriter-Songs", die wir teilweise nur mit Flügel oder Gitarre aufgenommen haben, und andere, die beatlastiger, also R'n'B-iger sind. Dazwischen bewege ich mich und fühle mich sehr wohl. Ein richtig treffender Vergleich mit jemandem ist mir bisher noch nicht untergekommen – wenn ich auch den einen oder anderen, der mir zu Ohren kam, echt schmeichelhaft fand! Ich versuche, persönlich genug zu sein, um in einer eigenen Kategorie zu sein.

Regy Clasen - "Wie tief ist das Wasser"

Carina: Im Anschluß an "Five Live" hast du, bei deinen eigenen Projekten, ausschließlich deutsche Texte gesungen. Welche Möglichkeiten bot dir die deutsche Sprache, die in englischer Sprache nicht umsetzbar waren? Ist das Ausdrücken von Gefühlen in Deutsch und Englisch unterschiedlich?

Regy: Es war "Anna" vom Freundeskreis, das mir damals den Anstoß gab zum Deutsch-Texten – und ich hab schnell gemerkt, was für ein Unterschied es ist, in der Muttersprache zu schreiben. Wie wohl Du Dich auch fühlen und wie sicher Du Dich bewegen kannst in einer Fremdsprache, in der Muttersprache hast Du doch viel mehr Nuancen zur Verfügung, weißt genau, was besonders ist und was flach. Das sagt Dir Dein Bauch unmissverständlich. Und das ist das Schwierige und das Einfache daran.

Unterschiedlich in Englisch und Deutsch ist vor allem das Singen. Ich merke das gar nicht mehr so sehr, aber es gibt in Englisch rein klanglich eigentlich keine Sätze, die sich nicht singen lassen. In Deutsch kommt es mehr auf die Worte an, die man wählt, wenn man nicht hier und da sperrig klingen will. Aber auch diese "Sperrigkeit" mag ich eigentlich.

Carina: Du kommst aus einer musikalischen Familie – wie hast du deine Gesangsstimme ausgebildet? Bist du darin eher Autodidaktin? Hast du vielleicht zusätzlich auch noch verschiedene Instrumente gespielt?

Regy: Wir haben, seitdem ich zurückdenken kann, mit der Familie Musik gemacht und gesungen: So eine schräge Mischung aus eher klassischer Hausmusik und ziemlich wildem Musiktheater. Meinen ersten öffentlichen Auftritt hatte ich mit der Familien-Band – "BinnenAllstarFamily" hieß die –, da war ich zehn.

Klavier hab ich gelernt, dann Gitarre; zunächst autodidaktisch, später dann ein paar Jahre mit Unterricht. Gesang genauso. Und den Kontaktstudiengang "Popularmusik" hab ich gemacht. Vielleicht bin ich im Ansatz Autodidaktin, aber es kommt ein Punkt, wo ich Anregung und Unterstützung will und brauche, um weiterzukommen.

Carina: Einst hast du Herbert Grönemeyers Song "Männer" interpretiert und ihm einen völlig neuen Blickwinkel abgewonnen. Ist sowas wiederholbar? Gibt es noch andere Songs, die dir so wie dieser am Herzen liegen und aus denen du etwas machen möchtest?

Regy: Auf jeden Fall! Ich hatte eigentlich fest vor, wieder eine Coverversion auf dem Album zu haben. Nachdem ich intensiv gesucht hatte (diesmal vor allem auf älteren Udo Lindenberg-Platten und bei Rio Reiser und TonSteineScherben), ist mir dann ein Song zugeflogen, der über 30 Jahre alt ist, ein Chanson-artiges Duett. Wir haben ihn auch fast fertig produziert, aber festgestellt, dass er zu wenig zu meinen eigenen Songs passte. Also bewahre ich die Idee auf für eine besondere Gelegenheit, wo er hoffentlich passen wird.

Regy Clasen

Carina: Dein Weg, über den Major-Deal mit Columbia/Sony hin zu einer "Eigenproduktions-CD", war sicher auch steinig. Was hast du daraus für dich gelernt, inwieweit hat diese ganze Geschichte dein Selbstbewusstsein beeinflusst? Würdest du im Rückblick alles anders machen?

Regy: Ich hab wahnsinnig viel gelernt. Heute noch weniger als damals darf man den Fehler machen, einem Konzern, der letztlich auf Profitstreben ausgerichtet ist, auch nur einen kleinen Teil seiner künstlerischen Identität anzuvertrauen.

Letzlich sind auch die wenigen, die dort mit Herzblut arbeiten, Teil des Konzerns und unterliegen der Konzernphilosophie. Wenn Du Deinen Weg nicht wählst, wählt ihn jemand anders für Dich – und dann ist er steinig. Ich würde dennoch nichts anders machen. Ich wäre nicht da, wo ich jetzt bin, ohne diese Erfahrungen. Auch, wenn das abgeschmackt klingen mag.

Carina: Letztendlich lesen sich die "glücklichen Zufälle", die sich im Zuge der Aufnahmen für dein neues Album angehäuft haben, in ihrer Summe ein wenig wie ein Märchen. Hat das damit zu tun, dass du mit Optimismus und Tatendrang, vielleicht auch einer gewissen "jetzt-erst-recht"-Stimmung die anderen angesteckt hast?

Regy: Sieht so aus! Außerdem hab ich durch die vielen Jahre, die ich mich jetzt musikalisch herumtreibe, einfach auch viele Freunde, die – beispielsweise – wunderbare Musiker sind. Man vertraut sich; der eine tut dem anderen mal einen Gefallen, der andere revanchiert sich mal. Und gerade jetzt, wo die Zeiten für die meisten nicht so rosig sind, ist die Bereitschaft umso größer, sich gegenseitig zu helfen. Naja, und – ich bin vielleicht einfach ein Glückskind.

Carina: Wie ist überhaupt der Kontakt zu deinem Manager Hasko Witte entstanden? Auch ein Glücksfall?

Regy: Michy Reincke empfahl mir Hasko, falls ich mal einen guten Pressepromoter bräuchte. Wir haben uns kennengelernt und angefreundet, und ich war so beeindruckt von dem, was er auf die Beine stellt, seinem Tatendrang und seinem Einsatz, dass ich nach einiger Zeit fragte, ob er mich managen würde. Er geht mit mir volle Kraft voraus ins volle Risiko. Das ist großartig – und selten.

Regy Clasen

Carina: Die Geschichte mit den zu "Regy-Assistenten" ernannten Fans, die du als dein "Guerilla-Konzept" bezeichnest – wie läuft das denn nun genau, und geht der Plan auf?

Regy: Zunächst mal bekommen alle, die auf meiner Website mein Album vorbestellen, ein "Regy-Assistenten"-Shirt und die Zusage, die CD mit persönlicher Widmung eine Woche vor VÖ im Briefkasten zu haben. Die Aktion ist auf große Resonanz gestoßen und hat mir bei der Finanzierung des Albums echt geholfen. Die Idee ist aber auch, dass die "Regy-Assistenten" mir zum größeren Erfolg mitverhelfen durch persönliches Engagement im Kleinen wie im Großen. Es gibt da diverse Ideen, und ich spüre, dass viele ganz große Lust dazu haben.

Carina: "Wie tief ist das Wasser" ist der Titel deines neuen Albums: Bitte erkläre mal die Botschaft hinter diesem Song und seine Geschichte.

Regy: In "Fischer, Fischer", der Song, aus dem die Zeile stammt, geht es um Aufbruch in unbekannte Gefilde, dem Drang, ins Wasser zu springen, ohne zu wissen, ob Dein Atem reichen wird. Ich meine damit aber vor allem die Frage, wie tief traust Du Dich runter in Deine Seele, wieviel Seelen-Tiefe hast Du und zeigst Du. Mir stellt sich diese Frage andauernd in Anbetracht der Verflachung unserer Unterhaltungsindustrie – was kann ein Küblböck mir sagen oder eine Jeanette? Wie tief ist deren Wasser… "Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser" ist übrigens aus einem alten Kinderspiel entliehen.

Carina Prange

CD: Regy Clasen - "Wie tief ist das Wasser"
(RinTinTin Musik/ Indigo 4186-2)

Regy Clasen im Internet: www.regyclasen.de

Rin Tin Tin Musik im Internet: www.rintintinmusik.de

Fotos: Sebastian Schmidt

© jazzdimensions2004
erschienen: 28.4.2004
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