Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / andere genres / 2003

Jackie Leven - "The beautiful dark moods"

Poesie als solche scheint nahezu aus der Mode gekommen. Ein Songschreiber, der poetische Anwandlungen zeigt, und dessen Texte sich reimen - da keimt der Verdacht auf, hier lebe ein Mensch in der Vergangenheit. Doch ein genauerer Blick auf das Werk von Jackie Leven beweist das Gegenteil: Seine Songs, so gar nicht altbacken, leben im Jetzt, sind kritisch und zeitbezogen.

Jackie Leven Jackie Leven

Die enthaltenen, mal mehr, mal weniger verschlüsselten Botschaften entspringen seinen Beobachtungen von Menschen, rühren von eigener Lebenserfahrung her. Jackie Levens Texte drehen sich um die uns alle ständig beschäftigenden Themen: Liebe, Leid, Trauer, Schmerz und Glück. Dabei schöpft Leven überwiegend aus dunklen Quellen - es sind die "dark moods", die düsteren Stimmungen, die ihn faszinieren, und aus deren Verarbeitung er selbst eine positive, reinigende Kraft zieht.

Bei Cooking Vinyl ist jetzt Jackie Levens neueste CD erschienen - "Shining Brother, Shining Sister". Eigene Songtexte reflektieren sich in eingearbeiteten Zitaten von Pablo Neruda oder E.E.Cummings; Levens Freund David Thomas, Ex-Chef der Gruppe Pere Ubu tritt als Rezitator eines Rilke-Zitats in Erscheinung. Ergebnis ist ein tiefes, ausdrucksstarkes Album.

Carina Prange sprach in Berlin mit Jackie Leven.

Carina: Das Cover der aktuellen CD ist ungewöhnlich für dich: Weshalb dieses Cover-Foto, das eine Demonstration von Farbigen zeigt? Wo ist die Verbindung zu deiner Musik, deinen Texten?

Jackie: Das ist eine gute Frage - es hat mit einer Kindheitserinnerung von mir zu tun. Zu den ersten Dingen im Radio, an die ich mich erinnere gehört diese Meldung. Ich war noch ziemlich klein, mußt du wissen. Ein Nachrichtensprecher berichtete von einer Bürgerrechtsdemonstration in Birmingham, Alabama - ich malte mir in meiner Phantasie aus, wie das wohl gewesen sei.

Jackie Leven - "Shining Brother, Shining Sister"Jackie Leven - "Shining Brother, Shining Sister"

Viele Jahre später sah ich diese großartige Aufnahme von Charles Moore, die eben diese Demonstration zeigt. Schon lange hatte ich vor, es mal als Coverphoto für eine Platte zu verwenden, aber nie fühlte es sich "richtig" an. Bei der neuen Platte, vielleicht, weil ich entschied, sie "Shining Brother, Shining Sister" zu nennen, passte es plötzlich.

Übrigens gibt es eine interessante Geschichte am Rande, als ich bei der Agentur, die die Rechte besitzt wegen der Verwendung anfragte. Die Agentur heißt "Black Star", sitzt in Amerika und wurde von eben diesem Charles Moore gegründet. Heute wird sie von reichen, weißen Amerikanern geleitet. Ich sollte einer Mitarbeiterin erklären, welches Foto ich meine und sagte, es sei von Charles Moore, dem Agenturgründer - sie solle es doch einfach mal heraussuchen. Sie rief zurück und fragte, ob ich das Foto von dem Aufstand meinen würde.


Ich dachte bei mir, ist ja eigentlich interessant,
dass sie mit ihrer Sichtweise automatisch davon ausgeht,
die farbigen Demonstranten müssten im Unrecht sein!

Ich entgegnete, dass es sich nicht um einen Aufstand handeln würde, sondern um eine friedliche Demonstration, bei der Leute mit Wasserwerfern attackiert würden. Da wurde sie sauer und fragte, wo denn da der Unterschied zwischen einer Demonstration und einem Aufstand wäre. Ich erklärte ihr, dass sie das Foto mal genauer anschauen solle - da sei eine ältere Frau mit einer blumengemusterten Handtasche zu sehen. Leute mit Handtaschen wie dieser machen keinen Aufstand!

Jackie Leven Jackie Leven

Ich dachte bei mir, ist ja eigentlich interessant, dass sie mit ihrer Sichtweise automatisch davon ausgeht, die farbigen Demonstranten müssten im Unrecht sein. Diese Meinungsverschiedenheit, diese leichte Spannung zwischen ihr und mir überzeugten mich mehr denn je, dass das Foto genau richtig ist.

Auf rein intellektueller Ebene gibt es allerdings trotzdem keinen echten Grund - weder für das Foto noch für den Albumtitel. Aber zusammen wirkt es vom Gefühl her stimmig.

Carina: Gedichte und Zitate verschiedener Autoren insprieren und komplementieren deine eigenen Texte - dieser Leitfaden durchzieht deine gesamte neue Platte. Siehst du dich selbst als "Jäger und Sammler" für die Poesie der Welt?

Jackie: Na, das ist ja mal eine nette Art, das auszudrücken! Seit ich dreizehn bin, habe ich Gedichte geliebt - auf meine persönliche Weise. Ich wuchs auf in einer kommunistisch geprägten schottischen Kleinstadt. Da gab es dieses große, einschüchternde Schulgebäude mit einer Sammlung von vielen, vielen Gedichtbänden und einem steinalten Biblothekar. Aus Gründen, die nur er kannte, zeigte er mir jungem Spund die ganzen großartigen russischen Dichter, führte mich an das Werk von Rilke heran und an die Amerikanischen Dichter.


Im Gegensatz zu Vielen, die Gedichte an der Schule
hassen lernten, ist die Größe der Dichtkunst der Welt
von klein auf Teil meiner Wahrnehmung!

Wir sprachen viel darüber, was alles an Gedichten gut und schlecht ist. Im Gegensatz zu vielen Leuten, die Gedichte an der Schule hassen lernten, ist die Größe der Dichtkunst der Welt von klein auf Teil meiner Wahrnehmung. Heute habe ich Bände um Bände mit Gedichten zu Hause, Millionen davon - es sind für mich sehr lebendige, gegenwärtige Stimmen mit denen die Welt zu mir spricht.

Carina: Du hast den "Core Trust" gegründet und setzt dich für die "Mytho-Poetic Men's Movement" deines Freundes Robert Bly ein - nimmt das nicht viel Zeit von der Musik weg? Oder gibt dir das - als Künstler - auch etwas wieder?

Jackie: Nun, so viel Kraft erfordert das gar nicht - es sind alles Dinge, die ich gerne mache, wo es Spaß bedeutet, dabei zu sein. Bei beiden Aktivitäten lerne ich viel Neues, und das macht es ganz leicht. Ich glaube, der größte Fehler, den man als Musiker machen kann, ist, sich nur mit Musik zu beschäftigen.

Gestern, als wir im Hotel beim Dinner saßen, war da auch eine junge britische Band aus Manchester - richtige Schnösel, die lärmten rum und meinten provozieren zu müssen. Das zog einen richtig runter, so schlimm war das. Ob die denn sonst nichts im Leben haben, dachte ich - und dankte Gott, dass ich mir immer mein Interesse an Dingen bewahrt habe. Darum geht es nämlich, das ist es, was die Welt von einem fordert. Nicht morgens aufwachen und denken, Musik, Musik, Musik - das ist doch armselig!

Jackie LevenJackie Leven

Carina: Dein eigener Whisky - "Leven's Lament" - ist das Legende oder stimmt das wirklich?

Jackie: Nein, nein - das ist wirklich wahr! Ein wirklich guter Whisky. Eine Spezialabfüllung, und wir verkaufen ihn zum Teil bis nach Japan. Was Größeres soll daraus aber nicht werden. Eigentlich kam ich zum Thema nur, weil es in Schottland ein so zentrales Ding ist - nennen wir es mal Kulturgut. Diese Trinkrituale, dieses fürchterlich verbiesterte, nie wirklich Erwachsenwerden der Jungen. Und Whisky als Teil des Problems - das interessiert mich.

Nicht ohne Grund bezeichne ich ihn als mein "Lamento" - schon in sich eine Kernaussage, und auf dem Etikett steht "Der Geist der Einsamkeit der Glens". Ich bin überzeugt, dass die Schottischen Städter wirklich diese Weite vermissen, die ihre Vorfahren kannten. In gewisser Weise ist es also Konzeptkunst - aber trotzdem guter Whisky.

Carina: Wenn Kritiker für dich eine Schublade finden wollen, reden sie gerne von "Celtic Soul". Akzeptierst du Kategorien wie diese? Fühlst du dich beispielsweise verwandt mit Van Morrison?

Jackie: Plattenfirmen und natürlich auch die Läden brauchen solche Zuordnungen, sonst wissen sie nicht, wie sie dich verkaufen sollen. Das ist mit den Jahren sogar noch schlimmer geworden. Mit dem "Celtic Soul" muss ich also wohl leben, obwohl ich nicht damit angefangen habe - und auf meine früheren Platten passt es überhaupt nicht.

Van Morrison hat ungeheure Energie und einen unglaublichen Bilderreichtum. Manchmal mache ich mir aber Gedanken, ob die Morrison-Hasser unter den Hörern dadurch von meinen Platten abgehalten werden. Das ist schon ein ziemliches Durcheinander (lacht).

Jackie LevenJackie Leven

Carina: Im Booklet deines Albums "Forbidden Songs Of The Dying West" schreibst du, dass du sich aufdrängende Bilder nicht zu analysieren versuchst, dass wir im Westen geradezu besessen seien, alles zu interpretieren. Es gäbe nichts wichtigeres für eine Kultur, als Geheimnisse zu bewahren. Siehst du das immer noch so? Wo liegt die Verbindung zwischen Kultur und Mysterium?

Jackie: Meine Einstellung dazu ist unverändert - was das "Geheimnis an sich" angeht, könnte man auch sagen, dass es genauso wichtig ist, Dinge zu verschleiern, wie sie zu enthüllen. Die westliche Anschauung geht davon aus, dass alle Probleme sich bei ausreichender Analyse in Nichts auflösen. Ich halte das einfach für falsch; manche Dinge werden immer geheimnisvoll und jenseits unseres Horizontes bleiben. Auch die Wissenschaftler bezeichnen manches als "kosmisches Geheimnis" wenn du sie danach fragst - es sei eben unerklärlich, ein Mysterium...


Die westliche Anschauung geht davon aus, dass Probleme
sich bei ausreichender Analyse in Nichts auflösen.
Ich halte das einfach für falsch!

Genau wie es immer Teilaspekte von uns selbst gibt, die wir nicht wahrnehmen. Vielleicht ist das, was passiert, wenn man sich verliebt, ein Wiedererkennen jener Dinge, für die man eigentlich blind ist, in der anderen Person. Diese Blindheit gibt es immer und überall. Beispielsweise ist es verblüffend, unseren Regierungschef Tony Blair zu beobachten - der Mann ist ganz klar blind für bestimmte Dinge.

Das ganze Land sagt, dass es den verdammten Krieg mit dem Irak nicht will. Diese Leute sind "shining brothers und sisters", wenn du so willst, die sagen, dass das falsch sei - und Tony Blair sieht es nicht. Er sieht es wirklich nicht, kein Zweifel. Für ihn ist das ein Geheimnis und wird es immer bleiben - zumindest seh' ich das so...

Jackie Leven im Internet: jackieleven.com

Cooking Vinyl im Internet: www.cookingvinyl.com

Dieses Interview erschienen in erweiterter Form im Folker! 2/2003

Fotos: Dank an www.cookingvinyl.com

© jazzdimensions2003
erschienen: 6.5.2003
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: