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Joyce - "Das weibliche Fenster"

Namhafte profilierte Akustikgitarristen gibt es in Brasilien viele - und sie haben eines gemeinsam: Allesamt sind sie Männer. Nun, nicht alle – denn Joyce Silveira Palhano de Jesus, kurz "Joyce" sprengte diesen, von ihren männlichen Kollegen dominierten, illustren Kreis. Bereits Ende der 60er Jahre (ihr erstes Album datiert von 1968), beschloss sie, ihre Texte und Songs selbst zu schreiben und wurde damit schließlich zur Vorreiterin einer Generationen von selbstbewussten brasilianischen Musikerinnen.

Joyce

Nachdem Joyce bereits mehrfach den Kontakt zur amerikanischen Jazzszene gesucht hatte, sieht sie einen wichtigen Motor der Gegenwart nun in der europäischen Jazzmusik. So kommt auf ihrem neuen Album die Verbindung von Bossa Nova, europäischem Jazz und den weniger geläufigen brasilianischen Rhythmen Xote und Guarania zustande. Der inhaltliche Schwerpunkt ihrer Texte liegt nicht mehr so sehr auf der "weiblichen Sicht", sondern vielmehr auf Humanismus und der Auseinandersetzung mit dem Hier und Jetzt.

Carina: "A Banda Maluca - Just a little bit crazy" – warum dieser Titel für das Album?

Joyce: (Lacht) Weißt du, eigentlich fing das alles als ein Joke an. Letztes Jahr haben wir in Japan gespielt. Und die Jungs sind ja auf der Bühne einfach großartig und von sich selbst begeistert – und möglicherweise ein bisschen verrückt, wie ich auch. Als ich sie zum ersten Mal so vorstellte, sind sie auf die Bezeichnung jedenfalls voll abgefahren: Sollen uns ruhig alle als eine etwas durchgeknallte Band sehen – uns macht das nichts aus! So ist das entstanden.

Carina: Dein Gitarrenspiel wurde von brasilianischer Musik, aber auch vom Jazz und anderen Genres beeinflusst. Würdest du denn deinen Gitarrenstil als typisch brasilianisch bezeichnen?

Joyce: Ja, auf jeden Fall! Die akustische Gitarre hat in Brasilien einen hohen Stellenwert. Immerhin haben wir einige der besten Gitarristen der Welt hervorgebracht. Innerhalb der brasilianischen Gitarrenmusik gibt es darüber hinaus ganz verschiedene Richtungen. Nimm beispielsweise Joao Gilberto und Baden-Powell – zwei total verschiedene Extreme, beide mit ganz eigenen Stil, der wiederum weltweit Nachahmer findet. Dafür sind wir bekannt und respektiert. Und da gibt es nicht nur diese beiden, sondern viele andere: Egberto Gismonti hat einen eigenen Stil entwickelt, oder auch Dori Caymmi. Wir sind ein Land das mit großartigen Akustikgitarristen gesegnet ist!

Joyce

Carina: Und wie würdest du nun deinen eigenen Stil beschreiben?

Joyce: Ich bin, würde ich sagen, mit all diesen Einflüssen groß geworden. Und zusätzlich versuche ich natürlich, etwas Eigenes zu entwickeln. Das geschieht aber sozusagen von selber – der Rhythmus ist dabei im Zentrum, aber die Harmonien natürlich auch. Meinen eigenen Stil in Worte zu fassen, ist sehr schwer für mich – im Grunde ist es einfach so: Die Gitarre ist mein bester Freund, und immer, wenn ich sie zur Hand nehme, entsteht etwas Neues.

Carina: Welche Gitarre – Marke und Firma – spielst du? Hast du verschiedene Gitarren, die du zu für unterschiedliche Songs oder Spieltechniken einsetzt?

Joyce: Ich habe verschiedene Gitarren. Wenn ich so darüber nachdenke, besitze ich tatsächlich eine ganze Menge Gitarren. Lass mich mit der ältesten beginnen, einer 1968er Di Giorgio – eine sehr berühmte brasilianische Marke. Die älteren von diesem Hersteller waren auf alle Fälle seine besten. Ich habe diese Gitarre gekauft, als ich zwanzig war, und ich spiele sie zuhause noch heute. Es ist ein großartiges Instrument.

Ich lasse jetzt mal alles beiseite und rede nur über meine akustischen Gitarren: Für Aufnahmen verwende ich meine Orozco. Die ist von Juan Orozco, ursprünglich ein Gitarrenbauer aus Uruguay. Er hatte sich aber in New York niedergelassen und in der West 56th Street ein Geschäft eröffnet. Und dort habe ich auch diese Gitarre gekauft, es ist eine 1977er Orozco, eine der wenigen, die er exklusiv selbst gebaut hat. Und ich nehme noch heute mit dieser Orozco auf, für die Studioarbeit möchte ich ohnehin nichts anderes verwenden als eine akustische Gitarre.

Joyce

Wenn ich auf Tour bin, benutze ich hingegen zwei sehr praktische Gitarren, die sich für die Reise eignen. Die eine stammt von Frameworks – dahinter stehen zwei deutsche Gitarrenbauer. Die benutze ich häufig – wirklich genial für die Bühne und zum Touren. Zusätzlich habe ich inzwischen ein vergleichbares Modell von Yamaha – in der gleichen Rahmenbauweise. Was die Soundqualität angeht, ist die deutsche Frame-Gitarre besser, weil bei ihr jede Saite mit einem eigenen Tonabnehmer abgenommen wird – das System heißt, glaube ich, AMC oder so ähnlich.

Wie auch immer, es funktioniert jedenfalls prima. Die japanische Gitarre hat dagegen den Vorteil, dass man da einen kleinen Kopfhörer einstöpseln kann – man kann so gut für sich üben. Ich besitze noch eine Reihe weiterer akustischer Gitarren. Live verwende ich die allerdings kaum noch – zu viel Feedback-Probleme. Mit den Framegitarren passieren diese Sachen nicht mehr.

Carina: Wer hat dich in jungen Jahren an das Gitarrespielen herangeführt – gibt es eine Story dahinter? Hattest du Unterricht im Gitarrespielen und Singen?

Joyce: Mein Bruder war Gitarrist. Das war in den 60ern, als der Bossa Nova in Brasilien gerade losging. Mein Bruder ist etwa 13 Jahre älter als ich, war also bereits ein junger Mann – und hatte eine Menge Freunde unter den Bossa-Nova-Musikern. Als ich etwa 10 Jahre alt war, schaute ich ihm immer beim Spielen zu. Später begann ich irgendwann damit, seine Gitarre zu nehmen und zu versuchen, das nachzuspielen, was ich gehört hatte. Das war ungefähr mit 14 Jahren, und so fing ich selber an zu spielen. Später nahm ich dann selbstverständlich Unterricht im klassischen Gitarrenspiel, was, um Musik zu studieren, sehr nützlich für mich war.

Joyce

Carina: Wie sieht es mit den Songtexten aus - wie wichtig sind sie im Vergleich zu den Kompositionen? Worüber schreibst du, was sind die Themen deiner Songs?

Joyce: Das ist tatsächlich der Vorteil der japanischen Version des Albums – da ist eine Übersetzung der Lyrics beigefügt. In der brasilianischen Musik spielen die Texte eine wichtige Rolle - wir haben bedeutende Poeten, die Songtexte in brasilianischer Sprache verfassen. Wie auch immer – in den ersten zwei Jahrzehnten meiner Karriere ging es primär um die weibliche Sicht der Dinge. Das war für die brasilianische Musik neu, es war einfach nie zuvor gemacht worden. So habe ich tatsächlich einen Pfad gebahnt, für weibliche Komponisten, die aus ihrer eigenen Sicht schreiben.

Das war ein zentrales Thema, mein Album "Feminina" aus dem Jahre 1980 handelt, wie der Name schon sagt, sehr viel davon. Heutzutage leben wir in einem Zeitalter des Umbruchs, wir gehen in ein neues Jahrtausend, in dem vieles geschieht. Es gibt eine Vielzahl von Themen, die angesprochen werden sollten. Wir leben in einer globalisierten Welt, die Umwelt, der Frieden, die zwischenmenschlichen Beziehungen sind auf so vielfältige Weise bedroht. Anstatt also lediglich über die eigene Sicht der Dinge zu schreiben, oder meinetwegen aus einem geschlechtsspezifischen Blickpunkt: männlich, weiblich oder so – es gibt eine Menge mehr!

Dass ich eine Frau bin, hat natürlich zur Folge, dass ich immer von meinem weiblichen Fenster aus schreibe. Meine Art der Auseinandersetzung ist eher weiblich-sanft – ich mag nun mal keine heftigen Diskussionen. Mein persönlicher Ausgangspunkt ist deshalb, die Menschen zunächst dahin zu bringen, sich gut zu fühlen. Beschäftigen muss man sich mit diesen Themen, aber das geht auch auf eine sehr feinsinnige oder leichte Art. Und mit Humor, wenn es angebracht ist.

Joyce - "Just A Little Bit Crazy"

Carina: Betrachtest du dich als eine Frau, die Mauern niedergerissen hat, um als Songwriterin dieselbe Anerkennung zu finden wie sie in Brasilien bisher nur männlichen Musikern zu Teil wurde?

Joyce: Das war nicht so von mir geplant, sondern kam von ganz alleine. Ich hatte einfach bei mir gedacht, warum es wohl so viele anerkannte männliche Texter gibt. Und so viele großartige Sängerinnen – und die singen dann immer das, was die Typen geschrieben haben! Ich jedenfalls wollte das singen, worauf ich Lust hatte. Und dann ... natürlich waren da zu Anfang viele Leute, die etwas dagegen hatten, und meinten, das dürfe nicht so sein. Aber wie auch immer, irgend jemand musste das ja mal machen. Und es kam eben so, dass ich diese Person war.

Carina Prange

Aktuelle CD: Joyce & Banda Maluca - "Just A Little Bit Crazy"
(Far Out, 2003)

Far Out im Internet: www.faroutrecordings.com/

Photos: Pressephotos

Vollständiges Interview in der Aktustikgitarre (Ausgabe: 6/2003)

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© jazzdimensions2004
erschienen: 1.3.2004
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