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Bruce Cockburn -
"Warum Gier unser Handeln bestimmt"

Bruce Cockburn ist seit Jahrzehnten darüber nicht müde geworden, gegen Ungerechtigkeit anzusingen. Nicht müde auch darin, hierfür seine Sicht der Dinge seinem Publikum mitzuteilen – und damit den Hörern auch oft eine ganze Menge zuzumuten. Sein Engagement gegen das in vielen Länden immanente Landminenproblem soll hier nur als ein Beispiel dafür dienen, dass die Bezeichnung "Aktivist" für ihn durchaus angemessen ist, auch in seiner politischen Bedeutung.

Bruce Cockburn

Mit seinem neuen Album "You've Never Seen Everything" fordert Cockburn sich und sein Publikum erneut heraus. Seine Musikrichtungen hat er stets wie Hemden gewechselt, trotz alledem gibt es einen gewissen, unverkennbaren Cockburn-Sound – für die neue Platte hat er sich diesmal u.a. Jazzer mit ins Studio geholt. Soziale und politische Themen und die für ihn sprichwörtliche Verwendung emotional beunruhigender Bilder spielen nach wie vor die inhaltliche Hauptrolle.

Carina: "You've Never Seen Everything" ist der Titelsong deiner neuen CD – es ist ein sehr bitteres Lied. Was war deine Intention für diesen Song? Den Menschen zwei Seiten einer Medaille zu zeigen? Wie waren die Umstände als du diesen Song geschrieben hast?

Bruce: Meine spezielle Absicht, als ich diesen Song schrieb, bestand darin, möglichst viele dunkle und düstere Gefühle und Themen anzuhäufen. Es sollte ein sehr dunkles Lied sein, sollte so viele schlimme Sachen wie möglich beschreiben. Alles, was mir in der Richtung einfiel oder begegnet ist, und mehr – so wie es gerade noch in ein einziges Lied reinpasste. Und ich wollte den Kontrast darstellen, diese Möglichkeit von Licht, die doch überall dem Dunkel gegenüber steht.

Ich habe also Bilder und Szenen aus dem Leben gesammelt – solche, wo jeder, der etwas in der Art durchlebt hat, sich sagen muss: "Now I have seen everything – nichts kann mich mehr erschüttern." Ich weiß nicht, ob es irgendeine, dem vollständig äquivalente Entsprechung im Deutschen gibt. Im Englischen ist es ein allgemein gebräuchlicher Ausdruck. Leute sagen es, die denken, dass es nicht noch schlimmer kommen kann als es ist. Aber es kann jedoch immer noch schlimmer kommen, unvorstellbar viel schlimmer.

Gleichzeitig besteht aus dieser Sicht die Gefahr, sich auf die negativen Dinge zu fixieren, die Schönheit und das Licht, die uns ebenfalls umgeben, zu übersehen. Manchmal liegt die Schönheit direkt neben dem wirklich Abscheulichen. Zu jeder Schattenseite gibt es eine Lichtseite.

Carina: Der folgende Song auf dem Album, "Don't Forget About Delight", wiederum erscheint Trost spendend, Hoffnung vermittelnd. Wie reagieren die Leute in den Konzerten auf den Gegensatz dieser beiden Songs? Was hat dich bewogen, dieses versöhnlichere Stück zu schreiben?

Bruce: Nun, bisher hat man sie im Konzert eigentlich so gut wie noch gar nicht gehört. Ich habe sie erst ein, zwei Mal live gespielt. Sie sind ja auch ziemlich neu. Während der letzten Tour gab es sie noch nicht. Allerdings haben wir, unmittelbar bevor ich nach Europa geflogen bin, beide Songs in zwei Shows gespielt und sie wurden gut aufgenommen: alle beide! Ich war ursprünglich ein wenig nervös wegen "You've Never Seen Everything". Ich dachte, ziemlich harter Stoff, das so dem Publikum vorzusetzen.

Aber die Leute mögen das. Der andere Song ist, wie du schon gesagt hast, ein eher hoffnungsvolles Lied. Wenn man will, ist es eine Art von Erwiderung auf "You've Never Seen Everything". Ich hatte, als ich ihn schrieb, an eine bestimmte Person gedacht. Jemand, den ich kenne, und der zwar keine Angst hat vor den dunklen Seiten des Lebens, aber genau deshalb jemand, der, wie ich fürchte, auch leicht in ihren Strudel gerät. Dieses Lied ist speziell an diese Person gerichtet. Aber es gilt natürlich für jedermann – und auch für mich selbst.

Bruce Cockburn

Carina: "Der Weg ist das Ziel!" Ist das ein Statement, das für dich passt?

Bruce: Ja, ich denke schon. An das wirkliche Ende dieses Wegs werde ich wohl nicht gelangen, jedenfalls nicht, solange ich lebe. Das ist zumindest meine Überzeugung. Aber es liegt eine große Befriedigung allein schon in dem Gefühl, dass die Reise "voran" geht, dass es eine Bewegung gibt. Wenn ich das Gefühl habe, irgendwo festzustecken und auf der Stelle zu treten, bin ich frustriert und mir geht´s nicht so besonders gut. Aber solange ich das Gefühl habe, dass die Dinge rollen, sich was rührt, bin ich glücklich. Ich vermute, die Antwort auf die Frage ist: Ja, der Weg ist das Ziel und gleichzeitig die Belohnung!

Carina: Die allgemeine Gier der Menschen - ist sie deiner Meinung nach auch ihr größtes Problem?

Bruce: Momentan könnte sie das in der Tat sein. So war es nicht immer, obwohl "die Gier an sich" natürlich seit Menschengedenken eine Rolle gespielt hat. Aber die Tatsache, dass wir sie heute mit einem Achselzucken akzeptieren, ist eine viel schlimmere Sache. Und dass wir uns einem, den ganzen Planeten beherrschenden Wirtschaftssystem gegenüber sehen, das auf dieser Gier basiert – eines, das nicht den Funken eines Gedanken an die Konsequenzen der getroffenen Wahl verschwendet. Das ist so ziemlich das Schlimmste, was ich momentan um uns herum wahrnehme. Sicher ein großes Problem, ob allerdings das Allerschlimmste, mit dem wir zu tun haben, da bin ich nicht sicher.

Aber hier liegt auf alle Fälle die Wurzel vieler Übel: Sieh dir die Bedrohung der Umwelt an, sieh dir das Leid an, das Leute sich gegenseitig zufügen. Meist geschieht es aus dem gleichen Grund – im Namen der Gier. In früheren Zeiten zählte "die Gier" zu den sieben Todsünden. Heutzutage denken wir ja schon über Sünde im Allgemeinen nicht mehr viel nach. Wir nehmen es nicht nur hin, dass die Gier geradezu in eine Tugend verkehrt wurde, wir sind sogar dahin gekommen, einen Lebensstil zu verfolgen, der auf dieser Gier unmittelbar basiert. Das ist destruktiv, sogar mehr als das. Und diese meine Meinung muss ich auf dem Album einfach zum Ausdruck bringen.

Carina: Nach dem "9-11" hat Amerika zwei Kriege angezettelt und ausgefochten. Wie würdest du die Situation in den USA und in Kanada augenblicklich beschreiben - was denken die Leute, woran glauben sie? Und was wird deiner Meinung nach die Zukunft bringen?

Bruce: (Lacht auf) Schwer zu sagen, was die Zukunft bringen wird. Meine Freunde in den USA und die Leute, mit denen ich gesprochen habe, sind frustriert und empört wegen George Bush. Sie sind frustriert von und empört durch ihn. Sie sympathisieren nicht mit seiner Sicht der Dinge. Unmittelbar nach dem 9-11 vielleicht schon ein wenig, ja, aber jetzt, nachdem sie Zeit hatten nachzudenken, herrscht dort zur Zeit – aus meiner Sicht jedenfalls – ein ganz anderes Empfinden. Es gibt eine ziemliche Anti-Bush-Stimmung in den USA. Ob es reicht, um ihn bei der nächsten Wahl rauszuwerfen? Ich bin nicht sicher. Ich bin etwas besorgt deswegen.

Aber es ist und bleibt eine seltsame Zeit. Auf der einen Seite jene Amerikaner – wie sie's natürlich zu allen Zeiten gab – die immer alles glauben, was man ihnen erzählt. Sie denken, Krieg führen sei eine großartige Sache und all das. Nun, selbst wenn es keine großartige Sache ist, sobald die Truppen unterwegs sind, werden sie die Truppen unterstützen, weil "es sind ja unsere Jungs" und dieses ganze Blabla. Derselbe immer wiederkehrende Bullshit, wie es ihn in der Nixon-Ära gab und zu anderen Zeiten. Andererseits - Hier ist es wieder! – ist aber augenblicklich eine große Protestwelle im Kommen, vergleichbar mit der Zeit des Vietnamkriegs. Das Spiel ist noch lange nicht vorbei. Es ist zunächst mal ein gutes Zeichen, bleibt aber abzuwarten, welche Richtung das alles nehmen wird.

Bruce Cockburn

Carina: Du bist um die ganze Welt gereist und hast überall wieder und wieder Tourneen gemacht. Ist die ganze Welt zu einer Art Inspirationsquelle für dich geworden?

Bruce: Ich betrachte im Grunde das ganze Leben als eine solche Quelle. Will sagen, es gibt einen so großen Teil der Welt, den ich noch nicht gesehen habe. So viele Facetten des Menschseins, die ich noch nicht kenne. Aber ich kann mich glücklich schätzen, immerhin an einigen interessanten Plätzen gewesen zu sein. Und machmal hatte ich das Glück und konnte einen Song darüber schreiben, was ich dort erlebt oder erfahren habe. "Postcards From Cambodia" ist einer dieser Songs.

Was die Inspirationen am Fließen hält, ist weniger die Frage, wo man ist. Es ist eher die grundsätzliche Tatsache, auf Reisen zu sein, die dir hilft, offen zu bleiben. Es zwingt dich dazu, immer neue Bilder aufzunehmen, bisher ungesehene Dinge einzuordnen. Das allein erfordert also bereits, dem Leben gegenüber offen zu sein. So betrachtet gehört es definitiv zu dem, was mich zum Schreiben anregt. Manchmal kann ein bestimmter Song nur an einem konkreten Ort entstehen – "Postcards From Cambodia" ist hier wieder ein Beispiel. Er ist mein Versuch, den Eindruck der kambodschanischen Landschaft nachzuzeichnen. Denn man kann bei der Beschreibung dieses Landes nicht einfach an der Oberfläche bleiben. Da ist das Leben. Da ist auch der allgegenwärtige Tod – das sind die Landminen.

Landminen sind ein wichtiges Detail dieses Landschaftsraumes. Im Boden von Kambodscha liegen sieben Millionen Minen und es leben 10 Millionen Menschen dort – beinahe eine Mine pro Einwohner also. Es ist das minenverseuchteste Gebiet in dem ich je war. Gleichzeitig auch ist es ein wunderschönes Fleckchen Erde. Und dieses Nebeneinander von Schönheit, ja Süße des Ortes und der unglaublichen Tragödie, die sich da abspielte, grenzt ans Surreale. Es ist schwer, die beiden Seiten zusammenzubringen. Aber sie sind eindeutig da und ich habe versucht, das in den Song einzubringen.

Carina: Humor und Ironie - hilft dir das dabei, nicht in Pessimismus zu verfallen?

Bruce: Oh ja, auf alle Fälle. Man darf das Lachen nicht verlernen. Das habe ich schon früh gelernt – bei aller Beschäftigung mit Themen und Fakten. Als ich in Zentralamerika war, in Nicaragua, wo die Menschen wirklich allen Grund zur Verzweiflung haben. Bei all der Gefahr, all der Not, haben sie doch niemals die Fähigkeit eingebüsst, zu lachen, zu tanzen und Freude zu empfinden. Das sagt etwas wirklich Bedeutsames aus über die Natur des Menschen. Mir hat das die Augen geöffnet, wie Leute, die mit derartigen Schwierigkeiten so unmittelbar konfrontiert sind, das noch tun können. Und ich käme mir persönlich wirklich dekadent vor, wäre ich dazu nicht mehr in der Lage. Das Lachen ist tatsächlich eine wichtige Waffe im Leben!

Carina Prange

Aktuelle CD: "You´ve never seen everything"
(Cooking Vinyl, Indigo 2003)

Bruce Cockburn im Internet: www.brucecockburn.com

Cooking Vinyl im Internet: www.cookingvinyl.com

Das vollständige Interview erschien im Folker (Ausgabe Sept./Okt. 03)

Photos: Mit freundlicher Genehmigung von Cooking Vinyl.

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© jazzdimensions2003
erschienen: 06.12.2003
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