Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / andere genres / 2007

Hellmut Hattler
- "Papier ist geduldig, Musik auch!"

Das "deutsche Basswunder" – diese Bezeichnung hört Hellmut Hattler sicher nicht unbedingt so gerne. Wahr und unbestritten ist allerdings, dass kaum ein anderer deutscher Bassist einen solchen Bekanntheitsgrad hierzulande und über die Grenzen hinaus erreicht hat.

Hellmut Hattler

Hattler hat das E-Bass-Spiel mit Plektrum für sich perfektioniert und mit Kraan und Tab Two Schlagzeilen gemacht. Das – inzwischen einige Jahre existierendes – Projekt "Hattler" ist sein derzeitiges Experimentierfeld: mal Dance-Beats, mal viel Elektronik, Remixing, immer wieder schöne Gesangsstimmen und starke Texte – daraus besteht das Material. Nicht zuletzt groovende Basslicks á la Hattler, nunmehr gekrönt in Form des Albums "Bass Cuts" ...

Carina Prange sprach mit Hellmut Hattler in Berlin.

Carina: Auf deinem neuen Album "Bass Cuts" spielt der Bass wieder eine stärkere Rolle. Aber die Musik ist auch wieder sehr tanzbar. Wie wichtig ist dir "Tanzbarkeit" und Groove grundsätzlich bei deiner Musik? Und inwieweit spielt der Groove gerade für einen Bassisten eine große Rolle?

Hattler: Das ist ja eine leichte Frage: Er spielt natürlich eine elementare Rolle. Im Falle von "Bass Cuts" ist es eine doppelte Rolle, weil wir obendrauf die Melodien erzeugt haben, Harmonien gemacht haben, und sie "grundiert" haben; auch den Tiefbass. Für einen Bassisten, der grundiert, ist der Groove das Gerüst schlechthin. Es ist ja so, dass ich bei meiner Arbeitsweise irgendwelche "Laborratten", sag' ich mal nett zu meinen Jungs, hinzuziehe. Die mir Grooves basteln, denen ich aber auch freie Hand lasse.

Manchmal kriege ich bereits komplett gefertigte Groove-Arrangements – ich versuche dann, irgendetwas daraus zu bauen! Und natürlich halten diejenigen, die am besten, am abgedrehtesten grooven, auch am längsten frisch: um Ideen zu entwickeln und irgendetwas daraus zu machen. Wenn ich das dann geschafft habe, geht es normalerweise so weiter, dass ich ein Thema vorskizziere und es an einen Solisten gebe. Das habe ich in dem Falle nicht gemacht, sondern die ganzen Melodien selbst gespielt. Ich hatte vorher, bei "Mallberry Moon", schon festgestellt, dass meine Pilotspuren im Bass authentischer waren, als wenn ich sie hinterher von einem Trompeter draufspielen lasse. Und da muss ich auch nichts erklären!

Außerdem muss man ja auch ganz klar sehen: ich wohne weit ab von jeder Metropole und ich bin auch ganz glücklich, dass ich mir das leisten kann! Aber die Infrastruktur ist einfach verheerend. Auf die Kürze mal jemanden anzurufen und zu sagen: Ich hab hier mal ein paar tolle Titel, komm mal kurz vorbei ... Dann sagt der: Diesen Monat oder nächsten Monat? Das ist mir einfach zu lang!

Wenn ich dran bin an Dingen, dann muss es einfach schnell gehen, dann habe ich meistens auch schon eine Idee. Insbesondere, seit ich diesen wirklich super-merkwürdigen Fretless-Bass habe, der ein Eigenleben führt: Der mir Sounds bastelt wie er es will, nicht wie ich es will: da ist es auch schon Spannung genug, mit so einem Ding zusammenzuarbeiten, und das hat mir auch geholfen, diese Melodien so zu lassen. So wie auch Sitar und Fretless-Bass eine ganz eigene Athmosphäre schaffen... Und so entstand "Bass Cuts". Also: Groove ist voll wichtig!!

Hattler - "Bass Cuts"

Carina: Ein "melodischer Bass und emphatische jazzige Denkweise" werden dir u.a. nachgesagt. – Immerhin hat das Album 'Mallberry Moon' ja einen Jazzpreis gewonnen – wie eng siehst du dich dem Jazz verbunden?!

Hattler: Insofern, als ich durch den Jazz sehr stark geprägt worden bin, mich aber überhaupt nicht als Jazzer begreife. Ich habe das ja weder studiert, noch kann ich irgendwelche amtlichen Jazz-Scales spielen. Musik ist für mich einfach eine ganz stark individuelle Art sich auszudrücken – für mich jedenfalls. Ich möchte Stereotypen weitestgehend vermeiden, es sei denn, ich möchte sie zitieren oder irgendeine Gefühls-Analogie zu etwas bestehendem erzeugen, dann ja.

Die andere Affinität zum Jazz ist die, dass ich oft mit Musikern zusammengearbeitet habe, die wirklich im Jazzbereich firm und zu Hause sind. Da färbt das natürlich irgendwann ab. Ich würde eher sagen, meine Kompositionsweise ist der des Pop oder Rock verwandt. Ich versage mich oft jeglicher Arrangementarbeit, sondern mache es noch abgedrehter, indem ich einfach auf den Computer zurückgreife. Normalerweise sind es jedoch traditionelle Poparrangements, aus denen dann jazzige Geschichten werden, aber eher im Sinne von "atmosphärisch", denn von der Komposition her.

Carina: Über deine Technik, insbesondere das Plektrumspiel auf dem Bass, hast du sogar ein Buch geschrieben. Wie bist du aufs Plektrum verfallen – gibt es einen Zusammenhang dazu, dass die Gitarre ursprünglich die "erste Instrumentenwahl" war?

Hattler: Das ist relativ schwierig für mich, das nachzuvollziehen. Ursprünglich habe ich Geige gespielt, danach Gitarre und habe mit Plektrum gespielt, hatte dann aber, als ich zum Bass gewechselt habe, ihn mit den Händen oder Fingern gespielt, weil ich ja auch eine Zeit lang Kontrabass gepielt habe.

Und dann bin ich durch Zufall zum Plektrum gekommen, als ich mit dem Fender-Telecaster-Bass gespielt habe. Der hat ja nur einen einzigen Pick-up und der ist weit vorn am Hals. Und da ist ein riesiges Spielfeld dazwischen und ich hatte keine Möglichkeit, irgendwo die Daumen draufzulegen. Ich habe dann irgendwie angefangen mit dem Plektrum zu spielen, hatte wahnsinnig viel Platz und ich fand es auch auch vom Klang her ziemlich interessant, was da passierte.

Da gab es dann einfach so eine Übergangszeit, wo ich mit Plektum gespielt habe und irgendwann kam ich einfach rhythmisch damit besser klar. Die Hand läuft durch wie die Hi-Hat vom Schlagzeug und ich pack mir die Noten hin mit dem Beat nach oben oder unten, wie's halt passt. Es hat sich organisch ergeben. Ich hab das weder studiert noch hab ich's mir beibringen lassen.

Ich hab einfach mal geguckt, was mir gemäß ist, was mir liegt. Slappen hab' ich auch hin und wieder heimlich probiert, aber es liegt mir nicht. Es ist immer besser, wenn du irgendwo einsteigst, wo du schon Talent mitbringst. Du bist einfach immer ein Stück voraus. Und warum sollte ich alles können, ich bin kein Dienstleistungsmusiker!

Hellmut Hattler
(Foto: Eib Eibelshaeusser)

Carina: Deine Songtexte enthalten durchaus die ein oder andere Botschaft. Du hast mal gesagt, dass "Themen oft in einer Art Selbsttherapie entstehen". Welche Gedankenkonstrukte stehen hinter den Songs deines neuen Albums - "Voiceless" und "The Saying"? Und: hat die Selbsttherapie einen Erfolg oder fängst du bei jedem Album, jedem Song von neuem mit "therapieren" an?

Hattler: (lacht) So krank bin ich gar nicht! Nee, es hat durchaus heilende Wirkung, wenn man Dinge ausspricht. Ich glaube, jeder Psychotherapeut bringt dich dahin, die Dinge auszusprechen, die dir auf der Seele rumliegen und deine Entwicklung "verkleben". Bei mir ist es nicht dramatisch – aber es gibt einfach Zäsuren im Leben, wo es nicht so läuft oder wo man nachdenklich wird: Was bedeutet Freundschaft? Was bedeutet Liebe? Was bedeutet Verlässlichkeit und Vertrauensbruch? Dinge, die einfach jedem irgendwann passieren, die versuche ich für mich begreiflich zu machen und mache mir meine Gedanken darüber.

Ich glaube, Intuition – das Kreative –, ist doch viel effizienter als das rationale Denken. Und irgendwann fließt es dann in deine Texte ein. Es passiert meistens so, dass ich eigentlich den Song fertig habe und ein paar Eckdaten an Phrasierung, Worten und Klängen habe, daran, wie der Text gehen sollte, und das setzt das freie Assoziieren in Gang. Ich habe ein Wort, "Mallberry Moon" oder "Nero" und, was weiß ich, beim Möhrenpflanzen, fällt mir dann ein: Aha, da könnte vielleicht das oder das dazwischen sein.

Mir fallen dann Dinge zu oder ein, wo ich denke: Perfekt! Das schreibe ich jetzt mal hin und plötzlich merke ich, es geht in eine ganz bestimmte Richtung und stelle zudem fest, es beschreibt eine spezielle Thematik meines augenblicklichen Zustandes oder Probleme, die ich habe. Was auch immer. Das finde ich total interessant, dass ich hinterher so etwas wie eine Lösung auf dem Papier stehen habe, wie mit Zaubertinte geschrieben.

Bestimmte Dinge kann ich ablesen, die sehen so und so aus, und das oder das gefällt mir eigentlich nicht ... Ich versuche, das nicht eins zu eins darzustellen, sondern in Metaphern: So dass jemand, der eine ähnliche Erfahrung gemacht hat, was draus ziehen kann, und derjenige, der sie nicht gemacht hat, nicht mit meiner Sichtweise belästigt wird: Es ist einfach eine kleine Geschichte, die man sich anhören kann und die gut klingt. Das finde ich auch sehr wichtig bei meiner Musik, dass die Klänge der Worte auch in die Atmosphäre des Stückes passen.

Die Botschaft ist im Prinzip hinter einer Styroporwand, die musst du aber erstmal durchbrechen, wenn du sie haben willst. Aber sie lässt dich in Ruhe, wenn du einfach daran vorbeigehen willst. Das ist eigentlich eine elegante Art, Musik zu machen – einen doppelten Boden einzubauen. Wenn da noch was drin ist, was dir als Hörer wichtig ist, holst du es raus. Wenn nicht, brauchst du das nicht zu tun. Und so versuche ich zu arbeiten, damit die Texte nicht nur platt sind.

Obwohl, nichts gegen platte Texte: Ich kann auch ... Ich glaube, wenn ich deutsche Texte machen würde, dann würde ich es ganz hart machen: einfach so platt, dass ich unangreifbar bin. Im Englischen bin ich nicht so gut zu Hause wie im Deutschen, deshalb habe ich nicht so einen hohen Anspruch. Und ich weiß auch, dass die Amis oder Engländer ihre Texte nie so analytisch sezieren wie wir Deutsche es beim Hören machen. Deswegen ist mir die englische Sprache einfach lieber ...

Carina: Es gibt da gelegentlich einen krassen Gegensatz von einer nahezu naiven, zarten Gesangsstimme und gelegentlich harten Texten. Wie wichtig sind dir solche Gegensätze oder ganz allgemein Brüche innerhalb deines musikalischen Kosmos? Und: ist Musik für dich eine Sache des Gefühls oder des Verstandes?

Hattler: Die Unterschiedlichkeit zwischen Inhalt und Form, das ist für mich ein ganz reizvolles Thema. Wenn 'n kleiner süßer Engel "Scheiße!" sagt, hat das eine andere Wirkung als wenn es ein böser schwarzer Teufel sagt. Oder wenn das gleiche Stück von Frank Zappa oder Karl Moik gespielt wird: Da kann es die gleiche Nummer sein, aber was dahinter steht, ist einfach ein anderer Geist. Damit kokettiere ich manchmal ein bisschen, oder experimentiere. Aber es soll jetzt nicht so sehr wichtig werden. Wenn es zur Ideologie wird, man müsse so und so denken, es so und so darstellen, damit jeder weiß ... Das möchte ich einfach nicht machen. Derjenige, der damit nichts anfangen kann und auch der, der sagt: "Hui, hui, hui ... schwarzer Humor, was?" – oder sagt: "Nicht ganz meine Sichtweise." – geht beides in Ordnung!

Es ist auch bei mir so, dass ich nach zwei, drei Jahren den Humor bei meinen eigenen Texten nicht mehr verstehe. Wieso soll da jemand anders es können? Es soll einfach funktionieren. Das habe ich das erste Mal begriffen beim Kraan-Stück "Holiday am Marterhorn", die Superkitsch-Nummer, bei der ich mir die Schenkel blutig geschlagen habe vor Lachen, alles super witzig! Und nach einer Weile kann man nicht mehr darüber lachen: Du kannst nicht ständig über den gleichen Witz lachen. Ich fand das Thema aber trotzdem gut und hab's dann so gemacht, dass es immer funktioniert. Selbst wenn du noch so lustig drauf bist, dass es dich auch noch in deinem Herzen berührt.

Und das ist eigentlich die Kunst, dass auch die Schönheit der Kitsch-Postkarte funktionieren kann: Du kannst sie dir hinhängen. Ein Sonnenuntergang ist was Universelles – es kann als Kitsch gelten, kann aber auch deine tiefsten Gefühle nach außen kehren. Und das finde ich das Interessante auch am Musikmachen. Du hast das ganze Spektrum von "Kitsch und Abwinken" bis zum "ans Innerste gehen". Und dieses Spektrum ist perfekt, weil wenn man sich selber zugesteht, dass schöne Dinge schön sein dürfen, und anderen, dass sie sie superkitschig sein können ... das ist ja wunderbar!

Hellmut Hattler

Carina: Als Bassist und Bandleader/Projektleiter – hat man es schwerer als die Sänger und Gitarristen etc., als Chef einer Band akzeptiert zu werden? So nach dem Motto: Der ist doch sicher nur als Begleitmusiker mit von der Partie und spielt eine Nebenrolle?! Oder liegen solche Problemchen schon lange hinter dir?

Hattler: Die hatte ich noch nie. Zumal meine Person nicht über das Instrument Bass definiert wird. Ich bin der Hellmut, und ich spiel' den Bass zufällig. Ich glaube, dass ich als jemand, der weiß, was er will, nicht in Frage gestellt werde: Wenn du weißt, was du willst, dann bist du unangreifbar. Weil es dich einfach stärkt. Im Gegenteil, es kann andere Leute auch sehr ängstlich machen. Leute, die wissen, was sie wollen, sind ja auch suspekt. Denn was wissen die, was ich nicht weiß? Woher nehmen die ihre Sicherheit?

Ich weiß es selbst nicht. Ich schöpfe wirklich aus mir selber. Das ist ein Phänomen, das ich sonst von niemandem kenne. Was gibt es für einen Grund? Ich meine, wir leben am äußersten Rande eine Galaxie, weder die Sonne dreht sich um uns, noch sind wir irgendwie wichtig – wir wissen das. Warum soll man da überhaupt etwas machen, was von Wichtigkeit wäre?

Mir ist Musikmachen halt mit das Wichtigste, was es überhaupt gibt. Diese Selbstsicherheit entbehrt, wenn du so willst, jeglichen Sinns. Es gibt keinen Grund, weshalb ich wissen sollte, was ich tue. Und doch empfinde ich, meine Intuition ist unglaublich toll und ich kriege das jeden Tag mehr mit, dass eigentlich mehr da ist, als ich je mit wissenschaftlicher Erklärung rausfinden könnte, und deshalb ist meine Rolle, egal ob ich Bass spiele oder Triangel spiele ...: Selbst wenn einer versucht, einen Spruch abzulassen, das bringt mich nicht mal zum Lächeln.

Carina: "Hattler", sowohl das Projekt als auch deine musikalische Ausrichtung, weisen eine enorme Stilvielfalt auf. Bist du heutzutage immer noch so ein umtriebiger Musiker wie vor einigen Jahren? Und, in dem Zusammenhang: du greifst immer wieder mal auf die alte Kraan-Connection zurück, wenn es um Aufnahmen für neue Alben geht. Wieweit war und ist Kraan eine Verbindung fürs Leben?

Hattler: Viel wichtiger, als ich ursprünglich anzunehmen wagte. Ich habe immer wieder festgestellt, dass wenn Kraan eine scheinbare Zäsur oder das Ende ins Haus stand, dass ich mit den Musikern, die ich anschließend suchte und fand, nie diese Tiefe, diesen Modus gefunden habe, einfach loszulegen. Da kam immer: Ja in welchen Stil sollen wir denn das machen? Oder: Was möchtest du denn, das ich spiele? Spiel dich selber! Ja wie, ich kann doch nicht einfach ... blabla. Also da hab ich wieder festgestellt, dass es Leute gibt, die wirklich ganz authentisch sind. Die Kraan-Leute, die können gar nicht anders, die sind wie sie sind. Und das ist das, was mich wirklich fasziniert an Menschen überhaupt, dass sie, egal wie krank oder wie schräg sie sind, einfach eine persönliche Note haben, die sonst niemand hat. Und wenn die in die Musik einfließt, dann kommt Magie auf.

Gerade wenn mehrere Leute so sind. Das kann unglaublich in die Hose gehen, oder aber in ungeahnte Höhen. Einen Standard gibt es da so nicht. Und das kam immer wieder zum Vorschein. Das Inhaltliche, das ist das, was mir wichtig ist. Daran musste ich immer denken, wenn es mir zu flach wurde. An die tiefen Gewässer. Und das hatte immer mit den Kraan-Musikern zu tun. So kam ich mit denen immer wieder in Kontakt. Und es ist ja auch etwas sehr Versöhnliches, dass man rückblickend nicht sagen muss: "Ja ..., Jugendsünde. Punkt!"

Sondern es sind wirklich Sachen dabei gewesen, die würde man heute nicht besser machen. Unabhängig von Strömungen und Musikgeschmack. Von der Art, wie man miteinander umgeht, wie man das webt, was man gespielt hat, das ist sehr, sehr eigen ... artig! Und das lerne ich immer mehr zu schätzen. Mir ist Authentizität heute viel wichtiger, als sie es vor fünfzehn Jahren war.

Obwohl ich es gewusst habe, aber mit der Zeit wiederholen sich halt Dinge, dann kann man Dinge besser auswählen. Das ist einfach die Erfahrung: Die Erfahrungen mit Menschen, die sich selber spielen, sind mir die wichtigsten. Die wichtigsten Musiker auch. Das ist so selten. Es gibt so viele, die alles studiert haben und alles spielen können, sich untereinander die Bälle zuwerfen und mit Namen jonglieren, wo sie schon überall gespielt haben und was es da zu Essen gab, in welchem Studio, und mit welchem Flugzeug sie wohin geflogen sind und wie geil die Party dort war. Aber wenn sie wieder aus ihren Arbeitsverhältnissen raus sind, stehen sie wieder kleinlaut an einer Ecke und warten, bis sie jemand aufpickt.

Das ist ja nichts Böses, ich brauch ja selber solche Leute, mit denen ich spielen kann. Die alles können, die auch verstehen, was ich mache und den Anspruch nicht haben, nur sich selber zu spielen. Das würde ja gar nicht funktionieren. Das ist eine ganz wunderbar symbiotische Sache. Was tiefe Freundschaften betrifft, das sind dann aber schon diese individuellen Gleichklänge.

Hellmut Hattler

Carina: Musik und Politik, wie weit hängen sie zusammen, hat Musik grundsätzlich neben einem Unterhaltungseffekt die Aufgabe, Stellung zu beziehen? Kann Musik andersherum betrachtet, in irgendeiner Form eine Auswirkung auf Politik bzw. die Gesellschaft haben?

Hattler: Das denke ich eigentlich schon. Also die Musik vielleicht weniger, aber als Transportmittel für Texte auf jeden Fall. Es gibt nichts wichtigeres als Marschlieder oder Agitationslieder – sozialistische, ganz klar. Damit kann viel erreicht werden. Aber ich bin sehr argwöhnisch, was Lieder als Transportmittel angeht. Es ist sehr zum Missbrauch geeignet. Marschmusik wird benutzt, um arglose, dumme Soldaten in den Krieg zu führen, und zwar im Gleichschritt, damit nicht einer mal auf die Idee kommt, umzukehren oder auszuscheren.

Als Ritualtransportmittel ist das natürlich unabdingbar. Das geht von Kirche bis zu Stammesgesängen, von Techno bis zu Meditationslied. Musik umfasst alle Lebensbereiche und geht halt tiefer, als irgendwelche Worte, als Sätze, die abgesprochen werden. Da gibt es auch kein Vertun. Weil Sätze, die verhallen emotionslos irgendwo im Raum. Aber ein Ton, den du ganz tief in dir spürst, oder eine Harmonik, die irgendwas in dir freisetzt, das ist Teil deiner selbst. Wie eine Traumbasis. Was es dann letztlich politisch bewirkt, dass ist so ein Zwitterwesen.

Einerseits ist es ein Transportmittel für Parolen, für Programme, um Leute zu etwas zu bringen, was sie vielleicht gar nicht wollen. Das ist eigentlich Politik. Musik ist wie ein Medium, wie ein Blatt Papier. Du kannst ja auch auf ein Blatt Papier eine Parole schreiben, oder du kannst die Wahrheit, oder das Unendlichkeits-Zeichen malen. Das ist im Grunde egal. Papier ist geduldig. Musik ist auch geduldig.

Carina Prange

Aktuelle CD: Hattler - "Bass Cuts" (Bassball R./edel)

Hellmut Hattler im Internet: www.hellmut-hattler.de

Fotos: Andreas Weidner

© jazzdimensions2004
erschienen: 31.07.04
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: