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Luka Bloom - "Keep it simple"

Einst ein überzeugter Fingerpicker, mußte Luka Bloom Anfang der 80er diesen Stil aufgeben und sich aufs Strumming verlegen – eine heftige Sehnenscheidenentzündung veränderte alles. Seitdem entwickelte Luka nicht nur eine andere Technik, sondern auch das Zentrum seiner Songs verlagerte sich stärker in Richtung tiefschürfender, aber allgemeinverständlicher Texte.

Mit "Amsterdam" legte Luka Bloom kürzlich das erste Live-Album seiner nunmehr bereits zwanzigjährigen Solokarriere vor – als Musiker unterwegs in anderen Formationen oder mit seinen Brüdern ist er allerdings bereits seit 1969. Obwohl er seit vielen Jahren in Sachen Umwelt und Politik engagiert ist, sieht er sich genausowenig als Protestsänger wie als Vertreter der Irischen Folktradition im klassischen Sinne. Eine stilistische Einordnung empfände er auch als einengend, meint er – viel lieber bezeichne er sich selbst nur als "ein Troubadour mit Gitarre"...

Luka Bloom

Carina: Amsterdam ist die erste Live-Aufnahme, die du jemals veröffentlicht hast. Warum hast du dich entschlossen, nach so vielen Studioalben doch eine Live-CD herauszubringen? Gab es eine spezielle, magische Atmosphäre an diesem Abend?

Luka: Nun, der letzte Teil deiner Frage beantwortet das auf gewisse Weise bereits. Ich hatte in der Tat eigentlich nie vorgehabt, eine Live-Platte zu veröffentlichen. Das hört sich im Nachhinein vielleicht ein bißchen borniert an, oder? Ich erkenne jetzt jedenfalls, daß ich damit falsch lag. Schon seit Jahren betteln alle: mach doch bitte mal eine Live-CD! Vielleicht ist das so, weil für die Meisten der Zugang zu meiner Musik eben über meine Liveauftritte geschieht – Leute kommen zu meinen Gigs und kaufen anschließend erst meine Platten. Es lag also eigentlich auf der Hand, davon mal einen Live-Mitschnitt zu veröffentlichen.

Aber, wenn es darum geht, das Offensichtliche zu erkennen, bin ich nie besonders schnell. Vielleicht bin ich irgendwie ein bißchen begriffsstutzig ... (kokettiert damit) Aber auf jeden Fall liegst du da richtig - in Amsterdam ist etwas Besonderes passiert. Ich habe zu der Zeit eine Menge Shows mitgeschnitten – hatte darüber nachgedacht, einige B-Seiten oder Bonustracks für ein Studioalbum daraus zu erhalten. Aber als ich dann das Material von dem Konzert in Amsterdam gehört habe, wurde mir klar, daß ein Live-Album dieses einen Abends etwas ganz Einzigartiges sein würde. Schon allein deswegen würde es sich von anderen abheben, weil die meisten Live-Alben heutzutage aus mehreren Konzerten zusammengeschnitten sind. Dies hier ist wie ein Schnappschuss, die Momentaufnahme eines Abends.

Carina: Was hat letztendlich heute mehr Bedeutung für dich – die Texte, die du als Songwriter schreibst oder sie auf der Gitarre auszudrücken?

Luka: Gute Frage. Ich für mich glaube, die Lyrics sind das Herz von allem. Ich schreibe nicht extrem viele Lieder – allein deswegen, weil, wenn ich nicht etwas wirklich wichtiges zu sagen habe, ich auch tatsächlich nicht daran interessiert bin, es zu äußern. Ich bin vielleicht nicht der überaus produktive Songwriter, aber alle Lieder, die ich singe, sind mir wichtig. Und sie sind mir nicht wichtig wegen der Akkorde oder dem Rhythmus. Nun, zugegeben, manchmal steh' ich auf den Rhythmus – aber worauf es mir wirklich ankommt, ist die Botschaft. Ich versuche etwas mitzuteilen. Ich versuche, mit den Leuten zu kommunizieren und ich möchte bei ihnen etwas bewirken. Weißt du, Nina Simone, die gerade vor kurzem gestorben ist – ihre Songs haben mich tatsächlich beeinflußt. Ihre Art, wie sie gesungen hat. Das hat mich wirklich bewegt und berührt. Und ich will versuchen, selbst ein bißchen was in der Richtung zu schaffen.

Luka Bloom

Carina: Du benutzt mehrere, auch verschiedene, Gitarren und nimmst manchmal drei oder vier mit auf die Bühne. Einfach als Ersatzgitarren?

Luka: Gitarren sind Persönlichkeiten! Und jede Gitarre, die ich jemals hatte, hat die Art und Weise verändert, wie ich singe, wie ich komponiere. Die Instrumente beeinflussen mich. Ich habe eine schwarze Gitarre und eine weiße Gitarre – beide aus der gleichen Produktionsserie. Sie stammen beide von der Firma Alvarez aus St. Louis und sehen – abgesehen von der Farbe – genau gleich aus. Aber sie haben dennoch total verschiedene, absolut gegensätzliche Persönlichkeiten. Die weiße nenne ich meine "Reggae-Song-Gitarre" – sie hat einen wunderschönen, dunklen Rhythmussound. Die schwarze dagegen klingt, warum auch immer, ungeheuer ausgewogen, eignet sich hervorragend für Balladen. Kürzlich habe ich übrigens angefangen, ein wenig auf einer klassischen spanischen Gitarre zu spielen. Auch das hat mich wieder verwandelt, das ist einfach großartig. Jede weitere Gitarre bedeutet eine neue Herausforderung und neue Probleme, die gelöst werden wollen.


Jede weitere Gitarre bedeutet eine neue Herausforderung
und neue Probleme, die gelöst werden wollen!

Carina: Du hast ein Lied gegen den Krieg im Irak geschrieben – ein persönliches, unpolitisches Lied, wie du das genannt hast. Die private, persönliche Meinung und Politik – wie weit kann man sie tatsächlich auseinanderhalten?

Luka: Im Gegensatz zu Woody Guthrie, der ja auch ein außergewöhnlicher Mann war, schreibe ich keine Songs über "Themen". Ich wache nicht morgens auf und sage: ich denke, ich schreibe jetzt mal einen Song über den Irak oder so. Das ist nicht meine Herangehensweise. Aber wenn etwas in der Welt vorgeht, was mich betrifft, dann kann ich manchmal nicht anders und muß einfach einen Song dazu schreiben, das passiert einfach! – Aber das ist dann ein persönlicher Song. Ich glaube nicht, eine Patentlösung zu haben, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Denn ich bin genauso Teil des Problems wie jeder andere auch, ich fahre ein Auto, ich verbrauche irakisches Öl, was auch immer. Somit bin ich einfach selbst Teil des Problems. Und von daher achte ich sehr darauf, nicht zu predigen. Es ist ungeheuer wichtig für mich, nicht zum Dogmatiker zu werden. Ich mag Dogmen nicht – ich fühle mich unwohl mit ihnen.

Und ich habe auch nicht das Gefühl, daß ich als Songschreiber dafür verantwortlich bin, die Welt zu retten. Ich habe genug damit zu tun, mich selbst zu retten. Das ist der Grund, warum dies ein sehr persönliches Lied ist – und der Grund, daß ich es so genannt habe: "I am not at war with anyone". Und es ist komisch, weil ich diesen Song ja nie wirklich veröffentlicht habe. Nur weil ich ihn auf meine Website stellte, haben ihn sich Leute in ganz Amerika heruntergeladen. Und die Menschen haben festgestellt, daß er genau beschreibt, was sie fühlen: Ich will keinen Krieg - die meisten Leute in Amerika wollen keinen Krieg. Aber andererseits wollen sie auch nicht von jedem x-beliebigen hören, wie böse Amerika doch sei ... Ich versuche stets, alles auf die persönliche Verantwortung zu reduzieren. Meine persönliche Verantwortung ist es, zu sagen, was ich empfinde. Aber das ist die einzige Verantwortung, die ich habe.

Luka Bloom

Carina: Wie würdest du selbst deine Musik definieren – ist es eine "Luka Bloom"-Mischung aus etwas Irischem Folk und vielem anderem?

Luka: Ich denke in diesem Sinne nicht viel über meine Musik nach, oder wie sie einzuordnen ist. Ich frage nicht, ob das jetzt schwarz, weiß, rot oder grün ist. Ob es Irisch ist oder Amerikanisch. Das ist nicht meine Art zu denken. Ich halte mich einfach für jemanden, der sich sehr, sehr glücklich schätzen kann, nicht arbeiten zu müssen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen (lacht).


Ob ich Folksänger, Rocksänger oder Post-Punk-Sänger
bin, interessiert mich gar nicht: Ich 'bin' einfach!

Und es ist schon klasse, sein Leben mit Singen zu verbringen. Aber man sollte so etwas bloß nicht anfangen zu analysieren, genau das versuche ich zu vermeiden. Denn je mehr ich über die Natur, das Funktionieren meiner Musik herauszufinden versuche, desto mehr entferne ich mich gleichzeitig von ihrem Zentrum, ihrer Seele. Und diese Seele ist das was zählt. Die bestimmt, was ich bei der Musik empfinde und was man aus meinem Gesang hört. Ich würde niemals wegen der Karriere versuchen, einer Schublade gerecht zu werden, in die ich vielleicht passe. Ich habe keinen blassen Schimmer, ob ich ein Folksänger, ein Rocksänger oder ein Post-Punk-Sänger bin. Interessiert mich auch gar nicht: Ich 'bin' einfach!

Carina: Deine Texte handeln vom täglichen Leben, von gewöhnlichen Menschen, die mehr oder weniger heldenhaft handeln. Du berührst selten direkt gerade aktuelle Themen. Was erregt deine Aufmerksamkeit, bringt dich dazu, darüber ein Lied zu schreiben?

Luka: Ich liebe die Alltagshelden, die 'unsung heroes' - mit anderen Worten, die gewöhnlichen Leute. Genau die Art von Leuten vielleicht, die mir zuhören und darüber nachdenken. Möglicherweise sogar sehr aufmerksam. In meinen Songs ist viel die Rede von Bäumen und Wasser und solchen Sachen – aber es steckt eine menschliche Geschichte in jedem Song. Es ist etwas über den Menschen an sich in jedem Lied. Etwas über Freundschaft, über einfache Werte, die mir etwas bedeuten.

Und ich liebe die Herausforderungen des Lebens, ich mag die Art und Weise wie sich verschiedene Leute ihr entgegenstellen. Und darüber schreibe ich. Das kann ein Song werden, wie jener über eine Gruppe von Teenagern in Lausanne, die zu Weihnachten aus Spaß von einer Autobahnbrücke sprangen – einige von ihnen waren tot. Schlimme Sache! Oder aber ein Song wie "Love is a place I dream of", zu dem mich eine außergewöhnliche Dublinerin namens Christine Nobel inspiriert hat. Sie hatte selbst eine entsetzlich schwere Kindheit und hat dann später ihr Leben der Arbeit mit heimatlosen Kindern in Vietnam gewidmet. Ein sehr einfaches Lied ist das, dieses "Love is a place I dream of". Aber es ist ein Song, der mir sehr viel bedeutet.

Luka Bloom

Carina: Das Songwriting besitzt in Irland eine lange Tradition. Siehst du selbst dich dieser Tradition irgendwie verbunden? Wie sieht es mit der jüngeren Generation aus?

Luka: Junge, Junge, zur Zeit ist in Irland in dieser Beziehung geradezu eine Revolution im Gange. In den 70ern hat jedermann Eagles-Covers gesungen, in den 80ern haben sich alle ein Delay-Pedal gekauft und versucht, die nächsten U2 zu werden. Und in den 90ern begann diese Periode – nennen wir sie mal die 'post-unplugged'-Generation – , wo eine Art von neuen Songschreibern zum Vorschein kam. Kleine Clubs, Sänger – Leute, die aussahen wie Eddie Vedder mit akustischer Gitarre.

Und einige von ihnen haben sich zu sehr talentierten, sehr begabten Musikern ausgewachsen. Großartig. Ich meine wirklich, wirklich großartig! Ich selbst sehe mich nicht so sehr als Teil davon, aber in den letzten 30 Jahren haben in Irland so viele Leute angefangen Songs zu schreiben, wie nie zuvor. Wir mögen also vielleicht nicht so viele Gehirnchirurgen oder Raketentechniker haben – aber im Singen, Songschreiben, Krach machen und damit Leute ärgern sind wir ziemlich gut ...

Carina Prange

CD: Luka Bloom - "Amsterdam" (Skip Records 9035-2)

Deutschsprachige Luka Bloom-Website -
"A Website dedicated to the Singer and Songwriter Luka Bloom":
  home.knuut.de/e_r_bergholz/index.html

Luka Bloom im Internet: www.lukabloom.com

Vollständiges Interview in der 'Akustik Gitarre' (Ausgabe: 5/03)

Photos: Frank Bongers

© jazzdimensions2003
erschienen: 30.10.2003
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