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Supersilent - "Die Mutation der Stille"

Oft sind sie genau das Gegenteil – eben nicht "superleise", sondern sogar ziemlich laut. Und mit Jazz hat ihre Musik scheinbar auch auf dem zweiten Blick nicht sehr viel zu tun. Es sei denn, man bezieht das Feld der freien Improvisation auf elektronischer Ebene, geprägt durch Kabelwust, Soundeffekte und Tüfteleien - sprich: die Domäne der Live-Elektronik - mit ein in die große Wundertüte des Jazz.

Helge Sten

Die Band "Supersilent" – Mastermind und Produzent Helge Sten und seine drei langjährigen Mitstreiter Ståle Storløkken, Jarle Vespestad und Arve Henriksen – haben ein sehr eigenes Prinzip, musikalische Konzepte zu entwickeln: Nie proben, Treffen nur zu Konzerten und Recording-Sessions und nie über ihre Musik reden – weder vorher noch hinterher.Soeben erschienen ist nun auf Rune-Grammofon-Records im Vertrieb von ECM das sechste Album von 'Supersilent'. Das kokett karg mit "6" betitelte Werk ist eine Montage aus Ambient Music, technoiden Klängen, Drum´n´Bass und, wie sie es nennen, "Electronical Improvisation."

Mit Helge Sten sprach Carina Prange im Universal-Speicher in Berlin.

Carina: "Audio Virus" – was steht hinter dem Konzept? Warum diese spärliche Beschreibung von dem, was deinen musikalischen Anteil darstellt? Und wie würdest du deine Rolle beschreiben – derjenige, der das vierte Instrument spielt, der Produzent oder der Multiinstrumentalist?

Helge: "Audio Virus" ist eine Art von "Markenname", ein Etikett für meine Herangehensweise an Musik. Es basiert auf einer ziemlich sonderbaren Zusammenstellung von Geräten – ich habe allerhand elektronisches Zeug, manches davon selbst zusammengelötet, anderes ganz normales Equipment.

"Audio Virus" ist also an sich kein direktes Instrument, sondern eine Methode. Ich nehme dieses ganze Zeug, bringe es in eine bestimmte Umgebung und probiere aus, entwickle ein paar Skalen und einige neue Sounds. Dann versuche ich, mit dem wie von selbst entstehenden, "mutierenden" Ergebnis in eine neuartige musikalische Formensprache vorzudringen. So betrachtet ist der Name "Virus" wirklich eine hübsche Umschreibung – und obendrein auch leicht humoristisch...

Supersilent: Helge Sten

Carina: Supersilent "6" wird als eine Weiterentwicklung der Vorgängeralben bezeichnet, als ein Mix aus Hardcore und Ambient Music. Wenn es so läuft – wie ihr alle einvernehmlich behauptet –, daß es im Vorfeld keine Diskussion über die Musik und auch im Anschluß kein Gespräch gibt, wie ist dann eine Art "Gruppenentwicklung" möglich?

Helge: Das ist einfach darauf zurückzuführen, daß wir alle viele Jahre lang mit freier Improvisation gearbeitet haben. Die drei anderen Mitglieder von Supersilent haben jahrelang als Band unter dem Namen Veslefrekk gespielt, haben hart gearbeitet und dieses Gebiet ausgelotet, noch bevor ich anfing, mit ihnen zu spielen. Ungefähr zur selben Zeit habe ich mich eine Menge mit elektronischer Improvisation beschäftigt.

Diese kontinuierliche Arbeit, diese Erfahrung werden jeweils ganz individuell im Projekt 'Supersilent' eingebracht und schlagen sich dort nieder. Deshalb können wir uns heute wirklich einfach auf unsere Intuition verlassen. Und das funktioniert – wir brauchen nichts diskutieren. Ich sehe es sozusagen als Privileg an, in der Lage zu sein, so zu arbeiten.

Supersilent - "6"

Carina: Eure Musik wird oft als Jazz bezeichnet – wegen ihres improvisatorischen Charakters – wie würdest du selbst sie nennen? Mit anderen Worten: kannst du es akzeptieren, kategorisiert zu werden, weil die Leute eine Rubrik brauchen, in die sie die Musik einordnen können?

Helge: Meiner Meinung nach ist es irreführend, unsere Musik Jazz zu nennen. Auch wenn wir von einer Jazztradition her kommen und - als Einzelmusiker – auch mit Jazzern spielen. 'Supersilent', das ist doch eine ganz andere Sphäre. Und insbesondere mit diesem neuen Album – ich denke, das wäre sehr fragwürdig, es als Jazzplatte zu bezeichnen.


Meiner Meinung nach ist es irreführend,
unsere Musik Jazz zu nennen!

Das Album ist auch für Leute spannend, die sich eher mit Elektronischer Musik und Rock beschäftigen. Und zeitgenössische Klassik spielt da auch mit rein. Es ist eine Mischung aus all diesen Sachen. Auch Leute, die 'Godspeed You Black Emperor!' oder 'Sigur Rós' aus Island mögen, wären wahrscheinlich daran interessiert, diese Platte zu hören.

Carina: Versteht ihr euch als Band im herkömmlichen Sinne? Lebt eine Band nicht davon, zu proben, von dem Austausch über Konzepte und Herangehensweisen an die Improvisation und so weiter? Oder habt ihr sozusagen eine Neudefinition des Begriffes "Band" geschaffen?

Helge: Das letztere glaube ich eigentlich nicht. – Ich meine, klar verstehen wir uns als Band und 'Supersilent' hat für uns die höchste Priorität gegenüber allem, was wir sonst machen. Die Tatsache, daß wir auf diese Weise arbeiten, also nie proben, uns nie treffen, um über die Musik reden, die sehe ich – wie bereits gesagt – einfach als Reflexion unseres vorherigen Arbeitens. Wir können so arbeiten und es ist einfach großartig, das so machen zu können.

Aber es soll kein Dogma daraus werden. Da steht keine Philosophie dahinter, die besagt, daß wir es so und nicht anders machen müssen. Für uns hat es sich einfach als die geeignete Methode erwiesen, Musik zu machen und zu spielen.


  Supersilent: Ståle Storløkken (keyb) und Helge Sten (electr.)

Carina: Supersilent nimmt jede CD ohne Overdubs auf - aus einem Überfluß von Material sucht ihr alle letztendlich das aus, was auf die CD soll. Zu welchem Zeitpunkt findet das maßgebliche musikalische Statement statt - in der Live-Situation im Studio, oder später, während des Auswahl-Prozesses?

Helge: Wie du schon gesagt hast, wir nehmen wahre Unmengen von Material auf. Beispielsweise veranstalten wir eine Tonband-Orgie, die, sagen wir, eine halbe Stunde lang ist. Dann gehen wir ins Studio, hören uns die Aufnahme an und machen uns Notizen wie "dieser Teil ist gut, dieser Teil so la la." In der Weise fahren wir fort: Massen von Musik aufnehmen, Anmerkungen schreiben und so weiter. Wenn wir damit durch sind, beginne ich für gewöhnlich damit, das ganze Zeug zu mischen. Ich höre diesmal genauer hin und checke dabei die Notizen. Dann treffe ich wiederum eine Auswahl.

Normalerweise mische ich mehr Material ab, als auf ein Album paßt. Auf die Weise behalte ich die Möglichkeit, das Material noch anders zu kombinieren. Wenn ich alles komplettiert und die Reihenfolge festgelegt habe, schicke ich die CD dem Rest der Band zu und sie geben ihre Meinung dazu ab.

Carina: Du arbeitest als Produzent für viele bekannte Musikers, du hast das Remix-Album "Nordheim Transformed" mit Biosphere zusammen gemacht und warst Mitglied der Rockgruppe Motorpsycho. Was kommt als nächstes - nach sechs Platten mit Supersilent - wieder etwas gänzlich Neues?

Helge: Das kann ich noch gar nicht so genau sagen. Es gibt erstmal eine ganze Menge für mich als Produzent zu tun. Ståle Storløkken, der Keyboarder von 'Supersilent', beabsichtigt ein Soloalbum aufnehmen - mit improvisierter Musik an der Kirchenorgel und in diesen akustischen Sound hineingemischten Synthesizersequenzen.

Außerdem mache ich noch einige Aufnahmen mit Christian Wallumrød der auch bei ECM unter Vertrag ist. Und während des ganzen Frühjahres sind wir ja schließlich mit 'Supersilent' auf Tournee.

Supersilent - "5"

Carina: Eure Live-Auftritte werden mit Adjektiven wie "großartig, gefährlich und unvorhersagbar" beschrieben - bedeutet das, daß ihr neue Anforderungen an das Live-Spiel entwickelt habt? Kannst du dir vorstellen, daß andere Bands euch als Vorbild nehmen?

Helge: Ich denke nicht, daß wir die ersten sind, die so etwas machen. Aber weil es improvisiert ist, ist es naturgemäß unvorhersagbar und es können manchmal seltsame Dinge passieren. Das ist eine der genialen Sachen, die diese Band ausmacht. Sehr oft spielen wir auf der Bühne ein Stück, das sich sehr nett vorwärts entwickelt. Und dann macht einer von uns einfach einen Schnitt, bricht das Ganze abrupt ab – und du mußt darauf reagieren, du mußt da mithalten oder dagegen angehen...

So bleibt das ein ständiger Fluß. Meiner Meinung nach funktioniert das auch für andere Künstler, ich würde nie behaupten, daß unsere Band einen Exklusivitätsanspruch auf die Methode hat. Aber man muß auf alle Fälle in der Lage sein, intuitiv mit der Musik auf der Bühne zu arbeiten. Sonst funktioniert das nicht!


 Supersilent: Jarle Vespestad (dr) und Arve Henriksen (tp)

Carina: ECM mit seinem Fokus auf orchestralem Sound - empfindest du so etwas wie eine Loyalität gegenüber ihrer Ausrichtung musikalischer Ästhetik? Mit anderen Worten: Teil der ECM-Gemeinschaft zu sein, prägt das eure Musik?

Helge: Ich glaube nicht, daß ECM uns prägen. Ich würde im Gegenteil eher sagen, seit wir bei ECM sind, helfen wir, sie mitzuprägen. Das war, denke ich, aber auch die Philosophie von ECM, eigentlich von Anfang an – sich freier Musik zu nähern. Es ist nicht wirklich wichtig, daß es Jazz oder irgend etwas bestimmtes ist; sie sind einfach generell an freier Musik interessiert.

Ich bin tatsächlich sehr froh, bei ECM zu sein, auch wenn es nur natürlich wäre, wenn wir auf einem sehr kleinen Independent Label wären. Was wir in Wirklichkeit ja auch sind: denn Rune Grammofon ist das Label, wenn auch ECM den gesamten Vertrieb macht. Was die Musik betrifft, sind sie sehr, sehr ernsthaft dabei, sie packen "abwegige" Musik gewissermaßen in einen guten Kontext; was für uns sehr am Herzen liegt.

ECM ist in Skandinavien offensichtlich sehr wichtig – und insbesondere in Norwegen. Und worin sie ganz besonders gut sind, ist, junge Musiker und Komponisten aufzunehmen – da sind sie wirklich eines der ganz wenigen Labels, die dies tatsächlich wagen. – Es ist gut, daß es ECM gibt, und daß sie vor Ort sind – aber es ist auch gut, daß Musik mit Ecken und Kanten existiert, die ihr System ein bißchen infiltriert.

Carina Prange

CD: Supersilent - "6" (Rune Grammofon/ECM 2029)

Supersilent im Internet: www.supersilence.net (inoffizielle Website)

Rune Grammofon im Internet: www.runegrammofon.com

Fotos: Ellen Ane Eggen (mit freundl. Genehmigung von ECM Records)

Mehr bei Jazzdimensions:
Supersilent - "Die ureigene Sprache" - Interview (erschienen: 1. 11. 2007)

© jazzdimensions2003
erschienen: 5.6.2003
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